L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Warum ich gegen Lockdowns bin und was ich mir nun wünsche

Frankreich ist wieder im Lockdown, nachdem es zwei Wochen vorher bereits eine Ausgangssperre um 21 Uhr gab. Deutschland hat einen „Lockdown (light)“, der viele Unternehmer, gerade im Gastronomie-, Freizeit- und Kulturbereich, hart treffen wird. Luxemburg hat am Donnerstag nur neue Kontaktbeschränkungen votiert (die ich absolut richtig finde) und eine Ausgangssperre um 23 Uhr (die ich eher kritisch sehe.) Sollte sie jedoch mit dem nötigen Fingerspitzengefühl von der Polizei durchgesetzt werden und hauptsächlich partywütige Jugendliche von öffentlichen Plätzen vertreiben, während man eine Person allein um 23:15 Uhr noch ohne Ordnungsgeld zu Fuß nach Hause gehen lässt (immerhin darf die Gastronomie noch bis 23 Uhr geöffnet haben), soll es mir recht sein. Jedoch liegt auch hierzulande die Drohung eines neuen Lockdowns in der Luft. Persönlich lehne ich einen solchen massiv ab.

Den ersten Lockdown von März bis Mai habe ich damals unterstützt. Es ging darum Zeit zu gewinnen, da das Land- wie ganz Europa- überhaupt nicht auf eine Pandemie vorbereitet war und präventives Handeln im Januar und Februar verpasst hatte. Eine Situation, die an sich nicht hätte passieren dürfen, aber Fehler sind menschlich und im März gab es keine andere Wahl als die rasend steigenden Infektionszahlen mit einem Hammerschlag zu bremsen. Daher trug ich die Entscheidung zum Lockdown damals aus voller Überzeugung mit, wenngleich man sicher über die Details der Umsetzung diskutieren kann und ich mir auch Ende April eine frühere Öffnung gewünscht hätte.

Einen zweiten Lockdown finde ich jedoch nicht mehr akzeptabel. Alle Experten sagen, wir müssen mit dem Virus leben. Also müssen wir damit leben und nicht wahlweise unsere Wirtschaft und/oder unseren Staatshaushalt ruinieren. Dass es möglich ist ohne Lockdown durch eine Pandemie zu kommen, beweisen viele asiatische Länder wie Taiwan oder Südkorea seit langem. Auch Luxemburg kann dies schaffen und seinen drei Nachbarländern ein leuchtendes Gegenbeispiel mit weniger drastischen Maßnahmen sein. Wichtig ist, dass möglichst alle Bürger beim Einhalten elementarer Regeln mitmachen. Diese Regeln kann jeder bei Claus Nehring nachlesen.

Darüberhinaus plädiere ich dafür, verstärkt auf Schnelltester zu setzen. Bspw. vor Besuchen bei älteren Menschen, bei kulturellen oder sportlichen Veranstaltungen usw. Es ist falsch sie wegen mangelnder Zuverlässigkeit abzulehnen. Diese Tests sind nicht für eine medizinische Diagnose gedacht wie die PCR-Labortests. Sie sollten vielmehr als einen weiteren (löchrigen) Schutz in unserem Sicherheitskonzept angesehen werden. Unser derzeitiges Sicherheitskonzept ist im Grunde ein Swiss Cheese Layer System. Jede Maßnahme, jede Regel ist- für sich allein betrachtet- sehr löchrig. Wie eine Scheibe Schweizer Käse halt. So ist beispielsweise der Mund-Nasen-Schutz definitiv KEIN 100%iger Schutz vor dem Coronavirus. Kombiniert mit anderen (mehr oder weniger löchrigen) Maßnahmen (wie Abstand halten, Hände waschen, regelmäßige Lüftung von Innenräumen und vor allem Minimierung der sozialen Kontakte) spielt er jedoch eine gewichtige Rolle im Sicherheitssystem. Die angesprochenen Schnelltester sollten als eine weitere neue Schicht im Sicherheitssystem angesehen werden. Als eine weitere Scheibe Schweizer Käse. Bei einer konsequenten am besten flächendeckenden Benutzung von Schnelltestern wäre auch bei einer Testzuverlässigkeit von 60-70% schon sehr viel gewonnen. Vor allem die besonders hoch infektiösen Menschen würden schneller „enttarnt“ und isoliert werden.

Swiss Cheese Layer System

Bedauernswert finde ich, dass Luxemburg es verpasst hat bei der freiwilligen Corona-Warn-App der Bundesregierung mitzumachen. Für total falsch halte ich es den Sekundarunterricht nicht wieder anders zu organisieren. Gut, dass jetzt mal eine Woche Schulferien sind. Am liebsten wäre mir, die Ferien würden wie in Belgien um eine weitere Woche verlängert werden, was Bildungsminister Claude Meisch leider bereits abgelehnt hat. In dieser Zeit könnte sich ein Konzept zur Rückkehr von A-/B-Gruppen ausgedacht werden um die Neuinfektionen in der Schule einzudämmen. Zwar wird immer wieder gesagt, dass sich in der Schule nicht viele Kinder und Jugendliche anstecken, die Feduse bezeichnet dies jedoch als ein Märchen. Es braucht auch mehr Schülerbusse, wobei die Schüler gewisse Strecken auch ruhig mal zu Fuß gehen können, zumal wenn der Sportunterricht nun wieder ausfallen sollte. Bewegung ist wichtig und tut gut.

Das Wichtigste bleibt jedoch die Begrenzung der sozialen Kontakte. Ich treffe seit Anfang März jede Woche fast immer die gleichen Menschen und zum gleichen Zeitpunkt eigentlich ohnehin nie mehr als vier. Wenn jeder das so handhabt, trägt er dazu bei, dass der exponentielle Anstieg der Infektionskurve wieder gebremst wird und dieselbe nach Benjamin Gompertz– wie gewünscht- abflacht. Ich wünsche mir also inständig, dass auch alle anderen Luxemburger und die Grenzgänger ihre Kontakte auf ein Minimum beschränken.

Sollte trotz der neuen Maßnahmen eine Überlastung des Gesundheitssystems drohen, bin natürlich auch ich für (noch) drastischere Maßnahmen, aber bitte immer chirurgische (zeitlich klar limitierte) Eingriffe, die die dadurch entstehenden Schäden minimieren. Ein Hammer ist sinnvoll in vielen Situationen, aber nicht überall haben wir es mit einem Nagel zu tun. Es braucht einen vielfältigen Kasten an Instrumenten, am besten zusammen mit einer Anleitung wann welches Instrument zu nutzen ist. Dies könnte über ein Ampelsystem gewährleistet werden, wobei diese Ampel mehrere Indikatoren berücksichtigt (Infektionszahlen, Anzahl der Menschen im Krankenhaus, Belegung der Intensivbetten…) So kann auch jeder Bürger jederzeit nachkucken was die Stunde geschlagen hat und mit welchen Instrumenten nun demnächst zu rechnen ist.

Was mich an einem Lockdown, ob nun komplett oder in deutscher Light-Version, von jeher philosophisch stört, sind im Groben zwei Dinge:

1. Das „Opfern“ von Menschen (bzw. ihren Eigeninteressen) zum Wohle anderer Menschen

Auch wenn es- zumindest in Europa- staatliche Hilfen für die betroffenen Unternehmen gibt, durch einen Lockdown werden wirtschaftliche Existenzen zerstört. Erst recht auf globaler Ebene. Und auch, fernab der Wirtschaft, müssen die Menschen viele „Opfer“ erbringen. Begründet wird dies damit, dass es gilt die Gesundheit, nicht nur, aber besonders von Risikogruppen, zu schützen. Und natürlich bin auch ich der Meinung, dass kein Mensch sterben sollte, nur weil das Gesundheitssystem überlastet ist, weil zuviele Menschen „Party gemacht haben“. Andere meinen, man soll die Risikogruppen einfach „wegsperren“ und ihre Freiheit zum Wohle der Freiheit Anderer „opfern“. Entweder sollen also die Interessen der Gruppe A zum Wohle der Interessen von Gruppe B geopfert werden oder die von B zum Wohle von A. Eine klassische falsche Dichotomie. Man sollte immer versuchen, eine Lösung zu finden, bei der niemand „geopfert“ werden muss und alle gewinnen. Ähnlich wie bei einem freien, gegenseitig einvernehmlichen Handel in der Marktwirtschaft, wo ja auch beide Seiten geben und nehmen und dabei gewinnen und keiner verliert.

Es versteht sich von selbst, dass jeder gewisse Entbehrungen zu tragen bereit sein muss, aber es sollte versucht werden dass alle möglichst ihre Interessen verfolgen können. Um es mit einem konkreten Beispiel zu illustrieren: jeder, der mich kennt, weiß, dass ich ein großer Fußballfan bin. Ich vermisse einen echten Stadionbesuch. Mir leuchtet jedoch ein, dass ein solcher in einer Pandemie nicht erlaubt werden kann. Das Ziel muss aber eben sein, dass das Risiko eines Stadionbesuchs bis zum Ende der Pandemie durch bestimmte Sicherheitsvorkehrungen (bspw. Abstand halten, Hygiene, Kapazitäts- und Kontaktbeschränkungen, Fiebermessungen, Schnelltester, Luftfiltersysteme in Innenräumen usw.) beherrschbar gemacht wird, so dass jeder, sogar Mitglieder einer Risikogruppe, zu einem Spiel ihres Lieblingsvereins gehen können. Dito für andere sportliche und kulturelle Veranstaltungen, einen Restaurantbesuch usw. usf. Und wer jetzt einwendet, dass dies nur Freizeit sei: auch an Freizeitaktivitäten hängen sehr viele Jobs!

2. Der Rückzug menschlichen Lebens

Ich gebe es zu. Es ist schwer zu akzeptieren, dass ein so kleiner, mit dem bloßen Auge nicht sichtbarer Virus das normale menschliche Leben so erschwert bis verunmöglicht. Der moderne Mensch ist der Natur trotz aller technologischer Errungenschaften eben immer noch brutal ausgeliefert, auch wenn er dank seiner Vernunft letzendlich die Virusgefahr bändigen und erträglich machen wird.

Es MUSS das regelrecht trotzige Ziel der Menschen sein, trotz dieses Virus, „weitestgehend normal“ weiter zu leben. Wir dürfen nicht gegen diesen Feind verlieren. Ein erneuter Lockdown fühlt sich für mich an wie eine Niederlage, wie ein Versagen, vor allem angesichts der Tatsache, dass in anderen Teilen der Erde, besonders in Asien (wie bspw. bei meinem Bruder in Hongkong), die Menschen ohne Lockdown durch die Pandemie kommen. Von Zeit zu Zeit gibt es dort mal spezifische zeitlich klar limitierte Maßnahmen (bspw. die Schließung von Nachtclubs für ein paar Wochen), aber insgesamt dreht die Wirtschaft relativ normal weiter und die Menschen leben ihr Leben. Dies muss auch uns Europäern gelingen oder sind wir dümmer und unfähiger als die Asiaten? Man ist, vor allem angesichts der Masse an pardon, Idioten, die gegen Masken wettern, geneigt mit „Leider ja“ zu antworten. Ich wünsche mir jedoch, dass die Luxemburger mir zeigen, dass ich da Unrecht habe.

Wenn am Ende des Tages nur ein weiterer Lockdown in 1-2 Wochen eine Katastrophe abwendet, muss ich diesen natürlich zähneknirschend akzeptieren. Dennoch appelliere ich dringend an meine Mitmenschen jetzt mitzuhelfen einen solchen abzuwenden. Danke schonmal im voraus.

Oktober 31, 2020 - Posted by | Luxemburg | , , ,

3 Kommentare »

  1. https://www.rapidtests.org/faq

    Kommentar von CK | November 1, 2020

  2. […] also sein erster Beitrag zum Thema: „Warum ich gegen Lockdowns bin und was ich mir nun […]

    Pingback von Eine liberale Sicht zum Lockdown | Der letzte Biss | November 2, 2020


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