L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

„Die Wähler sollen entscheiden…“ – Eine Antwort

Eine Petition gegen die Quote von 40% bei der Besetzung der Wahllisten von Parteien wurde eingereicht. Parteien, die sich nicht daran halten, bekämen weniger Geld vom Staat. Soweit der Vorschlag. Dagegen regt sich natürlich Protest, warum auch nicht. Die Frage ist nun das „Wie?“. Und hier versagt ein offener Brief zur Petition.

Ein Rechtfertigungsansatz ist: Die Nicht-Gleichverteilung der Geschlechter in den Parteien spiegele die Geschlechterverteilung in der Gesellschaft. Nur weil man sich das so ausrechnet, ist damit nichts über einen Soll-Zustand gesagt. Wobei, genaue Zahlen würden mich interessieren, kein ungenaues Raten aufgrund eigener Erfahrungen oder Einschätzungen. Es gibt großartige Politikerinnen, Musikerinnen, Schauspielerinnen, Managerinnen, Philosophinnen, Schriftstellerinnen, Game-Designerinnen, Autofahrerinnen, Komponistinnen, Mathematikerinnen, Geologinnen, etc.etc. Nur warum sieht man sie nicht? Die biologistisch-genetischen Erklärungen laufen ins Leere, das sind reine Mutmaßungen (zumal dann ja alle Frauen so wären). Bleibt die soziologische Komponente. Und die wird im besagten Petitionstext nicht erwähnt, ja indirekt regelrecht negiert.

Die Behauptung Männer seien mehr an Politik interessiert und deswegen wären Quoten unsinnig, ist nicht haltbar. Vor Jahren behauptete man ähnliches über die Geisteswissenschaften. Im Nachhinein haben Frauen dort viel gemacht. Vor Jahrhunderten wurde angeblich noch behauptet, Frauen könnten keine Opern singen, wegen fehlendem Lungenvolumen, weshalb man Kastraten einsetzte. Noch vor knapp hundert Jahren galten Frauen nicht mal als fähig einen Wahlzettel auszufüllen. Die Beschreibung des Status quo legitimiert folglich nicht dessen Fortdauern. Den Petitionsanstellern ist es vermutlich nicht bewusst, aber sie bewegen sich in genau diesem sexistischem Narrativ, dass sie vordergründig zu bekämpfen vorgeben.
Allein auzufordern „Politik zu machen“ reicht nicht, wenn eine tief verwurzelte Erzählung über die Frau als anderes Geschlecht in unserer Gesellschaft herrscht. Der Wähler soll entscheiden – die Wählerin auch. Nur, was nutzt diese angebliche Entscheidungsfreiheit, wenn wir weiterhin in einem Umfeld leben, das weibliche Arbeit niedriger bewertet als männliche? Ein Umfeld, das Frauen durch ihre Kleidung und Aussehen mehr definiert als durch fachliche Kompetenz? Dass Frauen im allgemeinen in niedrig angesehene Jobs abdrängt? Kommen wir dann nicht bei einem Rollenverständnis an, dass Frauen zwar sagt, sie hätten alle Freiheiten, de facto aber entmutigt überhaupt etwas anzupacken? Bei Merkel und Thatcher wird häufig das Geschlecht zum Thema gemacht („Mutti“, „sieht aus / handelt wie ein Mann“, „warum dieser Ausschnitt beim Kleid?“, „Herr Sauer als First Lady“) obwohl diese Kategorisierung dort im Grunde nichts zu suchen hat. Also von wegen gleichberechtigt, ihre Definition läuft weiterhin viel über Körper und nicht Handlungen. Angriffe gegen unliebsame Frauen sind auch häufig auf dieser Linie anstatt ihre Argumente aufzugreifen. Unsere Gesellschaft hat da noch viel vor sich. Wer sich jetzt auf die Schulter klopft und meint, alles wäre doch offen und durchschaut, hat einen massiven blinden Fleck.

Ja, es gibt keine „Diskriminierung per Gesetz“. Jedenfalls keine derartig massive wie noch vor 40 Jahren. Aber es gibt Codes und Mythen, nach denen wir unser Leben ordnen. Und leider sind diese Codes und Mythen alles andere als aufgeklärt. Das „größere Interesse der Männer“ und die „von Frauen selbst gesetzten Prioritäten“ als naturgegebene Konstanten sind Beispiele solcher Mythen: es gibt keine Erklärung dafür, dass die Welt so sein muss. Und die gegebenen Hypothesen triefen nur so vor antiquarischen Denkmuster. Wenn man bis gesehen hat, wie weit die Begründung „Biologie“ in den letzten Jahrhunderten getrieben wurde um jede Inferiorität des Weiblichen zu „beweisen“, bemerkt schnell, dass man diesem Erklärungsansatz nicht trauen darf, bis Handfestes festgestellt wurde. Bislang ist davon aber außer Hypothesen nichts drin, es gibt kein Gen, das „mehr Interesse für Politik“ beinhaltet.

Im Vordergrund sollte der einzelne Mensch stehen und keine Gruppenzugehörigkeit, stimmt. Wenn wir aber mehr oder weniger unbewusst Narrativen folgen, die über die einzelne Frau hinwegsieht und stattdessen Gruppenangehörigkeit postuliert, ist die Forderung nur eine leere Wortblase. Frauen, die etwas „bewegen wollen und talentiert sind“ bekommen gerade in diesem Monaten massiv Gegenwind. Nein, keinen kritischen, inhaltlichen Gegenwind, sondern Häme, Shitstorm und sogar Drohungen. In einem solchen Klima lassen sich viele entmutigen.

Durch eine solche Petition, resp. durch die Erklärung der Motivation dahinter wird eher das Bild gestärkt, dass alles in Ordnung wäre (und indirekt den antifeministischen Ansatz bedient, dass Frauen endlich Ruhe geben sollten). Es beinhaltet, vermutlich ungewollt, eine Herabstufung der Frau, die eben aus natürlichen Ursachen nicht so viel erreichen könnte wie ein Mann. Die Unsichtbarkeit herausragender Frauenfiguren legitimiert so im Nachinhein deren Unsichtbarkeit. Das ist nicht nur logisch fragwürdig, sondern auch menschlich. Da ändern auch die drei genannten Beispiele nichts, Merkel, Thatcher, Reding. Neben diesen drei Rollenvorbildern stehen andere Rollenvorbilder, die es nie zur Sichtbarkeit gebracht haben (neben hunderten sichtbaren männlichen Rollenbildern). Legitimiert diese Aufzählung, dass jetzt alles in Ordnung und alles erreicht wäre? Die Geschichte der Gleichberechtigung am Ende wäre? Nach dem Petitionstext tut es das. Und damit steht die Petition auf der ideologischen Grundlage eines Backlash, wie wir ihn seit einigen Jahren erleben. Zu behaupten, dass alles in Ordnung sei, und wir eine offene Gesellschaft haben, ist, nicht zuletzt wegen #gamergate und ähnlichen reaktionären Bewegungen (wie die Massenproteste gegen die Ehe Homosexueller in Frankreich), ein sehr kritikwürdiger Punkt. Eine „Schwächung der Demokratie“ ist es, das Bestehende durch solche Argumentationen zu unterstützen.

Altersdiskriminierung gibt es und sollte nicht gutgeheißen werden. Der Fall Lulling ist aber vermutlich anders gelagert. Außerdem haben wir viele Politiker in Europa, die über 70 sind. Von systematischer Altersdiskriminierung kann keine Rede sein.
Das Argument, dass die Quoten dann ausgedehnt werden müssten zieht nicht. Ja, es gibt keinen blinden, stummen, stotternden oder berollstuhlten Minister. Interessant dabei ist, dass der offene Brief Frauen in diese Reihe einreiht. Fällt was auf? Ja, hier wird Frausein als Einschränkung verstanden. Dem ansonsten gesetzten, zumindest immer wieder beschworenen, Gleichheitsprinzip zwischen Männer und Frauen wird hier widersprochen. Es gibt also nicht den Menschen mit Blindheit, Stummheit, Stottern oder im Rollstuhl, hier wird eine ganz eigenwillige Kategorisierung vorgenommen: Mensch sein heißt vor allem Mann sein. Alles andere ist sekundär: blind, stumm, stotternd, im Rollstuhl, Frau. Es ist ein uraltes Muster, was hier reproduziert wird und die Verfasser nicht bemerken. Wenn da steht „Warum soll nur nach Geschlecht unterschieden werden? Wir haben ein Geschlecht, ein Alter, vielleicht eine Behinderung, eine Religionszugehörigkeit, einen Bildungshintergrund usw.“, so sagt das meiste davon etwas über unsere Fähigkeiten, unseren Hintergrund und Erfahrungen aus (die aber generell der betreffenden Person nicht äußerlich angesehen werden). Was hat Geschlecht in dieser Auflistung zu suchen? Wenn es nicht von Natur aus Unterschiede zwischen Männlein und Weiblein gibt, wie in Politik gehandelt wird, dann gehört „Geschlecht“ nicht in diese Aufzählung. Und wenn doch, sind wir, leider, im tiefsten Biologismus, der kann dann in Halbsätzen abgelehnt werden, im Endeffekt ist es die maßgebliche Einheit, wo sich das Individuum unterwerfen muss. Und sei es „nur“ im gesamtgesellschaftlichen Bild, das durch die Verfestigung solcher Bilder entsteht.

Wie gesagt, ob die Quotenreglung Sinn ergibt oder vielleicht gar verfassungswidrig ist, kann ich nicht beurteilen und will es auch gar nicht. Es geht mir um den Erklärungsansatz dieses offenen Briefes, der leider nicht zu bemerken scheint, dass er auf einer sehr wackligen Basis steht. Gut gemeint, aber im Land der antifeministischen Allgemeinplätze angekommen, bietet er Raum für die rückständigen Kräfte im Land. Hier findet sich der gemäßigte Kritiker des radikalen Feminismus ebenso wieder, wie der Sexist, der Frauen nicht auf Wählerlisten, sondern vor dem Herd stehen sehen will. Die Erklärungsmuster sind leider exklusiv gegenüber Frauen, nicht inklusiv. Die Eigenbezeichnung „rational“ gegenüber der „Ideologie“ der anderen, entspricht ebenfalls diesem Muster. Es ist ja nett, dass am Ende gesagt wird, die biologischen Eigenschaften sollen nicht im Mittelpunkt stehen, sondern der Mensch. Nur, was anderes als ein Biologismus ist es zu behaupten, dass Männer eben das größere Interesse haben? Auch wenn da kein „von Natur aus“ steht, klingt es deutlich mit. Und ebenso klingen die Zuweisungen mit, die nicht explizit genannt werden müssen und dennoch das größte Problem auf dem Weg zur Gleichberechtigung darzustellen scheint. Das hat sich bereits als Einbahnstraße erwiesen, warum also jetzt dieser Versuch die sich aufbrechenden Muster wieder zu verfestigen?

Kurz: ich kann das nicht unterschreiben. Egal wie ich zu Quoten auf Parteilisten stehe! Hier lodert im Hintergrund eine sehr sexistische Message mit, die Frauen als breite Masse direkt in die Zweitrangigkeit verwirft und indirekt diesen Umstand duldet, ja sogar unterstützt. Vordergründig so zu tun, als ob man im postideologischen Zeitalter angekommen ist und Geschlecht nicht zu sehen, heißt vielerorts leider auch, Benachteiligungen nicht zu sehen und sie so zu verstärken. Hier wird Diskriminierung ganz offen in den Bereich des Natürlichen verschoben. Und da angeblich Frauen keine Frauen wählen, wird die Schuld für das Versagen an sie gleich weiter gegeben. Die Dichte an sexistischen Muster ist viel zu groß, als dass ich das unterschreiben oder auch einfach nur unkommentiert auf dem Blog stehen lassen kann, der eigentlich das Fortschrittliche mit dem Freiheitsgedanken verbinden will.

Ich will den Autoren nichts vorwerfen, nur der Text selbst ist leider eine Ansammlung von gegenaufklärerischen Momenten, die in der momentanen Stimmung gegen den Feminismus (und wie das Beispiel „Zwarte Piet“ zeigt, genereller rechtskonservativer Backlash) schnell falsche Freunde anlockt. Entscheidet der Wähler also wirklich frei, wenn er, auch durch solche Rechtfertigungen, einem Klima ausgesetzt ist, das Diskriminierungen von Frauen konsequent verneint? Pflichtet er damit auch nicht jenen konservativen Stimmen bei, denen jedes Aufbrechen von verkrusteten Strukturen zuwider ist? Und schafft er damit nicht erst das Klima, das Frauen unterschwellig als sekundär ansieht? Was dann wieder herangezogen wird um Bilder zu verfestigen?

Ich bin mir sicher, dass das nicht die Intention war, aber das Endresultat ist leider so. Vielleicht nächstes Mal mehr Sorgfalt?

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November 18, 2014 - Posted by | Offene Gesellschaft, Toleranz | , , , , , , ,

2 Kommentare »

  1. >> Vielleicht nächstes Mal mehr Sorgfalt?

    Die Passage „Die biologistisch-genetischen Erklärungen laufen ins Leere, das sind reine Mutmaßungen (zumal dann ja alle Frauen so wären).“ zeigt, dass der Autor die biologische Wissenschaft ignoriert. Aber „never attribute malice to stupidity“, es fehlt ihm wahrscheinlich das Wissen und Denken der Naturwissenschaften.

    Der Halbsatz „zumal dann ja alle Frauen so waeren“ entlarvt seinen Wissenschaftsanalphabetismus. Alle Frauen so waeren??????

    Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Basketball spielen und die Koerpergroesse pro Geschlecht.

    Der Satz „Männer sind grösser als Frauen“ ist allgemein gueltig, aber er gibt natuerlich Frauen die groesser sind. Aber natuerlich behauptet keiner „das alle Frauen so (also groesser) waeren“ weil es falsch ist. Er tut er aber anscheinend.

    Und somit ist ein Teilerklaerung warum Maenner besser Basketball spielen gut beschrieben mit „Maenner sind groesser als Frauen“.

    Ausserdem gibt es KEINEN Biologen, der sagt dass menschlichen Verhalten nicht auch durch Soziales Lernen gepraegt ist, aber eben nicht nur.

    Kommentar von Tom Weidig | November 18, 2014

  2. Es ist richtig dass es keine Erklärung gibt dass die Welt so sein muss … aber es gibt auch keine dass sie anders sein sollte: warum also sollten wir sie nach einer bestimmten Vorstellung formen …

    Es ist nicht der Artikel der das Klima schafft in dem Frauen als unterschwellig sekundär angesehen werden, es sind die Quoten dir Frauen zu Quothilden werden lassen und so genau dieses Klima schüren. Wer glaubt denn das Frauen sich nicht auch ohne Quoten durchsetzen können? Und das werden sie, wie auch ihr Mitblogger schon ganz trefflich bemerkt hat!

    Kommentar von Philippe Meyers | November 18, 2014


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