L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Offener Brief an Jürgen Todenhöfer

Dieser Post ist eine Antwort auf Jürgen Todenhöfers offenen Brief an den israelischen Premierminister Bibi Netanjahu. Ich bin zwar nicht Bibi Netanjahu, aber ich erlaube mir trotzdem mal eine Replik auf diesen Brief. Meine Antwort wird hoffentlich ähnlich derer sein, die Netanjahu selbst geben würde, hätte er denn Zeit dem CDU-Mitglied zu antworten und nichts Besseres zu tun.

Sehr geehrter Herr Todenhöfer,

Gerne werde ich als Verteidiger Israels auf Ihre Fragen antworten.

Ja, ich habe mir schon oft überlegt wie es wäre in Gaza (oder einer anderen von Islamisten kontrollierten Weltregion) aufzuwachsen und dort die Schule zu besuchen. Ich habe mich dann gefragt, ob ich wohl heute von Hass auf die Juden verzehrt wäre und ebenfalls Raketen auf Israel abschiessen würde. Ob ich also ein Terrorist wäre. Kinder sind schliesslich leicht beeinflussbar und die ständige Gehirnwäsche durch antisemitische Schulbücher und auch Fernsehprogramme wäre sicher nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Ich wäre dann ein Opfer eines Art Kindermissbrauchs, welches in der Folge selber zum Täter wird. Und was würde ich wohl über Frauenrechte denken oder über Homosexualität? Ich wage es mir lieber nicht auszumalen.

Ich teile also absolut ihre Sorge über die schlechte Qualität der Schulbildung im Gazastreifen und wir sind uns einig, dass dies der wohl dringendste Punkt zur Verbesserung des Lebens der Gazaner ist: die Bildungspolitik zu verbessern. Meines Erachtens liegt dort auch der wichtigste Schlüssel zur Lösung des Konflikts begraben. Erst wenn die palästinensischen Kinder nicht mehr von klein auf mit Hass indoktriniert werden, sondern stattdessen lernen, wie man Wohlstand generiert und ein glückliches, selbstbestimmtes Leben erringen kann, kann es Frieden mit den israelischen Nachbarn geben.

Ja, ich wäre sicherlich mitgenommen durch den Tod vieler Freunde und Bekannter. Niemand, auch ich nicht, leugnet das Leid der Zivilbevölkerung in diesem verdammten Krieg. Jedoch müsste ich als Gazaner irgendwann auch anfangen, den Gesamtkontext zu begreifen und lernen zu verstehen wieso die Israelis meine Heimat bombardieren. Falls mir das aus ideologischen Gründen nicht möglich wäre, wäre das sehr tragisch, aber leider könnte der Premierminister Israels darauf keine Rücksicht nehmen, jener muss zuerst und zuvorderst das Leben seiner eigenen Bürger schützen, die von meinen unbelehrbaren Landsleuten angegriffen werden.

Vielleicht wäre ich Politiker im Gaza geworden. Dann wäre ich jetzt nicht froh darüber, dass es seit Jahren keine freien Wahlen mehr gibt und ich überhaupt keine Chance habe von irgendjemandem gewählt zu werden. Die Israelis haben uns den Gazastreifen 2005 überlassen, ich wollte ein Singapur am Mittelmeer errichten lassen. Leider haben stattdessen viele die Hamas gewählt, welche später in einem blutigen Bürgerkrieg die Fatah wegputschen und nebenbei auch noch ein paar Christen massakrieren. In der Folge gibt es ordentlich Religionsterror statt hohe Wachstumsraten, Raketen auf den Nachbarn Israel (mit dem ich eigentlich kooperieren wollte) und eine Militärblockade der IDF.

(Nur am Rande: mir ist klar, dass ich aus einer ziemlich westlichen Perspektive argumentiere, damit tue ich aber genau das, was Sie, sehr geehrter Herr Todenhöfer, auch in ihrem Brief tun, indem sie fortlaufend suggerieren, die meisten Palästinenser würden nur ein Leben in Frieden, Freiheit und Wohlstand wollen, was ich LEIDER(!) mittlerweile stark bezweifle…)

Was die Hamas im Gazastreifen getan hat, ist ein Verbrechen auch nach palästinensischem Recht (wieso einzelne Mitglieder auch in Ramallah im Gefängnis sitzen.) Sie befindet sich zudem auf der offiziellen Terrorliste der EU und der USA. Wer sie unterstützt oder sogar Mitglied wird, macht sich auch in Deutschland strafbar. Wenn morgen ein Deutscher wegen der Unterstützung der Hamas (oder einer vergleichbaren Organisation) verhaftet wird, schreiben Sie dann auch, dass „politische Betätigung“ in Deutschland nunmehr gefährlich, ja gar unter Androhung von Staatsgewalt bis hin zu Gefängnisstrafen, verboten sei? Oder würden Sie dann selbstverständlich zwischen „Terrororganisation“ und „politischer Partei“ differenzieren?

Sehr geehrter Herr Todenhöfer, Sie haben vollkommen recht, dass zwar im Gazastreifen keine humanitäre Katastrophe herrscht (niemand verhungert), wohl aber eine soziale Katastrophe gegeben ist (hohe Arbeits- und Perspektivlosigkeit, „Gefangenschaft im Sozialstaat“, brutale Freiheitseinschränkungen durch islamistische Gruppierungen und durch die Militärblockade der Israelis). Ebenso wie der ständige Raketenbeschuss Südisraels endlich ein Ende haben muss, muss das Leid der Gazaner endlich ein Ende haben. Diese müssen ein würdiges Leben führen dürfen, in dem sie sich selber versorgen. Leider braucht es dazu zuerst eine vollkommene Entwaffnung bestimmter extremistischer Gruppierungen (Hamas, Islamic Djihad, mglw. gar Al-Quaida-Splittergruppen) und die Zerstörung der Tunnelinfrastruktur, die beleibe nicht nur dazu dient, einen florierenden Schwarzmarkt zu ermöglichen, sondern allen voran der Beschaffung von Waffen und Guerillaangriffen auf Israel dient. Erst wenn der Feind vollständig besiegt und unschädlich gemacht worden ist, kann die IDF, aus meiner Sicht lieber heute als morgen, die Blockade beenden, die Gazaner endlich fröhlich Aussenhandel mit der EU treiben und beide Länder, vor allem, aber nicht nur, punkto Bildung und Forschung kooperieren.

Leider weiss ich nicht wie diese endgültige Entwaffnung militanter Gruppen konkret bewerkstelligt werden soll. Die IDF zerstört derzeit gewisse Infrastrukturen um Israel wieder ein paar Jahre ein wenig Ruhe zu verschaffen (wobei „Ruhe“ nicht ein Ende der Raketenangriffe bedeutet, sondern nur eine gewisse Minimisierung derselben), bevor die drohenden Gefahren, die Raketenanzahl und -frequenz doch wieder so hoch sein werden, dass der nächste Gazaeinsatz bevorsteht. Theoretisch kann das ewig so weitergehen. Es werden halt nur die Symptome einer Krankheit bekämpft, nicht aber die eigentliche Ursache. Es gibt Kräfte in Israel, die nach einer (temporären?) Wiederbesetzung des Gazastreifens rufen, doch diese Option brächte wieder ganz andere Probleme mit sich. Internationale Truppen werden ebenfalls ins Gespräch gebracht, aber wer sieht, wie die Hisbollah im Libanon trotz UNIFIL aufgerüstet hat, wird diese Option recht schnell als naiv erachten. Persönlich bin ich der Ansicht, dass vielleicht eine Annektierung durch Ägypten (oder vielleicht eine Konföderation Ägypten-Gaza) noch das Beste wäre, aber die dortige Führung hat bereits genug eigene Probleme. Meine persönliche Kritik an Israel UND an die Weltstaatengemeinschaft wäre also, dass man sich noch mehr Gedanken über eine langfristige Strategie machen müsste bzw. nach einer „echten Lösung“ suchen müsste statt das „Problem nur zu verwalten“. Aber ich weiss dass es schwierig ist und ich will mir gar nicht anmassen zu wissen „was zu tun sei“. Aber mir ist klar, dass ohne eine vorherige Demilitarisierung Gazas auch kein (nicht-suizidäres) Ende der Blockade möglich ist.

Sehr geehrter Herr Todenhöfer, die toten und verletzten Zivilisten, sind natürlich jedem vernünftigen Menschen ein Greuel, auch mir, wenngleich ich jedoch die offiziellen Zahlen massiv in Frage stelle. Jeder einzelne tote Zivilist ist eine Tragöde für sich. Ich versichere ihnen jedoch, dass die IDF soviel wie keine andere Armee der Welt tut, um diese traurigen Zahlen zu minimieren. Richard Kemp, ein Afghanistanveteran, hat dies bereits mehrfach erläutert, bereits 2009:

Dass die Lichter für viele Palästinenser im Norden des Gazastreifens ausgingen, war einer Hamas-Rakete zu verdanken, die eine israelische Hochspannungsleitung zerstörte. Diese Leitung wird meines Wissens von Israelis wieder repariert. Israel hat noch nie Gaza bewusst den Strom abgedreht, dies obwohl die palästinensische Autonomiebehörde der Israel Electric Corporation längst über 220 Millionen Shekel schuldig ist.

Ich kann ihnen zudem versichern, dass die meisten Israelis und Israelfreunde sehr wohl an die Kinder in Gaza denken und die Krankenhäuser regelmässig mit Medikamenten versorgt werden, auch wenn es im Krieg zu Engpässen kommen kann. Ebenso wurde ein Feldlazarett für verletzte Palästinenser in Israel errichtet.

Ein Satz ihres offenen Briefes hat mich ganz besonders erschüttert:

„Oder wären Sie Anhänger der radikalen, streng konservativen Hamas, die mit teilweise selbst gebastelten Raketen dilettantisch und in inakzeptabler Weise versucht, wenigstens ein paar Rechte der Palästinenser durchzusetzen?“

Da ist sovieles falsch, dass man nicht einmal mehr weiss wo man anfangen soll.

1. Die Hamas ist nicht konservativ wie Ihre CDU, sondern eine offen antisemitische, frauenfeindliche, homophobe und gewaltherrlichende Bande.
2. Die Raketen sind nicht nur selber gebastelt, sondern kommen vor allem aus dem Iran und Syrien und manche haben durchaus Reichweiten bis zu 160 km.
3. Geht es der Hamas mitnichten um die Rechte der Palästinenser (die sie ja selber fortwährend verletzen) sondern um die Zerstörung Israels. Ein Ziel, welches gottseidank unerreichbar für diese Islamofaschisten ist. Sie verwechseln Ursache und Wirkung, wenn sie meinen, die Raketen seien die Antwort auf die Gazablockade. Zuerst waren die Raketenangriffe auf Israel, danach kam die Blockade, wie ich Ihnen bereits weiter oben erläutert habe.
4. Hamas, Islamic Djihad und Co. benutzen die eigene Bevölkerung als Schutzschilde, greifen die israelische Zivilbevölkerung an (ein doppeltes Kriegsverbrechen!), lassen sogar Kinder Tunnels graben (angeblich kamen bereits 160 Kinder dabei ums Leben), echte oder auch nur vermeintliche Kollaborateure der IDF werden erschossen und ihre Leichen an Motorrädern durch die Stadt geschleift

Sehr geehrter Herr Todenhöfer, Sie haben recht, Palästina muss befreit werden. Befreit vom Hass, befreit von Terrorgruppen, befreit von Freiheitseinschränkungen, Blockaden und Militärsperren. Palästina muss frei und unabhängig werden. Doch wie beim Besteigen einer Treppe muss ein Schritt nach dem nächsten erfolgen. Der erste Schritt muss zunächst ein endgültiger Sieg Israels über Hamas und Co. sein. Danach kann hoffentlich mit einer vernünftigeren Hoheitsmacht über genaue Grenzverläufe, Wasserreservoirs, jüdische Siedler im Westjordanland, palästinensische Flüchtlinge und den Status von Ostjerusalem debattiert werden.

Bis dahin, verbleibe ich mit zionistischen Grüssen, Ihr CK.

CK vs. Todenhöfer

Weiterführende Links:
Melody Sucharewicz: Das ist keine Spirale, das ist ein Albtraum
Ben-Dror Yemini: A letter to a friend in Gaza
Thomas Eppinger: Ich ergreife Partei
Claudia Casula mit einer weniger förmlichen Antwort an Jürgen Todenhöfer

Juli 27, 2014 - Posted by | Islamismus, Israel | , , , , , , ,

4 Kommentare »

  1. Zunächst mal Nörgelei: Nichts qualifziert Todenhöfer noch zum CDU-Politiker. Er mag Mitglied der Partei sein, aber er hat in ihr meines Wissens nach kein Amt inne, noch nicht mal das eines Ortsverbandsvorsitzenden. Und dann noch: „Annektierung Ägyptens“ klingt doch arg nach „Schwanz wedelt mit Hund“. Wahrscheinlich meintest du „Annektierung durch Ägypten“.

    Aber ansonsten: Grandios!

    Kommentar von Rayson | Juli 27, 2014

  2. Danke für die Blumen!🙂

    Das mit Ägypten habe ich verbessert. Ich mag den Genetiv so sehr, dass ich ihn sogar dort benutze wo er nicht hinpasst😉

    Ich habe „CDU-Politiker“ in „CDU-Mitglied“ umgeändert. Aber man kann natürlich drüber streiten ab wann man ein Politiker ist. Ich bezeichne mich bspw. selber immer wieder gerne als „(Lokal-)politiker“ auch wenn ich nur Sekretär in meinem Ortsverband bin.

    Man könnte ja auch sogar sagen, „Politiker“ sei jeder der sich politisch äussert, vor allem wenn er wie JT regelmässig in Polit-Talkshows auftaucht und früher eben tatsächlich auch mal Berufspolitiker war.

    Natürlich passen seine Aussagen nicht zum CDU-Parteibuch (aber wer stimmt schon 100% mit seinem Parteibuch überein? Ich jedenfalls nicht!)

    Er ist aber auch nicht der einzige bekannte CDUler, der sich so negativ zu Israel äussert, es gibt ja da auch noch so einen gewissen Norbert Blüm.

    Kommentar von CK | Juli 27, 2014

  3. Ein sehr wertvoller Beitrag.

    Kommentar von robinmcbeth | Juli 27, 2014

  4. Seit Jahrzehnten sterben massenweise Menschen / Kinder mitten unter und um uns, z.B. Bootsflüchtlinge in Italien.

    Warum nimmt bzw. hat das Herr Todenhöfer nicht zur Kenntins genommen?
    Weil dieser mittellos sind -, keine Milliarden der Arabische Länder haben, folglich keinen Unterstützer / Lobbyisten kaufen können und auch nicht vorhaben, die eu zu invasieren / islamisieren? Weil sie keine Terroristen wie z.B. Hamas sind?

    Siehe meine Fragen an Herr Todenhöfer in
    http://www.huffingtonpost.de/charlotte-knobloch/offener-brief-an-juergen-todenhoefer-ihr-auftritt-in-der-ard-macht-mich-fassungslos_b_5606004.html

    Kommentar von Schönheit No | August 16, 2014


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