L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Die Zukunft der Arbeit und die liebe Gewohnheit

Letzte Woche war Frédéric Krier vom OGBL im RTL-Radio und sprach über die Positionen seiner Gewerkschaft zu Zukunftsthemen und Digitalisierung. Erstmal bin ich froh, dass sich Gewerkschaften diese Fragen stellen, wenn schon nicht die Parteien offen in ihren Programmen drüber reden. Und auch dass sie sich gegen die zunehmende staatliche Kontrolle der digitalen Welt entgegenstellen, ist ein guter Anfang, der sonst nur von der Piratenpartei aufgenommen wird. Aber ihr Optimismus, was den Arbeitsmarkt der Zukunft angeht, kann ich nicht teilen.

Sich wiederholende Arbeiten sind ohne weiteres von Maschinen zu erledigen. Flexible Arbeiten finden meistens innerhalb eines Radiusses statt, so dass schnell die verschiedenen Ansätze algoithmisierbar sind. Kreative Arbeiten scheinen nur einzigartig zu sein, auch hier macht die KI enorme Fortschritte. Erste Ansätze gibt es bereits, wie die computergenerierte Kurzgeschichte, die um ein Haar einen Literaturpreis gewann oder das Musikstück das unlängst hierzulande für Diskussionen sorgte. Früher galt Schach als rein menschliche Meisterleistung, bis Deep Blue alle überflügelte. Das gleiche Schicksal ereilte das chinesische Go.

Das Argument, dass Firmen weiterhin Gewinn machen wollen und daher den Lohnarbeiter als Konsumenten brauchen, ist ein bisschen das Pferd von hinten aufgezäumt. Der Gewinn einer Firma deckt sich nicht mit der Forderung der Bezahlung. Wäre dem so, hätte jeder eine Arbeit, Mindestlohn wäre kein Thema, denn wer mehr verdient kauft mehr, und auch Entwicklungsländer hätten schon längst ihr Stück vom Kuchen. Stattdessen gibt es aber viele Leute, die trotz Arbeit am Existenzminimum leben und Entwicklungsländer werden weiterhin mit dubiosen Geschäften klein gehalten, obwohl sie eigentlich gute Kunden sein müssten, die bei Aufschwung umso mehr konsumieren würden. Mehr noch: es widerspricht in keiner Weise zielgruppenorientiertem Marketing (was theoretisch einen Wegfall ganzer Konsumentengruppen beinhaltet, sprich Produktion, Lohn und Konsum nur für einen Teil der Bevölkerung gewährleistet). Des Weiteren ist es zweifelhaft, ob der kurzfristige große Gewinn nicht eine Lawine an betriebsinternen Restrukturalisierungsmaßnahmen zur Folge haben kann. Zumal viele globale Aktionäre und Shareholder sich nicht darum kümmern was gerade an einem bestimmten Standpunkt mit den Arbeitern passiert – die kurzfristige Aussicht auf Gewinn wird die genannte Hypothese stürzen und dann ist es ohne soziales Netz zu spät. Dieses Diktum, das dem Fordismus und der liberalen Theorie entnommen ist (und damit wegen der sozialistischen Ausrichtung des OGBL ideologisch deplatziert wirkt), deckt sich nicht mit der Realität, weder der analogen noch der digitalen, noch der aktualen und globalen. Mittlerweile macht das Finanzwesen Gewinne ohne Arbeiter. Gleiches gilt für verschiedene Formen digitaler Werbung, wo Algorithmen mit Algorithmen kooperieren und der Konsument nur eine Nummer im BigData-Geflecht ist. Wir steuern auf eine Wirtschaft zu, wo der Mensch verschwindet und Produktion ebenso wie Konsum ohne ihn in seiner bisherigen Form auskommen wird.

Rifkins „Prosumer“ erscheint da wie ein Mittelweg, der Altbewährtes erhalten möchte, sich aber den zukünftigen Herausforderungen stellt. Ob es wirklich funktioniert oder ob sich nicht noch Fallen auftun, die das System aushöhlen werden, kann hier nicht beantwortet werden. Jedenfalls erscheint es mir wie ein erster Schritt, der zumindest auf die kommenden Veränderungen reagiert. Gleichzeitig impliziert das Vorhaben auch eine Zersplitterung von Produktion, was zwar aufgrund der potentiellen Redundanz ein stabileres Netz voraussagt, aber ebenso Löcher im System unsichtbar machen könnte.

In der Digitalisierung und automatisierten Industrie liegt eine riesige Chance aber auch eine große Gefahr den Trend zu übersehen oder erst gar nicht zu verstehen. Und dann hält man an einem System fest, das eine Mehrheit überfahren wird, weil sich nicht frühzeitig um die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gekümmert wurde und Bedenken mit dem Verweis auf Historizität vom Tisch gewischt wurde. Selbst als Worst-Case-Szenario betrachtet, ist eine Auseinandersetzung damit unumgänglich. Man darf zu dem Thema nicht nur Wirtschaftler befragen, die am Erhalt ihrer Zunft interessiert sind, sondern auch und besonders Informatiker und Kybernetiker. Komplexe Systeme und selbstlernende Programme könnten das schöne alte Weltbild innerhalb kürzester Zeit auf den Kopf werfen. Wir haben jetzt die Zeit, die Mittel und das sich immer weiter entwickelnde Knowhow um die Rahmenbedingungen zu setzen. Wenn wir aber an den alten Vorstellungen festhalten, kann es sein, dass wir einen Pfad betreten, der am Ende zu einer neuen Klassenspaltung führt, deren Gräben tief sein werden. Die Frage nach dem Arbeiter verschiebt sich hin zu der Frage nach der Arbeit selbst. Wenn die Antwort auf diese Frage nur den Erhalt der Arbeit fordert, kann es sein, dass sie die Bedingungen dazu vernachlässigt und auf das sprichwörtliche tote Pferd setzt.

Die Gewerkschaften werden sich in der paradoxen Situation befinden, keine Arbeiter zu vertreten zu haben. Die Verschiebung von der Arbeitervertretung zur Arbeitsstellenerhaltungsmaschine ist daher zwar folgend, aber Arbeit ist dann nur noch eine Maßnahme, der Arbeitende selbst nur ein Vollstrecker einer Maßnahme, die ein Roboter oder Programm ebensogut übernehmen könnte. Aus der Perspektive wundert es mich nicht, dass man die Aussage, dass es in Zukunft 50% Arbeitslosigkeit wegen Automatisierung geben wird, nicht teilt. Würden sie dieses Szenario zulassen, wären sie als Gewerkschaft obsolet. Es gibt also ein gewerkschaftsinternes Interesse sich nicht allzusehr in das in ihren Augen „pessimistische“, in den Augen anderer realistische Szenario zu vertiefen, dass Digitalisierung und industrielle Automatisierung einen Wandel der altbekannten Lohnarbeit herbeiführen werden. Sie sollten sich aber auch Gedanken drüber machen, ob sie nicht in einem niedergehenden System den Zusammenbruch mit herbeiführen, weil sie ein Hindernis darstellten, die kommenden Probleme offen zu benennen und sich darauf vorzubereiten. Es ist jetzt an der Zeit die Weichen zu stellen, dass wir morgen nicht eine Welt von wenigen Privilegierten, dafür eine Masse an „nutzlosen“ Menschen haben, weil versäumt wurde, die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen.

Die endgültige Position des OGBL steht noch nicht fest, die Arbeitskreise laufen noch. Immerhin stellt sich jemand diese Fragen, die uns viel mehr beschäftigen müssten als der letzte Tweet von Donald Trump.

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Juli 13, 2017 - Posted by | Offene Gesellschaft, Philosophie, Soziales, Wirtschaft | , ,

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