L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Das Versprechen

Wir sehen keine neue Stufe des Terrorismus. Auch sehen wir keine fremde oder neue Ideologie am Werk. Was wir beobachten können, ist unsere eigene ideologische Basis in einem Lauf gegen sich selbst.

Was ist die grundlegende Ideologie des Westens? Grundsätzlich glauben viele Leute, dass wir in einem postideologischen Zeitalter leben würden. Das ist aber mitnichten so, unser ganzes Leben wird getrieben von unausgesprochenen Prinzipien. Zusammenfassend würde ich diese Ideologie Versprechen nennen. Unsere westliche Gesellschaft funktioniert viel darüber, was wir durch Medien und Erwartungen von Schule, Eltern und Gesellschaft mitkriegen. Dazu gehören z.B. Mythen wie etwas-erreichen oder sich-selbst-auszudrücken. Es gibt ganze Gesellschaftsformen, die ohne diese ungenannten Grundannahmen auskommen und dennoch funktionieren. Aber dafür ist dort auch weniger Dynamik anzutreffen, Dialysegeräte und Atombomben sind die Folge.

Der american way of life ist überall auf der Welt bekannt, simplifiziert kann man die Omnipräsenz von McDonalds oder CocaCola als Symptom verstehen (was aber erstens wohl eine Fehldeutung ist, zweitens sicherlich die wahren Verhältnisse verschleiert), tatsächlich geht es weitaus tiefer und die Mechanismen uns dem Versprechen zu unterwerfen sind weitaus subtiler. Auch deshalb waren die USA primäres Ziel: sie waren nicht Ziel der Angriffe, weil sie einfach nur gehasst wurden, das war nur der propagandistische Aufhänger, der mit den militärischen Fehlentscheidungen der Folgejahre immer leichter zu vermitteln wurde. Sie waren Angriffsziel, weil sie die Repräsentanten des Versprechens auf globaler Ebene sind – und massiv darin gescheitert sind, die Bedingungen um es zu schaffen zu erfüllen.

Die Motivation der Attentäter mag vordergründig vom Islam geprägt sein, ideologisch stehen sie aber ebenso dem Westen nahe. Es ist nichts explizit islamisches in der terroristischen Ideologie, ganz im Gegenteil: häufig kennen die Leute ihre Religion gar nicht gut und konsumieren westliche Produkte. Was also bleibt? Hass oder auch Neid auf den Westen sehe ich als Gründe kritisch. Viele der auswärtigen Attentäter, so auch in Paris, sind hier geboren und aufgewachsen. Es besteht keine monolithische Dichotomie, wo zwei verfeindete Ideologien gegeneinander stehen. Vielmehr gehören diese jungen Männer zu jenen, die sich auf das Versprechen verließen und nun einsehen, dass es nicht gehalten werden kann. Von niemandem, nicht von ihnen, nicht von uns. Wer in den trostlosen Plattenbauten der Großstädte aufwächst und dennoch das Versprechen bekommt, er bräuchte nur hart zu arbeiten, um etwas zu erreichen, ja mehr noch beim Scheitern noch gesagt bekommt, er habe die Wahl, immerhin sei der Westen frei, beginnt an dieser Freiheit zu zweifeln. Er sucht sich dort die Freiheit, wo der Westen seine Grenzen zieht, wo eigentlich jede Kultur ihre Grenzen zieht. Dass Selbstmordattentäter in der islamischen Welt ein sehr junges Phänomen ist, deutet eigentlich darauf hin, dass es nichts kulturimmanentes ist, sondern ein politisch erzeugter Zustand.

Es gibt keinen Gegensatz zwischen der Ideologie des Westens und der Terroristen. Das übersteigerte Ideal sich seiner Sache so sicher zu sein, dass man sie brutal nach Außen vertritt, ist bereits ideologisch gefärbt und kommt nicht aus dem Nichts. Wer verkörpert die Idee des be yourself übertriebener als derjenige, der für seine Ideale alles tut? Letzte Legitimation über Leben und Tod zu entscheiden findet sich schlussendlich mit der Berufung auf Gott. Gott wird nur zum Garanten einer höheren Sache, wie es bei der NSU das völkische Ideal und bei Breivik die kulturelle Reinheit war. Dort findet sich nur die Erlaubnis, die Motivation hingegen ist schon abgeschlossen.

Des Weiteren ist die westliche Populärkultur besessen von Erzählungen, wie wir sie jetzt in den sozio-politischen Spannungen wiederfinden. So verfolgt The Avengers, ebenso wie Batman, eine Ideologie des aus-dem-Weg-ich-mach-das. Die Ideologie dahinter ist klar: Überlassen wir die Taten denjenigen, die sich dafür einsetzen und eh besser sind als wir, egal ob dabei die halbe Stadt zerstört wird. Einen weiteren Aspekt bietet z.B. Die Tribute von Panem, wo die Ausgeschlossenen sich erheben und eine übersättigte Wohlstandsgesellschaft angreifen. Selbstverteidigung oder Angriff? Das bestimmt der Sieger. Kurzum, wir verfolgen mit großer Genugtuung Narrative, in denen wir jemanden suchen, der es richtet (im doppelten Sinne des Wortes).

Dabei ist aber eine große Ambiguität im Spiel. Wer hat schonmal einen Erleuchteten gesehen, der brutal nach vorne prescht? Selbst wenn man nicht recht hat, hat man wenigstens ein gewaltvolles Zeichen gesetzt. Ziel ist aktuell die Destabilisierung, nicht das Gewinnen. Durch die terroristischen Akte kommt auch unsere eigene verborgene Ideologie zu Tage, die ständig Toleranz predigt, nur um sie im nächsten Moment wieder fallen zu lassen. Wer Wörter wie Kollateralschaden benutzt, braucht sich nicht für die Menschenrechte zu feiern.

Der momentane Sprachgebrauch deutet auf eine Richtung hin, die darauf aus ist Konsens, d.h. Nägel mit Köpfen zu schaffen. Wer vom Krieg redet, wie Hollande es tut, eröffnet damit eine eigene Logik, wo Seite der Verteidigung immer die eigene ist. Dass der IS ebenfalls in genau dieser Logik gehandelt hat (nämlich als Racheakt für die Luftangriffe), wird in der allgemeinen neueuropäischen Identitätsbildung gerne übersehen. Wer den IS als Armee bezeichnet, gibt ihnen eine verstehbare Form, die allerdings nur innerhalb bestimmten semantischen Grenzen funktioniert. Wer diese Grenzen definiert, bestimmt ebenfalls den Diskurs darüber. Und da dürfen wir uns nicht manipulieren lassen, denn mit dem Abstecken des diskursiven Feldes fällt ebenso die Entscheidung darüber, wie über etwas geredet wird. Über was in diesem vorgefertigten Rahmen nicht gesprochen werden kann, fällt dann schon a priori unter den Tisch.

Das ist genau das, was im Moment passiert. Schweigeminuten und bunte Bildchen auf Twitter und Facebook sind nur die oberflächliche Seite. Darunter findet ein Identitätsfindungsprozess statt, der momentan in genau die Richtung läuft, die bereits nach 9/11 die USA über die Grenzen ihrer Verfassung hinaus brachte. Wer sich an dem Zerrwerk beteiligt, handelt schon im Interesse der Terroristen. Wer sich nicht gegen die Kriegsrhetorik stellt, spielt zukünftigen Attentaten in die Hände. Wer jetzt in blinder Solidarität falsche Dichotomien öffnet, setzt die diskursiven Rahmenbedinungen fest, in denen folglich nur beschränkte und unfreie Diskussionen stattfinden. Und wer andere Themengebiete, wie z.B. die Flüchtlingsproblematik oder Verschleierung, mit den aktuellen Geschehnissen vermengt, soll sich einfach nur noch schämen.

Advertisements

November 18, 2015 - Posted by | Allgemeines, Offene Gesellschaft, Pluralismus | , , ,

4 Kommentare »

  1. @JayJay: Erstmal danke für diese ausführliche Erläuterung Deiner Ansicht !

    Es war/ist mir immer unbegreiflich wie man als im Westen Aufgewachsener Islamist werden kann. Das Phänomen „homegrown terrorism“ fand ich immer ganz besonders erschreckend, weil diese Menschen- egal ob jetzt „bioeuropäische“ Konvertiten wie Pierre Vogel oder Menschen mit Migrationshintergrund bzw. Nachkommen derselben- eben aus unserer Mitte kommen und ich nicht nachvollziehen kann wie man unsere FDGO ablehnen kann, wenn man doch all ihre Vorteile jeden Tag erlebt. Dein Text liefert eine interessante Erklärung für ihren Hass „auf das System und seine Versprechen“ und die Suche nach einer Alternative. Manche Menschen finden diese halt leider in sektiererischen und sogar gewaltbereiten extremistischen Gruppierungen.

    Ich halte es daher auch für wichtig, dem Terrorismus jedwaiger Couleur einen solchen Nährboden entziehen, wenngleich allerdings bei weitem nicht alle Terroristen Menschen sind, die „es nicht geschafft haben“. [Klammer auf: Mir ist natürlich bewusst, dass „es zu etwas bringen/es schaffen usw.“ einer subjektiven Bewertung unterliegt. Je nachdem wie hoch man die Latte legt, sieht man sich u.U. immer noch als „Verlierer“ obwohl Andere das geradezu grotesk finden würden.] Was dafür genau konkret zu tun wäre in der Praxis, darüber kann man trefflich streiten, aber der Perspektivlosigkeit vor allem in manchen „Banlieues“ muss entgegen gewirkt werden.

    Auch teile ich die Angst vor politischen Schnellschüssen, die unsere europäischen Rechtsstaaten gefährden. Das Bemühen um Sicherheit darf nicht zur Beerdigung der Freiheit führen und/oder einer gleichförmigen Gesellschaft, in der alle das Gleiche zu denken haben, weil sie sonst Feinde sind. Und so gerne auch ich Filme und Serien wie Hunger Games oder Game of Thrones kucke, im realen Leben ist das Schreien nach jemandem, der es richtet, eher der erste Schritt Richtung Faschismus. Wir brauchen freien Diskurs, wie wir beide ihn gerade hier pflegen um die offene Gesellschaft zu erhalten.

    Trotzdem handelt es sich beim „Islamismus“ um eine gefährliche totalitäre Ideologie, deren Anhänger eine weltweite Bedrohung darstellen, der man sich widersetzen muss. Solidarität zu den Opfern ist auch gut und wichtig, aber natürlich darf es nicht zu einer unbegründeten Nibelungentreue führen, auch oder erst recht nicht wenn es um die Mittel der Terrorbekämpfung geht.

    Kommentar von CK | November 18, 2015

  2. Kommentar von CK | Dezember 1, 2015

  3. Ich finde ja vieles ganz gut, was da steht, aber … das Polemisieren gegen den Begriff der Kollateralschäden ist mir doch entschieden zu billig. Was soll einen Satz wie „Wer Wörter wie Kollateralschaden benutzt, braucht sich nicht für die Menschenrechte zu feiern.“ rechtfertigen?

    Kommentar von Muriel | Dezember 30, 2015


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: