L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Jo2015 statt Nee2015.lu

Die drei Fragen zum Referendum lassen natürlich Befürworter und Gegner ihre virtuellen Federn schwingen. Vor kurzem hat sich eine Online-Seite ganz dem „Nein“ gewidmet.
Nachdem Bill Wirtz hier bereits die Argumente gegen das Ausländerwahlrecht zu Genüge auseinander genommen hat, widme ich mich nun den Argumenten, die die Seite ihren Kritikern widmet.

Man kann hier das ganze für und wider im Wortlaut nachlesen. Ich habe trotzdem, auch um dem Vorwurf der Verfälschung zu entgehen, beschlossen den genauen Wortlaut (bis auf eine kleine Kürzung) zu übernehmen.

– D’Auslänner schaffen jo zu Lëtzebuerg an bezuelen hei Steieren an Kotisatiounen, also hunn si och en Recht fir matzedécdéieren.

NEE, an deem Sënn dierften jo nëmmen nach déi Leit wielen déi hei am Land Steieren bezuelen. All déi Leit mat klengen Paien, déi Aarbechtslos, Hausfraen, Studenten an déi Lëtzebuerger, déi am Ausland wunnen, kéinten dann jo net méi wielen. An dann hätten mer erëm en Wahlsystem wéi virun 1919: Den sougenannten „suffrage censitaire“ bei deem just déi räich Leit konnte wielen goen, déi och genuch Steieren bezuelt hunn.




Hier geht das Gegenargument von nee2015 am Kern der Kritik vorbei: Es geht nicht um den „suffrage censitaire“, den zu kritisieren ist keine Kritik am Ausländerwahlrecht. Die Verbindung, die da gemacht wird, ist eine Unterstellung und keine logisch zwingende Argumentationslinie. Das Anfangsargument besagt nur, dass derjenige, der zum Land beiträgt, schonmal gar nicht ausgeschlossen werden soll. Daraus kann man nicht folgen, dass das Argument besagt, dass dann nur derjenige, der beitrage, wählen dürfe.
Aber eine Diskussion darüber zu führen ist an dieser Stelle scheinheilig. Der Sinn hinter solchen Aussagen ist kein inhaltlicher, sondern ein rhetorischer: durch die Retorsion sollen die Gegner in die Defensive gedrängt werden.

– An Neuseeland gëtt et och en Auslännerwahlrecht.
Dat stëmmt souguer, mä fir an Neuseeland iwwerhaapt eran ze kommen ass ganz schwéier. En Immigrant muss zum Beispill folgend Konditiounen erfëllen:
– eng gutt Gesondheet hunn
– Charakterlech einwandfräi sinn
– d’Nationalsprooch beherrschen
– net méi al sinn wéi 55 Joer
Dat ass also sou wéi wann mir just déi Auslänner géifen eran loossen déi eis Sprooch schonn schwätzen! […]


Was andere Länder machen, ist keine Grundlage dafür, was wir (oder überhaupt jemand) machen sollen. Als kleines Land inmitten von Europa haben wir eine ganz andere Situation als Neuseeland, hier steht ein sehr kleines Transitland, internationale (Bank-)Geschäfte, EU-Institutionen, bürokratiearme Zusammenarbeit mit den Nachbarn (ja gar Abhängigkeit von ihnen) gegenüber einem großen Inselstaat.

Überhaupt schwingt hier, hoffentlich ungewusst, eine weitere Bedeutungsebene mit, denn nur wer Hürden überwindet um nach Neuseeland immigrieren zu dürfen, darf dort wählen auch wenn er Ausländer ist. Nur, was sagt das über den Ausländer aus? Im Grunde nichts, die Trennung zwischen dem guten und schlechten Ausländer steht hier versteckt im Hintergrund und offenbart eine ideologische Basis im Argument, die nicht dahingehört, wenn man sich doch von genau jenen, die diese Basis offen vertreten, distanzieren will. Wer sagt, dass das Ausländerwahlrecht annehmbar ist, wenn die Immigrationshürden hoch sind (denn das besagt das Argument), nimmt diese Trennung allerdings vor.
Die Sprache als Beispiel für Integration zu nehmen ist, gegenüber einem großen Land mit der Weltsprache Englisch als Nationalsprache, dann schon fast unfreiwillig komisch. Freuen wir uns doch, dass wir gleich mit drei Sprachen dienen können, anstatt so sehr auf unserem Dialekt (und linguistisch gesehen ist es nicht anderes, lasst euch keinen politisch motivierten Mumpitz aufbinden!) zu beharren.

– D’Nationalitéit spillt haut keng Roll méi.
Dach! Op der Welt ginn et ronn 200 Staaten, also 200 Natiounen. An wann mir d’Situatioun op der Welt kucken, och an der Europäescher Unioun, dann gesi mir, dass d’Nationalitéiten erëm eng ëmmer méi wichteg Roll spillen. Wann mir als eenzegt Land eis Nationalitéit opginn dann fueren déi aner Natiounen Schlitt mat eis!

Ja, Nationalitäten spielen eine immer wichtigere Rolle in Europa. Das ist aber keine gute Entwicklung, sondern eine im Kern bestenfalls europakritische und unter Umständen sogar nationalistische Reaktion. Die Rückkehr des Nationaldenkens ist keine Entwicklung, die ich in irgendeiner Weise gutheißen will. Deswegen wendet sich das Argument in meinen Augen gegen sich selbst.
Zudem, „Aufgeben“ der Nationalität des Landes wegen des Ausländerwahlrechts ist dann doch eine übertriebene Aussage. Das ist wieder eine Assoziation, die jeder logischen Grundlage entbehrt.

– Déi Lëtzebuerger Sprooch ass en „facteur d’exclusion“ an déi politesch Debatten sollten op franséisch gefouert ginn.
NEE! Lëtzebuergesch ass eis Nationalsprooch an eis Mammesprooch. Mir loossen eis de Mond vu Kengem verbidden. Vill Auslänner léieren Lëtzebuergesch an verstinn dann och déi politesch Debatten.




Das Argument kenne ich nicht und wirkt vielleicht wirklich etwas streng. Ein Argument gegen das Ausländerwahlrecht ist es aber nicht, eher eine Kritik an Forderungen von z.B. der ASTI und die hat auch in diesen Diskussionen zu bleiben, egal, wie man dazu steht. Dahinter steht die Angst, dass, wenn A dann B eintreten müsste. Nur ist die Folgerung nicht zwingend. Auch hier also ein logischer Fehlschluss. Und dass man sich „den Mund nicht verbieten“ lasse ist da eh rhetorisch wie inhaltlich fehl am Platze.

– Et ass dach egal wéi een Pass een huet.
NEE
Éischtens: Spéitstens dann wann een muss reesen ass dat guer net méi egal. Well deemno wéi een Pass, dass een huet gëtt een an deenen verschiddenen Deeler op der Welt, op dat elo zum Beispill an Afrika, an China oder am Venezuela ass, ganz anescht behandelt. An et interesséiert déi och net wou een wunnt mä just wat een ass.
Zweetens: En Auslänner muss sech un d’Gesetzer vun sengem Heemechtsland halen. 1. Beispill: Zwee Katarien déi zu Lëtzebuerg wunnen mussen sech un d’Gesetzer vum Katar halen. 2. Beispill: Een Amerikaner deen zu Lëtzebuerg wunnt muss sech un amerikanesch Gesetzer halen. An wann en dat net mécht dann kënnen se him de Pass ewech huelen. Dat kann Lëtzebuerg net.

Erstens (ja, ich wiederhole mich): es ist ziemlich egal, was andere Länder in ihrer Situation machen, hier geht es darum, was wir, hier und jetzt in unserer Situation machen können. Selektiv kann man dann alles für und gegen das Wahlrecht der ausländischen Mitbürger in Luxemburg verwenden.
Zweitens: Ein Bewohner Luxemburgs muss sich an die luxemburgischen Gesetze halten. Ein Brite wird hier nicht auf der Straße links fahren dürfen.
Mir fällt hier auf, dass wieder zwei Sachverhalte vermischt werden. Warum es beim Ausländerwahlrecht plötzlich um Gesetze (und damit urplötzlich ausländische Gesetzesbrecher) geht, entzieht sich meinem Verständnis.
Desweiteren „bin“ ich weder mein Pass noch meine Nationalität. Und wie ich als Reisender in anderen Länder administrativ behandelt werde, hat nichts mit dem Ausländerwahlrecht zu tun.

– Lëtzebuerg huet keng eegen Identitéit, kann also och keng verléieren.
Schlëmm genuch dass een sech sou Saachen muss unhéieren!

Die meisten Dinge, die wir als „Identität“ betrachten, sind Erfindungen des 18ten und 19ten Jahrhunderts. Davor hat sich niemand in der Form um „Identität“ geschert. Das, was wir als Identität bezeichnen, sind über weite Strecken sich selbst perpetuierende Narrative. Oder weniger akademisch gesagt: Wenn wir von Identität sprechen sind das Selbstbilder und Zuschreibungen, die einem enormen Wandel unterliegen und uns in ihrer langsamen und generationenübergreifenden Wiederholung als Konstante erscheinen. Da es Jahre dauert, bis sich so etwas festsetzt, merkt der einzelne Mensch selten, wie unsinnig das Konzept von Identität eigentlich ist. Die Weigerung überhaupt die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass Identität keine (gottgewollte/natürliche/historische) Konstante ist und jegliche Diskussion darüber zu unterbinden, zeugt von einer gewissen Naivität, um nicht zu sagen Engstirnigkeit.
Zudem ist es unmöglich zu definieren, was gerade luxemburgische Identität bedeutet. Ich gehe nicht in die Oktave, habe ich deshalb keinen Anteil an der luxemburger Identität? Ich spreche Luxemburgisch. Aber auch Deutsch, Französisch, Englisch und in Ansätzen andere Sprachen, teile ich deswegen auch deren Identität? Das Konzept von Identität wird sehr schnell schwammig und ungenau und deshalb kann es so beliebig eingesetzt werden. Kurz: Ja, solche Sachen soll man sich anhören und auch ernst nehmen.

– Zu Lëtzebuerg wunnen ëmmer méi Auslänner, elo bal 45%. Déi Leit dierfen net matwielen fir d’Chamberwahlen. Déi Situatioun ass eng Gefor, fir de sozialen Zesummenhalt an d’Zukunft vun eisem Land.
NEE, d’Zesummeliewen zwëschent Auslänner an Lëtzebuerger ass gréisstendeels ganz gutt, an et ass iwwerhaapt keng Gefor do. D’Auslänner akzeptéieren iwwregens ganz gutt dass si net fir d’Chamber wielen kënnen mä fir hier eegen national Parlamenter wielen.

1) Wenn das Zusammenleben so gut ist, braucht man sich ja nicht vor den demokratischen Überzeugungen der Ausländer zu fürchten, oder?
2) Akzeptieren kann auch bedeuten, dass man sich einem nicht zu ändernden Schicksal fügt. Wir können es aber ändern.
3) Wer hier sein Leben lang, oder auch nur einige Jahre, lebt, soll auch hier seine Stimme abgeben dürfen. Immerhin nimmt er dann am demokratischen Minimum teil dort gehört zu werden, wo er lebt. Es ergibt keinen Sinn für die Fremde zu wählen, wenn man nicht da lebt (außer man fühlt sich seinen Wurzeln verpflichtet). Und warum sollte also ein Anmeldepapier nicht ausreichen um auszudrücken „hier will ich sein“ und damit zu legitimieren dieses „hier“ mitzubestimmen.

– Et ass dach inakzeptabel, dass déi netlëtzebuerger Awunner déi selwecht Pflichten, awer net déi selwecht Rechter wéi d’Lëtzebuerger hunn.
NEE well, éischtens ass dat an all Land vun der Welt esou: En Auslänner kann nun mol net Chef vun eisem Geheimdéngscht ginn oder Generol vun eiser Arméi. An zweetens huet den Auslänner net déi selwecht Pflichten vis-à-vis vum Staat wéi den Lëtzebuerger: En Auslänner kann zum Beispill net fir en Militärdéngscht oder ähnleches gezwongen ginn. Doriwwer eraus ass et méiglech dass de Staat engem Lëtzebuerger de Pass anzitt. Dat ass awer net méiglech bei engem Auslänner.

Sie konnten/können Direktor von der Arbed (die wohl mehr die luxemburgische „Identität“ geprägt hat als die Sprangprozessioun) oder der Uni Luxemburg werden. In der Tat kann man drüber diskutieren ob nicht andere Berufe geöffnet werden könnten. Ebenso sollte auch kein Inländer zum Militärdienst gezwungen werden können. Der Status quo ist keine Rechtfertigung, wenn er selbst kritikwürdig ist. Und mit dem Pass: Das hat nichts mit dem Ausländerwahlrecht zu tun, und die Seltenheit solcher Einziehungen (der Pass ist immerhin ein staatliches Dokument und keine Eigenleistung) rechtfertigt nicht eine Trennung zwischen Inländer und Ausländer zu diagnostizieren. Zudem: Der Staat hat weiterhin das Abschieberecht, was wohl dem Passentzugsrecht analog gesehen werde kann.

– 1919 kruten d’Fraen d’Wahlrecht an d’Auslännerwahlrecht ass mam Fraewahlrecht ze vergläichen.
NEE, dëst Argument ass eng Frechheet fir all Fra well et d’Bedeitung vun deem Fraewahlrecht vun 1919 erofspillt. D’Auslänner dierfen awer am Géigendeel zu de Fraen deemools schonn wielen, an zwar fir dat Land wou si och de Pass hunn.

Es ist durchaus zu vergleichen: Eine große Zahl an Bürgern ist von dem eigentlich durch die Demokratie gewährleisteten Recht ausgeschlossen die eigene Umwelt durch den Gang zur Urne zu beeinflussen und gehört zu werden. Herabgespielt werden hier die Leistungen der Frauenbewegung vor allem durch die gestellte Empörung, die in diesem Gegenargument zu finden ist. Aber auch hier: Retorsion ist keine Argumentation.

Es gibt auf nee2015.lu keine Argumente gegen die Argumente für das Ausländerwahlrecht. Die Argumente fußen auf Assoziationen und Befürchtungen, logische Löcher und Gedankensprünge prägen das Gesamtbild. Bei dieser Vorgehensweise brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn sie in die Nähe derer gerückt werden, mit denen sie nach eigenen Angaben nichts zu tun haben wollen.

Oder um es mit den eigenen Worten von nee2015 zu sagen: „Net esou!“

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Mai 11, 2015 - Posted by | Allgemeines, Neues aus Luxemburg, Offene Gesellschaft | , , , , ,

4 Kommentare »

  1. Eine saubere Analyse! Es ist schon verwunderlich, dass man es nicht geschafft hat, bei der Fülle auch nur ein halbwegs korrektes Argument aufzustellen.

    Kommentar von Thomas K. | Mai 12, 2015

  2. Was sie aufbringen sind keine Argumente, lediglich ihre Meinung. Was sind ihre Argumente FUR das Ausländerwahlrecht, und wenn sie die genannt haben:
    Wie würden sie denn GEGEN ein Wahlrecht für Pendler argumentieren nach ihrer Argumentation für Ausländer? Ich bin gespannt.

    Kommentar von Florian | Mai 27, 2015

  3. Aufjedenfall ist gut zu erkennen wer keine Argumente hat, und nichts als in die Rechte Ecke drücken tut. Sie glauben dass nee2015 Angst schüren will, dabei sind sie es die dies tun indem sie alle die nee wählen wollen, als rechtsradikal abgestempelt und auf eine populistische Art und Weise das als Katastrophe darstellen wenn es Leute gibt die eher in der rechten Ecke sitzen als in der Linken. Wann bitte hat nee2015 sich auf ihren Niveau abgelassen und Meinungen geäussert über die Gesamtheit der Leute die Jo wählen wollen?

    Kommentar von Florian | Mai 27, 2015

  4. Wann bitte hat nee2015 sich auf ihren Niveau abgelassen und Meinungen geäussert über die Gesamtheit der Leute die Jo wählen wollen?

    Andauernd.

    Und ich sehe anhand Ihrer Äußerungen und Vorwürfen, dass Sie an einer anständigen Diskussion nicht interessiert sind. Lesen Sie den Text nochmal richtig oder lassen Sie es sein, aber mit Ihrer Art erweisen Sie den normalen Nee-Sagern einen Bärendienst. Und mir die Bestätigung, dass ich nicht komplett falsch liege mit meinem Text.

    Kommentar von JayJay | Mai 27, 2015


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