L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

„Die Wähler sollen entscheiden…“ – eine weitere Replik

Eins vorweg: ich habe die Petition gegen Frauenquoten unterschrieben. Einfach weil ich aus Prinzip massiv gegen Quotenregelungen bin und vor allem die Autonomie der Parteien jederzeit vor Staatszwang verteidigen werde. Nicht weil ich gegen mehr Frauen in der Politik bin (im Gegenteil, das fände ich sogar gut !) oder dem von Luis freundlicherweise hier geposteten Artikel meines Schachkollegen Tom Weidig und seiner diversen Mitstreiter notwendigerweise wortgetreu zustimme.

Als Unterschreibender will ich kurz auf die (negative) Antwort meines Bloggerkollegen JayJay zum ersten Artikel eingehen.

Die biologistisch-genetische Erklärungen laufen ins Leere, das sind reine Mutmaßungen (zumal dann ja alle Frauen so wären).

Ich muss zugeben, dass ich selber sehr oft evolutionspsychologische / biologische Erklärungen äußerst interessant und durchaus einleuchtend finde, was nicht bedeutet dass sie unbedingt wahr sein müssen. Bei so manchem hoffe ich sogar, schon allein aus persönlichem Eigeninteresse, dass sie es nicht sind. Und selbst wenn sie es wären, kann der kulturell-zivilisatorische Layer über dem „Naturlayer“ immer noch gegensteuern (wir alle sind schließlich ein Produkt von Natur UND soziokulturellem Umfeld, in welchem konkreten Verhältnis auch immer). Bei dem Einen wäre diese Gegensteuerung allerdings ggf. stärker als bei dem Anderen, wie auch die Natur selber bereits Variationen zulässt. Dies würde eine gewisse Streuung erklären mit auffälligen „Ausnahmen“ aber eben auch einer gewissen „Mainstream-Art“. Es sind also eh nie ALLE Frauen oder Männer „so“, sondern eine „breite Mehrheit“ (in dieser bestimmten Kultur oder sogar global) hat diese „relativ ähnlichen Charakteristika“. Statistische Verteilungen sagen bekanntlich nichts über den Einzelnen aus, sondern tätigen mehr oder weniger verlässliche Aussagen über eine bestimmte Gruppe, ein bestimmtes Kollektiv.

Ob nun Männer politikinteressierter als Frauen sind? Subjektiv kommt es mir so vor. Genaue Statistiken kenne ich aber bisher nicht. Tatsache ist aber jedenfalls, dass die Parteien Probleme haben, Frauen zu rekrutieren und auch in anderen politischen Organisationen (außer wohl in feministischen Organisationen) herrscht Männerüberschuss. Wieso das so ist, bleibt näher zu analysieren. Ich kann jedoch nur sagen, dass meiner Erfahrung nach, politisch interessierte Frauen sofort mit Kusshand aufgenommen werden würden. Auch wenn ich persönlich jetzt nur für die DP und die JDL sprechen kann (allerdings mal fairerweise annehme, dass es in den anderen Parteien und Jugendparteien auch kaum anders ist): ich habe während meiner Präsenz in Versammlungen noch nie erlebt, dass Frauen diskriminiert werden. Sie dürfen genauso ihre Meinung sagen wie Männer, ihre Meinung wird auch genauso ernstgenommen und sie dürfen sich organisatorisch genauso einbringen wie Männer. Wegen der geringeren Frauendichte ist es für sie oft sogar leichter auf eine Wahlliste zu kommen (zwar gibt es keine offizielle Frauenquote, aber keine Partei will nur Männer auf der Liste haben). Spezifisch auf „meine“ Escher Lokalsektion bezogen, kann ich sogar sagen, dass wir zwar mehr männliche als weibliche Mitglieder haben, letztere aber nicht selten den Löwenanteil der Arbeit übernehmen. Wir haben auch eine Präsidentin, unter den beiden Vizepräsidenten ist eine Frau und die Kassiererin ist eine Frau. Bei den offiziellen Ämtern herrscht also Geschlechterparität (3:3).

wenn wir weiterhin in einem Umfeld leben, das weibliche Arbeit niedriger bewertet als männliche? Ein Umfeld, das Frauen durch ihre Kleidung und Aussehen mehr definiert als durch fachliche Kompetenz? Das Frauen im allgemeinen in niedrig angesehene Jobs abdrängt?

Dass Frauen vor allem optisch bewertet werden, ist in der Tat ein gesellschaftliches Problem, dem wir durch Aufklärung entgegenwirken müssen. Richtig ist auch, dass viele Frauen in weniger gut bezahlten Jobs (bspw. im Gesundheitssektor) arbeiten. Oder gleich sozial sehr wertvolle und oft nicht genug gesellschaftlich anerkannte unbezahlte Arbeit leisten (Kindererziehung, Hausarbeit, familiäre Pflege, ehrenamtliche Tätigkeiten in Vereinen…) Hier müssen kreative Lösungen zwecks besserer Vereinbarkeit von Beruf und Familie gefunden werden. Gewisse soziale Bereiche sollten meines Erachtens auch entmonopolisiert werden und die Bürger müssen einsehen, dass gerade soziale Dienste wichtig sind und eine „Geiz ist geil“-Mentalität bei solchen nicht angebracht ist.

Angriffe gegen unliebsame Frauen sind auch häufig auf dieser Linie anstatt ihre Argumente aufzugreifen.

Das ist leider wahr. Es ist heute aber generell ein Problem, dass ad-hominem-Angriffe sachliche Argumentation ersetzen. Nur dass bei Männern diese weniger spezifisch auf Kleidung und Aussehen reduziert sind.

Aber es gibt Codes und Mythen, nach denen wir unser Leben ordnen. Und leider sind diese Codes und Mythen alles andere als aufgeklärt. Das „größere Interesse der Männer“ und die „von Frauen selbst gesetzten Prioritäten“ als naturgegebene Konstanten sind Beispiele solcher Mythen: es gibt keine Erklärung dafür, dass die Welt so sein muss.

Richtig. Und die Welt muss auch nicht so bleiben wie sie heute ist. Ich glaube persönlich, dass wir (ganz ohne Quoten!) in der Zukunft mehr Frauen in hohen Wirtschaftspositionen und in der Politik sehen werden und hätte vermutlich dies auch im Artikel erwähnt, wäre ich an seiner Aufsetzung beteiligt gewesen. Die Frauen sind am Aufstreben und das ist auch gut so.

Frauen, die etwas „bewegen wollen und talentiert sind“ bekommen gerade in diesem Monaten massiv Gegenwind. Nein, keinen kritischen, inhaltlichen Gegenwind, sondern Häme, Shitstorm und sogar Drohungen. In einem solchen Klima lassen sich viele entmutigen.

Stimmt. Das ist eine verdammte Schande. Von den Drohungen an Anita Sarkeesian bis hin zu den abfälligen Bemerkungen gegen Familienministerin Corinne Cahen: all dies ist komplett unentschuldbar und gehört massiv angeprangert.

Es beinhaltet, vermutlich ungewollt, eine Herabstufung der Frau, die eben aus natürlichen Ursachen nicht so viel erreichen könnte wie ein Mann. Die Unsichtbarkeit herausragender Frauenfiguren legitimiert so im Nachhinein deren Unsichtbarkeit. Das ist nicht nur logisch fragwürdig, sondern auch menschlich.

Wieso sollte eine Frau nicht so viel erreichen können wie ein Mann? M.E. gibt es dafür keinen Grund. Egal in welchem Bereich (mal abgesehen von Berufen, die enorme körperliche Kraft erfordern). Dass es oft weniger weibliche Vorbilder gibt, liegt daran, dass viele Frauen tatsächlich für ihre Familie beruflich Opfer bringen, die viele Männer so nicht bringen würden (ob nun natur- oder kulturbedingt.) Hier mag sich manches ändern müssen.

Und damit steht die Petition auf der ideologischen Grundlage eines Backlash, wie wir ihn seit einigen Jahren erleben. Zu behaupten, dass alles in Ordnung sei, und wir eine offene Gesellschaft haben, ist, nicht zuletzt wegen #gamergate und ähnlichen reaktionären Bewegungen (wie die Proteste gegen die Ehe Homosexueller in Frankreich), ein sehr kritikwürdiger Punkt. Eine “Schwächung der Demokratie” ist es, das Bestehende durch solche Argumentation zu unterstützen.

Vollste Zustimmung. Wir müssen noch viel für eine wirklich offene und tolerante Gesellschaft tun.

Altersdiskriminierung gibt es und sollte nicht gutgeheißen werden. Der Fall Lulling ist aber vermutlich anders gelagert.

Denke ich auch. Astrid Lulling war einfach schon ewig dabei. Unabhängig ihres Alters, war einfach mal Zeit Platz für neue Leute zu machen. Niemand sollte ewig an seinem Stuhl kleben.

Interessant dabei ist, dass der offene Brief Frauen in diese Reihe einreiht. Fällt was auf? Ja, hier wird Frausein als Einschränkung verstanden. (…) hier wird eine ganz eigenwillige Kategorisierung vorgenommen: Mensch sein heißt vor allem Mann sein. Alles andere ist sekundär: blind, stumm, stotternd, im Rollstuhl, Frau.

Diese Kritik mag nicht falsch sein. Nur ist diese Aufzählung wirklich die Schuld der Petitionäre? Ist es nicht vielmehr so, dass in der Politik seit Jahren bereits so getan wird, als bräuchten Frauen eben aufgrund ihres Frauseins Hilfe vom Papa Staat, als seien sie ebenso im Leben eingeschränkt und Sonderprogramme bedürftig wie Behinderte? Ist es nicht seit Jahren wahnsinnig, dass man bei Minderheitenrechte eben nicht nur an Homosexuelle, Ausländer, Juden oder eben Behinderte denkt, sondern immer auch an Frauen, die immerhin die Hälfte der Bevölkerung ausmachen?

Wenn da steht „Warum soll nur nach Geschlecht unterschieden werden? Wir haben ein Geschlecht, ein Alter, vielleicht eine Behinderung, eine Religionszugehörigkeit, einen Bildungshintergrund usw.“, so sagt das meiste davon etwas über unsere Fähigkeiten, unseren Hintergrund und Erfahrungen aus (die aber generell der betreffenden Person nicht äußerlich angesehen werden). Was hat Geschlecht in dieser Auflistung zu suchen? Wenn es nicht von Natur aus Unterschiede zwischen Männlein und Weiblein gibt, wie in Politik gehandelt wird, dann gehört „Geschlecht“ nicht in diese Aufzählung.

Wie in Politik gehandelt wird, hängt wohl kaum bis wenig vom Geschlecht ab, sondern mehr von den eigenen Ideen. Insofern ist Geschlecht in der Tat überhaupt kein entscheidendes Kriterium für den Wähler. Im Gegensatz zu einer etwaigen Religionszugehörigkeit, die möglicherweise die politische Meinung des Kandidaten zu gesellschaftlichen Themen beeinflusst. Umso bescheuerter sind dann Frauenquoten jedoch, da sie überhaupt kein Mehr an politischer Vielfalt schaffen und das Geschlecht eben nichts über die politischen Fähigkeiten einer Person aussagt. Und es sind ja auch gerade nicht die Petitionäre, die von „Frauenthemen“ reden, sondern vielmehr manche Befürworter der Quote.

Wie gesagt, ob die Quotenreglung Sinn ergibt oder vielleicht gar verfassungswidrig ist, kann ich nicht beurteilen und will es auch gar nicht.

Ob sie verfassungswidrig ist oder nicht, kann ich als juristischer Laie ebenfalls nicht beurteilen. Ich halte Quoten jedoch für kontraproduktiven Unsinn, der im Grunde nur die Vorurteile gegenüber Frauen als dem schwächeren Geschlecht bestärken würde.

Die Dichte an sexistischen Muster ist viel zu groß, als dass ich das unterschreiben oder auch einfach nur unkommentiert auf dem Blog stehen lassen kann, der eigentlich das Fortschrittliche mit dem Freiheitsgedanken verbinden will.

Im Gegensatz zu JayJay finde ich, daß Begriffe wie Sexismus/Rassismus/Antisemitismus heute oft zu inflationär benutzt werden. Für mich drücken solche Begriffe Ressentiments aus. Sexismus wäre demzufolge, wenn ich eine herablassende Art, Abneigung oder sogar Hass gegenüber Frauen oder dem, was ich als „weiblich“ wahrnehme, verspüre. Dergleichen kann ich aus dem Text mitnichten herauslesen. Heute werden diese Begriffe jedoch oft bereits bei „(negativen) Vorurteilen“ benutzt. Henryk Broder hat den Unterschied zwischen „Vorurteile“ und „Ressentiments“ in einem Video zum Thema „Antisemitismus“ einmal schön erklärt. Wohlverstanden gehören auch bereits Vorurteile- von denen leider kein Mensch frei ist!- bekämpft und der Text mag mit umstrittenen biologistischen Annahmen gespickt sein, über die geredet werden sollte, aber Sexismus kann ich den Autoren nicht vorwerfen, da ich keine Ressentiments gegen Frauen herauslesen kann.

Ich will den Autoren nichts vorwerfen, nur der Text selbst ist leider eine Ansammlung von gegenaufklärerischen Momenten, die in der momentanen Stimmung gegen den Feminismus schnell falsche Freunde anlockt.

Vor falschen Freunden muss man immer gefeit sein. Falls diese auftauchen, kann man sich immer noch von ihnen distanzieren und seine Meinung sorgfältiger herausarbeiten. Was nun den Feminismus angeht: es gibt ja nicht den EINEN Feminismus, sondern diverse Strömungen. Es stimmt, dass es momentan antifeministische Kritik gibt, die man als Liberaler nicht gutheißen kann, es gibt aber durchaus auch berechtigte sachliche (ja gar inner-feministische) Kritik am, nennen wir es einmal Mainstream-/“Radikal“-/Emma-/Alice-Schwarzer-Staatsfeminismus, welcher nicht inklusiv genug ist, bspw. SexarbeiterInnen und Transfrauen ausgrenzt und/oder paternalistisch bevormunden möchte, man lese dazu meinen eigenen Artikel „Der Feminismus und ich“ oder auch Sonja Dolinseks Blogpost zu ihrem Hashtag „#meinFeminismus„.

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November 18, 2014 - Posted by | Offene Gesellschaft, Toleranz | , , , , , , ,

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