L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Der Luzifer-Effekt

JayJay machte mich die Tage auf folgende, absolut sehenswerte Vorlesung von Professor Philip Zimbardo aufmerksam.

Der bekannte, amerikanische Psychologe, der für das Stanford-Prison-Experiment 1971 verantwortlich war, analysiert seit vielen Jahren wie Aggressionen und Gewalt situations- und systembedingt entstehen (können) und wieso vollkommen gewöhnliche Menschen furchtbar böse und schlimme Dinge tun (können), was bekanntlich vor allem in Extremsituationen wie Krieg passieren kann, aber durchaus nicht nur dort. Die „Banalität des Bösen“ (Hannah Arendt) ist nicht zuletzt auch eine Folge gruppendynamischer Prozesse, Machtgefälle, starrer, hierarchischer Befehlsstrukturen, ideologischer Indoktrination, Gehorsamkeitsdenken, eigenen inneren Ängsten, Anonymisierung des Einzelnen innerhalb des Systems, Entpersonalisierung des zur Nummer werdenden Opfers und dem Vertrauen auf Autoritäten.

Zimbardo versucht anhand konkreter Beispiele aus Experimenten und den schändlichen Akten amerikanischer Folterknechte im irakischen Abu Ghraib Gewaltverhalten näher zu erklären. Die Gewalt des Einzelnen also nicht nur als Verfehlung desselben allein, sondern auch als Produkt situationsbedingter Variablen und einer ganzen Maschinerie, der Gewalt des Systems.

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Da der Staat die einzige Instanz ist, die legal Zwang und Gewalt befehlen und anwenden darf und somit bereits per Definition eine solche Maschinerie darstellt, bedarf gerade derselbe bestmöglichster, objektiver Kontrolle und einer ständig neuen Infragestellung und Verbesserung seiner genauen Strukturen, Methoden und Ziele. Allzu leichtfertig Folter das Wort zu reden wie manche Objektivisten oder auch Alan Dershowitz es tun, sollte sich dabei ebenso verbieten wie umgekehrt die simple Dämonisierung (meist linker „Gutmenschen“) eines Wolfgang Daschners, der unter unglaublichem emotionalen Druck wohl stand und den ich immer verstanden habe, wohlwissend dass ich selber nicht wissen kann wie ich wohl in seiner Situation gehandelt hätte, es aber leider für gut möglich halte, dass ich das Gleiche getan hätte.

Interessant finde ich übrigens auch wie Zimbardo so ganz nebenbei noch mit dem Vorurteil aufräumt, Frauen seien weniger zu Gewalt fähig als Männer, nur weil sie von Natur aus meist körperlich schwächer sind.

Zu dieser Vorlesung gibt es übrigens auch ein sicher lesenswertes Sachbuch.

Oktober 16, 2010 - Posted by | Psychologie, USA, Video | , , , ,

1 Kommentar »

  1. In der Tat ein gutes Buch.

    Hier gibt’s aber noch ein interessantes Video über einen Vortrag von Zimbardo (‚the secret powers of time‘).

    Kommentar von Grommel | Oktober 17, 2010


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