L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Kunst oder Klamauk: HGich.T

Ich bin vermutlich einer der Letzten, die das „Youtube-Phänomen“ HGicht.T entdeckt haben. Nachdem sich die anfängliche Verwirrung gelegt hatte, wollte ich das ganze schon unter „Blödsinn“ klassifizieren, doch sowohl der Beitrag bei der 3Sat-Sendung kulturzeit, der ARTE-Produktion Tracks als auch die Erwähnung beim DeutschlandradioKultur zum diesjährigen Theaterfestival Impulse, ließen dann doch einen Verdacht aufkommen: Was genau passiert hier eigentlich?

HGich.T verweigert sich dem „Was will uns der Autor damit sagen“-Spiel. Was uns hier geboten wird, ist kein Spiegel der Spassgesellschaft, die üblichen Phrasen greifen nicht, da sich HGich.T nicht auf diesem Feld einer Sinngebung bewegt. Natürlich funktioniert die Performance auch wie ein Rorschachtest: Wenn jemand etwas darin sehen will, geht das durchaus auf. Aber das Anliegen einer Erklärung oder Offenlegung einer weiteren, verborgenen Realität, wie es traditionellerweise der Kunst innewohnt, kommt bei HGich.T nicht zum Zuge. Zu sehr würde man sich verrennen, wenn man einer Sinngebung des Sinnlosen folgen und darin beispielsweise eine Veräpplung der Prollattitüde oder der Technoklischees sehen würde.

Das Problem in dem System, ja, ist das System, ja. (…) Das System ist im System, ja.

Was uns HGich.T bietet ist kein Spiegel oder ausgeklügelte Kritik, es ist die tägliche Banalität des Daseins. Und diese ist nicht mehr karikierbar, da die Realität jegliche Satire zu übertreffen scheint. Dabei fällt vor allem die Belanglosigkeit der Lyrics auf. Man muss sich die Frage stellen, ob sich die Substanz dieser Texte wirklich so sehr von den Gesprächen, die man tagtäglich führt, hört oder in den Medien verfolgt, unterscheidet. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ heisst es bei Wittgenstein. Und HGich.T flirten mit diesen Grenzen, indem sie sie sehr niedrig ansetzen. Wenn die Sprache fehlt, wird Differenzierung unmöglich, alles verschmilzt zu einer Wortsuppe. Dass wir heute einer gewissen Intellektuellenfeindlichkeit (und dennoch mit blindem Vertrauen in die Expertokratie) ins Auge schauen müssen, liegt nicht zuletzt darin begründet, dass die Welt so schnell geworden ist, dass ausgeklügelte Gedankengänge gar nicht mehr gedacht werden können. Muße verschwindet sowohl als Begriff als auch inhaltlich und macht Platz einer ökonomisch durchregelten Weltsicht, indem die Effektivität der Rhetorik und der Polemik dem ausgeklügelten Gedankengang Platz macht.

Warum wird Helmut Schmidt immer alleine interviewed? Man könnte meinen, dass der Mann so wichtig ist und soviel zu sagen hat, dass man ihm die ganze Sendung widmet. Allerdings liegt hier der Verdacht nahe, dass er in einer gewöhnlichen Diskussionsrunde nicht viel sagen könnte, da seine Antworten häufiger einen großen Aufbau haben, der von Erfahrung zeugt und wo viele Fassetten des Themas zur Sprache kommen. In politischen Diskussionsrunden reicht es nur zu Wortfetzen: absichtliches Missverstehen des Gegenüber, Dramatisierung, Populismus von allen Seiten. Es wird umso mehr geredet, trotz Krisen, das Reden als Ersatzhandlung des Handelns. In dieser Schnelligkeit des Geschwätzes kommt gar nicht mehr zum Zuge, wie sinnlos die ganzen Plasbergs, Illners, Maischbergers – und zukünftig wohl auch Jauchs – geworden sind. Wir befinden uns tatsächlich in einem Diskurs, der alles aufnimmt und dadurch den Eindruck einer Geschäftigkeit vermittelt, einer ständigen bevorstehenden Revolution und Veränderung. Wir leben in einer Welt, in der immer mehr geschieht, aber nichts mehr zu passieren scheint.

Diese Banalität des Daseins wird bei HGich.T mit treibendem Technobeat unterlegt, der einem vorgaukelt, dass es weiter geht. Stillstand trotz ständiger Bewegung. Am Ende bleibt das große Gebrabbel, das Nennen des eigenen Namens als Argument und das Einkapseln in der eigenen Ideologie. Das Herunterbrechen der Welt auf simple Prinzipien wie „Geniesse“ und „Empöre dich“ fordert als erstes Opfer die Komplexität des Daseins. Was man nicht versteht, existiert nicht, durch die fehlende Sprache ist die Grenze der Welt sehr eng. Damit einher geht eine gefühlte Machtlosigkeit gegenüber den Zeichen, das postmoderne Spiel mit Anspielungen, Zitaten und bewussten Vermischungen ist einer stupiden Mentalität der Vereinfachung gewichen, indem große Themen mit einem Satz vom Tisch gefegt und Gossip und/oder World of Warcraft gepflegt werden. Wohl weil letzteres den Anschein einer geordneten Welt vorgaukelt.

Sind HGich.T also eine Kritik an wasauchimmer? Ergibt HGich.T Sinn? Nein, HGich.T sind sinnlos, genauso sinnlos wie die Welt, und genau darin liegt ihre Daseinsberechtigung im Kunstbetrieb. Ein Abbild, vielleicht bewusst durchdachtes Weiterführen dessen, was man auch außerhalb der Bühne erlebt: Vermischung der Gedanken, fehlendes Gespür für Zusammenhänge, Polemik, Arroganz der Dummheit. Nur dass man dort versucht ist, es ernst zu nehmen.

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Juli 29, 2011 - Posted by | Kurioses, Popkultur und Freiheit | , , , , , ,

2 Kommentare »

  1. Wieso eigentlich Kunst ODER Klamauk?

    Kommentar von nestor76 | August 1, 2011

  2. Wegen der wunderbaren Alliteration. Die braucht keine Kontravalenz.

    Kommentar von JayJay | August 1, 2011


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