L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Das Elend der Sieverschen Stigmatisierung

Eigentlich wollte ich ja hier auf dem Blog nichts mehr zum leidigen Thema „Prostitution“ schreiben, da ich meine Meinung dazu bereits zu Genüge hier und hier ausgeführt habe. Einzig ein Interview mit einer Sexarbeiterin wollte ich noch bringen, was hoffentlich 2014 endlich klappen wird. Aber nun komme ich doch nicht umhin, nochmal zu diesem Thema zu bloggen, da ich einen bestimmten Artikel von Antje Sievers auf der von mir recht gern gelesenen „Achse des Guten“ nicht einfach so unkommentiert stehen lassen möchte. Besagter Artikel ist eine Antwort auf einen Artikel des von mir hochgeschätzten Gérard Bökenkamps, welcher wiederum eine Replik auf eine vorherige Attacke Frau Sievers auf die Prostitution gewesen ist.

Es geht darum, die Selbstverständlichkeit, mit der Männer seit Jahrtausenden Frauen kaufen, in Frage zu stellen und zu ächten.

Früher gab es in der Tat Sklaverei (Menschen haben andere Menschen wie Waren gehandelt und als Eigentum betrachtet) und in manchen Teilen der Welt gibt es sie leider sogar noch heute. Dass Sklaverei, ob sexueller oder anderweitiger Natur, ein Verbrechen gegen die Menschheit ist und streng bestraft gehört, muss hier wohl nicht näher erläutert werden. Freiwillige Sexarbeit (und diese gibt es weitaus häufiger als Frau Sievers zumindest im ersten Artikel behauptet) hat jedoch mit Sklaverei rein gar nichts zu tun. Verkauft werden- im gegenseitigen Einvernehmen vorher ausgehandelte- sexuelle Dienstleistungen. Die Sexarbeiterin ist zu keinem Zeitpunkt Eigentum ihres Kunden. Ihre Grundrechte bleiben jederzeit bestehen. Verletzt der Kunde oder sonst irgendjemand dieselben, ist dies vom Rechtsstaat selbstverständlich entsprechend gemäss der bereits existierenden Paragraphen im Strafgesetzbuch zu ahnden. Zugegebenermassen wird leider nicht immer jedes Verbrechen angezeigt, das gilt aber nicht nur für das Prostitutionsmilieu, auch Gewalt in der Ehe oder generell sexuelle Belästigung oder Nötigung am Arbeitsplatz wird leider aus diversen Gründen oft nicht angezeigt. Das ist sehr bedauerlich, aber definitiv kein ausreichender Grund um die Ehe oder weibliche Berufstätigkeit zu verbieten. Alle Frauen (Sexarbeiterinnen inklusive!) haben das Recht auf freie Berufswahl und Lebensgestaltung und darauf dass der Staat ihre Rechte schützt. Diesen Rechtsschutz gibt es de facto auf illegalen Schwarzmärkten nicht, wieso jegliche Kriminalisierung (sei es der Nachfrage, sei es des Angebots oder gar beidem) dazu führt, dass die Frauen (und auch die Männer und Transsexuellen) im „ältesten Gewerbe der Welt“ erheblichen Gefahren ausgesetzt werden. Dies musste unlängst der oberste Gerichtshof Kanadas einsehen.

Allerdings hat die Legalisierung der Prostitution in unserem Land nicht dazu geführt, diese einzudämmen oder die Lebens- und Arbeitsbedingungen für Prostituierte erträglicher zu machen, obwohl man das Gesetz aus diesem Grunde verabschiedet hat.

Sinn und Zweck der Legalisierung war ja auch nie, diese einzudämmen! Das sollte auch gar nicht die Aufgabe eines freiheitlich-demokratischen Staates sein, denn ein solcher respektiert das Recht jedes mündigen Bürgers auf sexuelle Selbstbestimmung und oktroyiert keine noch so gutgemeinte Sexualmoral. Richtig ist, dass das rot-grüne Prostitutionsgesetz von 2002 zwar vor allem durch die Abschaffung der „Sittenwidrigkeit“ eine unglaublich wichtige Symbolwirkung hatte und auch vielerorts die Arbeitsbedingungen erheblich verbessert hat, in der Praxis aber viele Probleme der Prostituierten ungelöst blieben, für die es nach wie vor intelligente Lösungen zu finden gilt. Mehr dazu u.a. bei Dona Carmen. Zudem muss sich kritisch mit dem „Menschenhandel“ und den damit verbundenen Gesetzen auseinander gesetzt werden, wie es beispielsweise auf dieser interessante Website getan wird.

Ich sehe die betroffenen schwedischen Prostituierten, die jetzt herumjammern, dass ihr schönes Geschäft durch das neue Gesetz versaut sei, durchaus nicht als arme, hilflose Opfer. Sie müssen sich nicht prostituieren, auch nicht in Deutschland, denn beide Länder sind hochentwickelte Industrienationen mit einem vorbildlichen Netz sozialer Absicherung.

Eine erstaunliche Ausführung von Frau Sievers, die in ihrem ersten Artikel doch noch vorgab, sich für Prostituierte und ihre Rechte einsetzen zu wollen. Ein paar Tage später sind dann doch so manche Täterinnen (und keine Opfer von Zwang und Gewalt mehr), die man ebenfalls bestrafen sollte.😦

Kein Mensch muss sich hierzulande prostituieren, weil er sonst verhungert. Das war einmal, und wir können uns auf die Schulter klopfen, weil wir diese Zeiten überwunden zu haben.

1. Das wage ich einmal zu bezweiflen. Es gibt durchaus auch heute noch eine Armutsprostitution. Viele MigrantInnen aus Rumänien und Bulgarien (die ja keinen oder zumindest nicht denselben Anspruch auf staatliche Sozialleistungen haben können wie deutsche oder luxemburgische Staatsbürger) prostituieren sich tatsächlich allein oder zumindest hauptsächlich aus finanzieller Not heraus. Sie arbeiten nicht selten in prekären Zuständen, gegen die es in der Tat etwas zu unternehmen gilt. Sozial- und bildungspolitisch wie arbeitsrechtlich.

2. Tatsächlich haben sich auch viele nicht aus blanker Not für Sexarbeit entschieden, sondern ganz einfach weil es dort einen besseren Stundenlohn gibt als hinter einer Supermarktkasse oder am Fliessband, wegen flexiblen Uhrzeiten, wegen der Selbstständigkeit, teilweise sogar tatsächlich aus Spass am Job usw. usf. Es gibt unzählige freiwillige Gründe, die man in einschlägigen Foren nachlesen kann. Diese Menschen und ihre Kunden greift Frau Sievers an, als seien sie die dümmsten, geisteskrankesten und unmoralischsten Kapitalverbrecher. Damit stigmatisierst sie diese Menschen aufs Übelste. Teilweise liest man fast einen richtigen Hass zwischen ihren Zeilen. Das ist traurig.

Recht gebe ich Frau Sievers damit, dass kein wie auch immer geartetes Gesetz die unverantwortliche Nachfrage mancher Freier nach ungeschütztem Sex ohne Kondom und darauf leider eingehende SexarbeiterInnen eindämmen wird. Zwar glaube ich wie Bökenkamp, dass das schwedische Modell Letzteres EHER fördert, aber das Problem an sich existiert auch massiv in Deutschland, auch durch die wachsende (Dumping-)konkurrenz durch die EU-Osterweiterung. Hier kann man nur immer wieder an alle Beteiligten appellieren, dieses „russische Roulette“ lieber zu unterlassen, aber im Endeffekt ist der Einzelne selber verantwortlich für seine Gesundheit. Eine staatliche Kondompflicht ist totaler Unsinn, da überhaupt nicht umsetzbar. Eine Kondompflicht kann nur die SexarbeiterIn selbst umsetzen, was alle Vernünftigen auch tun.

Noch in der fünfziger Jahren war man der Meinung, es müsse Prostituierte geben, damit Männer sich vor der Ehe das Horn abstoßen können, betrunkene Seeleute nicht randalieren und Männer ohne regelmäßigen Geschlechtsverkehr nicht über Frauen herfallen und sie vergewaltigen. Außerdem war es selbstverständlich, dass ein Mann aus besseren Kreisen zu Prostituierten ging, wenn er mal etwas anderes wollte, als im Stockfinstern unter der Bettdecke möglichst schnell seine angewiderte Gattin zu befruchten. Prostitution als notwendiges Übel hat ausgedient. Inzwischen weiß man, dass Prostitution keine Sexualverbrechen verhindert.

Da stimme ich Frau Sievers völlig zu. Befürworter einer Legalisierung der Prostitution, die so argumentieren, dass dieselbe gesellschaftlich vonnöten ist, weil sonst sexuell frustrierte Männer rumrandalieren, -toben und Frauen vergewaltigen, sind mir ein Greuel. Ich empfinde ihre Aussagen als zutiefst männerfeindlich, da wir Männer dargestellt werden als primitive Bestien, die entweder ihr Sperma auf einen Sexualpartner abladen müssen oder Serienvergewaltiger werden. Zudem ist es in der Tat einfach Unsinn, dass Prostitution Sexualverbrechen verhindert, denn diese haben zumeist ganz andere Gründe als „sexuelle Frustration“. Mehr dazu hier.(Achtung, in französischer Sprache!).

In der Folge schweift Frau Sievers dann vollständig ab zu Teenagersex, Pornokonsum von Minderjährigen und einer „übersexualisierten Gesellschaft“, wozu sicher vieles zu sagen wäre (meine durchaus vorhandene „konservative Seite“ findet hier sicher auch nicht alles uneingeschränkt toll!), was aber meines Erachtens jetzt nicht nur den Rahmen dieses Artikels sprengen würde, sondern schlichtweg am eigentlichen Thema vorbeigeht.

Was in Frau Sievers‘ beiden Artikel vollständig fehlt (und leider so gar nicht zu einem liberalen Blog passt!), ist die Betrachtung der Frage nach der individuellen Freiheit, wie man sie u.a. bei GayWest zu diesem Thema findet. Frau Sievers sagt im Grunde nur: Prostitution ist unmoralisch, eklig, widerlich usw. (was ihr gutes Recht ist! Jeder Mensch hat das Recht auf seine eigene Meinung und seinen eigenen moralischen Ansichten sowie auf freie Äusserung derselben), deshalb muss der Staat jetzt etwas dagegen unternehmen um dieser Unmoral Einhalt zu gebieten. Nur: weil jemand etwas unmoralisch findet, hat er deswegen noch lange kein Recht es Anderen zu verbieten.

Es geht hier schlichtweg um die ganz allgemeine Frage: darf der Staat bestimmte Moralvorstellungen mit Zwang und Gewalt umsetzen? Darf man Moral überhaupt erzwingen? M.E. nein!

Die Aufgabe des Staates ist es allein, unsere Rechte zu schützen und natürlich dort rechtliche Grenzen festzulegen, wo die Rechte Anderer verletzt werden (könnten), nicht weniger aber eben auch nicht mehr, die konkrete Ausnutzung dieser Rechte geht den Gesetzgeber jedoch nichts an. Ein Recht, was nur gewährt wird, wenn es so genutzt wird, wie der Gesetzgeber es vom „braven Bürger“ erwartet, ist kein Recht mehr, sondern eine Farce! Und vor allem: ist erst einmal das Prinzip verinnerlicht, dass der Staat moralisches Benehmen erzwingen darf (wie es jahrhundertelang bekanntlich der Fall war), ist seinem Handeln keine Grenze mehr gesetzt. Viele Menschen finden leider immer noch Homosexualität unmoralisch, Andere Glücksspiel, wiederum Andere Blasphemie oder Eigentumsrechte an Produktionsmitteln usw. usf. Wieso also nicht auch all das verbieten, wenn eine parlementarische Mehrheit es so will?

Viele Menschen handeln heute auch in meinen Augen unmoralisch. So nutzen beispielsweise manche Menschen das Recht auf freie Meinungsäusserung dazu, antizionistischen Schwachsinn zu verbreiten. Das ärgert mich massiv und ich spreche mich immer wieder dagegen aus, da ich es unmoralisch finde. Ich habe aber kein Recht, diese moralischen Ansichten meinerseits anderen Menschen mittels Gewalt aufzuzwingen. Das wäre nämlich noch weitaus unmoralischer.

Völlig befremdlich finde ich zudem folgende Zitate:

Ein Ehemann kann erwarten, dass seine Angetraute ihn abends mit Ledercorsage, Strapsen und Reitpeitsche in Empfang nimmt, als wäre dies das Selbstverständlichste der Welt. Frauen machen das übrigens in der Regel aus dem gleichen Grund mit, aus dem sie seit Jahrhunderten alles mitmachen: Weil er sich sonst eine andere sucht.

Bei vielen Ehemännern ist das wohl nicht selbstverständlich, wie die Nachfrage nach solchen Dienstleistungen im kommerziellen Bereich beweist. Nun hat natürlich jeder Mensch das Recht auf seine eigenen sexuellen Präferenzen und wenn dem Sexualpartner solche Praktiken nicht zusagen, ist das unbedingt zu respektieren, aber ich verwahre mich davor, solche sexuellen Vorlieben pauschal zu verurteilen. Es kann für beide Seiten(!) durchaus erfüllend sein, devot-dominante Rollenspiele auszuleben oder auch „nur“ Spielsachen und fesche Dessous in das eigene Sexualleben einzubinden. Nichts gegen Blümchensex, aber sich darauf zu beschränken, fände ich persönlich fade. Und sehr viele Frauen ebenfalls.

Frau Sievers hat eindeutig ein Problem mit BDSM, wie auch folgende Zitate aus dem ersten Artikel nachweisen:

Ich bestreite nicht, dass es Frauen gibt, die sich freiwillig prostituieren. Ich kannte mehrere solcher Frauen. Eine war, wie die meisten Pro-Prostitutionslobbyistinnen, Domina. Sie war Lesbe und totale Männerhasserin. Männer bezahlten sie dafür, sich von ihr demütigen, quälen und blutig schlagen zu lassen. Ich weiß, dass das in unseren permissiven Zeiten keine beliebte Ansicht ist, aber eine gesunde Sexualität zwischen Männern und Frauen sieht für mich anders aus.

Ich kenne die besagte Frau nicht und weiß daher nicht, ob die Beschreibung der Domina überhaupt zutrifft. Sollte es wirklich so sein, dass diese Frau den Beruf nur oder auch nur hauptsächlich aus blankem Männerhass gewählt hat, würde ich jedem potentiellen Kunden davon abraten, diese aufzusuchen. Das kann kaum eine gute Domina sein. Gute Dominas hassen Männer meines Erachtens nämlich nicht. BDSM als „ungesunde Sexualität“ zu betrachten (und diese Aussage ist definitiv nicht nur auf den entsprechenden Paysexbereich gemünzt!), ist nun wirklich spiessiger, reaktionärer Humbug.

Die prüde Frau Sievers hat aber nicht erst mit BDSM ein Problem, auch Analverkehr und sogar Oralsex bezeichnet sie als „Sauigeleien“. Hier tut sie mir nun wirklich fast leid. Sollte sie mit Oralsex nämlich nicht nur Blowjobs, sondern auch Cunnilingus gemeint haben, weiss sie leider gar nicht, was ihr diesbezüglich Schönes entgeht. Schade eigentlich…

Aber sexuelle Freiheit bedeutet natürlich auch, auf Dergleichen und vieles Andere verzichten zu dürfen. Ich respektiere Frau Sievers sexuelle Freiheit wie die jedes anderen, erwachsenen Menschens uneingeschränkt. Es wäre schön, wenn auch sie dieses Freiheitsrecht endlich all ihren Mitmenschen zugestehen würde.

Sexwork

Siehe auch:

Dezember 28, 2013 - Posted by | Klassischer Liberalismus | , ,

1 Kommentar »

  1. Sex gegen Geld ist auch in der Tierwelt gegeben:

    😀😀😀

    Kommentar von CK | Dezember 30, 2013


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