L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Der hässliche Deutsche

Böhmermann hat wenig Respekt vor nichts und genau deswegen ist er eine Lichtfigur im deutschen Fernsehprogramm. Er teilt gerne nach allen Richtungen aus, manchmal übers Ziel hinaus, oft aber treffend. Vor ein paar Tagen hat er sich dem Deutschtum gewidmet. Und trifft dabei voll ins braune. Natürlich kann man jetzt das Video en detail auseinandernehmen und man wird auch auf einige problematische Punkte stoßen. Was aber der angesprochene Wutbürger daraus macht ist irgendwo zwischen lustig und deprimierend.

In Grundzügen geht es darum „deutsch“ zu definieren. Die Frage soll eben gerade nicht mit Deutschtümelei beantwortet werden. Die Frage nach Deutschsein (ebenso Luxemburgersein oder Europäersein) muss keine protektionistische Antwort geben. Es kann ebenso eine aufklärerische, inklusive Antwort haben. Die Bildersprache des Videos geht ganz klar in die Richtung. Dabei wird mit bewährten filmischen Mitteln agiert, einerseits die bunten „guten“ Deutschen, auf der anderen Seite die graue Masse mit ihren Schildern. Soweit so üblich. Der eigentliche Geniestreich liegt in der musikalischen Untermalung. Anstatt auf Hippie oder Ethno zu machen wählte Böhmermann ein anderes deutsches Unikum zum Vorbild: Rammstein.

Die Lust an Rammstein ist dieselbe Lust wie im Faschismus, aber mit anderen Vorzeichen. Dadurch, dass sie ins komödiantische verschoben wird, fehlt es ihr an Durchschlagkraft. Es fehlt dem rammsteinschen Ästhetik dieselbe biderernste Logik, die dem politischen Faschismus inne liegt. Das Marschieren innerhalb des Rammstein-Universums ist ein anderes Marschieren als das militärische im dritten Reich. Es ist clownesk, die Absurdität der ausufernden Gestik und übertriebenem Pathos wird so lange zelebriert bis die Leere dahinter offensichtlich wird. Hier liegt der Unterschied, warum es funktioniert: mit dem Fokus auf die Leere, ist es uns möglich den Pathos und das Gestampfe zu genießen, ohne dass dabei eine protofaschistische Energie auf den Zuschauer überspringt. Es ist die Ridikularisierung der Ernsthafigkeit, mit dem viele an ihre Ideologie glauben und die Leere dahinter in großen Gesten, Worten oder einfach nur Lautstärke verstecken. Rammstein erzeugen Distanz indem sie dem Pathos den ideologischen Sinn entziehen und nur noch die nackte Brachialität übrig lassen.

Aber dabei bleiben sie nicht stehen. Sowohl Rammstein als auch Be Deutsch ist der Versuch die Semiotik der Rechten nicht ebenjenen zu überlassen. Die Lust am Pathos funktioniert auch mit anderen Vorzeichen und Bedingungen und deshalb entsteht eine pointierte Distanz. Die Rechten haben diese Distanz nicht, Inhalt und Form sind zu sehr miteinander verwoben und werden daher in ihrer Lächerlichkeit preisgegeben. Dabei ist ein pathetisches Wir-Gefühl nicht per se etwas verdammenswertes. Aus Angst dieser Differenzierung nicht begegnen zu müssen, verfallen viele Linke in eine rhetorische Schockstarre und überlassen damit das Feld den anderen anstatt sich dieses Mittel selbst zu eigen zu machen – es kommt immer noch auf den Inhalt an. Das Video bringt auch deswegen viele Rechte auf die Palme, weil es in die Nische schlägt, die sie eigentlich für sich selbst reserviert haben: es ist laut, polemisch und es arbeitet mit Mitteln der Inklusion und des Ausschlusses.

Der Böhmermann-Song untergäbt die Diskurshoheit der Rechten. Er macht aus der Pluralität menschlichen Daseins eine homogene Masse, der nur jene nicht angehören, die ebendies für sich ablehnen. Womit Böhmermann spielt ist die Aussage: Ja, es gibt ein deutsch-pluralistisches Wir-Gefühl. Und wir behandeln euch Rechte jetzt wegen eurer gewählten Ideologie so, wie ihr mit angeborenen Merkmalen wie Hautfarben, Herkunftsnationalität, sexuelle Ausrichtung oder Religionen verfahrt. Daran ist nichts protofaschistisches. Dass der Vorwurf ausgerechnet von den Rechten selbst kommt, deutet bereits auf die Absurdität hin. Böhmermann zeigt dabei nur wie Pluralismus tief in der europäischen Kultur seit der Aufklärung verwurzelt ist und dass die Rückbesinnung auf den eigenen kleinen Horizont viel schlechtes gebracht hat.

Was die Rechten daran so stört ist, dass ihnen ihr eigenes Weltbild vorgehalten wird. Ihre Definition von Links-Sein ist geprägt davon, dass die nur reden und nichts tun. Jede Form von linker Offensiver wird dann mit dem Argument torpediert, sie seien die eigentlich Rechten und Faschisten. Die größte Angst der Rechten ist dabei, dass die Linke zurückschlägt, weswegen ihnen überall Gewalt unterstellt wird. Das ist vielleicht die größte Bedrohung für die Rechten und ihrer Version von Deutschsein: die Diskurshoheit über diese Frage darf nicht ihnen überlassen werden.

Wer in die Kommentarspalte schaut, sieht, wie sehr die ganze Diskussion von einer großen Toxizität geprägt ist. Vorwürfe wie dass die multikulturelle Gesellschaft keine wehrhafte mehr wäre, sind einer der beliebtesten Vorwürfe. Das ist die Rhetorik, mit der auch Trump spielt, nur leicht verschleierte Cuckold-Vorwürfe sind ein ganz alltäglicher Teil davon. Böhmermann tut jetzt mit dem an Rammstein angelegten Stil etwas unerhörtes: er zeigt den potenten Multikulturalisten, der sich ebenso der Sprache des Ausschlusses bedienen kann. Böhmermann nimmt den Rechten das weg, das sie als ihr eigenes betrachten und deutet es auf sie selbst um. Die Lautstärke, das Brüllen, das sich in Horden versammeln, das Nichthinhören und Blindsein für die Bedürftigkeiten anderer trifft nun diejenigen, die es für sich reserviert glaubten. Der hässliche Deutsche kann auch anders: bunt knurrend, militärisch und mit brachialen Gitarrenriffs betritt er in Birkenstocksandalen die Arena. Tja, völkische Wutbürger, go cuck yourself!

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April 5, 2016 - Posted by | Deutschland, Kurioses, Offene Gesellschaft, Pluralismus, Popkultur und Freiheit, Satire, Toleranz | , , , ,

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