L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Biermonopole zerschlagen!

Gestern fand in Diekirch für luxemburgische Verhältnisse erstaunliches statt: auf einer spontanen Demonstration kamen fast 1800 Menschen zusammen, um gegen die Ankündigung des weltweiten grössten Bierherstellers AB InBev, dass die Brasserie de Luxembourg in Diekirch weitestgehend geschlossen, 63 der noch verbliebenen 93 Beschäftigten entlassen und die Luxemburger „Traditionsbiere“ Mousel und Diekirch fortan in Belgien gebraut werden sollen, zu demonstrieren. Da ich der Diekircher Brauerei irgendwo sentimental verbunden bin (ich ging in Diekirch zur Schule, wo wir in direkter Dunstlinie zur Brauerei lernten) und auch den Unmut der Beschäftigten, denen offenbar noch im Dezember das genaue Gegenteil – d.h. der Erhalt der Brauerei in Diekirch – versprochen wurde, nur verständlich finde, kann ich natürlich einem Einsatz für den Weiterbestand der Brauerei viel Sympathie entgegen bringen. Weit weniger sympathisch ist mir der offen nationalistische Ton, mit dem für den Beibehalt der Diekircher Brauerei eingetreten wird.

Das tageblatt (12.11.10) zeigt Fotos, auf denen das Logo der Brasserie de Luxembourg mit „Brasserie de Belgique“ überschrieben wurde, und berichtet über Parolen à la „Gitt zréck an d’Belsch, dir Bonzen“ (ich dachte, die „Bonzen“ seien schon längst da?). Für das konservative Luxemburger Wort steht glatt die „nationale Identität“ auf dem Spiel, die Proteste künden von „eine[r] diffuse[n], aber verbreitete[n] Sorge, dass sich das ‚traditionelle Luxemburg‘ in einer globalisierten, von Aktienwert und Profitmaximierung gesteuerten Wirtschaftswelt Schritt für Schritt der Sperrstunde nähert“. Tja, wie schrieben schon Marx und Engels im Kommunistischen Manifest: „Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen. (…) Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet.“

Liebe Landsleute, in diesem Zusammenhang sind nicht die „Belgier“, die sich angeblich gegen das kleine Luxemburg verschworen haben (das tageblatt berichtet: „Ein weiterer Beweis der langen Planung sei die Tatsache, dass im belgisch-luxemburgischen Grenzgebiet… viele Kneipeninhaber, die bis dahin Biere der Diekircher Brauerei im Ausschank hatten, dazu angehalten worden, in Zukunft auf die belgische Biermarke Jupiler umzusteigen.“), das Problem. Im Gegenteil: in Belgien sind ebenfalls schwere Einschnitte geplant, mit weit mehr Entlassungen als in Luxemburg. Es nutzt also nichts, Standorte gegeneinander auszuspielen. OGBL-Zentralsekretär Romain Daubenfeld hat dies übrigens richtig erkannt: „Les postes qui ne seraient démantelés sur un site, le seraient sur un autre“; Quotidien vom 9.1.10.

Der Standort Diekirch, obwohl gegenwärtig gewinnbringend, ist vielmehr das Opfer der zugespitzten Konzentration auf dem Biermarkt, wo mittlerweile die Situation erreicht ist, dass nur noch einige wenige Konzerne den gesamten Weltmarkt unter sich aufteilen, wobei AB InBev wiederum die alles überragende Stellung einnimmt (regelmässig berichtet übrigens der Blogger Chris O’Brien über die Entwicklung auf dem Biermarkt). Dass diese Konzentrationstendenzen zwangsläufig auch zu einer Rationalisierung der Produktion führen, ist nur naheliegend. In diesem Sinn ist es übrigens auch falsch, bei AB InBev das Streben nach „kurzfristigem Gewinn“ zu kritisieren. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: AB InBev schliesst Werke, obwohl sie heute Gewinn bringen; dies durchaus in Anbetracht längerfristiger Planungen. Das Unternehmen reagiert dabei auf den sinkenden Bierkonsum, insbesondere in Folge des Rückgangs von Kneipenbesuchen in den westlichen Industrienationen (der auch eine Folge von staatlichen Massnahmen zur Hebung der Volksgesundheit wie Verstärkung von Alkoholkontrollen und Rauchverboten ist), indem es jetzt bereits strukturelle Reformen im Sinne der Kostensenkung durchführt, obwohl es eigentlich kurzfristig sehr gute Zahlen aufzuweisen hat. Am Schicksal der entlassenen Brauereiarbeiter ändert dies natürlich nichts. Auch der Konsument hat von diesen Konzentrations- und Rationalisierungstendenzen nichts: im Gegenteil, zunehmend wird ihm das gleiche Produkt unter verschiedenen Namen vorgesetzt. Die Auswahlmöglichkeiten auf dem Biermarkt verringern sich, ein „Standardbiergeschmack“ setzt sich durch.

Was kann man dagegen tun? Bier brauen! Ein, zwei, viele Kleinbrauereien eröffnen, um der Monopolstellung von AB InBev eine Alternative entgegen zu stellen. Diese Tendenz ist übrigens in den USA voll entwickelt, wie der Beer Activist zu berichten weiss. Bereits im 19. Jahrhundert waren lokale Bierbrauereien, die zum Teil auch einen überregionalen Markt abdeckten, in fast allen Dörfern und Kleinstädten vorhanden, und zeugten davon, dass „Unternehmergeist“ kein Monopol des Bürgertums sein muss. Vielleicht wäre das ja auch eine Lösung für Diekirch? Ein, z.B. von einer Braukooperative, mit Rückgriff auf die technische Sachkenntnis der entlassenen Brauereiarbeiter, gebrautes und vermarktetes „Stackdikkricher Ieselsbéier“?

(crossposting auf http://fuerwahrheitundrecht.blogspot.com)

Januar 12, 2010 - Posted by | Neues aus Luxemburg, Wirtschaft | ,

8 Kommentare »

  1. Holà nestor76,

    …pas mal..vraiment pas mal du tout…

    Hasta
    Pancho

    Kommentar von Pancho | Januar 12, 2010

  2. Interessanten Artikel. An ‚Stackdikkricher Ieselbéier‘ kléngt gutt! Hues de der dee Numm schon patentéieren gelooss?😉

    D’Fro ass natierlech op eng kleng Brauerei den neidegen Know-How an die neideg Infrastruktur etc kéint entwéckelen fir et ze packen. Mee wann net, dann heescht dat wuel, dass se net gutt/kapabel genuch woeren an et halt net verdéngt haten ze iwwerliewen … Mee David géint Goliath ass ëmmer schwéier.

    An ‚Standardgeschmack‘ ass generell eng traureg Entwécklung!

    Kommentar von Grommel | Januar 12, 2010

  3. Nestor:

    > Vielleicht wäre das ja auch eine Lösung für Diekirch? Ein, z.B. von einer Braukooperative, mit Rückgriff auf die technische Sachkenntnis der entlassenen Brauereiarbeiter, gebrautes und vermarktetes “Stackdikkricher Ieselsbéier“?

    Allerdëngs bräicht een natierlech fir d’éischt en Investor, deen den Terrain, d’Fabrik etc giff InBev ofkafen … ?

    Kommentar von Grommel | Januar 12, 2010

  4. Vielleicht off-topic, aber gerade in Belgien gibt es doch genug Beispiele kleiner Brauereien die sehr gut funktionnieren, eine kleine Auswahl hat dieses Geschäft in Arlon:

    http://www.miorgemihoublon.be/index.php?option=com_content&task=view&id=16&Itemid=57

    Eigentlich kann man nur als reiner Pilstrinker von Standardgeschmack in Sachen Bier sprechen, es lohnt sich wirklich die bières artisanales auszuprobieren, nicht nur um Interbrew eine auszuwischen😉

    Kommentar von cb04 | Januar 12, 2010

  5. Zitat Grommel: „Allerdëngs bräicht een natierlech fir d’éischt en Investor, deen den Terrain, d’Fabrik etc giff InBev ofkafen … ?“

    Diesbezüglich hat sich ja auch schon eine Initiative gebildet: http://invest.cc-center.com/

    Tja, wenn man dem Luxemburger ans Bier will, zeigt er plötzlich Aktivismus und Initiative auf, wie man es vorher nicht für möglich hielt.

    Kommentar von nestor | Januar 14, 2010

  6. nestor:

    > Tja, wenn man dem Luxemburger ans Bier will, zeigt er plötzlich Aktivismus und Initiative auf, wie man es vorher nicht für möglich hielt.

    Haha, ja, ist schon etwas lächerlich😉

    Die Initiative an sich natürlich auch, da sie alles andere als realistisch ist.

    Kommentar von Grommel | Januar 14, 2010

  7. Von der Politik wird ja jetzt ganz offensiv – und parteiübergreifend – die „Bofferding“-Lösung vorgezogen, d.h. den internationalen Konzentrationstendenzen will man einen nationalen Monopolisten entgegenstellen. Falls das klappen würde (im Moment sieht es eher so aus, als ob AB InBev da nicht mitmacht), würde Bofferding das bereits seit 30 Jahren verfolgte Ziel der feindlichen Übernahme von Diekirch und Mousel auch noch staatlich subventioniert bekommen (es geht ja um die „nationale Identität“!). Ob damit dauerhaft viele Arbeitsplätze gerettet werden, wage ich mal stark zu bezweifeln. Siehe in diesem Zusammenhang auch das Interview mit der Chefin von Simon Pils, Betty Fontaine: http://www.wort.lu/wort/web/letzebuerg/artikel/68475/warum-mischt-sich-der-staat-ein.php

    Kommentar von nestor | Januar 15, 2010

  8. Betty Fontaine bewundere ich seit ich zum ersten Mal ein Interview mit ihr gelesen habe. Die Frau ist auch offen für Neues, was überlebenswichtig ist, gerade für kleine Betriebe. Ab heute trinke ich Simon😉

    Kommentar von CK | Januar 15, 2010


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