L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Zur Causa Hopp und zum „modernen Fußball“

Eins vorweg: ich finde es generell falsch, das Konterfei eines Menschen in einem Fadenkreuz zu zeigen. Das ist total daneben und um dies mal festzustellen, muss man keine unpassenden, unverhältnismässigen und kruden Anspielungen auf Hanau machen. Insofern finde ich seit langer Zeit die Angriffe auf Dietmar Hopp völlig deplatziert. Die als Beleidigung gemeinte Bezeichung „Hurensohn“ muss sowieso nicht sein, da die Nutzung dieses Begriffes für mich von einer dämlichen Putophobie zeugt. SexarbeiterIn zu sein ist nicht verwerflich, ein Kind einer solchen zu sein, erst recht nicht. Hopps Mutter war ohnehin keine „Hure“, sein Vater jedoch sehr wohl ein Nazi, dessen Untaten von seinem Sohn relativiert und verharmlost werden. Richtigerweise müsste man ihn also „Nazisohn“ nennen. Richtig ist auch, dass der DFB- um mal selber beleidigend zu werden- ganz einfach zuviel oft ein, pardon „Arschlochverband“ ist.

Am meisten regen mich die Kollektivstrafen auf. Schon als Schulkind fand ich Kollektivstrafen furchtbar ungerecht. Der DFB hatte eigentlich versprochen keine mehr auszusprechen, doch er hat eben dieses Versprechen nun gebrochen, indem tatsächlich allen BVB-Fans zwei Jahre lang verboten wird nach Hoffenheim zu reisen, weil einige BVB-Fans seit Jahren Hopp aufs Übelste beleidigen.

Zu Pyro im Stadion: Ich gebe es zu. Ich bin ein heimlicher Pyromane. Mir geht bei geilen Pyroshows oft richtig das Herz auf. Trotzdem sage ich immer wieder anderen Fans, dass- solange Pyro nun einmal verboten ist- man dieses Verbot gefälligst respektieren sollte. Schon allein um dem eigenen heißgeliebten Klub eine Geldstrafe zu ersparen. Zudem sollte Rücksicht auf möglicherweise atemkranke Menschen im Stadion genommen werden. Dem DFB werfe ich diesbezüglich jedoch vor den Dialog mit den Ultragruppierungen eingestellt zu haben anstatt sich um einen Konsens zu bemühen und ein kontrolliertes, legales Abbrennen von Pyrotechnik im Rahmen einer durchorganisierten, geplanten Choreo und/oder das Verwenden „kalter Pyrotechnik“ zu ermöglichen.

Stadionverbote finde ich oft nicht so verkehrt. Im Gegensatz zu den Ultras, die laut eigenen Transparenten meist „Gegen ALLE Stadionverbote“ sind, finde ich, dass es gute Gründe gibt, gewisse Individuen, zumindest für eine Zeitlang oder gar für immer, mit Verweis aufs Hausrecht vom Sicherheitsdienst oder der Polizei aus dem Stadion entfernen zu lassen und ihnen in Zukunft den Zutritt zu verwehren. Fußball ist kein Schach, aber rassistische, sexistische, homophobe und antisemitische Gesänge gehören in keine Fankurve. Löblicherweise gibt es diese heute jedoch viel weniger oft zu hören als noch vor 20 Jahren, auch dank deren Ächtung durch viele Ultras in der Kurve. Dennoch kommen sie auch heute noch ab und zu vor. Beleidigende Transparente gegen konkrete Personen sollten ebenfalls geächtet werden, sachliche Kritik jedoch erlaubt bleiben. Ja, ich weiss, früher haben wir auf dem Betzenberg oft den „Würschtl-Ulli“ aufs Heftigste mit nicht jugendfreien Begriffen beleidigt, aber das geschah verbal im „Eifer des Spieltages“, nicht aber mit lange im Vorfeld geplanten Bannern, die vom Veranstalter genehmigt und kontrolliert werden müssen. Heute würde ich mich kaum noch an solchen Gesängen beteiligen, sondern konzentriere mich mehr darauf die eigene Mannschaft zu unterstützen. Manchmal schreie ich noch was gegen den gegnerischen Verein („Scheiß FC Bayern!“), aber nicht gegen einzelne Personen.

Zurück zu Dietmar Hopp. Hopp ist ein sehr sozialer Unternehmer, der viele karitative Einrichtungen in der Region unterstützt und mit seinem eigenen Geld einen Verein nach oben gebracht hat in dem er selber gespielt hat. So langweilig ich Hoffenheim auch persönlich finde (vor allem im Vergleich zu Traditionsvereinen wie dem 1.FCK oder dem SV Waldhof), das werde ich ihm sicher niemals vorwerfen, denn hätte ich soviel Geld wie er, würde ich es ihm vermutlich gleichtun. Hoffenheim ist auch nicht vergleichbar mit dem Litfaßsäulenkonstrukt RB Leipzig. Am sportlichen Niedergang sogenannter Traditionsvereine sind meines Erachtens diese allein selber schuld und es ist falsch die Schuld daran bei der Existenz anderer Vereine oder der Teilnahme von Investoren bei anderen Klubs zu suchen. Bei manchen wie dem HSV „gelang“ der Abstieg in die zweite Liga sogar trotz eigenem Investor (oder vielleicht auch gerade wegen demselben wie der Zwangsabstieg der Löwen 2017 in die Regionalliga Bayern.)

Drei interessante Fragen im Löwenmagazin zur Kommerzialisierung des Fußballs:

1. Bemängeln wir nicht alle die unmoralisch hohen Ablösesummen?
2. Bemängeln nicht alle die Zersplitterung der Bundesliga auf mehrere Spieltage, nur um von drei verschiedenen Anbietern noch mehr Geld zu bekommen?
3. Sollte der Fußball nicht den Fans und Vereinen gehören und nicht einzelnen Menschen, die – wie auch immer – sehr reich geworden sind?

Ad 1) Ich finde sie oft total verrückt, aber Ablösesummen entstehen wie alle anderen Preise aus Angebot und Nachfrage. Wer sich an diesen Summen stört, sollte halt keinen Fußball mehr kucken, zumindest keine Champagnerliga. Ich kann mich ohnehin eher mit 1860 München identifizieren als mit Paris St.Germain und der hiesige Dorfverein wie andere Luxemburger Vereine freuen sich erst recht über Zuschauer wie mich. Ich würde die astronomischen Ablösesummen dennoch nie verbieten lassen wollen. Aufregen tut mich vielmehr, wenn solche Summen bezahlenden Vereine noch gigantische öffentliche Subventionen erhalten. Da bin ich massiv dagegen.

Ad 2) Ich anfangs schon. War total „Pro 15:30“. Mittlerweile finde ich die Zersplitterung allerdings gar nicht mehr so schlecht um mehr Spiele am Wochenende kucken zu können. Blasphemie, ich weiß… 😉

Ad 3) Ich verteidige eisern „50 plus x“, besonders nach den Erfahrungen mit Hasan Ismaik. Jedoch sollte aus liberaler Sicht eigentlich jeder Verein selber entscheiden, ob er seine Profiabteilung in eine Kapitalgesellschaft ausgliedert oder nicht und falls ja, wieviele stimmberechtigten Anteile er daran verkauft oder nicht.

Freie Marktwirtschaft soll es auch unbedingt im Fußballgeschäft geben. Wo aber endet nun für mich die freie Marktwirtschaft? Wenn die Marktakteure eben nicht mehr frei sind so wie im Sklavenstaat Katar. Katar ist der Staat, in dem 2022 die nächste Fußball-WM stattfinden wird. Höchstwahrscheinlich auch dank einer Stimme des DFB, abgegeben von „Kaiser Franz“, der nicht begreift, dass man Menschen nicht unbedingt in Fesseln legen muss um sie doch zu „versklaven“. Man kann ihnen auch einfach den Pass wegnehmen und schon ist keine (legale) Ausreise mehr möglich.

Wenn Blutgeld angenommen wird, wenn man sich von Staaten und/oder Regimes und/oder mit ihnen verbandelten Privatunternehmen oder -personen unterstützen lässt, die systematisch Menschenrechte mit Füßen treten, dann ist für mich eine Grenze überschritten. Nicht die Kommerzialisierung an sich stört mich, sondern die Kommerzialisierung auf Kosten der Grundrechte anderer Menschen. Aus meiner Sicht ist Dietmar Hopp- trotz seiner unverschämten Aussage zu seinem Nazivater- für diese Mißstände jedoch das total falsche Symbol, denn er hat sein Geld mit SAP ehrlich verdient. Solange FIFA, UEFA und eben der DFB (und so manche Vereinsfunktionäre, gerade auch aus der Seitenstraße) jedoch Geld fernab jeder Moral scheffeln, fällt es mir- einem begeisterten Fußballfan!- schwer nicht gegen eben diese ausfallend zu werden.

Siehe auch:
Jorge Arprin: Gegen Kollektivstrafen
Stephan Tempel: Hopp und die Heuchler

Hopp im Fadenkreuz

März 5, 2020 - Posted by | Deutschland | , , , , ,

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