L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Warum Geisteswissenschaften?

Es ist mittlerweile schwierig geworden, auch Akademikern gegenüber, die Zweckmäßigkeit von Geisteswissenschaften zu erläutern.

In Marxens Thesen über Feuerbach steht das berühmte Zitat: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern.“ Aus diesem Zitat spricht etwas, das nur allzu oft vergessen wird: Interpretationen der Welt haben Rückkopplung auf die Welt. Selbst der naive Kritiker akademischer Welten gibt dies meistens zu. Und dennoch weht mittlerweile ein rauer Wind in den Universitäten Deutschlands, denn genau dieser Interpretationsfreudigkeit der Welt wird durch Fachfremde gedroht die Daseinsberechtigung entzogen zu bekommen. Die Analogie mit dem, was im aktuellen politkritischem Diskurs mit dem Schlagwort „neoliberal“ gemeint ist, ist offensichtlich: Nur für das bezahlen, wovon man glaubt, dass es gebraucht wird. Schönheit ist Luxus, Zwecklosigkeit betrifft das, was man selbst nicht macht/mag/glaubt.

Ein aktuelles Beispiel einer akademischen Interpretation der Welt und dessen Rückkopplung auf die nichtakademische Welt findet sich in einer recht jungen Richtung namens Karnimus. Karnismus bezeichnet die Ideologie des Fleischessens und warum uns einige Tiere als Haustiere lieb und andere als Nutztiere fremd sind. Es gibt keinen vernünftigen Grund dafür das Gegebene als Soll zu definieren, daher sprechen Anhänger dieser Kritik der Kultur des Fleischessens von diesem Begriff. Diskursanalyse und Ideologiekritik geben so den eigentlich alten Schläuchen der vegetarischen und veganen Agenda neuen Auftrieb. (Problematisch dabei ist, dass die Ergebnisoffenheit hinter der eigenen Agenda zurückstecken muss, womit das Auftreten dieser Bewegung genau jenen ideologischen Hintergrund offenbart, dem sie eigentlich entgehen will.) Trotzdem: so oder so wird der akademische Diskurs von Nicht-Akademikern übernommen und ermöglicht eine Interpretation der Welt, welche nicht exklusiv hinter den verschlossenen Türen der Akademie stattfindet. Diese Form der Ideologiekritik findet sich bislang äußerst selten im alltäglichen Diskurs.

Besonders bei Fragen der Metaphysik und der Moral wird jeder plötzlich zum Spezialisten. Es geht dabei unter, dass auch diese Gebiete Stoff für jahrelanges Studieren und Denken geben. Diese Schnelllebigkeit führt dazu, dass von großen Teilen der, eigentlich nicht unintelligenten, Bevölkerung erwartet wird, dass Probleme innerhalb einer Talkshowlänge gelöst werden. Nur sind viele Sachverhalte deutlich komplizierter als es der Durchschnittsmensch erwartet. Wenn man allerdings auf diese Probleme hinweist und dann als Antwort bekommt, man würde sich nur langweilen und überhaupt hätte man zuviel Zeit, dann steht die Frage im Raum ob man das Gespräch weiter führen soll. Des Weiteren steht im Raum, warum man überhaupt das Gespräch weiter führen soll. Und so entsteht eine Art Parallelgesellschaft, die gerne als „Elfenbeinturm“ bezeichnet wird. Doch ist diese damit per se unnütz oder falsch? Geisteswissenschaften sind dazu da Horizonte öffnen, die sonst unter dem Druck von Gewohnheit und Gesellschaft zu kurz kommen.

Ad-hominem-Angriffe, wie sie auch gerne hier in den Kommentarspalten zu finden sind, werden unkritisch geschluckt. Es ist ein Symptom der Zeit, dass jemand wie Dieter Bohlen oder Gordon Ramsay eine Fangemeinde haben. Die Tendenz Gegner in einem Shitstorm untergehen zu lassen anstatt besonnen über etwas zu diskutieren, scheint besonders im Internet eine ganz eigene Subkultur gebildet zu haben. Es verwundert nicht, dass sich viele, die diesen Trend nicht mitmachen wollen, in eigenen Enklaven ein Nischendasein führen. Die öffentlichen Institutionen, z.B. in Form von Universitäten, sollen genau diese Freiräume ermöglichen. Auch wenn eine gewisse akademische Blödheit stellenweise zu finden ist, ist es gewiss nicht an der nichtakademischen Blödheit die Akademie als ganzes abzuschaffen. Wenn Ökonomisierung und Zweckgebundenheit den Wert einer Sache bestimmen, kommt dabei vieles zu kurz.

Es mag sein, dass z.B. Freud, der heute nur allzugerne kritisiert und gerne (bewusst) missverstanden wird, vielleicht etwas out of date ist, der Einfluss, den er auf das kollektive Bewusstsein hatte und weiterhin hat, ist damit nicht gebrochen. Trotzdem geistert weiterhin eine oberflächliche Betrachtungsweise durch das Halbwissen der Bevölkerung, wo Aufklärung nicht schaden würde. Nur wird Aufklärung immer schwerer, da jeder glaubt genügend zu wissen, damit allerdings nur die eigene Blödheit offenbart. Der Hass auf Kirchenvertreter kann z.B. zur Ablehnung von Metaphysik führen, der strenge Glaube an eine falsch verstandene Naturwissenschaft führt z.B. zur Absolutierung des Kausalitätsgedankens. Natürlich muss man sich nicht für alles die Zeit oder das Interesse nehmen. Nur soll man es nicht anderen vergrämen oder gar verweigern. Diese schleichende Welle von Uniformierung und Kollektivierung ist eine gesamtgesellschaftliche Gefahr, dessen Ausmaß erst in einigen Jahrzehnten sichtbar werden wird. Und wenn sich Universitäten dem Diktat dieser Uniformisierung beugen muss indem sie, aufgrund des Drucks ökonomischer Blödheit, einzelne Räume und Felder abschafft und nur noch das Erfolgreiche fördert, sollte man dies als Hinweis verstehen in welcher ideologischer Verfassung sich der Zeitgeist befindet. Ich hatte dies schonmal hier beschrieben (und einige sehr unsinnige Kommentare geerntet).

Jede Philosophie oder Ideologie endet, wenn man alles konsequent zu Ende denkt, in Crazyism, d.h. ab irgendeinem Punkt passt es nicht mehr zusammen und wirkt wirr und kontraintuitiv. Und anstatt sich dann an der eigenen Überzeugung fest zu beißen, zu beharren oder zu versteifen, täte man gut daran zurückzutreten und weiße Flecken auf der Karte zuzugeben – und zwar nicht mit dem ideologisch verhafteten Verweis, dass sich irgendwann alles in Wohlwollen auflöst. Aber auch dafür braucht es Erfahrung und einen gewissen Überblick über das, was wir Welt nennen. Geisteswissenschaften ermöglichen sowohl die Erfahrung als auch diesen Überblick. Zumal sämtliche Gedanken, auf die sich die Apologeten dieses versteckten Antiintellektualismus beziehen, aus den Geisteswissenschaften stammen. Alle Formen von „Laberwissenschaften“ bereiten Welterfassung vor. Wem das zu hochtrabend klingt, der kann sich auch mit Sichtweisen vorlieb nehmen. Ebenso bieten sie Materialien zur Kritik an diesen Sichtweisen. Und das ist es, was einen sehr elementaren Punkt im Menschein anspricht, nämlich die Neugierde. Diese ist mitnichten nur von der Wissenschaft abgedeckt, sondern ebenfalls in non-deskriptiven Welten wie z.B. Romanen zu finden. Und im Gegensatz zur strengen Methodologie (übrigens auch ein geisteswissenschaftliches Metakonstrukt) der Naturwissenschaft sind wir in der Interpretation der Welt sehr frei. Und wer gegen diese Freiheit stimmt, stimmt gegen jede Freiheit. Damit ist er ideologisch nicht weit von jenen entfernt, die verschiedene Ideen nicht in der Welt haben wollen, weil sie ihren Interessen widersprechen.

Vielleicht wäre es gut den Spruch von Karl Marx an die heutigen Verhältnisse anzupassen und zu sagen: „Die Menschen haben die Welt nur verschieden verändert; es kömmt drauf an, sie zu interpretieren.“ Dies erfordert Besonnenheit und Aufklärung. Leider sind beide dieser Tugenden momentan dabei ins Räderwerk von Ökonomisierung und Blödheit zu kommen.

Advertisements

Februar 15, 2013 - Posted by | Offene Gesellschaft, Philosophie, Pluralismus | , , ,

2 Kommentare »

  1. „Nur sind viele Sachverhalte deutlich komplizierter als es der Durchschnittsmensch erwartet.“

    Eigentlich nicht.

    Kommentar von Adrian | Februar 15, 2013

  2. „Eigentlich nicht.“

    QED 😉

    Kommentar von CK | Februar 16, 2013


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: