L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Sterbehilfe

Ich habe es, zumindest hier auf dem Blog, leider nie klar und deutlich gesagt, allenfalls in meinem Interview vor den letzten Gemeindewahlen kurz angedeutet, aber ich habe ein sehr großes Problem mit den Euthanasiegesetzen in den Benelux-Staaten, was vielleicht doch dringend mal erwähnt werden sollte. Menschen töten andere Menschen aktiv mit einer „Giftspritze“.

Als Liberaler bin ich selbstverständlich der Meinung, dass jeder Mensch über sein eigenes Lebensende, selber bestimmen darf und nicht gegen seinen Willen künstlich am Leben gehalten werden darf. Daher unterstütze ich die Möglichkeit von Patientenverfügungen, die es ermöglichen, zu verfügen, dass in bestimmten Fällen die künstliche Lebenserhaltung abgeschaltet wird („passive Sterbehilfe“). Ebenso unterstütze ich „Beihilfe zur Selbsttötung“, vorausgesetzt die betroffene Person leidet unter einer unheilbaren, schweren Krankheit und will so möglichst würdevoll und schmerzfrei aus dem Leben abtreten (das „Modell Schweiz“ sozusagen, welches ich im Fall „Timo Konietzka“ bereits ausdrücklich gelobt habe). Darüberhinaus hat natürlich ohnehin jeder Mensch das Recht sich jederzeit selber umzubringen. Nur in totalitären Staaten sind Selbstmordversuche strafbar.

„Aktive Sterbehilfe“ jedoch bedeutet, dass ein Mensch, im Normalfall ein Arzt, einen anderen Menschen auf dessen Wunsch hin umbringt, meistens mit einer „Giftspritze“. Abgesehen von der philosophischen Frage, ob ein Mensch sein „Recht auf Leben“ überhaupt an jemand Anderen abtreten kann (der dann das Recht besässe, denselben zu töten) und, falls dies nicht der Fall sein sollte (wie ich persönlich eigentlich annehme), „aktive Sterbehilfe“ nicht ein ebenso ethisch falsches Konstrukt ist wie die von Walter Block peinlicherweise verteidigten „freiwilligen Sklavenverträge“, erscheint es mir überdies von absoluter Bedeutung- vor allem um sicherzustellen, dass der aus dem Leben Scheidende dies auch wirklich aus tiefster, innerer Überzeugung heraus wollte und auch im letzten, entscheidenden Moment es sich eben NICHT anders überlegt oder auch nur zu zögern beginnt!- dass dieser den Akt seiner Tötung willentlich selber auslöst, sei es direkt durch orale Einnahme eines „Giftcocktails“, sei es indirekt über irgendeine Apparatur (bspw. durch Drücken auf einen Knopf, der eine Infusion in Gang setzt).

Dies mag leider mitunter zu absurden Situationen führen wie im Fall Gernot Fahl, wo viele Leute meinten, es sei doch Unsinn, dass niemand dem alten Mann beim Einnehmen des Cocktails aktiv helfen durfte. Aber diese klare Barriere schützt halt im Normalfall recht gut vor „Missbrauch“. Kein im letzten Moment Zögernder kann von Mitmenschen doch noch gegen seinen letzten Willen entleibt werden. Bei der aktiven Sterbehilfe Marke Benelux hingegen scheint mir das jedoch nicht ausgeschlossen zu sein.

Ein weiteres großes Problem mit der aktuellen Gesetzesgebung habe ich bereits vor Wochen angesprochen: die meines Erachtens perverse Tatsache, dass anscheinend auch körperlich vollkommen gesunde, aber psychisch kranke Menschen totgespritzt werden dürfen. Dies erschütterte auch Bloggerkollege Lindwurm, der selber jahrelang an Depressionen litt. Es besteht eindeutig die ernsthafte Gefahr, so manche Menschen, bei weitem nicht nur psychisch Kranke, viel zu schnell aufzugeben, weil es (nicht nur finanziell!) die „einfachere“ und „billigere“ Lösung ist, sie „mit dem Tod zu erlösen“, als den mühsamen, schwierigen Weg langjähriger Therapien zu gehen. Zudem stellt sich bei psychisch Kranken, je nach Natur und/oder Schwere ihrer Krankheit, auch die unglaublich schwierige Frage ihrer Mündigkeit. Immerhin muss ein Mensch zuerst mal mündig sein, um überhaupt über sein Leben frei entscheiden zu können.

Apropos Mündigkeit: es wird längst, in Belgien wie in Luxemburg, darüber diskutiert, ob Sterbehilfe auch für minderjährige Patienten erlaubt werden sollte. Vielleicht irgendwann sogar für Kinder. Hier droht meines Erachtens ein Dammbruch. Aus guten Gründen behandeln wir Kinder und Jugendliche nicht bereits wie vollmündige Erwachsene. Und aus guten Gründen sind Eltern nur die Beschützer und Behüter ihrer Kinder und deren Rechte, nicht aber ihre Eigentümer, die jene einschläfern lassen dürfen als seien es Hunde oder Katzen.

Gut, ich will jetzt hier nicht polemisch werden, dafür ist das Thema viel zu ernst. Ich denke, dass die Vorbringer dieser Idee es durchaus „gut meinen“ und keineswegs bösartige Menschen sind, die lästige Kranke einfach los werden möchten. Aber sie scheinen mir doch die Gefahren einer solchen „Ausweitung“ zu unterschätzen.

Oder wie sehen unsere Leser das?

Sterbehilfe

November 20, 2013 - Posted by | Belgien, Luxemburg | , ,

2 Kommentare »

  1. Ich versuche mal meine Überlegungen zu umreissen… ist ja nicht das einfachste Thema…
    Beihilfe zum Suizid fällt meines Erachtens unter die Vertragsfreiheit. In der Hinsicht fand ich das Gesetz von 2009 eigentlich zu restriktiv, da nur die ärztliche Sterbehilfe unter verschiedenen Bedingungen legalisiert wurde – ausdrücklich übrigens nicht der Suizid. Ich kann mich gut daran erinnern, dass Jean Huss während der Parlamentsdebatte darauf pochte, es ginge nicht darum, allgemein den Selbstmord zu legaliseren.
    Allerdings unterscheide ich mich wohl von den „Euthanasie“-Befürwortern dadurch, dass ich Sterbehilfe nicht als Ideal verstehe und auch nicht der Meinung bin, dass dies ein „würdevoller“, ja „schöner“ Tod ist (wie es der ideologisch vorbelastete Begriff „Euthanasie“ ja nahe legt) – ob das assistierte Sterben mehr „Dignität“ hat als das stoische Durchstehen der Schmerzen bis zum Exitus sei dem subjektiven Empfinden des Einzelnen überlassen.
    Was nun die Sterbehilfe für Minderjährige betrifft, so wirft diese natürlich mehr als nur einige Fragen auf. Zuerst wäre ja überhaupt zu klären, ob Minderjährige überhaupt zum Abschluss eines derartigen Vertrags befähigt sind (Stichwort Mündigkeit). Überhaupt scheint sich die Debatte in Belgien auf das „unerträgliche“ Leiden (aus Sicht des Betrachters) der betroffenen Jugendlichen zu fixieren, und deren eigenes Wollen immer nebensächlicher zu werden. Hier kann man sich tatsächlich die Frage stellen, ob wirklich noch der selbst gewählte Freitod anvisiert ist, oder ob es nicht vielmehr darum geht, wie Hubert Hausemer gestern treffend im Journal schreibt, die Leiden zu beseitigen, indem man die Leidenden beseitigt. Das wäre in der Tat ein Dammbruch.

    Kommentar von nestor76 | November 28, 2013


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