L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Es sind die kleinen Dinge…

…die akkumuliert die größte Wirkung zeigen können.

Als ich ins Gymnasium ging, war für die luxemburgische Sprache eine ganze Stunde eingeplant. Pro Woche. Für das Jahr der Septième. Alte und neuere Texte wurden gelesen und kurz besprochen. Noch kürzer der Überblick über Rechtschreibung. Das war’s. Und ich habe nicht das Gefühl viel verpasst zu haben.

Jahrzehnte war es der CSV egal, wie mit dem Luxemburgischen in der Schule gehandhabt wurde. Jetzt „entdecken“ sie plötzlich dass da mehr gemacht werden könnte. Ein derartiges Vorgehen nennt man Populismus. In einer ohnehin schon gereizten Stimmung, wird flipflopartig eine Klientel bedient, die dann naiv aufspringt und weiter vordergründig für „ihre“ Sache kämpft, ohne dass die CSV etwas dazu tun muss. Wer sich so vor den Karren spannen lässt muss aufpassen, dass er es nicht übertreibt. Oder mindestens aber, dass er nicht Teil von etwas wird, was Spielraum für extremere Spektren liefert.

Die Wortführer des aktuellen konservativen Mainstreams dürften nicht viel mehr Luxemburgisch gemacht haben als ich. Und dennoch wird man den Eindruck nicht los, dass über den Umweg der Sprache die größte Trennung zwischen dem „wir“ und dem „ihr“ gemacht werden soll. Konkret braucht man dazu nicht einmal weit suchen zu gehen, seit dem Erfolg der „Mir wëlle bleiwe, waat mir sinn“-Fraktion beim Referendum ist die offene Rede um das Anliegen der eigenen Sprache zu neuem Selbstbewusstsein gekommen. Und so finden sich in den sozialen Netzwerken und auch in den Kommentarspalten diverser Nachrichtenseiten immer offenere Anfeindungen gegenüber denjenigen, denen die luxemburgische Sprache nicht so am Herzen liegt. Da kommt es nicht selten zu verbalen Entgleisungen, die von vielen nicht mehr als solche erkannt und mehr noch applaudiert werden.

nee2015 (neuerdings auch wee2050) hat da eine zentrale Rolle eingenommen als Sammelstelle der Unzufriedenen im Land. In einem Post über „Nation Branding“ (das sie, als auch ihre Kommentarschreiber, völlig missverstanden haben), steht zu lesen: „Mir definéieren Eis duerch eis Sprooch a Kultur déi aus eisen Traditiounen, eiser Literatur eiser Musek, eiser Architektur an eiser Konscht am Allgemengen besteet.“ Was will uns ein solcher Satz sagen? Ist damit nicht doch schon eine Schwelle übertreten, wo Kritik, wenn auch polemische Kritik, zu einem romantisierten Idealbild hochstilisiert wurde? Etwas, das es gar nicht gibt und gar nicht geben kann? Unsere Sprache ist linguistisch gesehen moselfränkisch und somit ein deutscher Dialekt. Dass aus politischen Gründen das Luxemburgische als eigene Sprache gilt ist zu verstehen, aber sich zuviel drauf einbilden ist lächerlich. Unsere Literatur besteht aus einigen Volksdichtern, die zwar ihre Qualitäten haben, aber etwas inhärent Luxemburgisches kann ich darin nicht erkennen. Als Steckenpferd ok, aber auch da ist es unsinnig sich etwas Größeres zu imaginieren. Unsere Traditionen sind weitestgehend Erfindungen des 18ten und 19ten Jahrhunderts oder haben nichts mehr mit der Tradition am Hut außer eventuell noch dem Namen. Unsere Musik ist ebenfalls eher ein Abklatsch anderer Strömungen, aber da ist nichts Luxemburgisches drin. Unsere Architektur ist wohl die Internationalste überhaupt, hauptsächlich spanisch-französisch, weil das Territorium so häufig den Herrscher wechselte. Was also soll dieser Satz? Und wen spricht er an? Was auf mich lächerlich wirkt, wirkt vielleicht auf den nächsten erhaben. Dann allerdings wird Fehlinformation und das gute Gefühl dabei zu einer gefährlichen Waffe. Wer sich auf diese Weise groß macht, ist mit einem Fuß da, wo er vordergründig behauptet nicht hinzugehören.

Ich sagte vorhin, dass es die kleinen Dinge sind, die viel verraten. Und in der Tat ist momentan jede Kommentarspalte anstrengend zu lesen. Anstrengend weil Sachverhalte munter ineinander gewürfelt werden und nicht mehr mit den eigenen Ressentiments hinterm Berg gehalten wird. Diese Offenheit zeigt, dass sich etwas tut in der Gesellschaft, und das nicht zum Guten. nee2015 hat seinen Anteil daran, ein Grundsatzprogramm würde ihnen gut tun, Neutralität vorzugeben bedeutet die rechten Stimmen nicht nur zu dulden, sondern zu unterstützen, weil man eine Plattform bietet. Aber es ist ja nicht nur nee2015. Wenn Autoritäten auf den Zug aufspringen wird es erst recht bedenklich. So hat sich Gaston Vogel massiv im Ton vergriffen. Paul Kremer, einer der wenigen Intellektuellen Luxemburgs, gab seinen Namen für einen äußerst zweifelhaften Text gegen das Ausländerwahlrecht her.

Natürlich muss man Probleme ansprechen. Wer das aber tut indem er immer ein Auge auf sein kleinkariertes Anliegen hat (wie es das Thema das luxemburgischen Sprache nunmal ist) oder wer zu dramatischen Ausdrücken und pompösem Auftreten neigt, dem ist an einer anständigen Diskussion nicht mehr gelegen. Wer mit Begriffen wie „Gutmenschen“ arbeitet und behauptet andere Stimmen würden „ihr Land hassen“, hat kein Argument gemacht. Andere wiederkehrende Themen sind der Vorwurf der „Spaltung“ an denjenigen, der nicht mitsingt, Vorwurf der absichtlichen Verschlechterung der Zustände, das Stecken von ganzen Volksgruppen in stereotype Schubladen, ect. All das gehört zu einer Geisteshaltung, die irgendwo zwischen Angst und Verschwörungstheorie liegt.

Kein Wunder also, dass sich die regressiven Kräfte im Lande stark fühlen. Meiner Meinung nach steht Europa am Scheideweg. Entweder zurück dahin, was schonmal gescheitert ist, oder den offenen Umgang miteinander proben ohne die ganzen romantischen Bilder einer Festung, die man vor dem vermeintlich Bösen retten muss. Was sich in den Kommentarspalten ergießt sind keine schimmernden weißen Ritter von Wahrheit und Gerechtigkeit. Loin de là.

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August 7, 2015 - Posted by | Luxemburg, Neues aus Luxemburg, Offene Gesellschaft, Patriotismus | , , ,

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