L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Plädoyer für eine gesamteuropäische Sprache (2)

Im ersten Teil für eine Lingua Franca Europaea (kurz LFE) ging es darum, warum ein solche Einheitssprache von Vorteil wäre um Europa näher an den Bürger zu bringen. Im vorliegenden zweiten Teil soll es darum gehen, welche Sprache geeignet ist um das europäische Sprachenprojekt adäquat umzusetzen. Dazu muss man mittel- bis langfristig denken, die Eigenarten der verschiedensten Territorien berücksichtigen.

Eine lebendige europäische Sprache kommt nicht in Frage. Zu sehr würden die einzelnen Länder versuchen ihre eigenen Sprache durch zu setzen, so dass am Ende nur die große Diskussion ohne Resultat steht. Um keinem Land einen Vorteil zu verschaffen und auch um nicht eine einzelne Sprache hervorzuheben, sollte es keine lebendige europäische Sprache sein. Das Englische bestimmt seinerseits bereits zu sehr die westlich-kulturelle Wahrnehmung, als dass sie als LFE in Frage käme, zu schnell wirke Europa wie ein ideologisches Anhängsel und keine eigene Institution. Englisch wäre für diejenigen, die es wollen, eine beliebte Drittsprache, neben Russisch, Arabisch, Chinesisch und Spanisch, je nachdem, wohin man sich orientieren will.

Oberflächlich betrachtet bieten sich Plansprachen an, um die Rolle der LFE zu übernehmen. Neben Experimenten und Kuriositäten ist Esperanto wohl die bekannteste Möglichkeit. Allerdings hat Esperanto einen gewaltigen Nachteil: Sie ist nicht historisch gewachsen und man sieht ihr die Planung deutlich an. Ihr fehlt das Fließen, das eine organische Sprache auszeichnet. Zwar werden sämtliche europäischen Sprachen berücksichtigt, aber wenn die harte Konsonantenlasigkeit des slawischen Anteils und die Sprachmelodie des Romanischen von jetzt auf gleich im selben Satz wechselt, bleibt das für den Sprecher fremd. Normalerweise verschleifen solche Dinge beim Sprechen, Sprachwandel macht die Stellen, wo man sich stößt schnell glatter, was dann wiederum zu internen Spannungen zwischen den Ländern führen könnte, wenn ausgerechnet ihr Anteil schwinden würde.
Auch wenn sich Esperanto bemüht alles zu berücksichtigen, bleibt der Eindruck eines Flickenteppichs. Die fehlende Geschichte mindert ebenso die Identifikationsmöglichkeit, die fehlende Gewachsenheit lässt sie uns fremd erscheinen, da kein Rückgriff auf eine andauernde Geschichte auszumachen ist, die durch die Jahrhunderte ein Kontinuität suggeriert.

Machen wir es kurz und schmerzlos: Der geeignetste Kandidat für eine gesamteuropäische Sprache wäre Latein. Sie besitzt eine mehr als zweitausendjährige Tradition an Rhetorik und Theorie, aus deren Quell wir aus den Vollen schöpfen könnten. Nein, zum Cicero muss dabei keiner werden, man redet ja auch das Deutsche nicht wie es Thomas Mann schreibt. So richtig tot ist Latein auch nicht, auch wenn die Philologen derartig ihren Daumen drauf haben, dass die das Lateinische heutzutage fast erstickt haben. Aber gemessen an der Tradition, die das Lateinische weit über das römische Reich hinaus hatte, kann man die Sprache bis ins neunzehnte Jahrhundert in vielen Gebieten des gebildeten Bürgertums verorten. Es war erst mit der Aufklärung dass die Landessprachen an Bedeutung gewannen, Latein war weiterhin eine mögliche Umgangssprache der Gebildeten und der Reisenden.

Obwohl die Römer eine massive militärische Expansionspolitik betrieben, ist das alles schon so lange her und die heutigen Nationalstaaten waren noch nicht einmal existent, als dass sich jemand ernsthaft wegen eines kolonialen Ressentiments auf die Füße getreten fühlen dürfte. Ebenso ist Latein zwar die Sprache im Christentum, aber auch da wurde sie übernommen, ebenfalls fast nur in den Gebildetenzirkeln, und hatte vor Konstantin bereits eine jahrhundertelang währende Geschichte. In der Hinsicht ist die Sprache ebenfalls historisch, aber eben nicht derart ideologisch gefärbt, wie es eine lebendige Sprache als LFE wäre. Wenn sich heutige Deutsche über das Französische mokieren, hat das nicht selten seinen Ursprung bei Napoleon und dessen Anweisung die Behörden in den eroberten deutschen Gebieten zu francophonisieren.

Ein gewaltiges Korpus an Literatur, Geschichtsschreibung und Philosophie ist seit den Römern überliefert, eine Plansprache als LFE bedürfe massiver Übersetzungen um überhaupt mal etwas Lesbares zu erschaffen. Dabei ist Latein als moderne Gebrauchssprache auch heute nicht tot. So gibt es beispielsweise Harrius Potter et Philosophi Lapis im Buchhandel. Das zeigt die Flexibilität, die im Lateinischen als moderne Sprache steckt. Bislang sind solche Übersetzungen eher ein Kuriosum, aber es gibt keinen Grund, warum das so bleiben soll. Zumal das Lateinische ohne weiteres um moderne Wörter erweiterbar ist. So widmen sich ganze Gruppen (und nicht nur die Ponds-Wörterbuch-Redaktion) im Internet Latein lebendig und zeitgemäß zu halten.

Durch das Mittelalter bis zur Aufklärung hat sich Latein gehalten, die Sprache hat sich wenig gewandelt und ist seit der Antike konserviert. Daran wird sich Latein als LFE nicht notwendigerweise halten müssen. Bereits mit der silbernen Latinität wurde der schwere und überladene Stil Ciceros gelockert. Hier kann man ansetzen, es muss nicht immer ACI sein (auch wenn der mit ein bisschen Übung schnell ins Blut übergeht), ein ut oder quod tut ebenfalls seinen Dienst. Eigenarten wie Supin und Participium Conjunctum könnte man auch lockern, aber das sind Einzelheiten, die man noch besprechen müsste. Einige spätere Autoren wie Rorarius trieben so weit, dass selbst gestandene Lateinliebhaber keine Lust mehr haben, aber an denen soll man Latein nicht messen. Auch wäre eine andere pädagogische Herangehensweise von Nöten, denn das heutige Schullatein ist gekünstelt und hart. Dabei ist rekonstruiertes Latein weich und sanft im Ohr, fließend und samtig auf der Zunge.

Und durch die Konservierung ist keine lebende Sprache bevorzugt. Ja, Italienisch und Spanisch ist näher dran, aber das kann andere Schwierigkeiten, wie z.B. lexikalische Verwechslungen, mit sich bringen. Einen wirklichen Vorteil hat niemand, dafür viele Vorteile. Geographisch hatten sich die Römer durch die Jahrhunderte fast über ganz Europa ausgebreitet. Durch das Christentum wurde Latein fast überall eingesetzt. Der Austausch zwischen Intellektuellen von Lissabon über Amsterdam bis St.Petersburg lief später über die damalige Lingua Franca Europaea. Und es gibt keinen Grund, dass das nicht wieder so sein könnte. Mehr Geschichte und Identität (ohne kommt die Masse an Menschen anscheinend nicht aus) kann Europa als Bündnis nicht bekommen: Eigenheiten werden beibehalten und dennoch der Bezug zum Nächsten nicht vernachlässigt. Und es werden keine außereuropäischen Territorien bevorzugt, so dass alle Optionen offen bleiben.

Die ganze Vielfalt Europas bleibt erhalten, aber unter der Schirmherrschaft eines lose gehandhabten historischen Kittes, der die vielen Stimmen endlich einigt ohne dabei sich selbst aufzugeben.

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November 15, 2016 - Posted by | Offene Gesellschaft, Philosophie, Soziales, Toleranz | , , ,

2 Kommentare »

  1. Für einen alten „Lateiner“ wie mich ist ein Plädoyer für die Wiederbelebung des Lateins natürlich Balsam in den Ohren. Es hat freilich einen riesengroßen Nachteil: es ist eine präzise Sprache!

    Man kann auf Latein eben nicht „dahinschwurbeln“ und nebuloses Politruk-Neusprech betreiben. Und genau das wollen unsere Politruks. Genau das betreiben mittlerweile auch die Bürokraten und Legisten in den Ministerien und EU-Behörden!

    So schön daher der Gedanke an die alte lingua franca des gebildeten und gelehrten Europa ist, so unrealisierbar dürfte er genau aus diesem Grund sein!

    P.S.: oder können Sie sich eine typische Mutti-Rede auf Latein vorstellen? Ich nicht …

    Kommentar von LePenseur | November 16, 2016

  2. Doch auch mit Latein kann man rumschwurbeln. Es würde ja wieder eine lebendige Sprache und die haben es nun mal an sich sich zu ändern. Denken Sie mal an Bitte – gern…..

    Kommentar von fdominicus | Dezember 8, 2016


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