L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Too big to sieve

Internetfirmen haben Richtlinien und können nach Gutdünken Inhalte bestimmen. Oder sollten sie nicht? Lee Greenwald stellt die Frage, ob Facebook, Google oder Twitter entscheiden sollten, was sich der Leser anschaut und was nicht. Vielleicht ist die Frage falsch gestellt, denn sie impliziert bereits die Antwort. Und noch viel mehr.

no tweet

Greenwald versteht Facebook & Co. als mediale Kanäle, wie eine Radiofrequenz oder die Blätter einer Zeitung. Auch wenn, wie Greenwald hervorhebt, sich die großen Plattformen gerne selbst als Medium inszenieren, bleibt das in meinen Augen ein Werbetrick. Die Grenzen zwischen Medium, Plattform und Inhalt bleiben weiterhin bestehen. Es gibt Plattformen, wo die Inhalte, die Greenwald fordert, veröffentlicht werden und sollen. Pluralismus heißt aber nicht, dass auf einer Plattform alles zu finden sein muss. Wenn Laden X die gesuchte Ware nicht anbietet, gehe ich bestenfalls zum Laden Y um sie mir zu besorgen. So funktioniert es auch im Internet, Facebook und Twitter haben, auch wenn sie riesige Plattformen sind, kein Monopol und wir sollten nicht so tun als ob es so wäre. Unsere Meinungsfreiheit hängt nicht von Twitter ab. Und die Meinungsbildung sollte es auch nicht.

Es ist ein interessantes Muster, dass eine gewisse Größe mit einer automatisch angenommenen Systemrelevanz einhergeht. Wer too big to fail ist, müsste nach dieser Ideologie alle Prinzipien über Bord werfen. Es sollte eher darum gehen, die Macht von Facebook zu hinterfragen anstatt sie zu untermauern. Da sind die fast 50% der jungen Amerikaner, die Facebook als primäre Informationsquelle nutzen Teil des Problems. Greenwald verschiebt es kurzerhand auf Facebook selbst. Bei aller Kritik an Facebook, wenn die User Facebook so viel Macht geben, ändert das Facebook selbst nicht. Es sei denn es findet eine hermeneutische Verschiebung statt, die Facebook als eine Art Internet innerhalb des Internets versteht. Facebook wird zum eigenen Mikrokosmos, der selbst in Blasen unterteilt ist. Jeder kann seine Nische finden und gegebenenfalls mit Gleichgesinnten verbinden. Das, was im „großen“ Internet Vernetzung genannt wird, findet mit einem solchen Verständnis bei Facebook seine Entsprechung. Der Unterschied liegt in der Architektur: Das Netz selbst ist dezentral und die Summe der einzelnen Server und Relationen untereinander. Facebook hingegen ist eine Firma, die einen Marktplatz zur Verfügung stellt. Wer dort auf welche Weise herumbrüllt oder sensibles Material forciert, ist dann nicht mehr Angelegenheit des einzelnen Servers, der innerhalb seiner Wände gewissermaßen schalldicht ist, sondern es wird Sache der Agoraverwalter. Das Netz hat keine Verwalter, weil es per Definition keine haben kann, auch wenn die eine oder andere Macht versucht zu ordnen. Die einzelnen Plattformen hingegen sind klar definiert.

Wenn jemand auf seiner Plattform keine Inhalte von z.B. altermedia haben möchte, so sollte das sein gutes Recht sein. Für die Inhalte gibt es ja bereits die jeweiligen Seiten selbst. Und selbst wenn Facebook z.B. konsequent wikileaks und die Snowdendokumente boykottieren würde, ist das nicht das Problem, solange sie sonstwo Platz finden. Das Problem sind die User, die sich exklusiv auf Facebook stützen. Man kann nicht deren Versagen als Medienversagen generell werten. Doch das Problem beginnt hier erst. Denn wenn Facebook nicht mehr durchgreifen darf, muss alles veröffentlich und stehen gelassen werden. Wegen der Welle an rechten Parolen und auch persönlichen Anfeindungen gegen Leute, die eine gar nicht mal so radikale Meinung vertreten, ist Facebook dazu übergegangen selbst die Inhalte zu überprüfen und gegebenenfalls zu löschen. Dann beschwert sich selbstverständlich wieder der Internetmob, dass er diskriminiert und zensiert werde. Ich denke aber kaum, dass wir diesen Leuten die Diskurshoheit überlassen sollen. Wer sich bei einigen bekannten Namen umschaut und z.B. die Antwort-Tweets oder den Kommentarbereich bei Facebook anschaut, kann nur den Kopf schütteln. Sich durch zwei Drittel Hatetweets lesen, demotiviert sowohl Contentcreator als auch Leser, die auf der Suche nach intelligenten Gedanken sind.

Facebook erleichtert die Blasenbildung ungemein. So paradox es klingen mag, durch das Nichtfiltern, wird Facebook als primäre Nachrichtenquelle, nicht zum offenen Medium, wo alle Meinungen im Dialog stehen. Das Gegenteil tritt ein, jeder sucht sich noch mehr seine Gruppe, aus der er seine Nachrichten bezieht. Es wird den einzelnen Akteuren einfacherer gemacht sich und die eigenen Meinungen zu bestätigen. Die Schwierigkeiten, wenn man sich nur auf abgeschotteten Netzwerken herumtreibt, sind bereits Teil eines Widerstandes, der ein Umdenken bewirken kann. Ohne Widerstand wird Scheuklappendenken gefördert und damit keine Diskussionskultur angeregt oder auch nur die Neugierde, ob die Gegenseite nicht vielleicht doch einen wichtigen Punkt anspricht.

So oder so wird ein anderer Trend sichtbar: Inhalte sind nur noch Hintergrundrauschen. Die eigentlich gefilterte Information findet in selbst deklarierten offenen digitalen Räumen statt, wo Islamismus, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und andere -ismen wunderbar gedeihen können, ohne dass Gegenstimmen gehört werden. All das impliziert Greenwalds Forderung den großen Plattformen zu untersagen zu filtern. Größere Plattformen wie Reddit oder 4chan haben gezeigt, wohin die Reise der größtmöglichen Offenheit führt: furchtbare Dinge, ideologischer als auch krimineller Art, lassen sich dort finden. Wenn ich Facebook wäre, würde ich nicht zu solch einem Sumpf werden wollen. Greenwald vermutlich auch nicht.

Konkret ist es natürlich eine Gradwanderung. Vor allem wenn staatlich-politische Vorgaben mitspielen. Was sind nützliche und wichtige Information und was nur Aufstacheln, Fakten oder Made-Ups, was Meinungsäußerung und was simples Hatergehabe – einfach alles gleich zu behandeln wäre kein Sieg der Meinungsfreiheit, sondern ein Freibrief an die Engstirnigen dieser Welt ihre Räume weiter überall auszuweiten. Aus liberaler Sicht bleibt die Feststellung, dass private Firmen eben private Richtlinien haben (was aber zu anderen Problemen führt). Aus gesellschaftlicher Sicht bleibt das Bestreben, gewissen Ideologien entgegen zu treten. Wer die Ausrichtung und die Mittel bestimmt? Der Inhaber der Plattform und deren Nutzer. Und das sowohl on- als auch offline.

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Januar 29, 2016 - Posted by | Offene Gesellschaft, Pluralismus | , , , , ,

1 Kommentar »

  1. Ich mache auf einen Blog aufmerksam, der ein besonders perfidies Verhalten von Facebook zeigt:

    https://estherstagebuchauszichronyaacov.wordpress.com/

    Kommentar von Alexander Scheiner, Israel | Januar 29, 2016


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