L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Genitaler Klassenkampf

Anlässlich des Prozeßes um Wettermoderator Jörg Kachelmann und der jüngsten Ereignisse um den bereits zurückgetretenen Chef des IWF, Dominique Strauss-Kahn, wurde mir wieder einmal klar, wie viele Menschen leider 1. vorschnell Urteile fällen und 2. anscheinend einem üblen Geschlechtskollektivismus huldigen. Delikate Prozesse wegen vermeintlicher Vergewaltigung bzw. sexueller Belästigung sollten jedoch kein Spielplatz für Sexisten sein.


Als um Objektivität bemühtes Individuum sollte der Einzelne jeden Fall individuell analysieren. Generell ist zunächst immer alles möglich. Möglich, dass der Mann in brutaler, verabscheuungswürdiger Weise das weibliche Opfer vergewaltigt hat. Möglich aber auch, dass die Frau perfiderweise den Mann zu Unrecht beschuldigt, um sich wegen verschmähter Liebe und Untreue zu rächen oder auch nur um sich Vorteile im Streit ums Sorgerecht für die Kinder im Scheidungsfall zu verschaffen.

Ich finde persönlich beides absolut furchtbar. Einer anderen Person gegen ihren Willen sexuelle Gewalt anzutun, möglichst gar noch in einer Partnerschaft (die normalerweise auf absolutem, gegenseitigem Vertrauen und Liebe basiert), ist wohl mit eins der schlimmsten Verbrechen überhaupt. Die physischen wie vor allem psychischen Schäden dieser menschenverachtenden Barbarei will ich mir lieber nicht vorstellen.

Doch für genauso abartig grausam halte ich es, falsche Vorwürfe in die Welt zu setzen. Allein die Vorstellung, unschuldig wegen einer angeblichen Sexualstraftat vor Gericht zu stehen, jagt mir eiskalte Schauer den Rücken hinrunter. Selbst im Falle eines Freispruchs wird einen eine solche Sache den Rest des Lebens verfolgen. Der Ruin des eigenen Rufs, der Verlust sozialer Kontakte, berufliche Einbussen, die seelische Belastung, unter Umständen auch für den Lebenspartner… all dies steht den psychischen Leiden eines Vergewaltigungsopfers meines Erachtens in nichts nach. Ganz abgesehen davon, dass diese falschen Behauptungen den wirklichen Opfern einen Bärendienst erweisen, da diese in der Folge leider immer weniger ernst genommen werden. Und es sage nun niemand, das seien männliche Hirngespinste. Sind es leider nicht. Ich habe schon öfters von Polizisten gehört, dass quasi jede zweite Anzeige, gerade von noch sehr jungen Frauen und/oder bei Scheidungsfällen, mehr als fraglich ist. (Ein solcher Fall wird übrigens gerade in Luxemburg verhandelt. Eine Frau steht wegen vermeintlicher Verleumdung vor Gericht, weil sie sie ihren Ex-Mann der nicht nachweisbaren Vergewaltigung an ihr und des sexuellen Missbrauchs einer gemeinsamen Tochter beschuldigte.)

Doch genau deswegen, weil es immer ein Opfer gibt und man im Vorfeld aber nie wissen kann, wer nun das Opfer und wer der Täter ist, ist äußerste Vorsicht vor Vorverurteilungen geboten. Doch solche erleben wir leider immer wieder. Während des Kachelmann-Prozesses genauso wie nun bei DSK. Leider geben auch die meisten Medien diesbezüglich oft kein gutes Bild ab.

Grob zusammengefasst, schälen sich zwei Narrative heraus. Das feministische und das maskulistische (so nenne ich es nun der Einfachheit halber mal, wenngleich ich mir bewusst bin, dass beide Strömungen, der Feminismus wie der Maskulismus, doch komplexer und vielschichtiger sind als man zunächst annehmen könnte und ich ihnen hier zugestehe).

Das feministische Narrativ geht in etwa so: Männer wollen Sex von Frauen und wenn sie den nicht bekommen, nehmen manche ihn sich halt einfach mit Gewalt. Frauen sind nur rechtlose Sexualobjekte für diese Männer, die den Mann gefälligst zufrieden zu stellen haben und zur Triebabfertigung benutzt werden. Falls die armen Opfer sich dann noch frecherweise wehren und auf ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung pochen, wird alles getan um ihre Behauptungen ins Lächerliche zu ziehen. Es ist vollkommen ausgeschlossen, dass eine Frau so etwas erfindet- Ausnahmen bestätigen die Regel- und der Mann ist halt nunmal von Natur aus leider ein sehr aggressives und gewalttätiges Wesen. Auch wenn sie es vermutlich lauthals abstreiten werden, manche Feministinnen denken leider genauso. Es kann gar nicht anders sein, als dass der „schwanzgesteuerte Unhold“ sich nicht mehr beherrschen konnte: der Mann muss einfach der Täter gewesen sein, die Frau das Opfer.

Überlegen die Frauen (und auch Männer) die diesem Narrativ- wieso auch immer- anhängen, eigentlich einmal was sie damit dem vermeintlichen Vergewaltiger- sollte er denn unschuldig sein und jeder gilt bis zu einer rechtmäßigen Verurteilung erstmal als unschuldig- antun?

Das maskulistische Narrativ geht in etwa so: die „Schlampe“ wollte ordentlich Sex, bekam was sie haben wollte und will sich nun am armen Mann rächen, weil der keine ernste Beziehung will, ihr nicht genug Geld für die Liebesdienste zusteckte oder sie Teil einer wie auch immer motivierten Schmutzkampagne gegen ihn ist. Oder: alle Mittel sind recht, um das Sorgerecht zu bekommen.

Überlegen die Männer (und auch Frauen), die diesem Narrativ- wieso auch immer- anhängen, eigentlich, was sie damit einer Frau, die vergewaltigt wurde, antun? Als sei es nicht schlimm genug, sexueller Gewalt ausgesetzt worden zu sein, werden sie nun noch einmal als Lügnerinnen bezichtigt: ein unglaublicher Schlag ins Gesicht! Insofern finde ich es auch befremdlich, wie sehr viele Franzosen sich sofort auf die Seite von DSK stellen, vollkommen überzeugt davon zu wissen was nun im Hotelzimmer zwischen ihm und dem Zimmermädchen abging und wildeste Verschwörungen witternd.

Im Grunde sind diese Fälle Musterbeispiele für einen primitiven „genitalen Klassenkampf“. (Dass manche Frauen die maskulistische Position vertreten, manche Männer hingegen die feministische, also noch relativ oft die Version der „natürlichen Gegenseite“ vertreten wird, ändert daran nichts.) Es wird in Form von Geschlechterkollektiven gedacht und die jeweilige Ideologie ersetzt leider eine objektive und vorurteilsfreie Analyse. Das ist sehr bedauerlich. Und ganz am Rande: ein gutes Beispiel dafür, wieso ich eben doch lieber einem unperfekten und natürlich leider fehlerhaften Rechtsstaat vertraue als dem Gerechtigkeitsempfinden des Mobs, dem Anarcho-Libertäre den Vortritt lassen würden.

Es gibt unmoralische Männer (persönlich würde ich Kachelmann sogar als einen solchen betrachten, aber er steht nicht wegen seiner Untreue vor Gericht, diese geht den Staat schlichtweg auch gar nichts an). Es gibt unmoralische Frauen. Und es gibt kriminelle Menschen beiderlei Geschlechts, deren Taten- seien es nun Vergewaltigungen, übelste Verleumdungen oder sonstetwas- hoffentlich streng gesühnt werden. Auch wenn das leider nicht immer möglich sein wird. Schon allein, weil zu Recht Wert darauf gelegt wird, lieber einen möglicherweise Schuldigen laufen zu lassen als den Rechtsstaat auf dem Altar einer Ideologie- egal welcher Couleur- zu opfern. Schuldsprüche erfordern eine ausreichende Beweislast.

Weder Frauen noch Männer sind die besseren Menschen. Jeder einzelne Mensch ist ein eigener moralischer Agent und wir alle sollten individuell an unseren Taten (und ggf. Missetaten) gemessen werden, unabhängig wessen Geschlechtes wir sind. Es geht eben nicht darum ob man ein Mann oder eine Frau ist, sondern allein um Gesetze, Recht und Unrecht.

Ein letztes Wort noch zum Freispruch Kachelmanns: soweit ich das Ganze verfolgt habe, wurde der Angeklagte in diesem konkreten Fall in dubio pro reo zu Recht freigesprochen. Jedoch ist damit meines Erachtens noch nicht unbedingt bewiesen, dass die Nebenklägerin die wahre Täterin war. Sie hat zwar wohl bei manchem gelogen, doch wer in Teilen lügt, macht sich zwar enorm unglaubwürdig, lügt aber damit noch nicht notwendigerweise bei allem. Die Richter erläuterten dies ja auch in ihrer Urteilsbegründung. (Diesen letzten Abschnitt bitte ich nun aber unter Vorbehalt der Tatsache zu lesen, dass ich mich nicht wirklich intensiv mit dem Fall Kachelmann beschäftigt habe. Er ändert aber auch nichts am davor Gesagten.)

Siehe auch:
Michael Hanfeld-Und das wollen Journalisten sein?
Christian Geyer-Ein Dilemma, keine Katastrophe
Julia Jüttner-Im Zweifel für Kachelmann
Michèle Binswanger-Das Ende des Feminismus

Advertisements

Juni 1, 2011 - Posted by | Allgemeines | , , , , , ,

1 Kommentar »

  1. „ein gutes Beispiel dafür, wieso ich eben doch lieber einem unperfekten und natürlich leider fehlerhaften Rechtsstaat vertraue als dem Gerechtigkeitsempfinden des Mobs, dem Anarcho-Libertäre den Vortritt lassen würden.“
    Unsinn! Das ist eher das Rechtsverständnis konsequenter (Basis-)Demokraten (was ist schon basisdemokratischer als ein Lynchmob?), für welche der Willen der Mehrheit als Ausdruck eines vermeintlichen „Allgemeinwillens“ gilt und sich damit über die individuellen Interessen hinwegsetzen kann. Die Anarchisten wollen hingegen (wobei die Vorstellungen der praktischen Umsetzung da variieren) das staatliche Privileg der Rechtsfindung und -Sprechung durch synallagmatische und kommutative Verträge ablösen. Das schließt die Existenz von Gerichten und Schlichtungsinstanzen keineswegs aus („Anarchie ist Gesetz und Freiheit ohne Gewalt“, remember?).

    Zur Auflockerung: http://humoresyamores.wordpress.com/2011/05/29/dominique-nique-nique/

    Kommentar von nestor | Juni 2, 2011


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: