L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Wehrpflicht ist Sklaverei – auch in Israel

„Conscription/Draft is slavery“- mit diesem polemisch-plakativen Spruch sprach sich Ayn Rand entschieden gegen eine Wehrpflicht in den USA aus. Ich muss ihr bezüglich solcher Zwangsdienste (egal ob Wehrdienst oder alternativ Zivildienst) im Grunde rechtgeben. Kein Staat sollte seine Bürger unter Androhung von Gewalt zum Dienst an der Waffe und/oder Dienst für die Gemeinschaft zwingen. Menschen werden frei geboren und jedes Individuum hat ein Recht auf Gewissensfreiheit. Doch nun sorgt in Israel (wo auch Frauen eingezogen werden) der Fall der jungen, blonden Emelia Marcovich für Aufsehen. Die junge, linke Pazifistin will total verweigern (also weder Wehr- noch zivilen Ersatzdienst abliefern) und deswegen droht ihr nun sogar eine Gefängnisstrafe. SpOn berichtete.

Eins vorneweg: der Artikel der guten Frau Hartwig ist in einem Tonfall geschrieben, den ich nicht für gut befinden kann. Israel wird als militaristisches Land dargestellt, in dem „Verteidigung gegen Versöhnung aus[ge]spielt [wird]“, was Unsinn ist. Niemand würde seine Kinder lieber ohne Uniform der Armee sehen als die Israelis. Und versöhnen kann man sich nur mit einem Feind, der ehrlich zum Frieden bereit ist. Mit einer Hamas kann es jedoch niemals eine Versöhnung geben und die Freiheit Israels gehört selbstverständlich eisern verteidigt. An dem Tag wo eine echte Versöhnung möglich wäre, würde Israel hingegen versuchen, diese zu erreichen, das hat die Vergangenheit gezeigt, allen voran der leider gescheiterte Osloprozeß. Auch halte ich die Aussagen Emilias zweifellos für furchtbar naiv, aber die Dame ist ja noch sehr jung und lernfähig.

Nichtsdestotrotz verletzt der israelische Staat meines Erachtens die Rechte Emilias, indem er sie einsperrt. Emilia hat keinem Mitbürger etwas Böses angetan, sie wird nur deswegen ihrer Freiheit beraubt weil sie das Recht auf sich selbst reklamiert. Ein Bürger gehört nie seinem Staat und/oder seinen Mitbürgern, sondern nur sich selbst. Der israelische Staat mag nach geltendem Recht leider einen Anspruch auf Emilias Körper und Geist haben, doch ist dies zutiefst unmoralisch. (Natürlich sollte an dieser Stelle weder vergessen werden, dass ganz andere Staaten Deserteure gleich erschiessen noch dass vor Israel erstmal andere, nicht so mittelbar vom Terror betroffene Demokratien wie u.a. das Männer dbzgl. diskriminierende Deutschland ihre Zwangsdienste endlich abschaffen sollten, Zivistellen kann man ohnehin mit Arbeitslosen besetzen.)

Der Leser möge mich nicht missverstehen, ich habe tiefsten Respekt vor den IDF-Truppen und für jeden Israeli, der in ihnen dient. Persönlich lehne ich Emilias kategorische Einstellung entschieden ab, da ich sie für falsch halte. Jedoch sehe ich ebenso nicht wieso es moralisch rechtens sein sollte, sie zum Dienen zu zwingen und ihr somit die eigenen Moralvorstellungen (so berechtigt diese auch sein mögen) aufzuzwingen. Ich glaube nicht, dass moralische Vorstellungen Zwang legitimieren. Zwang und Gewalt sind nie rechtens ausser zu Selbstverteidigungszwecken gegen Initiatoren von Zwang und Gewalt.

Doch nicht nur ethisch-moralische Gründe, auch utilitaristische sprechen gegen die Wehrpflicht. Würde Emilia ihren Dienst ableisten, täte sie das ohne Überzeugung, ja sogar trotz innerer Ablehnung, eine denkbar schlechte Ausgangsposition für einen guten Soldaten, was wiederum nicht förderlich für die Moral der Truppe wäre. Etwas provokativ-martialisch ausgedrückt: solche schädlichen Defätisten braucht es erst gar nicht bei Zahal.

Ich selber war früher kein Freund der Armee und war auch froh, dass ich nicht dorthin musste (Luxemburg hat schon lange keine Wehrpflicht mehr.) Doch im Laufe der Jahre hat sich meine Einstellung geändert. Genauso wie Waffen nicht nur zum Töten da sind, sondern auch Leben retten können, genauso können auch militärische Truppen nicht nur zu Verbrechen an der Menschheit sondern auch zu humanitären Zwecken und zur Bekämpfung von Verbrechen eingesetzt werden. Ich habe heute tiefsten Respekt vor allen, die sich zur Armee melden und beispielsweise im Kosovo, im Irak oder in Afghanistan im Einsatz sind (Dies auch unabhängig davon, was ich persönlich von konkreten Einsätzen, ihren Zielen und ihrer Führung halte). Angesichts einer direkten Bedrohung wie der Israels durch die Hamas und andere islamistische Gruppen, würde ich mich heute wohl freiwillig zur Armee melden. Zwar mit Riesenangst im Bauch, aber dennoch würde ich meine Freiheit verteidigen wollen. Aufgrund meiner Sehschwäche würde ich zwar wohl für den Kampf ohnehin ausgemustert werden, aber eine Armee braucht ja nicht nur Soldaten und Offiziere, sondern auch Informatiker, Techniker, Sanitäter, Ökonomen oder Naturwissenschaftler bspw. Und irgendwie könnte ich schon helfen meine Heimat, mein Leben und das meiner Familie und Freunde, mein Land und vor allem meine Freiheit zu verteidigen.

Wovor hat der israelische Staat Angst? Dass noch viele andere Menschen- und sei es nur aus reinem Hedonismus heraus- dem Beispiel Emilias folgen werden? Dass es gar eines Tages nicht mehr genug Soldaten gäbe? Erstens glaube ich nicht, dass es jemals so weit käme, genug Jugendliche sind sich der Bedrohung ihrer Heimat bewusst und bereit ihren Dienst zu tun und zweitens bin ich selbst im Angesicht der Vernichtung Prinzipienreiter. Käme es jemals also doch so weit und Israel würde nicht genug Freiwillige rekrutieren können und würde daher vernichtet werden, so hätte es schlichtweg nichts Besseres verdient. Dito für jeden anderen freiheitlichen Rechtstaat der Welt. Seine Freiheit verdient eben nur der, der auch bereit ist, sie zu verteidigen. Wenn mein Nachbar mich bedroht, stehe ich auf und wehre mich und halte nicht noch die andere Backe hin.

Nun mag man argumentieren, dass es doch unfair sei, wenn Emilia die Bereitstellung des öffentlichen Gutes Sicherheit geniessen dürfte ohne selbst etwas dafür zu tun. (Trittbrettfahrerproblematik.) Dieses Argument überzeugt mich jedoch nicht. Ich profitiere auch von der Sicherheit, die mir die Polizei in Luxemburg bietet, ich bezahle doch aber auch für sie und genauso bezahlt jeder israelische Steuerzahler für die IDF. (Wobei man sich selbst eine freiwillige Finanzierung durchaus vorstellen könnte).

Ich persönlich halte eine Armee mit Profis und Freiwilligen einfach für die beste und moralischste Lösung. Eine solche Armee kann ihre Männer nicht als Kanonenfutter verheizen (nicht, dass die IDF dies heute tun würde, ich rede nur ganz allgemein) und sie schindet auf ihre Gegner umso mehr Eindruck. Weil was macht einem mehr Angst als eine Truppe von überzeugten Idealisten?

Ich bin den USA ohne Ende dankbar dafür, dass sie Luxemburg 1945 vom Nazijoch befreit haben, aber ich kann nicht vergessen, dass die vielen jungen Männer, die damals starben, nicht freiwillig dort waren, sondern von ihrer Regierung zum Kämpfen für meine Vorfahren gezwungen wurden. Ich kann heute beruhigter schlafen, wenn ich weiß, dass meine Freiheit nicht von Wehrpflichtigen, sondern von freiwilligen Männern und Frauen verteidigt wird, die die bestmöglichste Ausbildung genossen haben und das bestmöglichste Kriegsmaterial zur Verfügung gestellt bekommen. So sollten unsere deutschen Nachbarn ebenfalls endlich diese unsinnige Grundausbildung der Wehrpflichtigen abschaffen und das gesparte Geld für eine bessere Ausrüstung der eigenen Truppen in Afghanistan ausgeben.

Ein oft, gerade auch von den Unionsparteien in Deutschland gehörtes Argument für die Wehrpflicht ist das, dass so die ganze Bevölkerung sich kontrovers mit den Einsätzen der nationalen Armee auseinandersetzen muss. Dieses Argument ist sicher nicht ganz falsch, wenn man sieht wie sehr sich die israelische Bevölkerung mit Zahal identifiziert, jedoch zugleich kritisch die Militäreinsätze diskutiert, während die Bundeswehrsoldaten leider oft nur wenig Rückhalt in Deutschland geniessen und ihre Mandate den Durchschnittsbürger weniger interessieren als die Pendlerpauschale. Doch rechtfertigt dies wirklich eine Wehrpflicht?

Als radikaler Freiheitsdenker kann ich diesen Utilitarismus nicht legitimieren. Entweder man oder frau dient freiwillig oder nicht. Sei es in der Armee oder im Zivildienst. Beide Optionen werden ja auch von manchen Arabern genutzt, für die es ohnehin keine obligatorischen Zwangsdienste gibt. Die ultraorthodoxen Juden werden ihrerseits gar nicht zur Armee eingezogen, diese müssen ja den ganzen Tag Thora und Talmud studieren und lassen sich selbst, ihre Frauen und ihre zig Kinder vom Staat durchfüttern und in staatlich bezahlten Jeschiwas unterrichten. Sonderrechte also für die religiöse Elite und Knast für die Emilias?😦

Auch Bar Refaeli, die Ex-Freundin von Leonardo DiCaprio, will nicht zur Waffe greifen. Hier befürchtet der Staat natürlich dass andere Mädchen sich an dem Model ein Beispiel nehmen könnten, Stichwort Vorbildfunktion. Doch- ich wiederhole mich !- mit Zwang macht man meines Erachtens alles nur noch schlimmer. Zudem leistet Bar als Werbeträgerin für ihr Land auf anderem Plan viel für Israel, dessen Image in Europa leider ziemlich angekratzt ist. Mehr als sie jemals in der Armee leisten könnte.

Der Staat sollte Emilia, Bar und allen jungen Männern und Frauen die Entscheidung für oder gegen die Armee selber überlassen. Es gibt ja auch gute Gründe freiwillig hinzugehen, zumal man dort schneller erwachsen wird (O-Ton eines Barkeepers in Haifa, den ich auf meiner Reise durchs heilige Land traf). Und auch bei den Dienenden sollte darauf geachtet werden wo die Leute eingesetzt werden. Leute, die nicht in den besetzten Gebieten dienen wollen, sollten in „Kern-Israel“ eingesetzt werden und zum Schutz der Siedlungen sollten Andere eingesetzt werden. Genauso dürfte man umgekehrt aber auch keinen Soldaten dazu zwingen, Siedlungen gegen seinen Willen zu räumen. Ich weiß, das klingt zunächst nach Chaos, aber die Gewissensfreiheit des Soldaten muss an erster Stelle stehen. Knifflige Situationen könnten vorher per Vertrag geregelt werden. Ein unterschriebener Vertrag muss natürlich unter Androhung von Strafe später erfüllt werden.

Natürlich steht es allen Israelis ebenfalls frei, wenn sie die Einstellung von Drückeberger unmoralisch finden, Menschen wie Bar oder Emelia mit sozialer Ausgrenzung zu bestrafen. Es gibt kein (positives) Recht auf Freunde. Und auch kein (positives) Recht auf einen Arbeitsplatz. Ein Arbeitgeber hat das Recht, sich seine eigenen Arbeitnehmer auszusuchen. Emilia und Bar müssen mit ihren freiwilligen Entscheidungen und den daraus resultierenden Konsequenzen leben. Nicht richtig finde ich jedoch sie einzusperren oder ihre (negativen) Grundrechte sonstwie zu verletzen. Ein Staat der dies tut, handelt immer unmoralisch, auch der israelische.

„If a capitalist country is attacked it will retaliate and defend itself, as it does with any tyrant, brute, and monster, by means of the most powerful kind of army possible: a voluntary army of free men who wish to live their lives as free-men and not as slaves.“

Januar 20, 2010 - Posted by | Deutschland, Israel | , , ,

4 Kommentare »

  1. Im prinzip bin ich damit einverstanden, dass nur Freiwillige zur Wehrpflicht dienen sollten und, dass es zu eine Berufsarmee werden muesste. Vieleicht wird dies einmal in Israel sein. Oder anstatt Wehrpflicht, zivilen Arbeit zu tun. Mehr und mehr wird davon in Israel gesprochen. Aber dafuer braucht man ruhige, friedliche Zeiten, was leider in dieser Gegend der Welt noch nicht gibt. Und so lange Israel im Kriegzustand mit arabischen Nachbarnlaender ist, Libanon, Syrien, Irak, Iran, Saudi-Arabien…braucht der Staat eine Armee des Volkes. Wenn es zu Ungerechtigkeiten fuer Einzelne geben sollte, gibt es genuegende Gerichtsaehle die darueber bestimmen koennen…Und Berufungsgerichten gibt es auch in der Armee.

    Kommentar von Claude Sternberg | Januar 20, 2010

  2. @CS: Gegen eine Volksarmee ist ja auch nichts einzuwenden, nur gegen den Zwang daran teilnehmen zu müssen. Ich bin u.a. auch ein großer Befürworter des Second Amendment in den USA.

    “A well regulated Militia being necessary to the security of a free State, the right of the people to keep and bear Arms shall not be infringed.”

    Jeder Bürger sollte das Recht auf eine Waffe über einen Waffenschein haben (hab selber schonmal überlegt mir das Schiessen beizubringen :D) und private Milizen sollten ebenfalls erlaubt sein um im Verteidigungsfall bereit zu stehen. Auch Marktunternehmen wie Blackwater würde ich sogar erlauben. Voraussetzung natürlich, dass alle sich der staatlichen Armeeführung unterordnen und sich ans internationale Kriegsrecht wie die nationalen Gesetze und Regeln halten.

    Kommentar von CK | Januar 21, 2010

  3. Hier übrigens die Website der Shministim:
    http://www.shministim.com/

    Kommentar von CK | Januar 21, 2010

  4. Sosehr auch ich staatliche Zwangsmaßnahmen im allgemeinen ablehne, scheint mir gerade bei der Wehrpflicht eine andere Situation zu herrschen: Anders als bei Pflichtmitgliedschaften in Interessensvertretungen, Versicherungen etc. kann ein Bürger, der keinen Beitrag zur Landesverteidigung leistet, nicht von den Leistungen ausgeschlossen werden, die die Armee erbringt. Natürlich kann man hier einwenden, daß er wie jeder andere über seine Steuergelder zur Landesverteidigung beiträgt, in diesem Falle wäre aber eine Strafsteuer ein Gebot der Fairness, da zumindest bei uns in Österreich der Sold des Wehrpflichtigen in keiner Weise mit einem marktgerechten Gehalt für die verlangten Leistungen zu vergleichen wäre; der Wehrdienstleistende wird also in viel höherem Maße beansprucht.
    Zum anderen ist es für mich fraglich, ob die Leistung eines Soldaten, die ja u.a darin besteht, sein Leben in hohem Maße zu riskieren, über ein Gehalt in derselben Weise vergüten kann, wie die Leistung eines beliebigen anderen Angestellten.
    Zwangsmaßnahmen gegen unbescholtene Bürger sind stets fragwürdig, und auch das Problem unmotivierter und destruktiver Zwangseingezogener ist nicht zur ingnorieren. Trotzdem würde ich die Verweigerung zur Wehrdienstleistung zwar nicht mit Gefängnis, wohl aber mit dem Entzug der Staatsbürgerschaft sanktionieren. Auf diese einfache Weise wird somit die Gesellschaft von der Aufgabe befreit, jene zu schützen, die ihrerseits nicht bereit sind, diese Schutzaufgabe mitzutragen.

    Kommentar von Wolfram Adlassnig | Januar 21, 2010


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