L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Narben auf der Seele

Marc Kohnen, seines Zeichen Spieler bei „Turm a Sprénger Matt Schëffléng„, hat die Tage seine Autobiographie veröffentlicht. Natürlich habe auch ich mir ein Exemplar (Preis: 22,50 Euro, die meisten geben aber freiwillig 25 Euro) gekauft und das Werk (ca. 176 Seiten in relativ kleiner Druckschrift) über ein paar Tage im Zug morgens zur Arbeit und abends wieder zurück gelesen. Ich muss sagen: es hat mir sehr gut gefallen. Ich werde erklären wieso, auch in der Hoffnung Marc mit dieser kostenlosen Werbung noch mehr zufriedene Leser zu bringen.

Zunächst einmal gefällt mir, dass das Buch in luxemburgischer Sprache verfasst worden ist. Das schränkt zwar den möglichen Leserkreis gewissenermassen ein, verleiht dem Werk aber umso mehr Authentizität. Der Erzählstil seinerseits sollte jedem bekannt vorkommen, der Marc persönlich kennt. Frei von der Leber weg, geradeheraus, grundehrlich und ggf. mit der nötigen Portion Humor gewürzt.

Marcs Leben war alles Andere als langweilig, er hat sehr vieles erlebt. Seine Kindheit war alles andere als unbeschwert. Zu seiner leiblichen alkoholkranken Mutter hatte er kaum Kontakt, er wuchs abwechselnd bei einer Stiefmutter (neue Freundin seines Vaters), Oma und Opa (Kneipenbesitzer in Beles) und später Onkel und Tante auf. Eine Zeitlang war er auch ein Heimkind und besuchte das von Nonnen betriebene Limpertsberger „Kannerland“. Hier erlebte er Erziehung zum „absoluten Gehorsam“, notfalls auch mit Schlägen, wie Nico Reisdorff sie in „Erziehung zum Wahnsinn“ bereits eindrücklich beschrieben hat. Die Misshandlungen sind nicht nur rein körperlicher Natur. Marc mag als Kind keine Forelle freitags essen. Daraufhin kriegt er nichts Anderes zu essen, sondern die liegengelassene Forelle immer wieder neu aufgewärmt, bis er, gequält vor Hunger, sie sonntags endlich isst. Danach wird ihm speiübel. Noch heute leidet er deswegen unter einer „Fischphobie“ und kann nicht nur keinen Fisch selber essen, sondern ihn auch nicht bei einem Tischpartner riechen. Die gute „schwarze Pädagogik“ von früher 😦

Gewalt gegen Kinder war damals leider gesellschaftlich toleriert. Auch beim oft betrunkenen Onkel Eugène wird Marc bis zum 18ten Lebensjahr regelmässig geschlagen. Nicht selten wegen reinen Nichtigkeiten oder gar vollkommen grundlos.

Vieles, was Marc über seine Kindheit schreibt, ließ mich aber auch schmunzeln. Auch meine Generation spielte noch vorwiegend draussen in der freien Natur und nicht auf der Wii, auch wenn wir bereits Game Boys und später Playstation hatten. Unsere Eltern kreisten nicht wie Helikopter andauernd über uns, wir waren noch „free range kids„. Gottseidank 😉

In der Schule lernt Marc relativ leicht und hat gute Zukunftsaussichten, wird jedoch leider mit 15 Jahren gezwungen das Lyzeum zu verlassen und als Laufbursche auf der ARBED sein erstes Geld zu verdienen. Der Onkel braucht Geld und kassiert bis auf ein kleines Taschengeld fast Marcs ganzes Gehalt ein. Als dieser volljährig wird, lässt er das betreffende Bankkonto auf seinen Namen umschreiben und wird deswegen vor die Tür gesetzt. Nach einer gewissen Zeit bei seinem verwitweten Opa findet er eine eigene Wohnung, wo er sich zusammen mit seiner Freundin Marie-Rose, Rosi genannt, einquartiert.

Als die beiden sich kennenlernen, ist Rosi noch eine in Luxemburg-Stadt tätige Sexarbeiterin mit lesbischer Zuhälterin. Die beiden verlieben sich ineinander, heiraten und bekommen vier Kinder zusammen (drei Söhne, eine Tochter.) Dies beweist Marcs sehr sympathische liberale Einstellung zur Sexualität und seine Unvoreinkommenheit gegenüber sogar heute noch stigmatisierten SexarbeiterInnen (wir haben hier auf LfL zu diesem Thema ja schon einiges geschrieben).

Von klein auf beweist Marc richtiges Unternehmertum: er bietet im Winter Schlittenfahrten zum Bahnhof an (wenn der Fussweg vereist ist). Später arbeitet er als Assistent bei einem Bäcker, beliefert die ARBED-Angestellten auf seinen Rundgängen mit Snacks, verkauft aus Deutschland billig importierte Schallplatten mit Aufpreis weiter und legt als DJ in einer Disco in Beles auf. Auch wenn er später im Leben keine eigene Firma gegründet hat, so ist er doch ein echter „self-made man“, der sich immer alles selber beigebracht hat. Nach diversen Funktionen bei der ARBED arbeitet er später recht erfolgreich in diversen Filialen der BGL.

Die Ehe mit Rosi endet irgendwann mit einer Scheidung. Schuld daran sind nicht mal Rosis Liebhaber, sondern die Zeugen Jehovas, denen sich Marcs Frau angeschlossen hat und die sie immer mehr in in ihren Bann ziehen und die beiden sich voneinander entfremden lassen. Zu dieser Zeit entdeckt Marc auch die Chatrooms im Internet und ICQ. Jahre später zieht „seine Kleinste“ nach einem Streit mit ihrer Mutter bei Marc ein und er wird zum „alleinerziehenden Vater“. Großvater ist er bereits dank zweier Söhne.

Sehr gut gefielen mir etliche lustige Anekdoten aus Marcs Schulzeit, den Ferienreisen nach Jugoslawien, Polen und Brasilien, Erlebnisse im Fussball- und Schachverein oder auf Auswärtsfahrten mit seinem geliebten FC Schalke 04, dem er seit Jahrzenten die Treue hält und zweimal zum Pokalfinale nach Berlin begleitet hat. Übrigens habe ich Marc vor Jahren nach einem Spiel des FC Schalke kennengelernt. Er war mit Freunden (darunter einem Arbeitskollegen von mir, kommentiert hier auf dem Blog sehr selten als cb04 😀 ) beim Spiel HSV-Schalke und ich wollte zwei Tage später einen Freund in Bremen besuchen. So entschied ich mich spontan dazu über Hamburg nach Bremen zu fahren, cb04 und seine Schalker Glaubensbrüder nach dem Fussballspiel in der Hansestadt abzufangen und sie auf eine Tour über die Reeperbahn mitzunehmen.
Dieser Abend wird doch tatsächlich auf der vorletzten Seite der Biographie kurz erwähnt. Später kandidierten Marc und ich gemeinsam bei Kommunalwahlen in der Gemeinde Sassenheim für die Demokratische Partei und ich trat dem Schifflinger Schachklub bei.

Heute ist Marc in Rente und geniesst sein Leben in vollen Zügen. Auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind, so verstehen wir beide uns doch sehr gut. In dem Sinne, liebe Leser, kauft alle Marcs Buch, auch wenn ich bereits einige schlimme Spoiler hier gebracht habe 😛 😀 😉

Narben

Bestellungen per E-Mail an: kohnenm@pt.lu.

Advertisements

Januar 30, 2016 - Posted by | Literatur | ,

7 Kommentare »

  1. Danke Christian für Dein positives Feedback !!!!! Glück auf 🙂 🙂

    Kommentar von Marc KOHNEN | Januar 30, 2016

  2. Kauf vun der Long op d’Zong. Mam Preis…kucken ech mol wad erous kennt😊

    Kommentar von Sabrina Scassellati | August 16, 2016

  3. Ich kenne in persönlich den er ist mein opa

    Kommentar von Jana Kohnen | Dezember 31, 2016

  4. 10 Jahre schon bin ich dein Opa ist das nicht toll ?

    Kommentar von Marc KOHNEN | Dezember 31, 2016

  5. ech liësen ganz vill, mee esou e bewégent Buch wéi Narben ob der Séil haat ech selten an der Hand, ech bedaueren, dass ech den Marc Kohnen nie kennen geléiert hun, daat muss e ganz besonneschen Mensch sin.

    Kommentar von Weber Albert | September 28, 2017

  6. Merci Här WEBER fir deen léiwen Kommentar Eist Land ass kleng an dat mam Kennenléieren kann een nach ömer nohuelen. Mellt Ierch einfach bei mir op Facebook oder e-mail konnenm@pt.lu oder tél.: 26591337

    Kommentar von Marc KOHNEN | September 29, 2017

  7. kohnenm@pt.lu

    Kommentar von Marc KOHNEN | September 29, 2017


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: