L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Arprins Irrtümer bei seiner Verteidigung der Sterbehilfe

Bloggerkollege Jorge Arprin hält ein Plädoyer für die „Selbstbestimmung bis zum Ende„, womit er Sterbehilfe in all ihren Formen (aktive wie passive wie Beihilfe zum Suizid) verteidigt und die Legalisierung derselben verlangt.

Im Kern stimme ich ihm- wie eigentlich fast immer- zu. Jeder Mensch hat das Recht über sein Lebensende selber zu entscheiden. Doch begeht er in seinem Text einige Irrtümer, die ich hiermit gerne aufzeigen möchte.

Jorge schreibt:

Es ist schon absurd, Selbstmordversuche von gesunden Menschen unter Strafe zu stellen. Diese Probleme können nur durch persönliche Beratung gelöst werden (und mehr Menschen würden in Beratung gehen, wenn Selbstmord nicht unter Strafe stehen und gesellschaftlich tabuisiert wäre).

Ich gehe mal davon aus, dass wir hier über Europa sprechen, nicht über irgendwelche fernen Gottesstaaten (wo ein Selbstmordversuch immer noch strafbar sein mag, weil das eigene Leben ja Gott und nicht einem selbst gehört.) In Europa ist ein Suizidversuch schon lange nicht mehr strafbar. Im Gegensatz zu etwaiger Beihilfe oder gar Anstiftung zum Selbstmord.

Ein misslungener Suizidversuch kann jedoch zur Zwangseinweisung führen. Ob eine solche moralisch und/oder juristisch gerechtfertigt sein mag, ist sicherlich ein schwieriges Thema (welches eines eigenen Artikels bedürfte), jedoch handelt es sich hierbei nicht um eine Strafe (auch wenn der Betroffene es selber vielleicht so wahrnehmen mag), sondern um eine (dem Patienten ggf. aufgezwungene) Hilfeleistung.

Richtig ist natürlich, dass psychische Erkrankungen wie bspw. Depressionen leider gesellschaftlich tabuisiert sind, dem gilt es in der Tat entgegenzuwirken.

Sterbehilfe hat nichts mit Verachtung von Leidenden bzw. den Wunsch, sie zu “beseitigen”, zu tun.

Das stimmt. Nur ist die Sterbehilfe erst einmal implementiert, in welcher Form auch immer, wäre durchaus möglich, dass unmoralische Verwandte einen Sterbeskranken dazu drängen diese in Anspruch zu nehmen. Das ist meines Erachtens zwar kein ausreichender Grund für ein Verbot, sollte aber stets bedacht werden. Nicht nur von Konservativen. Gerade auch als (das Leben des Einzelnen achtender) Liberaler muss man stets wachsam bleiben und darauf achten, dass auch weiterhin gesellschaftlich alles unternommen wird um die Palliativmedizin qualitativ bestmöglichst zu optimisieren und nicht die u.U. billigere Alternative der Sterbehilfe zu sehr zu präkonisieren.

Einer der oft genannten Argumente gegen Sterbehilfe ist, dass es ein “Dammbruch” wäre und zur massenhaften Tötung von körperlich oder geistig kranken Menschen und schließlich allen “belastenden” Menschen führen würde (der Blogger “lindwurm” bezeichnete Sterbehilfe als “Abstieg in die Barbarei“). Doch in den Ländern, in denen Sterbehilfe legalisiert wurde, ist nichts dergleichen passiert.

Die bei diesem Thema ständig vorkommenden Vergleiche zum Euthanasieprogramm der Nazis nerven mich genauso wie Arprin, ich sehe jedoch durchaus die Gefahr eines Dammbruchs bei der in Belgien bereits angedachten Erweiterung der Sterbehilfe auf Minderjährige. Hier stellt sich die Frage inwiefern diese überhaupt bereits in der Lage sein sollen eine solche schwerwiegende Entscheidung wie das Beenden des eigenen Lebens zu treffen und falls nicht, ob eine solche ernsthaft allein den Eltern überlassen werden soll.

Die Frage der Entscheidungsfähigkeit stellt sich nicht minder bei geistig kranken Menschen. Oder soll es wirklich erlaubt sein einen suizidgefährdeten Depressiven totzuspritzen statt ihn zu therapieren? Ich bezweifle, dass Jorge diese Frage bejahen würde. Er würde also vermutlich- wie ich auch- eher darauf bestehen, dass Sterbehilfe nur und ausschliesslich bei unheilbar tödlichen Krankheiten erlaubt werden würde. Das belgische Gesetz ist jedoch viel lascher. Es erlaubt auch Sterbehilfe bei (körperlich völlig gesunden) Menschen, die psychisch schwer erkrankt und- dem aktuellen Forschungsstand nach- (angeblich?) nicht therapiebar sind. Oder gar durchaus therapierbar sind, aber nicht zur entsprechenden Therapiestelle gebracht werden können. Auch wenn der Euthanasierte in diesem Fall ein verurteilter Vergewaltiger und Mörder ist, dem ich keinerlei Sympathie entgegenbringen kann, bestürzt mich doch, wie unsere Zivilisation, die sich AUCH dadurch auszeichnen sollte, wie sie mit schlimmen Straftätern und möglicher Resozialisierung derselben umgeht, in der Tat tatsächlich- wie vom Lindwurm bereits geschrieben- in die Barbarei abzugleiten droht.

Ich empfehle Arprin zudem diesen Artikel von mir:
Doppelte Perversion

In jedem Land der Welt ist es legal, als Patient Behandlungen abzulehnen, die lebensrettend sein können, sowie lebenserhaltende Maßnahmen für Patienten abzuschalten, die nicht für sich selbst entscheiden können. Was nicht legal sein soll, ist eine Behandlung zu starten und diese dann aus freier Entscheidung zu beenden.

Aeh? Eine Behandlung (bspw. eine Chemotherapie gegen Krebs) kann von einem Erwachsenen jederzeit beendet werden.

Sofern Patient und Arzt zustimmen, sollte jede Form von Sterbehilfe legal sein, ob nun die vom Arzt vorgenommene “aktive”, “passive” und “indirekte” oder die “Beihilfe zur Selbsttötung”, bei der der Patient mit Hilfe des Arztes seinen Tod herbeiführt.

Dem widerspreche ich. Passive Sterbehilfe (iSv „lebenserhaltende Maschinen werden abgeschaltet auf Basis einer Patientenverfügung“) sollte legal sein, Beihilfe zur Selbsttötung in bestimmten Fällen (unheilbar tödliche Krankheit, freiwilliger Wunsch des mündigen, erwachsenen Patienten über einen bestimmten Zeitraum hinweg) ebenfalls, aktive Sterbehilfe (iSv „Arzt tötet aktiv den Patienten, bspw. mit einer Giftspritze“) ist jedoch ein absolut fragwürdiges Konstrukt.

Wer wirklich sterben möchte, der sollte in irgendeiner Weise sich aktiv an diesem Tötungsprozess beteiligen müssen (je nach Fall, mag diese Beteiligung natürlich anders aussehen bzw. eine jeweils andere Vorrichtung vonnöten sein.) Zum einem um nochmal eindeutig die Freiwilligkeit des eigenes Todeswunsches zu demonstrieren (quasi als Missbrauchsverhinderung), zum Anderen aus ethischen Überlegungen heraus. Ich finde es nämlich vollkommen unmoralisch, die Bürde des eigenen Freitodes auf die Schultern eines Anderen zu legen und kann persönlich daher eigentlich nicht nachvollziehen wie ein Arzt in den Benelux-Staaten eine solche Spritze überhaupt setzen kann. Schon gar nicht in den beiden oben angesprochenen Fällen. Dem würde ich mich persönlich verweigern. Wenn diese Männer sterben wollen, wieso töten sie sich nicht selbst, auf welche Art auch immer? Und falls sie Angst davor haben es selber zu tun, bedeutet dies nicht im Grunde, dass sie eigentlich nicht wirklich sterben wollen?

Jorge vs. CK

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November 17, 2014 - Posted by | Belgien, Deutschland | , ,

12 Kommentare »

  1. Danke für das Feedback. Bei dem ersten und zweiten Punkt stimme ich allem zu.

    Zum dritten Punkt: Ich finde es völlig falsch, Euthanasie bei Minderjährigen zu erlauben. Bei schwer Depressiven eher auch nicht, wobei ich mir hier nicht absolut sicher bin. Aber man kann diesen Fall nicht Minderjährigen vergleichen, denn Erwachsene sind in der Lage, eine solche Entscheidung zu treffen (bzw. ihre Schwere zu verstehen).

    Zum vierten Punkt: “Eine Behandlung (bspw. eine Chemotherapie gegen Krebs) kann von einem Erwachsenen jederzeit beendet werden.”
    Passive Sterbehilfe bedeutet ja, dass man eine lebenserhaltende Maßnahme abschaltet. Wenn das verboten ist, heißt das tatsächlich, dass man bestimmte Maßnahmen nicht abbrechen darf.

    Zum fünften Punkt: Bei Patienten, die nicht selbst in der Lage sind, sich z.B. eine Giftspritze zu verabreichen (kommt natürlich selten vor), während es einen Arzt gibt, der freiwillig dazu bereit ist, sollte aktive Sterbehilfe meiner Meinung nach schon erlaubt sein.

    Kommentar von arprin | November 18, 2014

  2. Danke für diese schnelle Replik!

    Ad 3)Die Frage ist halt ob Depressive in der Lage sind, eine solche Entscheidung zu treffen oder nicht vielmehr ihre Krankheit sie zum Tode drängt.

    Ad 4) Da geht es konkrekt um lebenserhaltende Maschinen (passive Sterbehilfe ist konkret, was bei Terry Schiavo gemacht wurde). Nicht um Behandlungen wie eine Chemo, die man jederzeit abbrechen kann.

    Ad 5) Cf. Kommentar von Carsten bei Dir 😉

    Kommentar von CK | November 18, 2014

  3. „Und falls sie Angst davor haben es selber zu tun, bedeutet dies nicht im Grunde, dass sie eigentlich nicht wirklich sterben wollen?“

    Nein. Viele Menschen haben Angst vor dem ersten Mal. Das bedeute aber nicht, dass sie es nicht wirklich wollen.

    Kommentar von Adrian | November 20, 2014

  4. @Adrian: Das stimmt. Aber Sex ist etwas was man zusammen dann macht. Man muss also seine Angst überwinden. Meiner persönlichen Ansicht nach, jetzt mal völlig unabhängig von Gesetzen, ist ein Sterbeswilliger es seinem Umfeld schuldig, dieses nicht mit einer Tötung moralisch zu belasten und ich würde mich auch persönlich weigern eine solche vorzunehmen. Das habe ich so auch bereits meinen Eltern bspw. in theoretischen Diskussionen gesagt. „Falls jemals einer von euch erlöst werden möchte, ich helfe euch an alles ranzukommen, was ihr braucht, aber ihr werdet das Zeug selber trinken. Ich bringe euch sicher nicht um!“

    Und ich finde es immer wieder wichtig darauf hinzuweisen, dass in der Schweiz aktive Sterbehilfe eben NICHT erlaubt ist (die gibt es nur in den Beneluxstaaten), Exit besorgt Dir nur den Cocktail.

    Darf ich fragen wie Du das persönlich so siehst? Könntest Du Dir vorstellen einen anderen Menschen totzuspritzen?

    Kommentar von CK | November 21, 2014

  5. @ CK
    „Darf ich fragen wie Du das persönlich so siehst? Könntest Du Dir vorstellen einen anderen Menschen totzuspritzen?“

    Kommt auf die Umstände und die Situation an, aber ich würde sagen: Ja.

    Kommentar von Adrian | November 22, 2014

  6. @Adrian: Ok. Da sind wir uns dann uneinig 😉

    Da ich weiterhin neugierig bin: wie denkst Du über die beiden Fälle des a)Transsexuellen, b) des verurteilten Vergewaltigers und Mörders? M.E. sind beide Fälle eine Perversion.

    Kommentar von CK | November 22, 2014

  7. @ CK
    „wie denkst Du über die beiden Fälle des a)Transsexuellen, b) des verurteilten Vergewaltigers und Mörders? M.E. sind beide Fälle eine Perversion.“

    ich weiß nicht, welche Fälle Du meinst.

    Kommentar von Adrian | November 28, 2014

  8. „Hast Du die Links im Artikel nicht angeklickt?“

    Nee, mach ich selten. Ich verlasse mich darauf, dass der jeweilige Blogger weiß, was er schreibt, die Kernaussagen der Verlinkten Artikel in seinem Beitrag unterbringt und nicht falsch zitiert 🙂

    Zu den Fällen: Wo siehst Du da das grundsätzliche Problem? Beide wollten sterben.

    Kommentar von Adrian | November 28, 2014

  9. @Adrian: Das ist nicht das, was ich mir unter „Sterbehilfe“ vorstelle. Ich dachte immer und denke es nach wie vor, dass es dabei drum geht/gehen sollte, todkranken Menschen einen selbstbestimmten, möglichst schmerzfreien Tod zu ermöglichen, sozusagen das unabwendbare Sterben humaner zu gestalten.

    Hier haben wir es aber urplötzlich mit psychisch kranken, aber körperlich vollkommen gesunden Menschen zu tun, die totgespritzt werden/würden (Van den Bleeken lebt ja noch).

    Kann ein psychisch kranker Mensch, sagen wir ein Depressiver, überhaupt mündig über seinen Freitod bestimmen oder ist sein Sterbenswunsch nicht vielmehr Ausdruck seiner Krankheit? Viele Menschen, die mal suizidgefährdet waren, sind es heute dank Therapie (in manchen Fällen sogar nach einer Zwangstherapie) nicht mehr.

    Im Fall van den Bleeken muss man zudem anmerken dass ihm eine mögliche Therapie verweigert wird. Das ist Wasser auf die Mühlen der Sterbehilfegegner, die vollkommen zurecht drauf hinweisen, dass das Risiko sehr groß ist, dass man Menschen dazu bringt, Sterbehilfe zu wollen, weil man ihnen andere, teurere Lösungen bewusst verweigert.

    Im Falle des Transgender (wo ich mich zudem eh frage ob das ein wirklicher Transgendermensch war) muss man anmerken dass dieser zeit seines Lebens von den Eltern psychisch fertiggemacht wurde. Man könnte also sagen, er sei ein Opfer psychischer Gewalt (Mobbing etc.) Wenn er nun deswegen suizidgefährdet ist, helfen wir ihm zu sterben ???

    Demzufolge wäre es ja auch okay gewesen, wenn ein Arzt Justin Bell totgespritzt hätte. Oder nicht? Wieso regen wir uns überhaupt drüber auf, wenn junge Homosexuelle sich umbringen? Die wollten ja sterben.

    Na, merkste was? Hier läuft m.E. was komplett aus dem Ruder.

    Kommentar von CK | November 28, 2014

  10. @ CK
    „Na, merkste was?“

    Nein. Das Dilemma lässt sich m. E. ganz leicht lösen. Man gewährt diesen Menschen keine aktive Sterbehilfe, sondern lässt ihnen die Wahl zwischen Therapie und Giftcocktail. Letzteren müssten sie dann allerdings selbst trinken.

    Kommentar von Adrian | November 28, 2014

  11. @Adrian: „Man gewährt diesen Menschen keine aktive Sterbehilfe“
    -> Also stimmst Du mir i.G. vollkommen zu ! 🙂

    Und die Wahl einer Therapie wird van den Bleeken ja eben gerade verweigert. Auch wenn das ein schlimmer Straftäter ist, dem ich persönlich nur Ekel entgegen bringen kann, finde ich das vom Prinzip her absolut falsch. Ein Gefängnissystem darf nicht so unmenschlich sein.

    M.E. ist das Problem relativ leicht lösbar. Man ändert die Gesetze so um, dass sie ihrem eigentlichen Zweck entsprechen, den ich ja im letzten Kommentar erläutert habe, und keine Perversionen wie diese beiden Fälle zulassen.

    Kommentar von CK | November 28, 2014


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