L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Rücksicht nehmen – ein Zeichen von Toleranz und Empathie

Bloggerkollege Feuerbringer amüsiert sich über das (mit versteckter Kamera gedrehte) Video einer jungen Frau, die durch New York läuft und dabei von zig Männern „angegraben“ wird und sich belästigt fühlt. Ist ja gar nicht so schlimm, was regt die sich so auf, mir als Mann täte das umgekehrt gefallen usw. So seine Argumentation.

Der von mir an sich hochgeschätzte Kollege, dessen Postings ich seit Jahre gerne lese, hat natürlich recht, dass es sich bei den hier gezeigten Beispielen- juristisch betrachtet- wohl nicht um „sexuelle Belästigung“ handelt. Im Gegensatz zu vielen eindeutigeren Bemerkungen, die eine Frau in Brüssel vor zwei Jahren mit einer versteckten Kamera aufnahm. Aber das bedeutet doch noch lange nicht, dass solches Verhalten in Ordnung ist. Nur weil etwas nicht illegal ist, ist es noch lange nicht moralisch, vernünftig, nett und unproblematisch (gerade Objektivisten- zu denen Andreas Müller sich bekanntlich selber zählt- weisen sonst immer wieder gerne (zurecht!) auf den Unterschied zwischen Recht, Moral und Vernunft hin.)

Ich persönlich finde es schon unmanierlich einer Frau einfach hinterher zu pfeifen oder sie in einem Tonfall anzureden, der eindeutig (salopp gesagt) „Notgeilheit“ signalisiert. Zwar kann ich diese gut verstehen (ja, auch ich bin manchmal „notgeil“ wie vermutlich fast jeder Mann gelegentlich), aber man muss einer völlig fremden Person auf offener Strasse diesen Zustand noch lange nicht ungefragt mitteilen und ihr zu verstehen geben, dass sie ja „Abhilfe verschaffen könnte“. Auch wenn die Männer dies so nicht sagen, so kommt es doch eben gerade so zwischen den Zeilen herüber. Der Ton macht eben die Musik.

Ich sehe selber viele Frauen auf der Strasse, die mir optisch gut gefallen und mit denen ich mir vorstellen könnte Sex zu haben (jedenfalls wenn andere Kriterien ebenfalls noch passen würden), ich habe auch oft unkeusche Gedanken um ehrlich zu sein (dagegen ist auch sicher nichts einzuwenden !), aber ich quatsche diese Frauen nicht einfach plump an, sondern behalte diese Gedanken für mich. Auch Komplimente machen will indes gelernt sein. Auch diese müssen dem Kontext entsprechend angepasst sein.

Andreas Müller schreibt, er würde gerne umgekehrt so von Frauen behandelt werden wie die Frau im Video von Männern. Dabei begeht er einen typischen Fehler, den im Grunde jeder Mensch mehr oder weniger regelmässig im Leben immer wieder begeht. Einen Fehler, vor dem niemand gefeit ist, der nur allzu menschlich ist, aber eben doch ein Fehler ist, den man sich öfters bewusst machen sollte um sein Begehen zu minimieren. Andreas betrachtet das Thema allein aus seiner ganz eigenen individuellen Perspektive, die in diesem konkreten Falle wohl die der meisten Männer sein wird, insofern wohl als typisch männliche Sichtweise bezeichnet werden kann. Viele Männer (auch ich!) würden es natürlich toll finden, wenn Frauen uns auf der Strasse ansprechen würden, gerade die Männer, die normalerweise nicht so den tollen Erfolg bei Frauen haben. Ja, wir fänden das toll (jedenfalls solange die Frauen uns auf den ersten Blick durchaus gefallen würden, sonst wäre es vielleicht auch wieder etwas Anderes.) Aber wieso soll unsere Sichtweise die einzig richtige sein? Menschen sind nunmal verschieden. Der eine mag Vanilleeis, der andere will lieber Schokoeis, wieder ein Dritter bevorzugt Maracuja (ich! 😀 ) Würde jemand sagen: „Vanilleeis schmeckt toll. Ich liebe Vanilleeis. Ich würde so gerne ein Vanilleeis von einer Frau geschenkt bekommen. Leider passiert mir das nie. Daher soll jede Frau froh sein, wenn ich ihr ein Vanilleeis kaufe statt sich belästigt zu fühlen“, wäre das doch sehr komisch. Statt den Anderen so zu nehmen und zu akzeptieren wie er ist, hat er gefälligst so zu sein wie ich ihn haben möchte. Das ist doch intolerant, denn Toleranz bedeutet eben gerade Menschen so zu nehmen wie sie sind. Und es ist den Anderen insofern „entpersonalisiert“ als dass man ihn nicht als „autonomes Subjekt mit eigener Persönlichkeit und eigenen Gefühlen“ akzeptieren möchte, sondern er gefälligst die ihm „zugedachte Rolle“ spielen soll.

Gerade Liberale sollten jedoch für eine Welt einstehen, in der jeder und jede so leben darf wie er oder sie es möchte.

Ich kann verstehen, dass viele Frauen sich „belästigt“ fühlen von plumpen Anmachen und denke, Männer sollten sich darum bemühen, Frauen besser zu verstehen in dieser wie auch in anderen Hinsichten. Ein respektvolles Miteinander auf Augenhöhe kann nur durch gegenseitiges Entgegenkommen erreicht werden. Männer sollten Frauen anhören, ihre Gefühle und Bedürfnisse ernstnehmen und auf sie eingehen. Umgekehrt genauso. Misogynie wie auch Misandrie müssen eisern bekämpft werden. Beschwerden wie die der Frau aus dem Video lächerlich zu machen, ist also grundfalsch.

Es braucht Empathie für das jeweils andere Geschlecht. Es braucht Empathie für den Mitmenschen, für das andere Individuum. Wer wenigstens versucht den Anderen zu verstehen und auf ihn einzugehen, trägt dazu bei die Welt zu verbessern. Wer Rücksicht auf seine Mitmenschen nimmt, setzt ein Zeichen für Toleranz und Empathie, somit für eine humanere wie buntere Welt.

Ich will mich nicht als Moralapostel aufspielen, auch ich musste vieles erst einsehen und werde auch in Zukunft noch sehr vieles lernen müssen, ob jetzt in bezug auf Frauen oder auf das Leben im Allgemeinen. Aber diese klärenden Worte mussten jetzt doch einfach mal sein.

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Oktober 31, 2014 - Posted by | Klassischer Liberalismus, Offene Gesellschaft | , , , , ,

4 Kommentare »

  1. Danke für diesen Beitrag, der da sehr entspannt zwischen männlichem Unverständnis und radikal-feministischem Gekreische dahergesegelt kommt. Als konservativ denkender Mensch würde ich dazu sagen, dass es nun einmal evolutionsbiologische Gründe dafür gibt, warum diese Dinge so sind, wie sie sind. Warum der Mann meistens der Aktive, der den Geschlechtsverkehr Anbahnende ist. Warum die Frau es trotz vielfältiger Angebote dann eben doch nicht „mit jedem treibt“, sondern jenseits des Sex gerne noch andere Merkmale verwirklicht sehen möchte. Und warum diese beiden Herangehensweisen dann Konfliktstoff bergen können (die meisten Dramen und Komödien leben davon).

    Diese Gründe sollen jetzt allerdings nicht als bequeme Entschuldigungen dienen. Wie Du ja selbst schriebst, würdest du auch manchmal gerne, hältst Dich aber mit eindeutigen Angeboten zurück. Wir sind eben keine Tiere mehr, sondern besitzen (in unseren besten Momenten) Moral und Vernunft. Die darf man dann auch ruhig einsetzen. Aber ebenso ist auch Empörung wohlfeil, wenn es daran mal wieder mangelt. Das wird immer so sein – der „neue Mensch“ wird, wenn er je kommen wird, woran ich mit Blick auf die Gesellschaftsformen, in denen es zu hohen Geburtenraten kommt, heftig zweifle, erst in einigen Jahrhunderten in Ansätzen da sein. Bis dahin heißt es: Umgehen damit.

    Kommentar von Werwohlf | Oktober 31, 2014

  2. Ich kann beide Seiten verstehen. Ich habe mir das nicht genau angeschaut aber, die zitierten Kommentare finde ich nicht besonders belästigend. Nur sehe ich eigentlich nicht ein was das alles in der Öffentlichkeit zu suchen hätte. Ich denke wenn das weniger öffentlich wäre, wäre es angebrachter. Ich denke man muß hier beide Seiten „leben“ lassen. Einige Fragen: Woher sollten einige der „Anmacher“ wissen, daß Sie nicht die einzigen waren?

    Dazu kommt eine Frage, für die jeder seine eigene Grenze hat. Wo fängt die Belästigung an? Wenn ich überhaupt nichts mit Leuten zu tun haben will, dann ist jede Ansprache schon eine Belästigung. Somit denke ich muß man „auch“ damit rechnen von Fremden angesprochen zu werden und vielleicht ist man sich nach einem Gespräch nicht mehr gar so fremd?

    Kommentar von fdominicus | November 1, 2014

  3. „wo jede oder jeder so leben darf wie sie oder er es möchte“
    Was aber, wenn ein Mann genau so leben möchte wie es in dem Film dargestellt wird? Müssen dann nicht Frauen einfach tolerieren und versuchen, Männer zu verstehen und ihnen Empathie entgegenbringen auch wenn sie ihnen hinterherpfeifen oder entsprechende Gesten machen?
    Eine ältere Frau erzählte mir mal, dass ihr deutlich wurde, dass sie den Zenit sexueller Begehrlichkeit überschritten hatte als die Bauarbeiter aufgehört haben hinter ihr herzu pfeifen… Sie hat einfach nicht gemerkt, dass Bauarbeiter von heute eben nicht mehr respektlose Männer sind als die sie immer dargestellt wurden.
    Dumme Anmachsprüche und entsprechende Gesten sind allerdings mehr respektlos. Ich fühle mich auch unwohl, wenn ich als „junger Mann“ angesprochen werde, immerhin bin ich schon knapp 60 Jahre alt.
    Merkwürdigerweise decken sich meine Beobachtungen nicht mit denen der New Yorker Dame. Liegt das an Stuttgart?

    Kommentar von Wolfgang Russ | November 1, 2014

  4. @Werwohlf: Guter Kommentar. Sehe ich i.G. ganz genauso. 😉

    @Wolfgang Russ: Rücksicht nehmen soll halt immer der Agierende. In diesem Fall also schon die Männer. Das bedeutet ja nicht, dass sie keine „sexual predators“ mehr sein dürfen, nur eben nicht auf offener Strasse bei fremden Frauen. Wozu gibt es Stripclubs? 😉 Wozu gibt es Single parties, speed dating u.v.a. ?

    Und was jetzt Deine Beobachtungen angeht: Du bist ja keine junge Frau. Man müsste junge Frauen in Stuttgart mal fragen wie sie das so sehen.

    Kommentar von CK | November 1, 2014


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