L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Manchesterliberale braucht das Land

von Claude Hemmer

Dem DP Nationalkongress vom letzten Juni habe ich nach jahrelanger Abwesenheit, oder war es Bedenkzeit, wieder beigewohnt. Ich glaubte, es sei meine Pflicht gegenüber einer Partei, der ich fast 40 Jahre angehöre, sie vor weiteren Fehlentwicklungen zu warnen.

Ich wollte prinzipielle liberale Werte in Erinnerung rufen, weil ich glaube, dass solche liberalen Grundwerte für das Überleben der DP als liberale Partei unabdingbar sind. Desweiteren bieten sie, auch aus elektoraler Sicht, die Chance sich von den anderen staatsgläubigen und deshalb interventionistischen Parteien abzuheben und Profil zu zeigen. Meine Botschaft wurde wohl gehört, jedoch kaum angenommen. Im Gegenteil, ehemalige wie derzeitige Parteigrössen haben sich eifrig bemüht jeden Zweifel am gegenwärtigen DP-Kurs gar nicht erst aufkommen zu lassen. Stattdessen wurde ich belehrt- fast jeder Zeitungsbericht zum Kongress hat die Kunde wiederholt – dass die Zeit des „laisser faire“ und des Manchesterliberalismus vorüber sei. Auch der Liberalismus müsse sich der Zeit (gemeint ist wohl eher der Zeitgeist) anpassen.

Leider stimmt die Aussage, der Manchesterliberalismus sei passé, er wurde sogar in angeblich liberalen Parteien vom Interventionismus verdrängt ohne dass dessen Protagonisten Rechenschaft darüber ablegen, dass der Interventionismus die neuere Form des Sozialismus darstellt. Besonders der „Vorwurf“ des Manchestertums hat mich jedoch stark berührt. Er beweist, dass die Autoren mit einem Schlagwort operieren, dessen Sinn und Inhalt sie kaum kennen, wahrscheinlich weil sie der Desinformation unseres staatlichen Schul- und Ausbildungssystem zum Opfer gefallen sind. Sie gebrauchen den Begriff „Manchestertum“ quasi als Schimpfwort, als Inbegriff eines kaltherzigen kapitalistischen Wirtschaftssystems zu dem sich nur noch ein „Ausserirdischer“ (dixit Letzebuerger Land vom 10.Juli) bekennen kann. Die geschichtliche Realität sieht anders aus. Treue Leser dieser Kolumne wissen das und kennen sowohl die Konzepte als auch die Hintergründe des viel geschmähten Manchestertums.( vgl. Ein liberaler Standpunkt, Journal No.60 vom 25. März 2006)

Anderen sei es hier – und in Kurzfassung – noch einmal erklärt und zwar in den Worten von André F. Lichtschlag, dem Herausgeber der Zeitschrift ef-magazin in seinem Beitrag „Grundsätzliches: Markt und Moral – Warum wir weniger Politik wagen sollten“:

„Wer Politik als Problem und den Markt als die Summe der zwischenmenschlichen guten Beziehungen als Lösung betrachtet, dem wird oft vorgehalten, er sei ein „Neoliberaler“ oder gar ein „Manchesterliberaler“. Bereits diese beiden Worte zeugen von weit verbreiteten Kenntnislücken bezüglich wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Zusammenhänge. Denn die „Neoliberalen“ waren historisch gerade jene Liberalen, die im Gegensatz zu den klassischen Liberalen Staatseingriffe in die freie Wirtschaft an vielen Stellen befürworteten. Und die Manchesterliberalen? Ausschlaggebend für das heutige Geschichtswissen an unseren Schulen nach 1968 ist ausgerechnet ein Standardwerk von Friedrich Engels mit dem Titel „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“. Engels hatte als kommunistischer und nicht zuletzt atheistischer Verführer seine eigenen politischen Motive für seine sichtschiefe Elendsbeschreibung. Natürlich waren die Städte in England zu Beginn der Industrialisierung kein Paradies. Nur warum waren sie so überfüllt? Weil auf dem Land ohne Industrialisierung und Kapitalismus das Elend noch weitaus größer war. Hungersnöte beherrschten in brutaler Regelmäßigkeit den europäischen Kontinent, bevor freie Märkte den Hunger aus Europa vertrieben. Die Motivation der gar nicht so kaltherzigen Manchesterliberalen war tatsächlich dieser Hunger. 1838 gründete sich in Manchester eine Vereinigung, die spätere „Anti-Corn Law League“. Ihr Ziel war es, eine unmittelbare und vollständige Abschaffung der Kornzölle zu bewirken, die 1815 nach dem Sieg über Napoleon eingeführt worden waren, um die Preise für Getreide auf dem hohen Niveau der Kriegszeit zu halten. Sie verteuerten das Brot gerade für die Ärmsten der Armen. Richard Cobden, der führende Kopf der Manchesterliberalen, verfügte über eine enorme Überzeugungskraft. Die Argumente des „Manchestermanns“ Cobdens, verbreitet in neun Millionen Broschüren und unzähligen Reden, erschienen am Ende den Arbeitern wie den Parlamentariern in London so einleuchtend, dass die Kornzölle 1846 fielen und der Hunger danach bis heute aus England verschwand. Die positiven Auswirkungen des Falls der „Corn Laws“ hatten Vorbildcharakter; fortan fiel eine Handelbeschränkung nach der anderen und stets profitierten die britische Wirtschaft und vor allem die Arbeitermassen. Cobden, damals „Champion of the Poor“ genannt, setzten Arbeiter in Manchester aus Dankbarkeit ein Denkmal.“

Vielleicht brauchen wir heute neue Cobdens, eine neue Generation von Manchesterliberalen, vielleicht auch nur adjektivlose Liberale.

Mehr dazu:
Mythos Manchestertum

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: