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Tendenz-Journalismus im Gaza-Konflikt: Ein paar Korrektiv-Versuche

Die derzeitige Berichterstattung rund um den Gaza-Konflikt beinhaltet auf gleich mehreren Ebenen Unschärfen, Tatsachenverdrehungen, suggestive Stimmungsmache sowie eine bisweilen unredliche Vermengung von Kommentar und Information.

Vorab sei unmissverständlich klargestellt, dass zivile Opfer auf beiden Seiten eine nicht hinnehmbare und unerträgliche Situation darstellen. Ein dauerhafter Frieden kann nur über den steinigen Weg einer Zwei-Staaten-Lösung herbeigeführt werden. Man mag die israelische Siedlungspolitik kritisieren, das ist legitim. Doch welche Steigerung müssen Kritik und Brandmarkung annehmen, wenn es darum geht, die Hamas und ihr blutiges Treiben mit Worten zu fassen? Genau hier liegt die Unverhältnismäßigkeit und Einseitigkeit großer Teile der westlichen Berichterstattung.

In Israel leben Hunderttausende arabischer Bürger, die, vom Obsthändler bis zum Hochschullehrer, in partizipativer Mitbestimmung am tagtäglichen Leben teilnehmen. Israel ist eine auf westlichen Prinzipien fußende Demokratie, ein Rechtsstaat, in dem Gewaltentrennung, Grundrechte, Presse-, Meinungs-, Versammlungs- und Glaubensfreiheit verbrieft sind. Kein gemäßigter Israel-Sympathisant wird behaupten, dass hier alles zum Besten bestellt sei, die innenpolitischen Probleme und Zerreißproben übersteigen jedoch nicht die Virulenz, welche man mitunter auch in verschiedenen EU-Ländern beobachtet. Israel erfüllt, nur am Rande bemerkt, nahezu sämtliche EU-Aufnahme-Kriterien, das Judentum schließlich gehört genauso zu Europas kultureller DNA wie das Christentum und, mit Abstrichen, der gemäßigte Islam.

1. Der Staat Israel befindet sich mitnichten wegen der rezenten Entführung und Ermordung dreier Jugendlicher im Kriegszustand, sondern aufgrund des anhaltenden Beschusses großer Städte (wie etwa Tel Aviv) von Seiten der Hamas.

2. Dieser Umstand bringt mit sich, dass große Teile der israelischen Bevölkerung in einem Zustand ständiger Angst vor Raketenangriffen leben, ein auch nur ansatzweise geregelter und unbeschwerter Tagesablauf ist somit unmöglich. Die sich hieraus ergebende psychische Belastung ist von absoluter Evidenz, nur eine bewusste Verdrehung von Tatsachen kann diesen Tatbestand ausblenden. Kein Land der Erde kann einen solch massiven Beschuss stoisch hinnehmen, dies würde an Selbstaufgabe grenzen. Jemand, der dies von Israel fordert, spricht sich indirekt für die Zerstörung des Staates aus.

3. Israel hat sich im Jahre 2005 vollständig aus dem Gaza-Streifen zurückgezogen. Bereits zwei Jahre später, sprich 2007, hat sich die Hamas, eine terroristische Organisation, deren Charta die Vernichtung Israels als Kernelement beinhaltet, als stärkste Kraft etabliert. Seit ihrem Wahlsieg verbreitet die Hamas Angst und Terror, jeder, der sich nicht explizit auf Hamas-Linie bewegt, muss um sein Leben und das seiner Angehörigen bangen. Erschwerend kommt hinzu, dass die ihrem Ruf nach scheinbar so gemäßigte Fatah ihren Einfluss nicht geltend machen kann, wenn es darum geht, die terroristischen Zielsetzungen der Hamas einzudämmen. Israel muss auf diese Bedrohung an seiner westlichen Grenze reagieren. Bezeichnend ist ferner, dasss die Hamas nicht einmal auf das Friedensangebot ihrer Glaubensbrüder aus Ägypten einging und in ihrer Verblendung den Weg blinder Gewalt gegen Israels Zivilbevölkerung fortsetzt.

4. In manchen inländischen Medien kursiert das Pars pro Toto “Tel Aviv hat dies und das getan bzw. angeordnet”, so als wäre Tel Aviv der Regierungssitz Israels. Mit Verlaub, Jerusalem ist Hauptstadt und Regierungssitz des Staates Israel. Am Stammtisch sind solche Aussetzer auf banalster Faktenebene nachvollziehbar, in der Presselandschaft sind sie ein Symptom unredlichen Umgangs mit einem vielschichtigen Thema.

5. Israels Kritiker rund um den Globus üben sich in Nachsicht, wenn Herr Putin kurzerhand die Krim annektiert und dabei gegen sämtliche Paragraphen des Völkerrechts verstößt. Macht Israel jedoch Gebrauch von seinem ureigensten Recht auf Verteidigung, so laufen dieselben Gutmenschen und Israelfeinde Sturm gegen einen vermeintlichen Kampf “David gegen Goliath”. Dabei verbrüdern sich erstgenannte Kritiker nicht selten mit “noblen” Mitstreitern aus dem islamistischen und rechtsradikalen Lager. Eine der verheerenden Folgen solcher Aufmärsche sind wiederaufkeimende antisemitische Ressentiments, die sich kürzlich in Form von Übergriffen auf Synagogen in Deutschland kundgetan haben.

6. Warum etwa verstummen dieselben Israel-Kritiker aus der europäischen und arabischen Welt, wenn es darum geht, die abscheulichen Gewaltverbrechen eines Bachar el Assad bzw. der syrischen Rebellen zu brandmarken? Auch Konfliktherde wie die im Irak, in Afghanistan, Sudan und der Zentralafrikanischen Republik werden dabei bewusst oder unbewusst ausgeklammert.

7. Oft wird die scheinbare Unverhältnismäßigkeit der Angriffe auf den Gazastreifen moniert. Prof. Claus Kreß, Experte für Friedenssicherungsrecht an der Uni Köln, meinte kürzlich in einem Interview mit dem DLF: “Hier sind natürlich die zivilen Schäden sehr prominent zu berücksichtigen […] Aber Vorsicht: Auch das Ergebnis ergibt sich nicht allein daraus, dass Sie die Opferzahlen auf beiden Seiten miteinander vergleichen“. Die Hamas benutzt die Einwohner des Gazastreifens als lebende Schutzschilde, u. a. feuert sie aus Schulen, Krankenhäusern und Flüchtlingslagern Raketen auf israelische Ziele, um die zivile Opferzahl auf palästinensischer Seite möglichst rasch hochschnellen zu lassen.

8. Zum Vorwurf des Kriegsverbrechens sei angemerkt, dass Prof. Kreß bis dato v. a. auf Seiten der Hamas in zweierlei Hinsicht von Kriegsverbrechen spricht: in Bezug auf die menschlichen Schutzschilde (vgl. Pkt. 7) sowie wegen bewusster Inkaufnahme ziviler Opfer bei Raketenangriffen auf dichtbewohntes israelisches Territorium.

9. Die oftmals bemühte Metapher “David gegen Goliath” ist insofern ein hinkendes Totschlagargument, als dabei völlig außer Acht gelassen wird, dass die Hamas aus der sehr zahlungskräftigen shiitischen Welt – vornehmlich aus dem Qatar und dem Iran – mit Milliardengeldern finanziert wird. Die ISIS-Truppen bspw. haben auf ihrem mörderischen Streifzug durch Syrien und den Iran in zwei Tagen mehr Zivilisten getötet als die israelischen Soldaten binnen drei Wochen. Dieser Umstand soll keineswegs für eine zynische statistische Schönfärberei herhalten, doch wenn die israelischen Streitkräfte wollten, wären sie qua technischer Ausrüstung binnen weniger Stunden dazu im Stande, jegliches Leben im Gaza-Streifen auszulöschen. Wäre hingegen die Hamas im Besitz dieser numerischen und technischen Überlegenheit, so würde sie gemäß ihrer Charta keinen Augenblick zögern, den Staat Israel dem Erdboden gleichzumachen. Hierin liegt der fundamentale qualitative und wertspezifische Unterschied, den die westliche Presse und vornehmlich die vielen Israel-Kritiker nicht oder nur kaum berücksichtigen.

Eric Bruch und Paul Bleser , “Amis d’Israël”.

Gazakrieg

August 5, 2014 - Posted by | Islamismus, Israel | , , ,

5 Kommentare »

  1. Schau Dir mal Sean Hannity. Der ist so one-side…

    Kommentar von Tom | August 5, 2014

  2. Na ja, es ist vielleicht nicht notwendig so viele Punkte aufzuführen.

    Worüber sind sich zuerst mal alle einig: Ziviltote sind zu vermeiden. Egal viele Bomben der eine oder andere geschossen hat, man sagt gutgläubig, dieses Leid ist nicht gut (ausnähme Hamas, die haben das Lied nicht so laut gesungen). Ich stimme dem also auch bei. PS: an die 2-Staatenlösung glaube ich nicht. Ich bin eher ein Verteidiger der 1-Staatenlösung mit Rechten um Mehrheiten für gewisse Themen in allen Gruppen zu gewinnen.

    Aber davon mal abgesehen, und egal wie man das jetzt beschreibt: die Zivilisten können aus dem überbevölkerten Landstreifen nicht fliehen, weil sie darin eingeschlossen sind. Da sind zwei Schuldige schnell identifiziert: Israel und Ägypten. Das ist gegen Völkerrecht und unmenschlich und unterscheidet diesen Konflikt grundsätzlich von allen anderen. Der Rest ist Kaffeeklatsch.

    Kommentar von Patrick | August 5, 2014

  3. Bei (dem anderen) Tom gefunden: Die Mär von der verbotenen Israelkritik.

    Kommentar von JayJay | August 5, 2014

  4. @Tom: Sean Hannity schaue ich nicht (und ich bezweifle, dass es die Autoren dieses Artikels tun). Unser Wissen und unsere Analysen stützen sich eh nicht auf Fox-Pundits 😉 Für einen genauen Überblick über die historischen Fakten (da hast Du heute auch einiges auf Facebook ausgelassen punkto Hamas, aber ich hatte keine Lust das alles richtig zu stellen) empfehle ich stets Yaacov Lozowicks „Right to exist“.

    @Patrick: Ob 2 Staaten oder 1-Staatenlösung ist mir theoretisch mittlerweile auch egal, solange es überhaupt eine Lösung gibt. Israel hat ein Feldlazarett aufgebaut und es ist die Hamas, die ihre Zivilisten nicht dahinlässt. Desweiteren wird zu keinem Zeitpunkt der ganze Gazastreifen bombardiert und vorher angekündigt wo die Armee tätig wird, so dass man also sehr wohl gezielten Schlägen entgehen kann. Auch sieht das Kriegsrecht durchaus Militärblockaden vor.

    Kommentar von CK | August 5, 2014

  5. die öffentliche hinrichtungen von 18 personen zeigen ebenfalls deutlich mit wem man es dort zu tun hat…

    Kommentar von riegeros | September 10, 2014


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