L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Popkultur und Freiheit (V): Watchmen (1)

Watchmen ist ein sehr interessanter und reicher Graphic Novel von Alan Moore und Dave Gibbons, der auf verhältnismäßig wenig Raum eine Menge an Geschichte, Philosophie und Ideologien anbietet. Eigentlich galt der Stoff als unverfilmbar, doch Zack Snyder gelang es, den komplexen Comic in bewegte Bilder umzusetzen.

Moore baute sowohl philosophische Typen als auch offensichtliche Referenzen zu bekannten Superhelden ein, doppelter Boden ist also garantiert. Moore versteht sich als Anarchist, dieser Umstand soll in der folgenden Interpretation des Stoffs nicht vergessen werden.

Der Film beginnt mit dem Tod von Edward Blake, genannt Comedian. Diese erste Szene hat bereits eine gewisse Signifikanz, wenn Blake sich die Nachrichten anschaut, embedded Wars gegen politische Scheindiskussionen neben M-TV. Die kompakte Welt wird in der Flimmerkiste dargelegt, Bildschirmleben als Spiegel einer witzhaften Realität, wo das Bild bestimmt, wie die Welt aussieht. Diese Geisteshaltung spiegelt ebenso das Leben des Comedians wieder, welcher die Welt als große Spielwiese begreift, als Komödie auf der Bühne eines sinnentleerten Daseins. Aber dies macht ihn auch gefährlich für das, was sein Mörder vorhat. Die Figur des Comedian ist lose (sehr lose!) an G. Gordon Liddy angelehnt. Liddy war einer der Köpfe hinter dem Watergate-Einbruch. Selbst heute, fast 40 Jahre danach, steht Liddy ganz hinter diesem Plan, für ihn war es richtig, die demokratische Partei auszuspionieren (auch wenn er den Tathergang inzwischen anders deutet). Diese Überzeugung, alles zu tun, was getan werden muss, ist ein Teilzug vom Charakter des Comedian. Dies wird auch in die Geschichte eingebunden, denn Blake arbeitet für die Regierung Nixon, der, obwohl er das Verbot der Maskierten durchsetzte, nicht auf die Dienste der beiden Effektivsten, Blake und Dr. Manhattan, verzichten wollte. Auch wenn die kurze Szene, wo man Blake als Mörder Kennedys erkennt, nicht im Graphic Novel enthalten ist, so passt sie gut ins Konzept. Dennoch hat auch der Comedian zeitweilig eine Abneigung gegen selbsternannte Anführer. Als Ozymandias die neue Generation von maskierten Helden organisieren möchte, zieht der Comedian das ganze Vorhaben ins Lächerliche.

Blake saw society’s true face. Chose to be a parody of it. A joke. (Rorschach über den Comedian)

Der Comedian mag ein unsympathischer Charakter sein, doch steht er, trotz seines Nihilismus, für eine Tugend, auf die wir später nochmals zurückkommen werden und welche eine direkte Verbindung zur anderen Hauptfigur macht: Rorschach.

Rorschach ist interessant, ob er Bösewicht oder Held ist, ist bewusst offen gehalten. Seine Vorgehensweise ist radikal, Verbrecher sind für ihn Abschaum, welche von der Justiz zu lasch angepackt werden. Nach dem staatlichen Verbot der maskierten Helden, ist er der einzige, welcher seinen Weg weiter verfolgt und die Verbrecher zur Strecke bringt.

Mehrmals sagt Rorschach „No compromise“, wenn es um sein Anliegen geht. Die Welt besteht für ihn aus zu vielen Kompromissen, aus dem Glauben, man könne die Kriminellen läutern und zu Bürgern machen. Zu oft hat er erleben müssen, dass die Justiz Mörder und Vergewaltiger mit Samthandschuhen anpackte.

This city’s afraid of me. I’ve seen its true face. The streets are extended gutters and the gutters are full of blood. And when the drains finally scab over all the vermin will drown. The accumulated filth of all their sex and murder will foam up around their waists and all the whores and politicians will look up and shout, „Save us.“ And I’ll whisper, „No.“

Now the whole world stands on the brink staring down into bloody hell. All those liberals and intellectuals and smooth talkers and all of a sudden, nobody can think of anything to say. (Rorschach)

Nach seiner Auffassung hat die Justiz versagt. Spätestens bei einem Entführungsfall und der Ermordung eines kleinen Mädchens, steht für Rorschach fest, dass nur er alleine gegen die Welt steht, Hilfe kann er von keinem Dritten erwarten. (Notiz am Rande: Hier unterscheidet sich der Film vom Graphic Novel, im Film gibt der Täter sein Verbrechen zu, versucht aber Mitleid zu schinden und bezeichnet sich selbst als krank und dass er Hilfe brauche. Rorschach tötet ihn mit einem Fleischerbeil, welches er dem Verbrecher mehrmals wütend in den Kopf rammt. Im Comic hingegen ist die Sache unklarer, ob der Verdächtige überhaupt der Täter ist, Hinweise deuten darauf hin, aber er leugnet vehement der Täter zu sein. Rorschach fesselt ihn daraufhin an den Händen und lässt nur eine Säge zurück („Saw“ lässt grüßen), danach setzt er das Haus in Brand. Die Comic-Version passt eher zum Charakter, auf den Moore anspielen will, ihm Wut oder impulsives Handeln zuzuschreiben, ist etwas verfehlt.) Diese Kompromisslosigkeit ist eine Anspielung, vielleicht böswillige Parodie, eines anderen heroischen Typus:

In any compromise between food and poison, it is only death that can win. good and evil, it is only evil that can profit. (Ayn Rand, „Atlas Shrugged“)

Der Anarchist Moore sieht im Objektivismus von Ayn Rand eine Ideologie mit totalitären Zügen. Rorschach ist die übersteigerte Version des randschen Helden, jemand, der nur für sich lebt und nur seinen Idealen gehorcht. Und, um das bekannte Bild zu gebrauchen, manchmal muss die Welt von Geschwüren befreit werden. Diese Rolle hat Rorschach, obwohl er erkennt, dass er gegen eine Hydra kämpft, für sich auserkoren, denn, ganz wie der randian hero es verlangt, ist er darin ausgezeichnet. Der imperativische Charakter eines solchen Heldentypus ist in der Tat nur ein kleiner Schritt vom totalitären Übermenschen entfernt, nämlich dann, wenn das entscheidende Element, sich als Erzeuger und Motor der Welt über die anderen zu stellen, überschritten wird, d.h. wenn er das, was er für richtig hält, auch anderen auferlegt. Im randschen Narrativ wird diese Grenze nicht überschritten, Howard Roark aus Rands Roman The Fountainhead stellt diesen Heldentypus in idealisierter Form dar. Aus anarchistischer Sicht dagegen stellt sich immer die Frage, was passiert, wenn ein solcher Typus zu Macht kommt? Zählen dann noch Ideale? Oder ist, wie so häufig bei idealistischen Revolutionären, die Diktatur vorprogrammiert?

Hier trifft sich ein ideologischer Grundzug zwischen dem Comedian und Rorschach: Beide sind absolute Individualisten. Sowohl der Comedian als auch Rorschach kämpfen Mann gegen Mann. Ihr ungeschriebener Ehrenkodex besagt, dass keine Armeen gegeneinander treffen, keine Kollektive, welche andere Kollektive bekämpfen, selbst im Vietnamkrieg ist der Comedian eine Ausnahmeerscheinung. Sie schauen ihrem Gegner in die Augen, um zu prüfen, ob wer verdient hat und wer nicht. Wer dabei zwischen die Fronten gerät ist selbst Schuld. Sie sind zwei Ausprägungen individualistischer Philosophie, welche durch die Umstände fehlgeleitet wurden. Rorschachs Prinzipientreue verbietet ihm irgendwelche Kompromisse einzugehen und die Verbrecher einer unfähigen und korrupten Polizei zu übergeben. Seine Radikalität macht ihn zum Richter und Henker zugleich. Quis custodiet ipsos custodes? Diese Aufgaben kann er nicht an Dritte weitergeben, da die Unfähigkeit der Welt dieselbe in ein Höllenloch zu verwandeln droht, wo nur er das Gegenmittel ist. Der Comedian sieht es anders, die Welt ist lachhaft, Leben ist da um Spaß zu haben, Sinn und Vernunft sind trügerisch, da sie ihn davon abhalten die Welt zu genießen. Dieses Genießen ist sein einziger Sinn, welcher auch das Ausloten von Grenzen und Testen von den Mitmenschen beinhaltet. Dieser Charakterzug ist auch in der Rückblende im Vietnam-Krieg zu entdecken, wo er eine von ihm geschwängerte Frau erschießt. Er tut dies als „Spiel“ mit dem ebenfalls anwesenden Dr. Manhattan, welcher aufgrund seiner übernatürlichen Fähigkeiten dies hätte verhindern können. Ebenso das Bezeichnen des Kampfeinsatzes gegen die Hippies auf amerikanischem Boden als „Erfüllung des amerikanischen Traums“ unterstützt diese Annahme. Die ganze Welt wird für den Comedian zu einer einzigen existentiellen Grenzerfahrung, in der das eigene Genießen über dem der Mitmenschen steht. Wer sich zum Gegner des Comedian macht, hat die Konsequenzen zu befürchten, und genau das machte ihn zum Problem für Veidt, denn im abstrakten Zerstören, quasi im virtuellen Einsatz, verliert der ganze Spaß seinen Sinn, es wird zur Simulation, wenn man seinem Gegner dabei nicht in die Augen sehen kann, die Opfer werden zur amorphen Masse, da vergeht sogar dem Comedian der Spaß und er kann den Plan nicht mehr mittragen.

So verschieden also der Comedian und Rorschach auf den ersten Blick wirken, ihr Antrieb ist sehr ähnlich und ihre, sofern man von davon sprechen kann, Auffassungen von Moral sind nicht unähnlich, beide sehen das Individuum als einzig (an-)greifbare Unität an, das Kollektiv, sowohl Teilnahme als auch als Gegner, ist ihnen zuwider. Nur ist ihre Herangehensweise völlig verschieden. Moores Aussage ist klar: Sowohl der Nihilist, als auch der Rächer sind Sackgassen in der Individualphilosophie.

Allerdings gesteht Moore sowohl dem Comedian als auch Rorschach gute Seiten zu. Die individuelle Herangehensweise haben wir schon besprochen. Zweitens: Da der Comedian am Ende bereits tot ist, hat Rorschach seine große Stunde, als er entgegen den Drohungen Veidts und Dr. Manhattans die Sache an die Öffentlichkeit bringen möchte. Die große Sünde des Verschweigens eines riesigen Verbrechens, auch wenn dieses Verbrechen positive Auswirkungen haben könnte, will er nicht tragen. Die Wahrheit steht über dem Erschaffen einer besseren Zukunft, eine Gesellschaft, welche auf einer Lüge basiert ist es nicht wert gelebt zu werden, auch wenn das Leben darin besser sein könnte (hier kann man an die naive Leseart von „The Matrix“ denken, wo die Helden ein karges Leben außerhalb der Illusion bevorzugen). Sowohl Rorschach als auch der Comedian haben wegen dieser Einstellung sterben müssen, „no compromise“ wenn es um die Wahrheit geht.

Never compromise. Not even in the face of armageddon. (Rorschach)

Die Frage nach der revolutionären Umsetzung steht förmlich im Raum. Die Frage, ob die autoritäre Revolution jemals Erfolg haben kann und ob überhaupt aus der gewaltsamen Umbildung der Gesellschaft Freiheit entstehen kann, ist Teil der anarchistischen Philosophie. Jede Form der erzwungenen Gesellschaftsumwälzung ist ein anarchistischer Alptraum. Revolutionäre, welche den gewaltsamen Umsturz proben, widersprechen jeglicher freiheitlicher Philosophie, egal wie gut ihre Absichten sind. Dies haben die Individualisten Rorschach und Comedian verstanden. Trotz der autoritären/nihilistischen Ausrichtung ihrer Philosophien, achten sie die Wahrheit und das Individuum. Ihre Art und Weise ist zwar ein Übel, doch stehen ihre Ansichten höher als jene der Kollektivisten, für welche das Mittel den Zweck heiligt und im Anonymen die Welt lenken wollen, vielleicht zum Besseren, wahrscheinlicher aber in die Hölle.

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April 5, 2010 - Posted by | Anarchismus, Philosophie, Popkultur und Freiheit | , , , ,

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