L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Popkultur und Freiheit (VIII): Heino – Mit freundlichen Grüßen

Ich hätte nicht erwartet, dass das Konzept aufgehen würde. Das ganze Drumherum sprach dagegen: plump inszenierte Rockerschelte mitsamt erfundenen Zitaten durch die Bild-Zeitung, schwache Cover-Versionen einiger stellenweise ebenso schwacher Songs. Und dann noch Heino als Jugendschreck par excellence. Aber Platz 1 in den Albumcharts spricht eine andere Sprache. Doch warum eigentlich nicht?

Darum! Es geht dabei nämlich um die Integration der Rockmusik ins Volkstümliche. Während der umgekehrte Weg allgemeinhin kritisch gesehen, um nicht zu sagen geächtet, wird (man denke hier an die Kontroversen um Frei.Wild), so ist die durch diesen Kniff implizierte Überlegenheit der Volksmusik Programm. Wenn Heino sagt, dass sich der Tonumfang seiner gecoverten Songs innerhalb einer halben Oktave bewege und der „Enzian“ über drei Oktaven gehe, so ist dies ein quantitatives Merkmal, das die Überlegenheit der Volksmusikanten über die Rockmusik darstellen soll: Der Volksmusikant kann Rockmusik, der Rockmusiker aber keine Volksmusik. Diese Annahme wird weiter unterstützt durch die neue Kostümierung Heinos in Lederjacke mit Nieten und seine wiederholten Äusserungen, er stünde über den den Angriffen seiner Kritiker. Dies war nicht immer so, in der Vergangenheit bewies er häufiger ein recht dünnes Fell. Aber genau dies ist Teil des neuen Konzepts, welche die Volksmusik neu bewerten soll. Das Werbemotto „das verbotene Album“ schlägt ebenfalls in diese Kerbe: der rebellische Geist der Volksmusik setzt sich über den rebellischen Geist der Rockmusik. Dabei ist es gerade der Rockmusik eigen sich aus vielen Stilen zusammen zu setzen. Wenn man sich die Musikgeschichte anschaut, sind so ziemlich alle Stile in die Rockmusik geflossen, angefangen beim schwarzen Blues über Country bis hin zu Jazz.

Wobei man sich auch fragen kann, ob überhaupt die biedere Liederauswahl irgendwas rebellisches an sich hat. Bis auf Sonne (Original), MfG (Original) und Junge (Original) ist nicht viel Interessantes dabei, zeichnet sich doch die aktuelle deutschsprachige Mainstreammusikszene nicht gerade durch Protest- oder Innovationsgeist aus. Jedenfalls nicht, wenn man sich an Ton Steine Scherben oder musikalisch harmloser auch Hannes Wader orientiert. So gechillt wie z.B. „Haus am See“ ist, man tut damit niemandem weh (Grau zu blau wäre eine mutigere Wahl gewesen). Die Ärzte haben bereits ein Volksmusiklied gemacht und dabei sehr stark auf die spießigen Untertöne hingewiesen, indem die dargestellte Heile Welt gar nicht so heil ist. Sportfreunde Stiller sind eh eine Fun-Formation, ebenso wie die Absolute Beginner. Oompf haben einige kritischere (leider auch etwas plumpe) Lieder. „Augen auf“ gehört nicht dazu. Die Fantastischen Vier sind auch meistens eher lustig, aber auch dort finden sich Stücke, die andere Töne anschlagen.
Kurz: So „mutig“ (ja, das Wort fiel in dem Kontext tatsächlich) wie manche die Platte sehen, ist sie mitnichten, ganz im Gegenteil, Heino arbeitet sich am Harmlosen ab.

Kritik an der neunen Ausrichtung Heinos wird gerne mit dem Vermerk, man verstehe die Ironie nicht, abgeschmettert. Nur sollte man sich dann fragen, worin diese Ironie bei Heino bestünde. Wie Ironie aussehen kann, zeigt z.B. Rammstein mit Links, 2, 3, 4, wo sie mit einem recht martialisch-militärischem Song auf die Vorwürfe der Rechtstümelei reagierten. Oder Laibach, die mit wenigen Griffen aus fröhlichen (Cover von Opus‘ Life is Life) oder weltoffenen (Cover von Queens One Vision) Liedern, Songs mit protofaschistischen Texturen machen. Was ein Werk aussagen will und was es am Ende tatsächlich aussagt, ist ein schmaler Grad. Insbesonders bei „Junge“ wirkt das Ironie-Argument sehr befremdlich. Denn während dem Original der Ärzte bereits selbst eine ironische Verschiebung des Sprechers innewohnt (die spießbürgerliche Gesellschaft wird in ihrer ganzen Lächerlichkeit offen gelegt), fehlt dem Heino-Cover jegliche Distanzierung: Der Hörer muss den Text plötzlich ernst nehmen, denn er kommt aus dem Munde genau jener Gesellschaftsschicht, über welche sich die Ärzte lustig machten. Wer hier Ironie vermutet, missversteht die doppelte Wendung dieser Annahme und verteidigt einen spießigen Backlash. In dieser Form der Ironie liegt eine offensichtliche Feigheit, so dass sich nicht mehr mit den Inhalten auseinandergesetzt werden muss, obwohl im Grunde erzkonservative Klischees in nicht ganz so neuen Schläuchen verbreitet werden können. Vielleicht sollte man sich vorstellen, wie eine Cover-Version von Rammsteins Mein Land bei Heino ausgesehen hätte um zu einem deutlicheren Bild zu gelangen.

Es ist interessant, dass diese Masche als „Kult“ und als „Ironie“ gebrandmarkt werden kann. Denn dabei ist die Grundaussage sehr rückwärtsgewandt. Das semantische Feld der Volksmusik umfasst neben harmloser Bergliebe eben auch die Verherrlichung des Eigenen in direkter Trennung zum Fremden. Die besagten Muster deuten hier auf eine Vereinnahmung dieses Fremden hin. Alles was subversiv sein und damit starre Konventionen brechen sollte, wird hier wieder über einen Haufen geworfen, ins große Haus der Volksmusik gezogen und assimiliert. Das musikalische Erbe vieler Mütter wird zum unbedeutenden Teil dessen umgedeutet, was dann schlussendlich nur eine Variation des heimatlichen oder gar völkischen Schoßes darstellt, quasi als musikalischen Anschluss. Diese Umkehrung der tatsächlichen Verhältnisse kann man kaum als „ironisch“ bezeichnen, sondern kennzeichnen einen enormen Backlash. Dass bei der Diskussion gleich der Deutsche Stammtisch mitsingt und gegen Kritiker den „Man darf als Deutscher ja gar nichts mehr“-Chor anstimmt, ist dabei nur symptomatisch.

Advertisements

März 8, 2013 - Posted by | Deutschland, Konservativismus, Kurioses, Philosophie, Pluralismus, Popkultur und Freiheit | , , , , ,

Es gibt noch keine Kommentare.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: