L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Was nun Ägypten, Libyen, Luxemburg, Europa?

Die Veränderungen im Nahen Osten und Nordafrika werden hier im Westen mit großem Interesse verfolgt. Manche fragen sich, wo es hingeht, manche fragen sich wo es herkommt. Man sollte aber dabei bescheiden sein. Zu schnell glauben wir Europäer und Amerikaner den arabischen Revolten diktieren zu können, wo die Reise hingeht. Diese Bescheidenheit scheint uns manchmal zu fehlen, wenn wir über Sanktionen gegen Libyen diskutieren, das jahrzehntelange Unterstützen Ben Alis und Mubaraks unter den Tisch kehren, die aktuellen Diktaturen verteufeln und gleichzeitig ihnen die Hand zum Handel reichen. Dabei haben wir sehr viel damit zu tun, dass die Revolten gerade jetzt passieren. Ohne uns wären sie schon früher passiert.

Nein, ich will nun beileibe nicht in den grassierenden antiwestlichen Diskurs einsteigen, dazu bin ich, wie wohl auch alle meine Leser, zu sehr innerhalb dessen, was sich „westlich“ nennt und wir alle profitieren von 2500 Jahren Philosophie und Politik. Auch wenn viele Errungenschaften einen Fortschritt der Menschheit zumindest vermuten lassen, so dürfen wir nicht übersehen, dass zu unserem, westlichen Diskurs auch eine dunkle Seite gehört.

Ägypten und Tunesien leben vom Tourismus. Dadurch floss regelmäßig Geld in diese Länder. Zu Spottpreisen arbeiteten die Putzkolonnen, Hotelbedienstete und Fremdenführer, 40-100 Euro im Monat klingt in unseren Ohren nach wenig, niemals würden wir diese Zustände in unseren Breitengraden zulassen und dennoch profitieren wir davon, indem wir dem Reiz des günstigen Reisens verfallen und damit genau diese Zustände kreieren. Das Argument, dass diese Leute sonst noch weniger hätten zieht nicht: „zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben“ ist der Spruch, der einem da in den Sinn kommt. Ohne dieses minimal-finanzielle Rinnsal hätte die Revolution vielleicht viel früher kommen können. Ähnlich verhält es sich mit den ölreichen Staaten, wo der Reichtum sehr ungleich ankam, aber dennoch eine gewisser Geldstrom (in Form von Investitionen der Prunkbauten der Scheichs) ein bisschen durchsickerte. Leider kam bei der arbeiteten Bevölkerung davon nur ein Bächlein an, der große Strom, der vom Westen aus floss, landete in den Taschen von Wenigen, die, wie im Falle Libyens, damit Privatarmeen finanzieren können um die Bevölkerung klein zu halten (die Parallele zu Blutdiamanten, Warlords und Diktaturen ist durchaus zu ziehen), Bildungsmöglichkeiten wurden vernachlässigt, um Öl zu fördern, braucht es keine Bildung.

„Wir wollen keine Einmischung von Außen, wir machen das selbst.“ sagte ein älterer Libyer heute in den ARD-Nachrichten. Und man ist versucht zu glauben, dass die Absetzung des einen Diktators keine weitere Diktatur nach sich ziehen wird. Wenn die Menschen durchhalten, können sie Großes erschaffen. Die Symbolpolitik wie Sanktionen gegen Libyen kommt rund 40 Jahre zu spät, die Macht der Despoten wuchs auch durch diese indirekte Hilfe des Westens.

Was soll der Westen tun? Es ist nicht die Zeit sich auf die Kanzel zu begeben und in überheblicher Weise den arabischen Nationen mitzuteilen, wohin die Revolutionen gehen sollen. Diese Form des Imperialismus hat der Westen zu lange praktiziert, mit den bekannten Ergebnissen. Demokratie kann man nicht mit Zwang exportieren. Sie muss angenommen werden, freiwillig, alles andere ist ein Widerspruch. Und wenn eine andere Form als die Demokratie gewählt wird, so müssen wir dies akzeptieren. Wenn es uns nicht gefällt, dürfen wir diese eventuellen Formen nicht noch unterstützen. Vielleicht entsteht ja wirklich ein dritter Weg, vielleicht kommt es zur Demokratisierung, vielleicht aber auch zum islamistischen Gottesstaat. In dem Falle gibt es nur etwas, das wir tun können: Wir müssen die Grenzen öffnen für jene, welche die westliche Form der Demokratie annehmen wollen, die Freizügigkeit jener, welche vor dem religösem Wahn fliehen wollen, sollte nicht an der Festung Europa enden.

Die Aktualität zeigt, wie unwichtig der Israel-Palästinenser-Konflikt ist, die Probleme der arabischen Welt gehen tiefer und Israel war dabei ein Argument der Despoten um genau dieses Brodeln zu unterdrücken. Solange der Feind nach Außen, sei es nun Israel, die USA oder einfach der Westen, aufrecht erhalten wurde, konnte eine einfache Erklärung für alle Probleme gegeben werden. Doch durch die neuen Kommunikationsmedien wurde die Welt zwar einerseits schneller, aber auch vielfältiger. Alle Hoffnung liegt nun in dieser Weltoffenheit einer arabisch-islamischen Jugend, wo nicht mehr der Koran die alleinige Wahrheit verspricht, sondern jeder sich per Mausklick andere Sichtweisen ansehen kann. Ohne den Ballast, welcher der Westen mit sich herumschleppt, könnte in den kommenden Jahrzehnten in der arabischen Welt ein ernstzunehmender Partner entstehen, welcher die Dinge besser macht, welche am Westen verkrustet und verfilzt sind.

Unser Beitrag dazu darf nicht darin bestehen von oben herab zu diktieren, was Demokratie ist, was Freiheit ist oder was wie gemacht werden muss. Unser Beitrag sollte darin liegen selbst so zu handeln, wie wir die Zukunft der arabischen Welt sehen wollen.

(Mit Dank an C.W. für ein sehr anregendes Gespräch)

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Februar 25, 2011 - Posted by | Allgemeines, Islamismus, Libertarismus, Libyen, Luxemburg, Offene Gesellschaft, Philosophie, Pluralismus, Tunesien | , , , , ,

6 Kommentare »

  1. Es stellt sich auch die Frage wie die westliche Welt aussenpolitisch zukünftig mit diesen Staaten umgehen soll. Die jahrzehntelange „Stabilisierungspolitik“ haben schließlich erheblich zur Machterhaltung dortiger Tyrannen beigetragen dazu.

    weitergehende Gedanken dazu unter:
    http://denkanstoesse.twoday.net/stories/entwaffnende-informationsfreiheit-sind-diplomatie-und-demokratie-mitei/

    Kommentar von Friedrich Lehmann | Februar 25, 2011

  2. Der weise Elie Wiesel meint, wir sollten in Libyen intervenieren:
    http://www.haaretz.com/print-edition/news/elie-wiesel-world-must-intervene-to-stop-gadhafi-1.345309

    Und ausserdem ein brillianter Nick Cohen im sonst eher israelfeindlichen Guardian:
    http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2011/feb/27/nick-cohen-arab-middle-east-conflict

    Kommentar von CK | Februar 27, 2011

  3. Die Libyer bekommen das schon alleine hin. Der Gaddafi-Clan wird bald gestürzt sein.

    Kommentar von Jerome | Februar 27, 2011

  4. @Jerome: Wäre zu hoffen. Ist immer besser, wenn es ohne Hilfe von aussen gelingt. Auch wenn ich skeptisch bin, was das Danach angeht, wenn ich manche Bilder der Demos sehe.

    Hier eine absolut geniale Zusammenfassung aller Aktionen des libyschen Clowns:
    http://www.thedailybeast.com/blogs-and-stories/2011-02-23/libyan-leader-muammar-gaddafis-25-strangest-moments/

    Beim Lesen kamen mir fast die Tränen vor Lachen, obwohl die Geschichten ja eigentlich bekannt sind, sie aber dann so schön kompakt zusammengefasst nochmal zu lesen, 40 Jahre Wahnsinn auf drei Seiten, das ging schon auf die Lachmuskeln.

    Die jungfräuliche, weibliche Bodyguardtruppe würde mir ja auch gefallen, aber als Sexist muss ich natürlich anmerken, dass sie bei mir nicht lange jungfräulich blieben 😉

    Kommentar von CK | Februar 27, 2011

  5. Wie kann es sein, dass hiesige Linke, Sympathie für einen demokratischen Sozialisten à la Chavez empfinden, der wiederum mit einem Regime verbündet ist, das Frauen und Homosexuelle unterdrückt, die libanesische Terrororganisation “Hizbollah” unterstützt, den Holocaust leugnet, Kontakte zur rechtsradikalen NPD pflegt und dafür bekannt ist, einen gewissen Staat von der Landkarte streichen zu wollen?

    http://primavera.comuf.com/?p=827

    Kommentar von CK | März 7, 2011

  6. Zur Debatte um Gaddafis Konten, die ja auch gerade die luxemburgische Öffentlichkeit bewegt, einige angebrachte Fragestellungen bei meiner kommunistischen Namensvetterin: http://nestormachno.blogsport.de/2011/03/04/gaddafis-konten/

    Kommentar von nestor | März 8, 2011


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