L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

„high altitude“ von Michael Najjar

Seit dem 18. März präsentiert die Galerie Clairefontaine in Luxemburg-Stadt die aktuelle Ausstellung des Fotographen Michael Najjar. Najjars Hautaugenmerk liegt auf dem Verhältnis der Welt des Realen zu der Welt des Virtuellen, des Zukünftigen und Möglichen, aber auch der Welt der Täuschung und Simulationen.

Die bisherigen Bildinstallationen Najjars beinhalteten diesen Zwiespalt zwischen Vertrautem und letztendlich doch Verfremdeten. Najjars Form der Hyperrealität setzt allerdings mitnichten bei simplem Kulturpessimismus an, er kann dem Posthumanismus durchaus etwas abgewinnen. Die Frage ist nicht mehr, ob es die technologieunterstützte Verbesserung des Menschen geben wird, sondern wann. Und darin liegen große Chancen. Das Projekt „bionic angel“ setzte die ikonisierten Archetypen der Mythologie in hyperreale und sterile Bilder um. Der ewige Traum der Unsterblichkeit fand in dieser Installation einen futuristischen Ausdruck, der ohne die Stigmatisierung einer fortschrittsfeindlichen Angstgesellschaft in der Technikutopie mündet, in welcher, trotz aller Überwindung des Biologischen, weiterhin die ewigen Ikonen des Menschlichen existieren werden.
Die Installation „nexus project part I“ zeigte Portraits, deren Augen durch künstlich wirkende Linsen ersetzt wurden. Neben der Fotographie konnte man die (virtuelle) Biographie des dargestellten Menschens lesen. Trotz des ScienceFiction-Bezuges ergibt sich eine gewisse Lebendigkeit des Bildes, das vertraut und dennoch entfernt wirkt. Auch hier stellt sich nicht mehr die Frage, ob eine Veränderung des Menschen in Zukunft stattfinden wird, sondern nur die Detailfrage des Zeitpunktes erscheint legitim, was beim Betrachter einen Gemütswechsel provoziert, von anfänglicher Vertrautheit zu allmählicher Verfremdung zu schlussendlicher Fügung in die posthumanistische Zukunft.
Politischer geht es in „information and apocalypse“ zu. Dort wird auf den Zusammenhang zwischen Form und In-form-ation hingewiesen. Krieg und Medien sind zusammen „embedded“, der Krieg wird zu einem virtuellen Kammerspiel, das auf einer begrenzten und verschwommenen Bühne stattfindet. Videoinstallationen zeigen zunächst ein Bild, dann verschwindet langsam der Vordergrund und ein ganz anderes, vorher verdeckter Tatbestand, eröffnet sich dem Betrachter. Bilder verschleiern, sie verdecken, was sie eigentlich zeigen sollten und dienen so eher zur Realitätskonstruktion als zur Aufklärung.

Najjars neuestes Projekt „high altitude“ befasst sich indirekt mit der Wirtschaft. Wenn wir uns einmal anschauen, was die Börse und das Finanzwesen genau sind, so kommen wir zu keinem Ende, denn deren Existenz ist rein virtuell. Und dennoch bewegen sie die Welt. Dieser Ausgangspunkt der Virtualität ist wie geschaffen für kunst- und medientheoretische Überlegungen.

So wie die Erhabenheit eines Berggipfels ein vollständiges Begreifen nicht möglich macht, besteht eine gewisse Erhabenheit in der Dynamik des Finanzmarktes, der trotz seiner virtuellen Existenz große Wirk-ungen in der Wirk-lichkeit ermöglicht. Dieses Phänomen findet sich im Grunde überall in unserer von Zeichen dominierten Welt, doch scheint dem Finanzmarkt eine besondere Rolle, vielleicht sogar Fetisch-Rolle, inne zu wohnen, so dass diese Wirkung auf globaler Ebene entfaltet werden kann. Die Finanzkurven sind da, ihre Existenz mag virtuell sein, doch ist es der Glaube daran nicht. Dieses Virtuelle bestimmt unser Aller Leben und so wie der Aufstieg als Summe der Anstrengungen und Begebenheiten, gegebenenfalls als Blase steil nach oben führt, kann es sehr schnell nach unten gehen.

Die Bilder stellen selbst keine Realität dar – und dennoch sind sie nicht künstlich. Najjar bestieg für die Bilder den 6962 Meter hohen Aconcagua in Argentinien. Es sollte im wahrsten Sinne des Wortes auch eine Grenzerfahrung für den Künstler werden.
Der Vergleich zwischen Statistiken des Wachstums und Bergen drängt sich förmlich auf, das Virtuelle der Börsenlandschaft deckt sich mit der Virtualität einer Berglandschaft, deren wahrhaftige Größe auch nur in der Entfernung sichtbar wird, sobald man sich von dem Allgemeinen entfernt, verschwimmt das Bild, je genauer man hinschaut, desto undeutlicher wird es.
Weiterhin haftet am Berg eine gleich doppelte Mythologie. Berge galten immer als Sitz der Götter, welche das Geschick der Welt lenken. Weiterhin gilt der von Menschenhand gemachte Berg als Versuch diese Götter zu erreichen, wobei der babelhafte Abstieg ebenso im Raume steht, wie das exponential nach oben, hin zum Absoluten, Strebende.

Najjars Werk verbindet diese Elemente in einem Bild, das Massive und Unverrückbare wird mit dem Fragilen und Virtuell-Flüchtigem untrennbar verbunden. Was uns zunächst als natürliches Gebilde erscheint, entpuppt sich als reine Idee. Das Mystische, das dem Berg seit spätestens der Romantik (man denke nur an die Gemälde von Caspar David Friedrich) anhaftet, verweist auf den mystischen Charakter der Wirtschaft, die nur funktioniert, weil die Teilnehmer daran glauben. Das Unfassbare und doch Lebensbestimmende.

Börsenkurse stehen wie virtuelle Berge in einer Simulation, die trotz ihrer Negativität des Raumes als ständiges Feedback die Wirklichkeit beeinflussen und sogar bestimmen. Der vermeintlichen Virtualisierung (in Statistik und Zahlen) des Realen wird die Realisierung des Virtuellen entgegengesetzt, wo die Simulation und das Virtuelle realere Auswirkungen haben, als die Realität selbst.

Auf der Homepage von Michael Najjar findet man alle aktuellen Bilder und vergangene Installationen.

„high altitude“ vom 18. März bis zum 30. April 2010 in der Galerie Clairefontaine-Espace 2, 21 rue du St-Esprit L-1475 Luxembourg.

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März 20, 2010 - Posted by | Neues aus Luxemburg, Philosophie | , ,

2 Kommentare »

  1. Holà,

    …interessant…wäert do mol „eranluussen“…

    Hasta
    Pancho

    Kommentar von Pancho | März 20, 2010

  2. cool

    Kommentar von dm | März 20, 2010


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