L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Sexualfeindlicher Flyer?

Ich weiß meine liberalen Bloggerkollegen (die meisten davon aus dem Nachbarland Deutschland) wirklich sehr zu schätzen. Trotzdem komme ich nicht umhin nach dem Feuerbringer nun auch einem weiteren Kollegen (nämlich Adrian von GayWest) zu widersprechen.

Es geht konkret um dessen vorletzten Artikel: Sexualität ist Sexismus. In diesem kritisiert der Autor ein Flugblatt der Berliner Humboldtuniversität gegen sexualisierte Diskriminierung und Gewalt.

Ich stimme Adrian insofern zu, als dass spezifische Frauenförderrichtlinien eigentlich der Gleichheit vor dem Gesetz widersprechen. Wer mich kennt, weiss dass ich daher auch ein vehementer Gegner von Quoten bin. Aber es braucht m.E. hier gar nicht das Argument „Frauenförderung“ um einen solchen Flyer zu rechtfertigen. Aufgabe jedes Rechtsstaates, auch eines fiktiven klassisch-liberalen Minimalstaates, ist es seine Bürger vor Gewalt (hierzu gehört auch psychische Gewalt, also Mobbing) und Belästigung, sexueller wie anderweitiger Art, zu schützen. Egal ob diese männlich oder weiblich sind (oder vielleicht intersexuell), cis oder trans, und unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung. Es macht also Sinn einen Flyer, in diesem Fall halt spezifisch auf sexualisierte Diskriminierung und Gewalt bezogen, mit Rechtshinweisen und Richtlinien bzgl. angemessenem Verhalten an einer Universität (wie auch an etwaigen anderen Orten) zu erstellen. Zu kritisieren wäre dann nur die Begründung des Schutzes von Frauen, als ob nur diese geschützt werden müssten. Wer weiß was manche Transgender, Homosexuelle (also bspw. schwule Männer wie Adrian) oder Menschen anderer Hautfarbe oft durchmachen müssen, wird nicht zu Unrecht wohl darauf bestehen, dass auch diese erwähnt werden (sollten.) Der Flyer hätte daher genderneutral gehalten werden sollen.

Damit hat es sich schon aber mit der Kritik. Ansonsten weist der Flyer völlig zurecht darauf hin, dass gewisse Handlungsweisen einfach absolut indiskutabel sind.

Sehen wir uns die unerwünschten Handlungen einfach einmal an:

• entwürdigende sexualisierte Bemerkungen über Personen oder deren Körper

Soll es etwa in Ordnung sein, einer Person zu sagen: „Du hast geile Titten“, „Du hast einen fetten Arsch, Du hässliche Schlampe“, „Als Frau kannst Du ja nur schlecht in Mathematik sein“ udgl.? Das kann ja wohl niemand ernsthaft verteidigen wollen. (Merke: man muss natürlich den Kontext beachten! Das Erste habe ich nämlich durchaus schonmal zu Frauen gesagt, aber im Bett beim gegenseitig einvernehmlichen Liebesspiel. Aber hier geht es ja um Bemerkungen „einfach so“ gegenüber KommilitonInnen.) Ob man dererlei Vergehen gleich strafrechtlich ahnden soll, ist natürlich wiederum eine ganz andere Frage, aber man sollte solche Dinge jedenfalls nicht auf dem Campus dulden als Universitätsleitung.

• sexuell herabwürdigende Gesten oder Verhaltensweisen

Im Grunde Punkt eins, erweitert auf non-verbale Kommunikation.

• Exhibitionismus

Ist eine Straftat nach §183 StGB. Es ist nun einmal verboten, sich nackt zu zeigen in der Öffentlichkeit. Dies aus verständlichen Gründen wie ich trotz meiner eigenen Schandtat in Ipanema zugeben muss 😀

• die verbale oder bildliche Präsentation pornographischer oder sexistischer Darstellungen

Jemandem ungefragt pornographische Bilder zu präsentieren (oder diese öffentlich am Unibrett aufzuhängen) oder einer anderen Person die Geschichte von „Lesbian Spank Inferno“ aufzudrängen, widerspricht den guten Manieren und jeder Hausordnung. Oder kennt ein Leser hier ein Unternehmen (ausser wohl in der Sexindustrie selbst), wo es erlaubt ist, solche Darstellungen in seinem Büro aufzuhängen?

• das Nutzen von pornographischen oder sexistischen Internetseiten oder Computerprogrammen

Dieser Punkt ist leider unklar. Sollte er sich darauf beziehen, dass man solche Seiten nicht im Rechenzentrum der Universität ansteuern sollte, bin ich einverstanden damit. Was man (oder frau) sich jedoch privat in seiner Studentenwohnung reinzieht, sollte die Uni schlichtweg nichts angehen, selbst wenn der Internetzugang über diese als Provider erfolgt (vorausgesetzt natürlich es handelt sich nicht um illegales Zeug wie „Kinderpornographie“).

• unangebrachte und unerwünschte Körperkontakte

Völlig klar, oder? Ich fasse nie jemanden an, ohne vorher eindeutige Signale bekommen zu haben und im Falle eines Irrtums ziehe ich selbstverständlich sofort meine Hand wieder zurück. Und gewisse Gesten sind selbst im gegenseitigen Einverständnis NICHT erlaubt, wenn sie öffentlich stattfinden und Dritte an der Uni belästigen könnten.

Einzige Ausnahme: Antippen an die Schulter. Das mache ich schon öfters, aber das fällt wohl kaum unter diesen Punkt hier.

• körperliche Übergriffe bis hin zu Vergewaltigung
• Stalking

Da müssen wir erst gar nicht drüber reden. Absolute No-Go’s.

Nach dieser doch recht eindeutigen Aufzählung weiss ich nicht, wieso Adrian meint, es ginge um Dekolletés oder um Brustwarzen, die man unter dem Tshirt erkennen kann. Oder wieso man nicht mehr offen über Sexualität sprechen könnte. Ich rede verdammt oft über Sex mit anderen Männern wie auch Frauen, ohne dass diese sich jemals belästigt von mir fühlen. Ein Stopp des Gesprächs ist allen Beteiligten jederzeit möglich.

Es geht vielmehr um Verhaltensweisen, die als eindeutige Respektlosigkeiten gegenüber anderen Menschen anzusehen sind oder gar als Akte der Gewalt.

Als Berliner sollte Adrian zudem wissen, dass selbst in den sexpositivsten und kinkyfreundlichsten Szeneclubs es nicht minder klare Verhaltensregeln bzgl. „Consent“ und „Respect“ gibt. Gerade wer sexuelle Selbstbestimmung über alles liebt, sollte andere Menschen respektvoll behandeln und nicht sexueller Belästigung, Beleidigungen oder gar sexueller Gewalt aussetzen.

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November 3, 2014 - Posted by | Klassischer Liberalismus, Offene Gesellschaft | , , , , , ,

2 Kommentare »

  1. Im Flyer heißt es:
    „Es gibt keine Definition, die festschreiben, was sexualisierte Diskriminierung und Gewalt umfasst und was nicht. Die betroffene Person selbst entscheidet über die Grenzziehung. Sexualisierte Diskriminierung und Gewalt sind Handlungen, für die der Täter/die Täterin allein – nicht die betroffene Person – die Verantwortung trägt.“

    und

    „Sexualisierte Diskriminierung und Gewalt richtet sich vor allem gegen Frauen, unabhängig von Alter, Aussehen, Kleidung, sozialer Herkunft, Religionszugehörigkeit etc. Das entspricht nach wie vor dem hierarchischen Geschlechterverhältnis in unserer Gesellschaft.“

    Sorry, für mich klingt das nach feministischer Sittenpolizei, und erinnert an die Zustände an amerikanischen Universitäten mit ihrer Rape-Culture- und Sexismus-Hysterie.

    „Es ist nun einmal verboten, sich nackt zu zeigen in der Öffentlichkeit. Dies aus verständlichen Gründen“

    Welche verständlichen Gründe sollen das sein?

    Kommentar von Adrian | November 3, 2014

  2. @Adrian: „Welche verständlichen Gründe sollen das sein?“ – Das ist aus Kinder- und Jugendschutzgründen verständlich. Ich denke zwar persönlich, dass es einem Kind überhaupt nichts ausmacht nackte Menschen zu sehen (bei sexuellen Akten/Pornos sehe ich das schon wieder etwas anders), also bspw. einen am Strand sich umziehenden CK :D, ich respektiere aber, dass andere Menschen (genauer gesagt die Mehrheit) das anders sehen als ich und hätte auch ohne zu Murren in Rio ein Ordnungsgeld bezahlt, hätte ich eins bekommen.

    Was derzeit an amerikanischen Universitäten abgeht, ist in der Tat bedenklich. Die sollen alle mal weniger trinken und ihren Verstand einschalten, verdammte Studenten 😛 Aber dass Frauen viel Ekliges zu hören bekommen, gerade auch in sozialen Medien mittlerweile, kann man ja ned abstreiten.

    Dass der Einzelne die Grenzen selber zieht, bin ich einverstanden. Und egal wie blöd die sind, sollte man sie respektieren oder sich einfach von dieser Person fernhalten und friedlich nebeneinander leben. Das ist eben was ich meinte die Tage mit den Anderen nehmen, wie er ist.

    Kommentar von CK | November 4, 2014


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