L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Zum Tode eines Individualisten im kollektivistischen Zeitalter

von Claude Hemmer

Am 11.03.2006 verstarb der liberale Wissenschaftstheoretiker Gerard Radnitzky im Alter von 85 Jahren. Er wurde im engsten Verwandtenkreis in Luxemburg beigesetzt.

Gerard Radnitzky wurde am 2.Juli 1921 in Znaim geboren, einer südmährischen Kleinstadt im Grenzgebiet zu Niederösterreich. Die neugegründete Tschechoslowakische Republik, die sich Südmähren nach 1918 einverleibt hatte, wurde kein Nationenstaat, sondern ein Nationalstaat. In ihr wurden Deutsche, Slowaken und Ungarn zu benachteiligten Minderheiten, aber sie bot dennoch im Alltag viel mehr an kleinen Freiheiten als etwa die heutige Bundesrepublik. Man bewies auch eine große Aufgeschlossenheit gegenüber der angelsächsischen Welt; ein Grund, warum Radnitzky es im Nachhinein als Glück ansah, dort und nicht etwa in Österreich oder gar im Dritten Reich aufgewachsen zu sein.

Der “Anschluss” des Grenzgebietes an das Reich im Jahre 1938 bereitete den kleinen Freiheiten des Alltags ein jähes Ende. Was sich im Zuge der “Gleichschaltung” und Volksgemeinschaftsideologie” vollzog, bot ihm den ersten Anschauungsunterricht für die Einsicht, dass Sozialismus und Nationalismus die größten Geißeln seines Jahrhunderts waren.

Im zweiten Weltkrieg wurde er Kampfflieger. Er sei, so sagte er später gelegentlich, ein “schlechter Soldat, aber ein guter Kämpfer” gewesen. Den Militärdienst empfand er als moderne Form der Sklaverei, als Zwangsarbeit, zu der man ohne Prozess verurteilt wurde. Die Fliegerei erlaubte es ihm dennoch am 18 April 1945 sich auf dem Luftweg nach Schweden abzusetzen. Dort verbrachte er den Großteil seines Lebens und nahm auch die schwedische Staatsbürgerschaft an.

Das Schweden der Nachkriegszeit empfand Radnitzky als ein idyllisches Milieu mit ehrlichen und liebenswerten Menschen und einer weitgehend freien Marktwirtschaft. Dann merkte er, wie der Reichtum des Landes, erworben in einer fruchtbaren 200-jährigen kapitalistischen Periode, in den 60ern und in zunehmendem Maße in den 70ern allmählich aufgezehrt wurde. Zum dritten Mal nach den Erfahrungen in der CSSR und dem Dritten Reich erfuhr er am eigenen Leibe, wie es mit einem Land bergab ging, wie sich die Verhältnisse langsam aber stetig verschlechterten, die Freiheit ständig schrumpfte. Dies nährte sein Misstrauen gegen jeglichen Kollektivismus, wie er ihn später auch wieder in Deutschland wahrnahm.

Anfang der 80er Jahre hatte Radnitzky eine für ihn äußerst wichtige “Entdeckung” gemacht: Friedrich August von Hayek. In ihm sah er – bis zum Zusammentreffen mit Anthony de Jasay – den größten Sozialphilosophen seiner Zeit. Diese Entdeckung entfernte ihn von der Wissenschaftstheorie und band ihn fester an die Politische Philosophie. In Hayek fand Radnitzky die bestgelungenste Verschmelzung von Kritischem Rationalismus und Klassischem Liberalismus. Doch seine impliziten Zweifel an der Harmonie liberaler Ideen und einer offenen, demokratischen Gesellschaft erhielten bald in der Person und dem Werk von Anthony de Jasay unerwartete Nahrung. Denn jener bestärkte Radnitzky in der Annahme, dass Demokratie Anreize zur Beschneidung von Freiheitsrechten biete, die sie selbst nicht wieder ausräumen könne. Die demokratische Methode der Kollektiventscheidungen eröffnet der Mehrheit die Möglichkeit, über all diejenigen Bereiche kollektiv abzustimmen, über die sie kollektiv abstimmen möchte. Ist die “bare majority rule” erst einmal legitimiert, dann gibt es nichts, was die Mehrheit davon abhalten könnte, den Bereich der kollektiven Entscheidungen soweit auszudehnen, wie sie möchte.

In den letzten Jahren hatte Radnitzky sich zunehmend der Zeitgeschichte verschrieben und folgte irgendwann dem Drängen einiger Freunde, seine Lebenserinnerungen für die Nachwelt aufzuschreiben. Und so machte er sich daran, sein letztes großes Werk zu verfassen. “Das verdammte 20. Jahrhundert” ist eine brillante Analyse des kollektivistischen Zeitalters, das er als Zeitzeuge hautnah und in all seinen wichtigen Spielarten kennen gelernt hatte. Gekonnt zwischen der Mikro- und Makrogeschichte hin- und her pendelnd, demaskiert er die großen politischen Lügen und deren Protagonisten (auch die demokratisch verklärten) und schildert deren Folgen im Alltag anhand von Selbsterlebtem.*

“Er hat viele der bekämpften politischen Systeme untergehen sehen, den tschechoslowakischen Nationalstaat, den Nationalsozialismus und den Kommunismus. Leider hat er das Ende der todgeweihten und deshalb nun in ihrer Spätphase umso gefährlicher noch um sich schlagenden Wohlfahrtsdemokratie nicht mehr selbst erleben dürfen. Er hat es nur – wie so vieles vorausgesehen.”**

*die biographischen Elemente stammen aus einem Nachruf von Hardy Bouillon, Trierer Philosophiedozent und Mitarbeiter des Brüsseler Thinktanks CNE, “ef” Nr 61 vom April 2006.

**aus Editorial von André F. Lichtschlag, Herausgeber “ef” vom April 2006.

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