L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Unser Geldsystem (1)

Über unser Geldsystem- welches mich seit einigen Jahren bereits beschäftigt- wollte ich schon viel länger mal bloggen. Da das Thema gerade wieder brandaktuell ist, wage ich heute mal einen kleinen Anfang.

Derzeit wird unter Liberalen und Libertären vor allem über dieses recht sehenswerte und interessante Video aus den Tagesthemen diskutiert, welches kurz anschneidet wie es zur endgültigen Abkehr vom Goldstandard und zum Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems kam:

Und nun kommt es, ich gebe den Häretiker, was vor allem Anhänger der mir durchaus sympathischen Österreichischen Schule erschrecken wird: ich bin persönlich NICHT für eine Rückkehr zum Goldstandard, wenngleich ich der Kritik an der heutigen Politik der längst nicht mehr unabhängigen Zentralbanken an sich absolut zustimme. Wieso das so ist, was mir stattdessen vorschweben würde und welche Gedanken ich mir zu diesem Thema überhaupt so mache, werde ich versuchen in einer Reihe von Postings in den nächsten Wochen näher zu erläutern. Schritt für Schritt, so dass Andersdenkende die Chance haben sich zu jedem Schritt gesondert äussern zu können.

Für den Anfang will ich mich heute mal nur mit folgender Frage beschäftigen: was ist Geld? Welche Funktionen soll es in eine entwickelten Volkswirtschaft erfüllen? Und welche verschiedene Formen kann es annehmen?

Zunächst einmal unterscheide ich zwischen dem Geld selbst und GeldDOKUMENTEN. Im Grunde ist diese Unterscheidung trivial, aber vielleicht wird sie manchen Leser doch überraschen. Mit Gelddokumenten meine ich Scheine und Münzen oder auch verbriefte Einlagen bei der Zentralbank (aber kein von den Geschäftsbanken geschöpftes „Giralgeld“!, dazu in Teil zwei mehr). Ein 10-Euro-Schein beispielsweise ist also ein GeldDOKUMENT, welches de facto etwas dokumentiert. Das Dokumentierte ist für mich das Geld.

Geld ist für mich eine Kreditbeziehung (man kann sich dies imaginär wie einen unsichtbaren Faden vom Gelddokumenthalter zur Zentralbank vorstellen). So wie ein Schuldschein eine Schuld dokumentiert, aber nicht die Schuld selbst darstellt, so ist ein Geldschein ein Dokument, welches eine Kreditbeziehung dokumentiert, aber eben nicht diese ist. Quasi ein spezieller Schuldschein. Durch die dazwischengeschaltete Zentralbank (die diese Gelddokumente emittiert) ist dieser Schuldschein entpersonifiert und entspezifiert. Er richtet sich also nicht an eine bestimmte Person und ist nicht für ein bestimmtes Gut gedacht, sondern stellt eine (abstrakte) Schuld der Gesellschaft (der Mitmenschen) einem gegenüber dar bzw. dokumentiert, dass der Halter eine gewisse Leistung erbracht hat, für die er nun Anspruch auf eine entsprechend gleichbewertete Gegenleistung eines anderen Individuums hat (hier wird auch deutlich wieso Geldwertstabilität so wichtig ist, da Inflation den Halter um eine gleichwertige Gegenleistung bringt).

Geld ist für mich also Information über erbrachte Leistungen und somit (durchaus verleihbare wie verschenkbare) Anrechte. Geld ist etwas Immaterielles. Geld ist eine Beziehung. Natürlich müssen die Gelddokumente möglichst fälschungssicher sein, aber der Stoff aus dem sie sind, ist im Grunde völlig egal. Entscheidend ist WAS sie dokumentieren (GELD!, ergo eine spezielle Form von KREDIT).

Wer den Unterschied nicht erkennt, mache sich das an folgender Analogie fest: ein Trauschein ist keine Ehe, ein Trauschein dokumentiert, dass zwei Menschen eine Ehe miteinander führen. Aber nun stelle man sich vor, ein Alien kommt auf die Erde und will wissen, was die Ehe für ein Konzept sei und in seiner Unwissenheit denkt es, die Ehe sei dieses Stück Papier. So kommen mir manche Goldbugs vor. Sie starren auf Gelddokumente (Trauscheine), regen sich darüber auf, dass diese aus Papier und nicht aus Gold sind und meinen, das sei Geld (die Ehe).

Es mag ganz nett sein, Goldmünzen einschmelzen zu können oder Zigarettengeld zu rauchen, aber im Grunde brauchen Gelddokumente gar keinen inhärenten Wert um ein reibungsloses Funktionieren einer modernen Volkswirtschaft zu gewährleisten. Das sage ich wohlverstanden nicht als Gegner von Edelmetallen, die als Spekulationsobjekte durchaus sehr interessant sind, aber für ein vernünftiges Geldsystem braucht es meines Erachtens eben keine Edelmetalldeckung. Wenn der Geldemittent seine Arbeit gut macht (dazu braucht es natürlich entsprechende gesetzliche und marktwirtschaftliche Kontrollen!), haben die Menschen Vertrauen in die jeweilige Währung und die Gelddokumente tun ihren eigentlichen Job (Kredit zu dokumentieren, das zweistufige Bankenssystem ist ein gigantisches Kreditdokumentationssystem, die Zentralbank bietet ZB-Geld als spezielle Form des Kredits an Geschäftsbanken an).

In einer Wirtschaft tauschen Menschen reale Produkte, Güter, Dienstleistungen, Arbeit und Eigentumsverhältnisse untereinander, wobei natürlich Neues entsteht und Wohlstand aufgebaut wird. Geld (ich zähle hier nun auch Giralgeld dazu, wenngleich selbiges zwar Kredit, aber kein Geld ist, aber Girokonten erlauben Zahlungsverkehr als Produktfeature) vereinfacht dieses Tauschen.

Wenn ich Eier anzubieten habe und Schuhe möchte, muss ich nicht erst einen Schuhverkäufer finden, der meine Eier möchte, sondern ich verkaufe die Eier an einen Dritten und mit dem erhaltenen Geld kaufe ich mir Schuhe. Geld ist also Tauschmittel, welches friedlichen, für beide Seiten erfreulichen Handel ermöglicht.

In einer modernen Volkswirtschaft wird nun sogar intertemporal (über längere Zeitperioden) getauscht. Man kann sich diese vereinfachend als Blackbox vorstellen, aus der man heute Geld für ein Haus rauszieht (Schulden machen) und in der Zukunft als Gegenleistung wieder einzahlt (Schulden abbauen) oder heute Geld reinsteckt (Sparen) um irgendwann in der Zukunft sich ein Altersheim leisten zu können (Gespartes ausgeben). Geld ist also auch Sparmittel. Zudem hat Geld einen Maßstab, in dem die Preise angezeigt werden können(Wertmesserfunktion).

Nochmal zusammengefasst: Ständig werden Kreditbeziehungen aufgebaut, verändert und wieder geschlossen. Diese Nominalgüter (die verschiedenen Kreditformen) ermöglichen intertemporalen Realgütertausch. Geld ist Kredit (daher spricht man von einem Kreditgeldsystem). Im eigentlichen Sinne ist Geld nur ZB-Geld (also Bargeld plus ZB-Einlagen), Giralgeld sind (sehr kurzfristige) Forderungen auf ZB-Geld (dokumentiert durch Bits&Bytes), die elementare Geldfunktionen als Leistung der Bank ermöglichen. Mehr zu Letzterem in Teil zwei.

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August 19, 2011 - Posted by | Allgemeines, Video, Wirtschaft | ,

4 Kommentare »

  1. Interessante Zusammenfassung, muss gerade an meine Ökonomie-Lehrveranstaltung denken, von der ich viel zu viel schon wieder vergessen habe. Wenn du dabei bist, eine Serie über Geld zu schreiben, würde mich deine Meinung zu Bitcoins, die ja ohne Zentralbank im herkömmlichen Sinne auskommen, interessieren.

    Kommentar von Joël | August 20, 2011

  2. @Joel: Was die technischen Hintergründe von Bitcoin angeht, ich mich leider bisher zu wenig damit beschäftigt um ein halbwegs vernünftiges Urteil abgeben zu können. Was aber die dahinter stehende Idee der Überwindung des Geldmonopols der ZB angeht, hinter der ich stehe ich eigentlich voll und ganz. In den weiteren Beiträgen wird das wohl noch klar werden.

    Kommentar von CK | August 21, 2011

  3. Durchaus interessant, weitere Artikel zu den Thema zu lesen — nur gebe ich gleich vorab eines zu bedenken: ein System, das nur bei Ehrlichkeit funktioniert, funktioniert in Wahrheit nie. Denn es gibt (außer Liebesbeteuerungen) wohl kein Feld, auf dem Lüge und Gier so verbreitet sind, als das des Geldes.

    Auch ich teile durchaus Ihre Skepsis, ob eine Rückkehr zum Goldstandard möglich wäre — nur ist mir bis dato kein betrugssicheres System eingefallen bzw. präsentiert worden, das auch nur annähernd an einen Edelmetallstandard herankommt. 1 Kilo Gold ist 1 Kilo Gold. Punkt. Und das hat exakt den Wert, den ihm der Markt beimißt. Daß es einen Wert (= konstante Nachfrage) hat, beweist die mehrtausend Geschichte. In der schwankte der Wert, keine Frage! Aber in durchaus überschaubarem Maße. Ich las einmal einen Artikel, in dem nachgewiesen wurde, daß z.B. eine Unze Gold im Jahr 1911 ebenso „ein ordentlicher Herrenanzug“ bedeutete wie sie das im Jahr 2011 bedeutet. Bei Steakfleisch war (laut diesem Artikel — relata referro) dieselbe Relation gegeben.

    Wenn Bitcoins, sagen wir mal, dreitausend Jahre ebenso klaglos funktioneriert hat, dann lasse ich mich gern überzeugen. Davor habe ich meine Zweifel …

    Kommentar von LePenseur | August 22, 2011

  4. Der Beitrag von CK beleuchtet eine alte Kontroverse: Ist Geld eine Ware (eine erbrachte Leistung) oder ist Geld ein Recht (Gelddokument)? Dabei stößt man im vorliegenden Beitrag auf einige Widersprüche:

    Aussage 1: „Geld ist für mich also Information über erbrachte Leistungen“
    Aussage 2: „Geld ist für mich eine Kreditbeziehung“

    A1 kann ich unterschreiben. A 2 kann ich nachvollziehen, halte sie aber für falsch.
    Die Unterscheidung zwischen Geld und Gelddokument (Geldsubstitut) ist korrekt, wird hier aber immer wieder vermischt. Das Geldsubstitut bezieht sich auf das Geld. Historisch gesehen begann das Geldsubstitut als Lagerschein für das hinterlegte Geld. Eine Kreditbeziehung bestand hier nicht; eher eine Eigentumsverbriefung. Dieser Eigentumsbrief (das Geldsubstitut) konnte als Tauschmittel eingesetzt werden. Die Krediteigenschaft bekam das Geldsubstitut erst durch die Einführung des Teilreservebankensystems, weil mehr Lagerscheine weitergereicht wurden, als hinterlegtes Geld vorhanden war. Bei Licht besehen ein betrügerischer Vorgang. Vervollkommnet wurde dieses Kreditgeldsystem durch die Einführung von Zentralbanken und die völlige Abkopplung vom Gold vor rund 40 Jahren. Deshalb habe ich Verständnis für die Meinung, Geld sei Kredit, halte sie aber für falsch.
    J.P. Morgan hat es sehr gut ausgedrückt: „Gold und Silber ist Geld. Alles andere ist Kredit.“

    Über die Zeit sind die Begriffe von Geld und Geldsubstitut zunehmend deckungsgleich verwendet worden, was falsch, gefährlich und die Wurzel vieler Missverständnisse ist.

    Aussage 3: „im Grunde brauchen Gelddokumente gar keinen inhärenten Wert um ein reibungsloses Funktionieren einer modernen Volkswirtschaft zu gewährleisten“

    Eine falsche Aussage, deren Gefährlichkeit heute nur allzugut sichtbar wird. Richtig ist, dass ein ungedecktes Geldsystem funktionieren kann; aber nur, wenn man so tut, als sei es gedeckt. Und diese Fähigkeit haben unsere Politiker offensichtlich nicht.

    Falsch ist, dass ein Geldsystem ohne inhärenten Wert jemals hätte entstehen können. Falsch ist daran insbesondere die logische Unmöglichkeit der Schaffung einer allgemeinverbindlichen Nominale. Niemand – nicht einmal Politiker – wären in der Lage, einen Zettel in Umlauf zu bringen, dem ein bestimmter Nominalwert zugewiesen wäre (bspw. 10 Bongos) und der gleichzeitig Kaufkraft entfalten könnte, weil niemand in der Lage wäre, diesem Zettel einen Wert zuzuweisen. Diesem Umlauf von Geldsubstituten muss zwingend eine Evolution vorausgegangen sein, in der sich der Wert des Geldes, der sich im Geldsubstitut einfacher dokumentieren läßt, am Markt herausgebildet hat. Diese Lehre hat uns Ludwig von Mises mit seinem Regressionstheorem hinterlassen. Dieses Theorem hat den Rang eines Axioms. Es wäre uns allen zu wünschen, dass unsere Geldzauberer dieses Axiom einmal zur Kenntnis nehmen.

    Kommentar von Barthel Berand | August 23, 2011


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