L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Meng Sprooch, mäi Land

Gehen wir gleich in die Vollen und klären die Prämissen: Luxemburgisch ist linguistisch gesehen ein Dialekt, keine eigene Sprache. Politisch hingegen ist es eine historisch derart gewachsene Mundart, dass sie als eigene Sprache durchgeht. Sie hat ein nationales Territorium, das sie von anderen Ländern mit ihren Sprachen abgrenzt. Wäre die Geschichte im 19ten Jahrhundert minimal anders verlaufen, würde heute kein Mensch nach Luxemburgisch fragen. Es wäre ein Dialekt wie andere auch und wäre, ebenso wie diese, am verschwinden. In der aktuellen Diskussion um Identität, Sprache und Nationalitätengesetz, bekommt Luxemburgisch einen sehr eigenartigen Stellenwert. Es ist eine paradoxe Situation: Es wird mehr Luxemburgisch überall gefordert und zeitgleich davon gesprochen, dass die Ausländer sich mehr einbringen und sogar zum Luxemburgischen gezwungen werden sollten. Das ist aber keine Analyse, sondern Teil des Problems: Mit ersterem wird eine Mauer errichtet. Mit letzterem wird verlangt, dass die sprachlich Benachteiligten sie gefälligst einreißen sollen – und zwar einseitig!

Wer findet den luxemburgischsprechenden Pixel?

Wer findet den luxemburgischsprachigen Pixel?

Luxemburgisch als Sprache hat im aktuellen Diskurs eine eigenartige Metaphysik entwickelt. Viele reden von ihr als etwas Gottgewolltes und Absolutes. Sprachwandel wird negiert, Identität an die Sprache gekoppelt. Dabei ist Sprache und Identität ein komplexes Feld, das in der aktuellen Diskussion sehr flach behandelt wird. Nehmen wir nur mal das offensichtlichste Beispiel: Creol-Sprachen schaffen neue Identitäten und die jeweiligen Völker finden sich und ihre Geschichte in ihrer neuen Sprachen wieder. Das kann man auch (wenn auch begrenzt und in einer nicht-imperialistisch gefärbten Version!), auf den Sprachwandel in Luxemburg beziehen. Fairerweise sei gesagt, dass es tatsächlich schnell geht. Aber es gibt Leute, die ähnliches für das Englische im Deutschen monieren.

Das was Dr. Wagner im oben verlinkten Interview sagt, ist ein ziemlicher Allgemeinplatz innerhalb der Linguistik. Warum sich viele der Kommentatoren so sehr dagegen sträuben, kann ich nur erahnen. Sie erinnern mich in ihren Argumenten stellenweise an die Impfgegner, die sich von den Tausenden an Forschungsberichten die eine, dann auch noch fehlerhafte, Studie heraussuchen um ihren Glauben zu untermauern und dann weiter ihre Gegner als ideologisch verblendet und/oder vom Staat und Wirtschaft korrumpiert bezeichnen. Ein solcher Antiintellektualismus ist nicht nur auf die Diskussion zur Sprache begrenzt. Generell werden momentan von einer konservativen Schicht jede Form von Soziologie und Gesellschaftsanalysen als ideologische Einrichtungen, denen der vermeintlich gesunde Menschenverstand widerspricht, diffamiert. Das befeuert die AfD mit ihrem „Genderismus“-Gejammer ebenso wie Trumps Feindbild Mexiko.

Die Aussage, dass das Luxemburgische wegen der vielen Ausländer verschwindet, hat einen faden Nachgeschmack. Luxemburg ist durch seine Größe, wirtschaftliche Geschichte und geographische Lage in einer ziemlich einzigartigen Situation. Der Sprachwandel geschieht hier schneller und anders als z.B. inmitten der bayrischen Provinz. Das ist hauptsächlich durch die Dynamik bedingt, mit der unser Ländchen sowohl Vermittler als auch Spielplatz des Globalen ist. Wenn wir unsere liberalen Grundsätze nicht total verraten wollen, müssen wir damit leben – und tun es ja schon eigentlich ganz gut. Es kann nicht angehen, den Ausländern zu unterstellen unser Sprache Unglück zu sein, wenn wir es als Luxemburger sind, die mit der neuen Situation nicht klarkommen wollen – wohlgemerkt wollen, denn im Alltag funktioniert vieles von dem, was jetzt als Problem heraufbeschwören wird, einwandfrei. Wir sind keine Opfer, allerdings auf dem besten Wege zum aktiven Mittäter einer gespaltenen Gesellschaft zu werden. Wer als Nicht-Luxemburgisch-Sprecher nur seine Sprache und Welt kennt, dem entgeht vieles, ja. Nur haben wir als Luxemburger den Vorteil, dass wir uns denen öffnen können. Wenn wir uns aber als Instanz verstehen, den anderen zu zwingen ein besseres, weil luxemburgisches Leben zu führen, handeln wir nicht nur paternalistisch, sondern regelrecht arrogant.

Mit der Einengung auf das Luxemburgische gewinnen wir nicht das zurück, was einige der selbstdeklarierten „80%“ fordern, es gibt kein Zurück zu einem stockluxemburgischen Zustand, der unser eigentliches Selbst ausdrücken würde. Mit dem Beharren auf Luxemburgisch geben wir das auf, was seit über 40 Jahren die luxemburgische Identität ausmacht: Mehrsprachigkeit, zwischen den Stühlen sitzen und trotzdem oder gar deswegen erfolgreich sein. Die Suche nach einem Luxemburg der Präimigration ist eine Illusion, die unserem momentanen Selbst fundamental widerspricht und sich ideologisch in anderen Bewegungen löst, die zur Zeit Zulauf in Europa und den USA haben. Wie ich schon mal bemerkt habe ist Identität etwas sehr wandelbares und zufälliges. Was uns heute auszeichnet ist etwas anderes als in den Fünfzigern. Leider gehen die meisten Bestrebungen der Neuen Lëtzebuerger in die Richtung etwas herstellen zu wollen, was niemals war, mit Hilfe von Ideologien, die nie was Gutes brachten. Dabei verkennen sie, dass sie dabei sind die gegenwärtige Identität des Landes in eine gegenaufklärerische Richtung zu ändern, sprich das, was wir zu diesem Zeitpunkt sind aufzulösen in etwas, was eigentlich überwunden geglaubt war.

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März 31, 2016 - Posted by | Luxemburg, Neues aus Luxemburg, Offene Gesellschaft | , , , , ,

5 Kommentare »

  1. >> Wäre die Geschichte im 19ten Jahrhundert minimal anders verlaufen, würde heute kein Mensch nach Luxemburgisch fragen.

    Das stimmt nicht. Man sieht es im Elsaess wo viele ihrer Sprache nachtraueren und die Region viel von Ihrer Identiteit verloren hat.

    >> Es wird mehr Luxemburgisch überall gefordert und zeitgleich davon gesprochen, dass die Ausländer sich mehr einbringen und sogar zum Luxemburgischen gezwungen werden sollten. Das ist aber keine Analyse, sondern Teil des Problems: Mit ersterem wird eine Mauer errichtet. Mit letzterem wird verlangt, dass die sprachlich Benachteiligten sie gefälligst einreißen sollen – und zwar einseitig!

    Das heisst die Luxemburger sollen die Mauer ueberwinden und nicht die die in unser Land kommen um zu arbeiten wohlwissend dass sie ihr eigenes sprachliches Umfeld verlassen? Das heisst dass die sprachlichen gut bewanderten Luxemburger die Opfer sind?

    >> Viele reden von ihr als etwas Gottgewolltes und Absolutes. Sprachwandel wird negiert, Identität an die Sprache gekoppelt.

    Luxemburgisch ist seit Urzeiten die Muttersprachen der gebuertigen Luxemburger und die Identiteit unserer Region.

    Sollen wir jetzt franzoesisch als gottgewolltes oder vun den Bourgeoisgewollten Sprache reden? Die weder zu dem luxemburgisches passt, noch wichtig ist heutzutage im Gegensatz zu Deutsch und Englisch.

    >> Die Aussage, dass das Luxemburgische wegen der vielen Ausländer verschwindet, hat einen faden Nachgeschmack.

    Es ist klar, dass ein 50% Auslaenderanteil eine sprachliche Integration der Kinder sehr schwierig macht. Viele muessen jetzt schon 4-5 Sprachen in den ersten Lebensjahren lernen was fuer Kinder mir Sprech und Sprachentwicklungsproblemen Gift ist. Ausserdem wird alle Zeit dran verwendet Sprachen zu lernen, also wie ein Objekt in x Sprachen heisst anstatt ueber das Objekt selbst.

    >> Mit dem Beharren auf Luxemburgisch geben wir das auf, was seit über 40 Jahren die luxemburgische Identität ausmacht: Mehrsprachigkeit, zwischen den Stühlen sitzen und trotzdem oder gar deswegen erfolgreich sein.

    Macht keine Sinn der Satz. Wir wollen ja luxemburgisch nicht abschaffen. Es wird nur gesagt, wer den Pass muss muss luxemburgisch koennen.

    Und ein Angestellter kann nicht 100 Woerter luxemburgisch lernen??? Der Luxemburger muss die aber dann koennen?

    Und ausserdem sprechen die meisten auslaendischen Experten englisch und nicht franzoesisch.

    Kommentar von Tom Weidig | März 31, 2016

  2. Ich bleibe ber der Meinung, dass die EU nur durch eine gemeinsame Sprache funktionieren wird. Und bei der Meinung, dass dies luxemburgisch (oder maltesisch oder gälisch) sein sollte, da die verbleibende halbe Milliarde EU-Bürger zum Erlernen dieser Sprache alle bei der gleichen Basis starten können, nämlich bei Null.

    Weiter wird es zum Problem, wenn man sich als Luxemburger in fachspezifischen Bereichen (ich denke da insbesondere an medizinische Begriffe in Notfällen) nicht mehr in seiner Muttersprache ausdrücken kann, was im Gesundheitsbereich schnell sehr bedrohlich werden kann.

    Kommentar von Paul | März 31, 2016

  3. Dass die Luxemburger Sprache aussterben soll bzw. vom Aussterben bedroht ist, wie nee2015 auf Facebook behauptet, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Einzelne Wörter sterben sicher aus. Wer mal Rodanges „Renert“ gelesen hat, weiss wieviele (alt-)luxemburgische Wörter längst ausgestorben sind, aber die Sprache als solche stirbt doch NICHT aus, sondern wandelt sich halt stetig, gerade auch durch aufgenommene Fremdwörter. Das ist doch aber nichts Schlimmes.

    Tatsache ist auch, dass die lux. Sprachkurse rappelvoll sind. in den Supermärkten und Geschäften reden immer mehr Menschen, auch Grenzgänger, luxemburgisch. Darauf legen viele Arbeitgeber wert, weil Kundenservice. Ich sehe die Zukunft der Sprache daher viel optimistischer. (Nur am Rande: ich mag Dialekte allgemein. Finde es super, wenn mit mir in Bayern bayrisch gesprochen wird, in der Pfalz pälzisch usw. Verstehe das meiste problemlos.)

    Genauso gerne rede ich aber englisch in britischen Pubs in Luxemburg-Stadt und französisch benutzt man ja eh regelmässig. Aktuell würde ich noch gerne spanisch (weil Weltsprache Nummer 2) und/oder portugiesisch (wegen den vielen PortugiesInnen und BrasilianerInnen) können. Ist auch gut, wenn Luxemburg portugiesische, italienische, brasilianische usw. Cafés hat. Multikulti ist super. Die eigene Vielsprachigkeit hat viele Vorteile (auf dem Arbeitsmarkt, beim Reisen…)

    @Tom Weidig: „Das heisst die Luxemburger sollen die Mauer ueberwinden und nicht die die in unser Land kommen um zu arbeiten wohlwissend dass sie ihr eigenes sprachliches Umfeld verlassen?“ -> Gebe Dir schon recht, dass Integration zuerst eine Bringschuld des Migranten ist, aber, wenn man selber mehrere Sprachen spricht, wieso soll man nicht auf den Migranten zugehen und sofort Kommunikation herstellen ?

    „Sollen wir jetzt franzoesisch als gottgewolltes oder vun den Bourgeoisgewollten Sprache reden? Die weder zu dem luxemburgisches passt, noch wichtig ist heutzutage im Gegensatz zu Deutsch und Englisch.“

    Englisch ist die Weltsprache Nummer eins, klar, aber inwiefern soll Deutsch wichtiger sein als Französisch ??? Und „Bourgeois“ ???

    „Es wird nur gesagt, wer den Pass muss muss luxemburgisch koennen.“ -> Einverstanden. Muss ja nicht jeder einen Luxemburger Pass gleich bekommen.

    @Paul: Wenn schon eine gemeinsame EU-Sprache, dann ESPERANTO. Weil leicht zu lernen, da PLANSPRACHE.

    Kommentar von CK | März 31, 2016

  4. @Tom
    Ich denke dass die Situation vergleichbarer ist mit den Sachsen, den Bayer oder Saarländern, wo die jungen Leute ihren Dialekt nur noch selten sprechen. Desweiteren ist das Elsass kein eigenes Land, wo es zu dieser Vermischung von Sprache , Nationalität und Integrationsdiskussionen kommt.

    > Das heisst dass die sprachlichen gut bewanderten Luxemburger die Opfer sind?

    Die Luxemburer sollen aufhören Mauern zu errichten und sich als Opfer darzustellen.

    > Luxemburgisch ist seit Urzeiten die Muttersprachen der gebuertigen Luxemburger und die Identiteit unserer Region.

    Nein. „Urzeiten“ schonmal gar nicht und „Identität“ ist auch nichts festes. Viele der Traditionen, die wir als Teil der Identität begreifen sind Erfindungen des 18. und 19ten Jahrhunderts. Das ist alles flüssig.

    > Wir wollen ja luxemburgisch nicht abschaffen. Es wird nur gesagt, wer den Pass muss muss luxemburgisch koennen.

    Das wird eben gerade nicht „nur“ gesagt. Wenn eingeworfen wird, dass die Ausländer das Luxemburgische verwässert wird oder gar verschwindet, dann wird nichts über Luxemburgisch ausgesagt, sondern den Ausländern, egal ob naturalisiert oder nicht, eine Zerstörerrolle zugewiesen. Denn dann geht es um die von Alain Atten erwähnten 70% Ausländer gegenüber 30% Luxemburger. Die 70% haben keinen luxemburger Pass, sprechen aber hier im Land.

    Mit 100 Wörtern kommt man nicht weiter. Um eine Sprache einigermaßen zu beherrschen bedarf es mehrerer Tausend Wörter, niedrig angesetzt 2000, um allem folgen zu können sogar 6000.

    Und die Trennung zwischen dem gut situierten ausländischen Experten und dem eingewanderten Arbeiter empfinde ich mittlerweile nur noch als perfide. Scheinbar wird für den Arbeiter gesprochen wird, in Wirklichkeit wird alles daran gesetzt, dass er ein Ausgeschlossener bleibt.

    @ Paul
    Ich hatte tatsächlich einen Abschnitt zu einer gesamteuropäischen Sprache drin. Ich bin auch dafür, aber die interne Kraftmeierei der einzelnen Länder wird das niemals zulassen. Es ist traurig, dass ein Zwergstaat wie der unsrige da mitmischt. Vielleicht schreibe ich dazu mal einen eigenen Text?

    @ CK
    Lass dich davon nicht beeindrucken. Das mit dem „bourgeois“ ist der neueste rhetorische Kniff der Neuen Konservativen. Sehen wir mittlerweile auch bei ganz erzkonservativen wie Théin. Es ist der Versuch eine Art Gegensatz aufzumachen zwischen den Bevölkerungs- und Einwanderungsgruppen. Durch links besetzte Begriffe wirkt es dann so, als ob man sich um den Benachteiligten sorgen würde. Allerdings trägt man die Kämpfe weiterhin auf dessen Rücken aus und mit etwas Glück richten sich die einzelnen Gruppierungen gegeneinander.

    Kommentar von JayJay | März 31, 2016

  5. „Ich denke dass die Situation vergleichbarer ist mit den Sachsen, den Bayer oder Saarländern, wo die jungen Leute ihren Dialekt nur noch selten sprechen.“

    -> An sich ist das schade. Ich mag bairisch.

    Herrlich ist bspw. der Typ hier im Video (Minute 11:35):

    Mia san do dahoam 😉
    [bei Minute 8:05 darf ich auch kurz was sagen 😀 ]

    Dass die Ausländer „Zerstörer“ sein sollen, ist in der Tat grösster Unfug. Ich würde auch gerne mal wissen wie der Luxemburger noch gut Geld verdienen möchte, wenn morgen die Wirtschaft ganz ohne Grenzgänger und Migranten auskommen müsste.

    „Das mit dem „bourgeois“ ist der neueste rhetorische Kniff der Neuen Konservativen.“

    -> Ja, hatte den Begriff schonmal bei Timon Müllenheim gehört (als Bezeichnung für die angeblich so frankophile Klasse der Geschäftsleute), war nur enorm verwundert, dass Tom ihn jetzt allen Ernstes auch benutzt. Ich benutze ihn auch ab und zu, aber in einem ganz anderen Sinne: als Bezeichnung für „kleinbürgerliche“, „spiessige“ Menschen 😉

    Kommentar von CK | März 31, 2016


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