L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Hayek vs. Rand

Unsere Leser können aufatmen. Unser Servus war in der Tat nur ein Aprilscherz. Nichtsdestotrotz haben wir in der Tat letztens interessante, kontroverse und heiß umstrittene Diskussionen über die philosophischen Hintergründe von politischer wie wirtschaftlicher Freiheit geführt und dabei merkte ich an, dass das Eintreten für Liberalismus und Individualismus für mich schlichtweg rational sei, hingegen der Sozialismus egal welcher Couleur ein Musterbeispiel für Irrationalismus sei. Daraufhin brach eine interessante Diskussion zum Thema „Rationalität, Vernunft und Rationalismus“ aus, vor allem angesichts der Tatsache, dass breite, liberale Literatur den Sozialismus wegen seiner rationalistischen Haltung angreift, aus der Konservative die Notwendigkeit judäo-christlichen Glaubens ableiten.

Ein Musterbeispiel für solche Kritik ist der von uns allen durchaus geschätzte Wirtschaftsnobelpreisträger F.A. von Hayek.
Ich stimme Hayek völlig zu, dass die Anmassung von Wissen, auf die sich zentral gesteuerte Systeme basieren, eine Hybris sondergleichen darstellt. Die Gesellschaft ist viel zu komplex um sie effizient steuern zu können und jeder Versuch solch konstruktivistischer Sozialklempnerei kann wohl nur damit enden, dass das Individuum dem abstrakten Kollektiv geopfert und somit zermalmt wird, seine individuellen Bedürfnisse auf der Strecke bleibend. Der freie, dezentral organisierte Markt mit seinem Preissystem kann viel mehr Informationen in schnellstmöglicher Zeit verarbeiten als jede noch so fleissige Datenzentrale. Doch übersieht Hayek m.E. dass die technokratische, rationalistische Haltung gerade die irrationale, realitätsverleugnende Haltung ist, das Eintreten für einen freien Markt hingegen die rationale, an der Realität orientierte Haltung.

Wir Menschen sind einzelne Individuuen, die eigenständig denken können und müssen (auch wenn es viele nicht immer tun) und kein Borgkollektiv, wo Denken eine kollektive, gemeinsame Handlung ist und alle Bedürfnisse, Wünsche und Ansichten aller Mitglieder zu jedem Zeitpunkt vollkommen eindeutig bekannt sind. Kollektivismus ist stets und immer eine lebens- weil menschenfeindliche bzw. die wahre Natur des Menschen verkennende Haltung. (In der Tat sind ethische wie politische Systeme entscheidend davon abhängig welches Menschenbild vom Vertreter eines bestimmten Systems propagiert wird.)

Gefährlich an Hayek, der sich zwar oft vom Konservativismus abgrenzte, sind zudem seine radikalen Ansichten zur kulturellen Evolution und zu Traditionen, die ihm sinnvoll erscheinen, wenngleich der Einzelne sie nicht verstehen oder gar ablehnen mag. So als würde die Gesellschaft automatisch per se Wünschenswertes hervorbringen, dem der Einzelne sich lieber freiwillig unterordnen sollte. Konsequent zu Ende gedacht, müsste dies zu einer kulturrelativistischen Haltung führen, denn wenn eine Gesellschaft beispielsweise Frauen seit Jahrzenten unterdrückt, wird das wohl schon seinen Sinn haben (Nicht dass Hayek so einen Unsinn konkret behaupten würde, aber an das Alte „glauben“, nur weil es eben alt und somit sich bewährt hat, würde konsequent zu Ende gedacht zu solcherlei Unsinn führen.) Tradition kann sehr oft freiheitsfeindlich sein und auch der Sozialstaat ist ja längst eine traditionsreiche Institution in Europa. Ich für meinen Teil sehe Tradition nicht per se als etwas Erhaltenswertes an und entscheide lieber gerne selber welche ich pflege und welche nicht.

Larry J. Sechrest erklärt in diesem lesenswerten Paper „The Irrationality of the Extended Order: The Fatal Conceit of F. A. Hayek“ wo genau seiner Meinung nach die Fehler des berühmten Österreichers lagen (Ethik, Epistemologie.) Seine Analyse deckt sich wohl teilweise mit meinen Äusserungen beim liberalen Stammtisch letzte Woche. Gut gefällt mir auch sein Hinweis am Rande, dass der Gödelsche Unvollständigkeitssatz eben gerade nicht den menschlichen Geist ab- sondern vielmehr (jedenfalls gegenüber Maschinen) aufwertet(!). Eine Ansicht, die so auch von Roger Penrose in „Computerdenken“ vertreten wird.

Chris Sciabarra versucht es seinerseits eher mit einer (teilweisen) Synthese der Gedanken Hayeks und Rands, die doch beide den irrationalen Rationalismus von Technokraten und Planwirten abgelehnt hätten. Rationalität und Rationalismus sind eben nicht das Gleiche und kamen wohl durchaus beide bei Denkern der Aufklärung vor. Man muss eben aufpassen wovon man genau redet. (Wer behauptet, sein Geist seie allmächtig, wäre kein Vernunftsmensch, sondern ein Wahnsinniger!)

Interessant zu dieser Thematik ist auch Ayn Rands folgende, ältere Botschaft an die „conservatives“ der Republican Party:

Religion und Tradition sind oft ein Gegenpol zum Sozialismus, aber man treibt den Teufel nicht mit dem Belzebub aus. Kapitalismus sollte zudem auf der Basis der Vernunft verteidigt werden. Natürlich dürfen sich diesem Kampf von mir aus auch gerne religiöse Menschen anschliessen, aber Religion sollte eben Privatsache bleiben und hat in der Politik nichts verloren. Ich verteidige den Kapitalismus ja auch nicht auf der Basis meiner atheistischen Einstellung (auf einer reinen Negativhaltung könnte man ohnehin gar nichts aufbauen.) Genauso wenig gefällt mir das als Axiom definierte Nichtagressionsprinzip der Libertären. Das Prinzip an sich finde ich zwar toll, aber es ist eben kein aus dem Nichts plötzlich auftauchendes Axiom, sondern durchaus vernünftig begründbar.

Ich bin für meinen Teil jedenfalls überzeugt davon, dass freiheitliche Ideen sich nur durchsetzen werden, wenn wir Liberale uns klar in ethisch-moralischen Fragen positionieren und wie Peikoff und Ridpath erklären, wieso die freie Marktwirtschaft das moralisch richtige, gute und eben auch vernünftige System ist. Wir müssen also Debatten um Vernunft und Ethik führen um die moralische und rationale Lufthoheit zu gewinnen statt uns genau davor zu drücken, weil Moral und Werte heute mehr denn je leider wie verstaubte Begriffe klingen. Und unseren Gegnern in solchen Diskussionen den Anstrich des vermeintlich Rationalen zu überlassen und selber ins Mystische und Gläubige abzugleiten, hielte ich für grundfalsch, taktisch verheerend, ja regelrecht defätistisch und daher unmoralisch.

April 2, 2010 - Posted by | Klassischer Liberalismus, Objektivismus, Philosophie | , , , , , ,

2 Kommentare »

  1. Bevor ich ins Osterwochenende ab bin, kurz eine Zusammenfassung meiner Position:
    Gerade weil ich keine religiöse Haltung einnehme, und nicht annehme, dass es einen Weltgeist gibt, der mit seiner unsichtbaren Hand alles wieder ins Lot bringt, würde ich nicht sagen, dass Marktwirtschaft „rational“ ist. Im Gegenteil, die Marktwirtschaft hat sich entwickelt (zumindest so weit wir dies empirisch erfassen können), ohne dass dabei irgendeine weltliche oder metaphysische Vernunft steuernd gewirkt hätte. Insofern ist die Marktwirtschaft als solche in der Tat „irrational“, ziellos, was eben zu allen Zeiten Menschen auf den Plan gerufen hat, die sich berufen fühlten, das Ganze „vernünftig“ einzurichten. Besonders hat sich diese Tendenz ab dem 18. Jahrhundert eingerichtet, eben gerade weil doch langsam, aber sicher Zweifel an der lenkenden Stellung Gottes aufkamen. Zu diesem Zeitpunkt kam es auch schon zu ersten Exzessen – dem „culte de la raison“ der Jakobiner, die Kirchen in „temples de la raison“ verwandelten, und Gläubige wie Atheisten als Verbrecher wider die Vernunft verfolgten. Dieser Kult der Rationalität lebte im sog. „utopischen Sozialismus“ des 19. Jahrhunderts und den Planungsphantasien des 20. Jahrhunderts fort, die Hayek als „technokratisch-konstruktivistischer“ Missbrauch der Vernunft (cf. The Counter-Revolution of Science. Studies on the abuse of reason, 1952) abkanzelt. Das Resultat ist bekannt: die „vernünftige“ Einrichtung der Gesellschaft stellte sich als innerlich widerspruchsvoller dar als die planlose Anarchie der Marktverhältnisse.
    Gegen diese absolutistische Form des Rationalismus ist es meines Erachtens notwendig einen skeptischen Rationalismus zu verteidigen und weiter zu entwickeln, d.h. nicht als Alternative zu den sozialistischen und/oder technokratischen „rationalen“ Gesellschaftsentwürfen, selbst liberale, minarchistische oder libertäre Utopien als „wirklich“ vernünftige Gesellschaftsordnung zu entwerfen, sondern die Grenzen und Widersprüche dieser Entwürfe im Sinne einer schonungslosen Kritik aufzuzeigen.
    Zugleich gebietet die Kritik an der „Anmaßung von Wissen“ auch für einen selber Bescheidenheit und selbstkritische Haltung – d.h. auch bereit sein, die eigenen Positionen auf Grund von neuen Informationen zu hinterfragen; also auch nicht per se davon ausgehen, dass nur man selber „rational“ argumentiert.

    Kommentar von nestor | April 3, 2010

  2. @nestor: Ich habe mich da wohl missverständlich ausgedrückt. Ich sage nicht, dass die Freiheit (auf ökonomischer Ebene also die Marktwirtschaft als das System der individuellen Freiheit) selbst per se vernünftige Entscheidungen hervorbringt. Gerade, weil Menschen frei sind, auch unvernünftig zu handeln, ist auf einem freien Markt alles möglich (entscheidend ist eben, dass die Verursacher selbst dafür haften und mit ihren Entscheidungen leben müssen.) Was ich vielmehr meinte ist, dass die Begründung(!) für Freiheit und Marktwirtschaft vernünftig ist.

    Es gibt natürlich keine kollektive Vernunft mit Steuerpotential. Ein solcher Vernunftsbegriff ist absolut an der Realität vorbei. Dieser Rationalismus, verbunden mit dem Wahn eine ganze Gesellschaft kontrollieren und planen zu wollen, führt logischerweise zu Totalitarismus und wird von mir auch abgelehnt.

    Jedes Individuum hat ein eigenes Gehirn und unsere Gehirne sind nicht miteinander verbunden. Denken muss also jeder für sich allein, auch wenn natürlich unser Denken Einflüsse von Anderen dank Kommunikation aufnimmt. Mit Vernunft ist also unser individuelle Geist gemeint, der möglichst objektiv bleiben soll und der allein unser Überleben als Menschen sichern kann.

    Unter Zwang und Gewalt funktionniert diese Instanz aber nicht oder wird zumindest stark beeinträchtigt. Daher sind Zwang und Gewalt, ausser zu Selbstverteidigungszwecken gegen Initiatoren von Zwang und Gewalt, vollkommen objektiv und eindeutig übel, böse und falsch. Zwang und Gewalt bringen niemanden dazu einzusehen, dass er falsch liegt. Daher kann man Rationalität seitens Anderer auch nicht erzwingen, sondern nur mit Überzeugung erreichen(soft power).

    Selbst wenn man absolut recht hätte, seine Ideen mit Gewalt durchzusetzen, wäre dennoch ein moralisches Verbrechen. Der Irrationale muss schon selber einsehen, dass er auf dem Holzweg ist. Jeder Versuch ihn mittels Gewalt zu bekehren, wäre unmoralisch, kontraproduktiv und bringt zudem unerwartete Konsequenzen, sprich ganz neue Probleme, mit sich (Beispiel: War on Drugs.)

    Da der Staatssozialismus auf Zwang und Gewalt basiert, freie Märkte hingegen nicht, ermöglichen letztere ein besseres Funktionieren der individuellen Vernunft aufgrund freieren Denkens, was wohl dazu führt, dass auch das Gesamtergebnis eines solchen Systems dem des sozialistischen punkto Vernunft überlegen ist. Die Marktwirtschaft hat natürlich kein klares Ziel, die darin agierenden Personen jedoch mehr oder weniger klare individuelle Ziele. die durch Marktmechanismen bestmöglichst in Einklang gebracht werden sollen.

    Das Randsche Konzept „Vernunft“ hat mit dem absolutistischen der Jakobiner nichts zu tun. Hybris ist Unvernunft, nicht Vernunft. Nur weil sie von „raison“ sprachen, meinen sie nicht das Gleiche wie Miss Rand mit „reason“.

    Ich will halt einfach diesen Begriff nicht an die Sozialisten verloren geben, die sich ja auch gerne anderer Begriffe wie „Freiheit“ bedienen und diese komplett umdeuten. Das ist alles. An sich sind wir uns recht einig, vlt. liegt hier doch nur ein Begriffsproblem vor?

    Liberale Utopien sollten als Vernunft am besten ermöglichende und somit vernünftig begründbare Systeme, nicht aber per se als eine vernünftige Gesellschaft hervorbringend, da von uns Menschen abhängt was wir aus unsere Freiheit und mit unserem Geist machen und was nicht.

    Zum Abschluß noch: Gegen Bescheidenheit, wo sie angebracht ist, habe ich nichts einzuwenden, im Gegenteil. Und eine Vernunft, die nicht auch selbstkritisch ist, wäre keine. Neue Informationen und neues Wissen sind mir jederzeit willkommen und ich behaupte auch nicht, dass nur ich rational argumentiere.

    http://www.ontheborderline.net/wp-content/uploads/2009/04/rand-_conservatismanobituary.pdf

    Kommentar von CK | April 3, 2010


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: