L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Plädoyer für eine gesamteuropäische Sprache (1)

Wenn sich die USA einmauert und England der EU den Rücken kehrt, ist es vielleicht nicht verkehrt den Status des englischen als, wenn auch nicht gesetzliche, so doch faktische, Lingua Franca zu überdenken. Und vielleicht könnten wir das Ganze zumindest hypothetisch soweit treiben uns zu fragen, ob eine gesamteuropäische Sprache vielleicht reicht. Mal als Denkanstoß gefragt: Hätte eine eigene Sprache für den gesamten EU-Raum nicht ein paar Vorteile? Und welche sollte es sein?

Bereits zu Anfangstagen der EU gab es Diskussionen darüber, ob es nicht eine EU-weite Sprache geben sollte. Das Vorhaben scheiterte schließlich an den Vorstellungen der eigenen Mitgliedstaaten. Nach über 70 Jahren europäischem Projekt wäre es an der Zeit die Landesgrenzen hinter sich zu lassen und anzuerkennen, dass für Sprache und Kommunikation Territorialgrenzen eine eher lächerliche Angelegenheit sind: wer redet, ist damit nicht an sein Land gebunden, Sprache gilt überall als Medium und Mittel. Besonders die Sprachsituation hier in Luxemburg bot in jüngster Vergangenheit so einigen Zündstoff, der mit einer gesamteuropäischen Sprache erst gar nicht zu so erhitzten Diskussionen geführt hätte.

Wie könnte man also eine eigene Sprache in der EU handhaben? Man könnte z.B. die Landessprache in den Schulen anbieten und dann recht schnell zur EU-Sprache übergehen. Das ist in allen Ländern machbar, denn mehrere Sprachen zu lernen steht fast überall auf dem Programm. Hier in Luxemburg wäre eine kurze Alphabetisierung auf luxemburgisch der Anfang und dann könnte man recht schnell parallel dazu die EU-Sprache angehen. So wird Sprachenlernen aktuell bereits gehandhabt, Alphabetisierung auf Deutsch, mit viel Luxemburgisch dazwischen, und dann recht schnelles Umsteigen auf Französisch eh dann auf dem Gymnasium das englische dazu kommt. Technisch würde sich nicht viel ändern, die Belastung für die Kinder wäre ähnlich wie heute. Für Deutschland ist es ähnlich, während früher in der fünften Klasse mit englisch begonnen wurde, ist es heute häufig schon früher. Das Englische würde durch die neue Lingua Franca Europaea (von nun an „LFE“) ersetzt werden. Wer dann später im Gymnasium eine weitere Sprache erlernen will, dem sei es freigestellt.

Ebenfalls kann man die Alphabetisierung zu Beginn des Lernprozesses partikularisieren. Warum sollte ein Kind, das zuhause Portugiesisch spricht, gezwungen sein sich in Luxemburgisch zu alphabetisieren? Warum ein junger Englischsprecher in Deutschland Deutsch? Da nach wenigen Jahren die Verständigung in der gesamteuropäischen Sprache verläuft, wäre die Sprache der ersten Lernerfahrungen unerheblich, der sprachliche Schock, dem sich ein fremdsprachiges Kind aussetzen würde, erheblich kleiner. Die LFE wäre Verständigungssprache. Die Landessprache die Volks- oder auch Territorialsprache. Beide Ebenen sind klar voneinander getrennt und es ist psycholinguistisch ähnlich zu handhaben wie Erst- und Zweitsprache. Sprecher haben normalerweise keine Probleme beide Ebenen zu handhaben, Identitätsprobleme gibt es dabei nicht.

Stichwort Identität. Eine LFE könnte dabei helfen, das Projekt Europa als ein Ganzes und nicht als eine Zweckgemeinschaft von Partikularinteressen zu verstehen. Wenn man weiß, dass man sich überall versteht und verständlich machen kann, fällt es leichter einen Bezug zu dem Land und vor allem seinen Menschen herzustellen. Sprache definiert sich zwar nicht durch Landesgrenzen, aber dennoch deckt sie ein Territorium ab, was ein Einheitsmoment stiftet. Dabei gehen aber, durch die Zweisprachigkeit, die Eigenarten des jeweiligen Territoriums, nicht verloren, ganz im Gegenteil, so könnten z.B. Basken auch auf Baskisch alphabetisieren. Was verschwindet wäre eine territoriale Eigenbrötelei, die sich abschottet und nur noch die eigenen Bräuche pflegt. Durch die LFE ist das Tor zur weiteren Welt weit offen, ja es wird regelrecht eingerissen. Von Portugal bis Rumänien, von Italien bis Finnland könnte man miteinander reden, ohne dass man einen Übersetzer braucht oder man sich auf eine gebrochene Drittsprache einigt, wo jeder mehr mit Händen spricht als mit der Zunge.

Des Weiteren wäre der gewaltige Übersetzungsapparat der EU entlastet, da das ständige Übersetzen in die jeweiligen Nationalsprachen wegfällt. Die LFE unterstützt auch die innereuropäische Dynamik, es wird sprachlich egal sein, ob man morgen in Polen arbeitet oder nach Frankreich versetzt wird. Ja selbst wenn man einfach nur sonstwo hin will. Wenn man es braucht, sollte man sich die Landessprache selbstverständlich aneignen. Doch wenn die LFE reicht, bleibt immer im Hinterkopf, dass man europäischer Bürger ist und sich auch so behandelt fühlt, da sich der Gegenüber in genau der gleichen Situation befindet.

Landessprache und LFE sind Minimalvoraussetzungen, die keine zusätzliche Belastung mit sich bringen, wenn man sie mit der aktuellen Sprachsozialisierung der meisten europäischen Schulsysteme vergleicht. Da der Spracherwerb generell recht früh erfolgt, steht einer dritten Sprache in höheren Klassen eigentlich nichts im Wege. Und selbst wenn nicht, die LFE ermöglicht es mit ganz Europa zu kommunizieren, ohne die landestypische Mundart zu kennen. Natürlich ist das kein Unterfangen, das von heute auf morgen passiert. Es bedarf schon eines radikalen Schnittes und das Ganze muss mindestens eine Generation lang gären, damit die gewünschten Resultate daraus erwachsen können. Dazu müssten viele über ihren eigenen Schatten springen, es ist nicht das Unterfangen selbst, das die Operation LTE bremst. Interessanterweise würde ein deratiger radiakaler Schnitt keineswegs die momentanen Konstellationen zwischen Schule, Staat und persönlicher Freiheit in irgendeiner Weise gefärden oder einschränken. Am Ende käme, wegen der flexibleren Ausgangssituation und den gößeren späteren Orientierungsmöglichkeiten ein Mehr an Freiheit heraus.

Welche Sprache die Lingua Franca Europaea sein könnte sehen wir im zweiten Teil.

Advertisements

November 13, 2016 - Posted by | Offene Gesellschaft, Patriotismus, Soziales | , , ,

3 Kommentare »

  1. Mal unabhängig vom konkreten Vorschlag (Latein hätte was – der Vatikan als Land der „native speakers“ ;-)) halte ich von der ganzen Idee nicht viel. Eine quasi per Zwang eingeführte europäische Einheitssprache würde mehr Widerstand auslösen als Einheit schaffen. Was sollte im Sinn des Verfassers wirklich sinnvoll daran sein, die weltweit geltende „lingua franca“ durch eine europäische Insellösung zu ersetzen oder ihr diese auch nur hinzuzufügen? Das Argument, dass die Briten nun raus seien, spricht aus meiner Sicht sogar eher *für* das Englische, ist doch ein großes Mitgliedsland seinen natürlichen Vorteil gegenüber den anderen nun los, und BSE („bad simple English“) als allgemeiner Verständigungssprache stehen kaum noch durch Muttersprachler verteidigte Reinheitsgebote entgegen. Alea iacta est. Oder so.

    Kommentar von Werwohlf | November 18, 2016

  2. Wenn man Gräben innerhalb der EU vertiefen und den Nationalismus stärken möchte, ist das sicher eine super Idee.

    Kommentar von Adrian | Dezember 3, 2016

  3. @Adrian: Wieso so negativ? Und wieso hast Du eigentlich eine neue Seite? GayWest war doch ein schöner Blogname 😉

    Kommentar von CK | Dezember 5, 2016


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: