L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Gejammer auf höchstem Niveau

Ich will wirklich nicht frech werden, aber was teilweise in den „Social Medias“ wie Facebook derzeit von (manchen!) Luxemburger Studenten geschrieben wird, ist in meinen Augen nur noch „Gejammer auf höchstem Niveau“ (daher auch der obige Titel dieses Blogpostings.)

Die neue Regierung plant die Studienbeihilfen neu zu gestalten um bis zu 70 Millionen Euro einzusparen. Wir erinnern uns: unter der letzten CSV-LSAP-Regierung wurden die Beihilfen üppig ausgeweitet (u.a. mit der Begründung, dass im Gegenzug ja auch das Kindergeld ab dem 18ten Lebensjahr abgeschafft wurde), was damals von der- nun mit Grünen und Sozialdemokraten- zusammenregierenden DP stark kritisiert wurde. Die neue Regierung will die Beihilfen jetzt vor allem „sozial selektiver“ gestalten.

Das derzeit aktuelle Modell wird hier erläutert. Unsere deutschen Leser- vor allem die, die sich mit Bafög auskennen- fallen vermutlich erschrocken vom Stuhl, wenn sie lesen, um welche Summen es hier für ALLE(!) Studenten geht. Vor allem was den Stipendienanteil angeht.

Die Reformvorschläge sehen nun so aus, dass es künftig statt ca. 3 000 Euro/Semester nur noch 1 000 Euro/Semester Basisstipendium und 1 000 Euro Mobilitätszuschuss (für Studenten, die eben nicht an der Uni Luxemburg, sondern im Ausland studieren!) geben soll, also „nur“ noch 2 000 Euro für Studenten im Ausland und 1 000 Euro für Studenten, die wohl ohnehin noch zuhause bei den Eltern wohnen. Weitere 1 000 Euro gibt es nur noch für Studenten aus „ärmlicheren Verhältnissen“, wobei die genauen Selektionskriterien noch bestimmt werden müssen.

Wohlverstanden geht es dabei nur um den Stipendienanteil, beim Darlehensanteil bleibt sowieso alles beim Alten. Trotzdem wurde auf Facebook bereits eine Gruppe „CEDIES statt Taschengeld“ gegründet. Als hätte auch nur irgendein Politiker vorgeschlagen, Studienbeihilfen komplett abzuschaffen. Zudem werden sinngemäss Aussagen getätigt wie „Jetzt kann nicht mehr jeder studieren“, „Das Recht auf Bildung wird beschnitten“, „Wieso wird ausgerechnet bei den Studenten zuerst gespart?“ usw.

Als ehemaliger Student komme ich nicht umhin, hier mal Klartext zu reden.

Also, liebe Studenten, am meisten schockiert mich eigentlich- und das habe ich bereits zu meiner Studienzeit immer gesagt!- dass ihr anscheinend nicht einmal merkt, wieviel für euch bereits getan wird. Vor allem von öffentlicher Hand, aber auch gesamtgesellschaftlich. Universitäten sind fast immer grösstenteils bis vollständig vom Staat finanziert, Studentenwohnheime (in Deutschland vom Studentenwerk betrieben, ich habe selbst in einem solchen gewohnt!) sind öffentlich massiv subventioniert, Studenten erhalten in den meisten Universitätsstädten billige Studitickets, mit denen sie fast kostenlos den ÖPNV nutzen können, oft weit über die Stadtgrenzen hinaus (in Luxemburg gibt es die Jumbocard, mit der man ohne Auto durchs ganze Land reisen kann), es gibt ermässigte Eintrittspreise im Theater, im Kino, in Museen, bei Kultur- und Sportveranstaltungen … Wenn ich jetzt mal ganz polemisch sein möchte: Studenten sind die meist subventionierte Gruppe überhaupt!

Sicherlich, dafür gibt es durchaus viele gute nachvollziehbare Gründe, aber ist es zuviel von euch verlangt, auch mal ein wenig Dankbarkeit zu zeigen? Als ich studiert habe, war ich froh und dankbar über all das. Aber in Zeiten, wo die Anspruchsmentalität (i.S.v. „Andere sollen mir gefälligst dieses und jenes bezahlen!“) Hochkonjunktur hat, ist Dankbarkeit vermutlich eher uncool.

Über die genaue Ausgestaltung der Beihilfen kann ja gerne kontrovers diskutiert werden, da bin ich sehr dafür, aber zuerst sollte man sich bitte schön das Obige mal bewusst machen.

Als ich noch studiert habe, betrug der Darlehensanteil ganze 100% (nicht bloß 50% !), Stipendien gab es nur für Leute aus wirklich ärmeren Verhältnissen (was auf mich nicht zutraf, wenngleich meine Eltern für Luxemburger Verhältnisse auch NICHT reich sind). Stiegen die Zinsen auf über 2%, übernahm der Staat, wie heute allerdings auch noch, die Differenz (auch eine sehr nette Subvention übrigens). Es gab und gibt zudem noch die Möglichkeit von Zusatzdarlehen bei der Sparkasse (und vmtl. auch anderen Banken), wo die Eltern jedoch als Bürgen mitunterschreiben müssen (diese Darlehen sind aber nur nötig, wenn das CEDIES-Geld alleine wirklich nicht ausreicht, was wohl selten der Fall sein wird). Allerdings gab es damals auch noch das „Kindergeld“ von ca. 200 Euro/Monat (dieses wurde solange ausgezahlt wie ein Kind studiert hat bzw. bis zum maximal 27ten Lebensjahr). Dieses Geld habe ich ernsthaft meinen Eltern überlassen, wohlwissend, dass sie bei ihren Besuchen mir ohnehin alles zahlen und sich dies auf lange Sicht mehr oder weniger ausgleichen würde. Vor allem mein Vater kam regelmässig wegen Fussball zu Besuch und bezahlte dann das Essen und die Fussballkarten.

Ich kam als Student ohne weitere große Hilfe (Betonung auf „weitere“!), eigentlich ohne einen einzigen Cent meiner Eltern (denn ich bin mir sicher, dass sie mir nicht mehr gegeben haben, als der Staat ihnen an Kindergeld noch gezahlt hat, eher weniger, auch wenn ich es nie wirklich ausgerechnet habe), über die Runden, weil ich ein sehr sparsamer Mensch bin und vor allem auch den Anspruch an mich selber habe, möglichst alles weitestgehend allein zu schaffen und immer für mich selber zu bezahlen soweit möglich. Bildung betrachte ich als individuelle Investition, für die man sich ruhig verschulden darf (wobei ich meine damaligen Schulden längst an den Staat zurückbezahlt habe!)

Ich hatte natürlich das Glück in einer der billigen Universitätsstädte Deutschlands zu leben (Kaiserslautern), in einem Land ohne Studiengebühren (Rheinland-Pfalz), aber es muss sicher auch nicht jeder in Paris oder London studieren (können). Oder etwa doch? Und etwaige Studiengebühren werden ja nochmal individuell angerechnet vom CEDIES.

In meiner Studienzeit habe ich viel erlebt und gesehen. Ich sah tatsächlich Studenten aus wirklich armen Verhältnissen, Studenten, die nebenbei jobbten um sich das Studium zu finanzieren, ich sah aber auch viele, die von ihren Eltern vieles, pardon „in den Arsch geblasen“ bekamen. Letztere waren übrigens fast immer Landsleute, von denen einige auch nicht verstehen konnten, wieso ich keine eigene Wohnung hatte, sondern nur ein Zimmer in einem Gemeinschaftswohnheim. Ich schreibe das sicher nicht, weil ich in irgendeiner Weise auf diese Menschen neidisch gewesen wäre. Neid, zumindest auf Geld, ist eigentlich etwas mir völlig Unbekanntes! Es soll nur klarmachen, dass meine- selbstverständlich subjektiven Erfahrungen!- sich kaum bis gar nicht mit dem decken, was man derzeit so liest, wo uns m.E. „Ausnahmefälle“ als „Normalfälle“ verkauft werden sollen. Natürlich gibt es Studenten aus weniger gut betuchten Verhältnissen auch in Luxemburg, natürlich gibt es Eltern die sich weigern, ihren Kindern ein Studium zu bezahlen (weil das Fach das ihrer Meinung nach „falsche“ ist oder aus anderen Gründen), aber Leute, wollt ihr mir echt sagen, das seien die „Normalfälle“? Ich behaupte: Nein. Und Gesetze sollten zuerst einmal für „Standardfälle“ gemacht werden.

Richtig ist, dass ich NACH dem Studium enorm von meinen Eltern profitiert habe, die mich noch einmal ein paar Jahre zuhause haben wohnen lassen, so dass ich sehr schnell meine Schulden zurückzahlen und im Anschluß ein neues Darlehen für eine erste kleine Eigentumswohnung aufnehmen konnte, als ich bis einen festen Job hatte. In einer kurzen Übergangszeit war ich leider arbeitslos und arbeitete später zunächst ein paar Monate als CAT zum Mindestlohn, da kam mir diese familiäre Hilfe natürlich in der Tat sehr gelegen. Aber auch das ist längst der Normalfall. Von den Italienern mal abgesehen, wohnt in Europa niemand so lange im „Hotel Mama“ wie die Luxemburger.

Und das ist ja nicht unbedingt etwas Negatives. Ich finde es persönlich gut, dass viele Eltern ein gutes Verhältnis zu ihren Kindern haben.

Familien sind die Keimzellen der emanzipierten Bürgergesellschaft. Natürlich gibt es leider auch familiäre Repression, vorwiegend in anderen Kulturen wie der muslimischen, aber leider auch bei uns im modernen Westen, aber Familien sind keineswegs per se repressive, archaische Strukturen, im Gegenteil. Im Normalfall ist es die Familie, wo zuerst und zuvorderst sehr wichtige Werte vermittelt werden und die dort praktizierte, gegenseitige Hilfe ist zumeist dem Sozialstaat vorzuziehen. Aufgabe des Staates sollte es einzig und allein sein, dort einzugreifen, wo Eltern die Rechte ihrer Kinder verletzen, ihren Pflichten nicht nachkommen (können) oder aus sonstwelchen Gründen die Familie allein nicht über die Runden kommt.

Lesenswert zum Thema CEDIES 2.0 bzw. vielmehr CEDIES 3.0. ist übrigens folgender Artikel des linken Bloggerkollegen Sveinn, auch wenn ich mit seinen Ideen selber nicht einverstanden bin.

Abgesehen von den Ausführungen zur „die Freiheit der Studenten einschränkenden Familie“ (die so auch bereits von den Piraten getätigt wurde), wird hier ernsthaft die Meinung geäussert, ein reines Stipendium wäre die beste Lösung. Also geben wir jedem Studenten mal ca. 5 Jahre (Standard-Regelstudienzeit zu einem Master) x ca. 12 000 Euro/Jahr = 60 000 Euro einfach so als Geschenk? Was noch? 😛 Finanziert werden soll das Ganze u.a. über die Wiedereinführung der Vermögenssteuer (die auf 40% festgelegt werden soll.) Bei allem Respekt vor Sveinn (den ich generell trotz seiner sozialistischen Ader durchaus für einen relativ klugen und sympathischen Menschen halte): diese Idee ist so aberwitzig, dass mir die Worte fehlen.

Noch entgeisterter bin ich jedoch, wenn ein junger Mensch mir auf Facebook schreibt, dass ein etwaiger Studienabbrecher, vor allem durch den schlimmen Schuldendruck, es riskieren würde, später jeden Job annehmen zu müssen, bspw. bei Burger King arbeiten zu müssen, *KopfgegendieWandschlag*. Bei so Aussagen denke selbst ich an Karl Marx. Stichwort: Klassenkampf. Die Bourgeoisie will ja nicht die „niedere Arbeit“ des Proletariats machen müssen.

Mit solchen Menschen, die anscheinend jedes Risiko scheuen und sich von vornherein zu schade für viele Arbeiten sind, hat unser Land leider wenig Zukunft. Ich hoffe wirklich, dass dies nur eine verwirrte Einzelmeinung ist. 😦

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März 5, 2014 - Posted by | Luxemburg | , , , ,

3 Kommentare »

  1. In der Tat liegt der Gedanke an Karl Marx nahe, zumindest an dieses Zitat: „Wenn in einigen Staaten (…) auch ‚höhere‘ Unterrichtsanstalten ‚unentgeltlich‘ sind, so heißt das faktisch nur, den höheren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuersäckel bestreiten.“; das alte wie (mit nur leichten Abstrichen) neue Börsensystem sind das beste Beispiel dafür [den betreffenden Link findet man in der Bibliothek auf dieser Webseite].

    Kommentar von nestor76 | März 6, 2014

  2. Tja, ich bin da ganz bei dir. Wenn die zukünftigen Einnahmen wahrscheinlich nicht ausreichen, um die Schulden abzutragen, scheint der gesellschaftliche Bedarf an so qualifizierten Absolventen des betreffenden Studiums ja eher nahezulegen, sich eine andere berufliche Perspektive zu suchen. Will sagen: Es gibt einen begrenzten Bedarf selbst an höchstqualifizierten Ägyptologen, und erst recht einen an durchschnittlichen Philosophen oder Soziologen (durchschnittliche Betriebswirte können mitunter noch mit Absolventen kaufmännischer Ausbildungslehrgänge konkurrieren…).. Wer also nur Aussicht auf mies bezahlte Wunschjobs hat oder gar befürchten muss, nicht nur vorübergehend arbeitslos zu werden, sollte sich das mit dem Studium sehr genau überlegen. Jedenfalls erkenne ich keine Rechtfertigung, sich diese Wahl dann auch noch derart vom Steuerzahler finanzieren zu lassen.

    Was staatlicherseits sinnvoll sichergestellt werden kann, ist, dass niemand nur wegen unzureichender finanzieller Ausstattung des Elternhauses am Studieren gehindert wird. Das aber geht, wie gesagt, einerseits mit Stipendien für besonders Begabte, andererseits mit der Gewährung von Darlehen. Alles, was darüber hinaus geht, ist erfolgreiches Lobbying der das öffentliche Leben bestimmenden Klassen.

    Kommentar von Rayson | März 6, 2014

  3. De Sven Clement zur Reform:
    http://sven.lu/2014/03/2827-euro-manner/

    Kommentar von CK | März 12, 2014


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