L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Anmerkungen zu „Griechische“ vs. „Jüdische“ Philosophie

Dies ist eine Antwort auf die Réplique zum Text über jüdische Philosophie. Die Zitate innerhalb der Zitate auf Französisch kommen von Claude, die in Deutsch von CK.

Beginnen wir auch mit Kant:

Was kann ich wissen? (Epistemologische Frage.) Nun, was haben wir um die Welt zu analysieren? Wir haben unser Gehirn, unseren Verstand, unsere Vernunft (…) mit denen wir die Welt beschreiben und letztlich erklären können.

Ich denke, dass man die Frage weiter fassen muss, denn „beschreiben“ und „erklären“ sind zwei völlig verschiedene Dinge. Ersteres ist leicht, Erklärungen hingegen sind nicht immer gegeben. Beispielsweise können wir die Gravitation beschreiben. Allerdings können wir sie auch nicht erklären. Wir können anhand von bunten Kügelchen die Atome beschreiben, aber die Erklärung bleibt im Dunkeln. Mehrdimensionalität ist einfach auszurechnen, aber Erfassen werden wir sie niemals, wenn die erfahrbaren Parameter überschritten werden. Dazu kommt die Frage nach dem „wie“ und „warum“. Wissenschaft beschäftigt sich mit dem „dass“ und wie dieses „dass“ funktioniert. Auf einer absoluten Ebene ist daher Claudes Fragestellung durchaus legitim:

Ou bien faisons-nous simplement une sorte d’inventaire, sans que nous puissions jamais arriver au bout ? (…) Sûrement, ne connaissons-nous rien d’une manière absolue ?

Wenn wir mal kurz bei Kants Frage „Was kann ich wissen“ bleiben: Dahinter steckt natürlich auch die Idee, wie der Mensch imstande ist zu wissen und wie die Fähigkeit des Wissens überhaupt funktioniert. In seinem erkenntnistheoretischen Modell ist die Funktionsweise des Wissens das Thema, die Frage ist auch: Wie funktioniert unser Erkenntnisapparat?

Wissenschaft lebt hierbei von Kontroversen und Irrtümer sind immer möglich. Religion zeichnet sich oft dadurch aus, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, Wissenschaft hingegen ist offen für Neues und daher selbstkorrigierend.

Wissenschaft ist also ein Geschehendes, etwas, das dem Forscher zufällt, das der Wissenschaftler findet.
Vom religiösen Standpunkt aus gesehen ist Wissenschaft tatsächlich nicht die Erhöhung des Menschen, sondern dessen Erniedrigung. Gerade durch die Fakten und Tatsachen werden wir mehr eingeschränkt als befreit. Ich plädiere jetzt nicht dafür, die Freiheit des Glaubens gegenüber der Eingeschränktheit des Wissens abzuwiegen, denn darum geht es mir nicht. Wir bewegen uns im Moment auf einer metaphysischen Ebene und sollten sie nicht mit der Ebene des Simpel-Anfassbaren verwechseln.

Es gibt jedoch zweifellos genug Dinge an die kein Wissenschaftler noch zweifeln kann. Prominentestes Beispiel: die Erde kreist um die Sonne, nicht umgekehrt. Das ist völlig eindeutig bewiesen.

Ja, es ist bewiesen, es ist beobachtet, gemessen und ausgerechnet. Aber erklärt ist es damit nicht. Alle Erklärungsversuche haben spätestens mit der Quantentheorie eine Verschiebung ins Mystische erlebt. Und wen ich an dieser Stelle „mystisch“ schreibe, dann ist das nicht so zu verstehen, dass ein paar Abergläubige in Trance etwas aufschrieben, sondern in dem Sinne, dass es unseren Erkenntnis- und Erfahrungshorizont übersteigt.

Es folgen die Fragen „Was soll/darf ich tun?“ (das Feld der Ethik und Moral) sowie „Was kann ich hoffen?“. Zu letzterem schreibt Claude:

Nous sommes tous tombés dans cet univers, sans nous avoir demandé, si nous voulions finalement y être. Et Kant nous décrit ce souci en nous plaçant tous dans une chambre à huis-clos et chacun se pose la question de ce qui va se passer : « Allons nous tous rester là ? Jusqu’à quand serons-nous condamnés à rester dans cette chambre ? Y a-t-il une porte et si oui est-ce quelqu’un m’attendrait-il derrière cette porte.. ? » Il est strictement impossible de vivre dans ce monde sans savoir si on pouvait en dépasser les données.

Stimmt, es wurde niemand gefragt ob er geboren werden wollte, aber die Meisten von uns sind sicher froh hierzusein.

Ich muss zugeben, dass meine Heidegger-Kenntnisse nicht ausreichen um jetzt ins Detail zu gehen, aber hier scheint es nicht um die doch sehr erdnahe Frage zu gehen, ob man geboren werden wollte oder nicht. Viel mehr geht es um das „Geworfen-Sein“, um das eigene Da-Sein innerhalb den Widerständen dieser Welt. Das ist eine metaphysisch-ontologische Frage, welche sehr viel weiter geht als ein simples Glaubensbekenntnis.

Tous les autres problèmes furent plus ou moins résolus mais ce qu’est un homme, la philosophie n’a pas pu résoudre l’énigme jusqu’aujourd’hui.

Naja, also es gibt jede Menge anthropologischer Erkenntnisse zum Thema was einen Menschen ausmacht bzw. einen Menschen zum Menschen macht. Sicherlich gibt es da manches noch zu erforschen, aber von einem Rätsel zu sprechen, ist wohl übertrieben.

Wenn wir uns innerhalb des biologistischen Diskurses bewegen, scheint die Frage wirklich gelöst zu sein. Allerdings geht mit dieser Auffassung auch eine sehr gefährliche Ideologie einher, nämlich die totale Entwertung des Menschen als Tier, oder mehr noch: als Stück Materie, einen Haufen Atome, dessen Handeln rein deterministisch erklärt werden kann. Wie oben angedeutet geschieht Wissenschaft. Der Wissenschaftler muss das annehmen, was ihm seine Beobachtungen geben. Wenn also die Wissenschaft den Menschen innerhalb eines solchen Rahmens definiert, geht mit der Wissenschaft die totale Entwertung des Menschen, und des Lebens allgemein, einher. Auch an diesem Punkt muss ich also Claude (wenn auch in einem etwas anderen Sinne) recht geben: Der Mensch ist nicht erklärt. Er wird nur innerhalb eines biologistischen Konstruktes definiert (beschrieben), aber erklärt ist er bei weitem nicht.

Finalement nous voyons que le philosophe réfléchit en circuit fermé, c’est un homme isolé.

Philosophen können auch zusammen überlegen, kein Mensch lebt sozial vollkommen isoliert.

Darum geht es bei der Frage nicht. Natürlich gibt es Einflüsse von Außen, aber es liegt am Einzelnen seine Sichtweise zu finden und gegebenenfalls zu legitimieren. Selbst wenn jemand einem Anderen etwas erklärt, ist es weiterhin an ihm dies zu verstehen, anzunehmen oder zu verwerfen. Und damit löst sich auch der vermeintliche Widerspruch auf:

Das widerspräche zudem dem darauf folgenden Abschnitt, der gerade einen sozialen Determinismus (der Philosoph als Kind des Zeitgeistes seiner Epoche) unterstellt.

Donc nous voyons que la réponse du philosophe est une réponse subjective et il le sait qu’elle est subjective car il n’y a pas d’autre solution.

Philosophische Überlegungen sind also immer rein subjektiv, eine objektive Realität nicht erkennbar??? Der Mensch ist unfähig die Realität zu erfassen?

An dieser Stelle kann man natürlich über die Aufgaben der Philosophie streiten. Als heimlicher Kantianer mit Hang zum Poststrukturalismus denke ich, dass die Aufgabe der Philosophie nicht (mehr) die Wahrheitsfindung ist, sondern das Neu-Definieren von Problemen.
Philosophische Überlegungen sind in der Tat subjektiv. Objektiv können sie niemals sein, es sei denn alle Menschen wären verdrahtet und hätten somit zeitgleich denselben Gedanken – und würden ihn auch noch allesamt zeitgleich akzeptieren. Da wir aber alle aus unserem Körper und aus unseren Überlegungen aus handeln und denken, bleibt das Resultat dieses Überlegens in der Tat immer subjektiv. Dies sagt allerdings nichts über die äußere Wahrheit aus. Vielleicht deckt die sich mit unseren Überlegungen, vielleicht aber auch nicht. Diesen Unterschied muss man machen.

Kafka écrivait dans un de ses ouvrages « qu’il s’agissait de choisir entre l’arbre de la science ou l’arbre de la vie. » Kafka, lui-même soufrait de cela. Il n’a jamais réussi à se fiancer et à se marier..

So gerne ich auch Kafka lese, hier irrte er gewaltig. Man muss nicht zwischen dem Baum der Wissenschaft/der Erkenntnis und dem Baum des Lebens wählen, ganz im Gegenteil. Leben und Wissenschaft gehören zusammen wie Körper und Geist, wie Gefühle und Verstand, wie materielle und ideelle Bedürfnisse.

Man müsste wissen, wo genau Kafka dies schrieb und den deutschen Wortlaut nachlesen. Ob man„arbre de la science“ wirklich mit „Baum der Wissenschaft“ übersetzen soll, ist fraglich. Dazu kommt, dass sowohl der Baum der Erkenntnis als auch der Baum des Lebens eine Rolle in der jüdischen Mystik spielen, welche mir aber zu wenig bekannt ist, als dass ich dazu was sagen kann. Aber mal so aus dem Steggreif: der Baum der Erkenntnis kann man symbolisch als den Sprung verstehen, welcher das Tier vom Menschen trennte, nach dem Essen der Frucht der Erkenntnis begann er sich als „Ich“ und Mensch zu verstehen. Es ist die Geburt der Zivilisation: „Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren.“ (Gen.3.7.) Das Essen der Frucht vom Baum der Erkenntnis brachte nicht Erkenntnis als solche, sondern das Vermögen zur Erkenntnis und damit das Vermögen zur Formung und Modellierung der Welt. Zivilisation bedeutet ein ständiges Ankämpfen gegen die Natur. Damit sind die Linien gezogen: Zivilisation und Erkenntnis oder erkenntnisloses Dasein jenseits von Gut und Böse. Wir befinden uns hier also innerhalb der Mythologie und demnach ebenso in einer mythologischen Seins-Bestimmung. Und die Grenzen verlaufen zwischen der Erkenntnis und dem (ewigen, weil der eigene Tod unbekannt, d.h. un-erkannt, ist) Leben, dem Werden und dem Geschehen, dem symbolisch-Referenziellem und dem Unmittelbaren.
Kafka hat sehr viele Symbole der jüdischen Mystik in seinen Texten verarbeitet, bekanntestes Beispiel ist wohl „Vor dem Gesetz“, wo ein Mann Einlass zum Gesetz haben möchte. Und ja, Kafkas Leiden ist in dem Spannungsfeld zu suchen, am anschaulichsten manifestiert in seinem Vaterkomplex (vgl. „Brief an den Vater“, oder auch „Das Urteil“). Man könnte also sagen, dass Kafka es versäumt hat seinen Vater symbolisch zu töten und dieser bis an sein Lebensende übergroß war und er sich erst im Angesicht des eigenen Ablebens damit arrangierte. Die Frage ist nun, ob der Vatermord als anthropologische Konstante zu sehen ist, oder ob der Baum des Lebens, also jener Zustand jenseits von Gut und Böse, das eigentlich, ich nenne es mal, Gott-Gewollte ist. Und wenn dieses Gott-Gewollte doch die Verbindung von beiden Bäumen ist? Auf Kafka bezogen kann man darüber wirklich lange diskutieren, da die Metapher des Baums des Lebens, resp. der Erkenntnis bei ihm häufiger auftaucht.
Wenn Kafka also die Wahl stellt zwischen Baum der Erkenntnis und Baum des Lebens, so ist dies die Differenz zwischen Zivilisation und Natur, zwischen Werden und Geschehen. Und vielleicht liegt in der Synthese von beiden das transzendente Finale.
(Nebenbei: Kafka war verlobt, sogar mehrmals mit Felice Bauer und gegen Ende seines Lebens mit Dora Diamant.)

Laut der Torah verbot Gott den Menschen vom Baum der Erkenntnis zu essen, vom Baum der Moral, der Mensch hat also nicht das Recht moralische Urteile über Gut und Böse zu fällen, er hat die Regeln Gottes zu befolgen um zu leben. Die griechischen Philosophen jedoch erdreisteten sich zu bestimmen was „gut“ und „böse“ sei.

Nicht direkt. Gut und Böse kamen erst mit dem Bruch des Gesetzes, dass man nicht vom Baum der Erkenntnis essen soll, in die Welt. Von diesem mystischen Standpunkt aus gesehen ist damit der Mensch (und nur der Mensch) für das Entstehen der Moral verantwortlich. Im paradiesischen Zustand (vor dem Sündenfall), gab es keine Moral, keine Unterscheidung in Gut und Böse, auch nicht von Gott.
Womit man sich auch fragen muss, was der Baum der Erkenntnis im Paradies zu suchen hatte. War es vielleicht doch eine bewusste Hinführung, dass der Mensch davon essen soll? Er also mit dem Bruch mit Gott zur Erkenntnis gelangen sollte? Und genau dies in Gottes Plan vorgesehen war, um einem Lebewesen (immerhin nach seinem Bilde geschaffen) den Sprung vom Geschehenen zum Werdenden zu ermöglichen? Der paradiesische Mensch war ein Wesen jenseits von Gut und Böse (btw.: Rousseaus „guter Wilde“ ist ebenso in diesem Zustand, in das Wort „gut“ einen moralischen Wert zu legen ist falsch, es gibt in dem Zustand kein gut oder böse) . Um über diesen Zustand hinaus zu kommen bedurfte es einer Welt der Widerstände, denn erst anhand der Widerstände kann man frei sein. Dies mag zunächst paradox klingen aber: Wie ist Entscheidung möglich, ohne sich für oder auch gegen etwas zu entscheiden? Erst mit der Erkenntnis kam auch die Freiheit. Wir haben also nicht nur ein „Geworfen-Sein“ in die Welt, sondern auch in die Freiheit.

La Torah, n’envisage pas que l’homme puisse, même pour une fraction de seconde, vivre dans l’autonomie stricte de sa pensée. Elle éclate par un interdit qu’il lui vient de l’extérieur.

Claude verwechselt hier erneut den griechischen Individualismus und das Streben nach Autonomie im Geiste mit Eigenbrötlertum und sozialem Atomismus. Die Torah soll den Menschen in seiner Anmassung des Strebens nach Autonomie von aussen stoppen, nicht einen Sekundenbruchteil soll er strikt eigenständig denken.

Wenn wir uns die griechische Philosophie anschauen, so ist diese beileibe nicht gottlos. Doch ist sie ebenso nicht auf der griechischen Mythologie begründet, der primitive Polytheismus war den Philosophen fremd. Gott wird bei ihnen zu einer Funktion, zum ersten „unbewegten Beweger“, einem Anfang, welcher sich dann allerdings nicht mehr in die Schöpfung einmischte. Im Vergleich mit der Religion kennzeichnet sich die griechische Philosophie auch dadurch, dass sie Gott entrückte.
In der Tat ist das Mystische in der Torah dem entgegengesetzt, da sie die pansophistische Erfahrung in den Mittelpunkt zu stellen scheint. Von einem Verbot eigenständig zu denken kann aber keine Rede sein, da solche Begriffe ihren Sinn verlieren.

Le philosophe est un impérialisme, il conquiert pour soi, l’univers. Surtout dans la philosophie grecque nous trouvons beaucoup cette volonté d’impérialisme, c’est-à-dire, cette volonté d’être soi-même la référence, d’inclure tout dans soi-même.

Stimmt, was fällt diesem eingebildeten, respektlosen Griechen ein, dass er alles selber begreifen möchte, dass er von der Größe des Menschen überzeugt ist und einen regelrechten Eroberungswillen an den Tag legt. Könnte er nicht demuts- und respektvoller und somit gewaltfrei (sic!) am Ende der Telefonleitung auf eine Antwort warten und Höheres zur Kenntnis nehmen. In der Tat ist letztere Einstellung von der couragiert-griechischen komplett verschieden.

Der Gedanke des Philosophen als Imperialisten gefällt mir. „Der Mensch ist das Maß aller Dinge.“ Er gestaltet auf einer individuellen Ebene seine eigene Welt, die leere Landkarte seiner Erkenntnis erobert er nach und nach.
Ich fühle mich in den Ausführungen eher an Zen erinnert, dass alles zu dir kommt, wenn du es nicht sucht. Und für den persönlichen Gebrauch stimmt das sogar vielleicht, wenn man sich mit dem zufrieden gibt, was einen umgibt.
Doch ist dies ebenso auf individueller Ebene. Der Imperativ „Lass dich fallen“ ist ein unmöglicher Befehl, diese Einstellung, das „Öffnen“ gegenüber Gott, Buddha, der Erleuchtung, oder was auch immer, funktioniert nicht auf Anweisung. Das muss der Einzelne wiederum für sich selbst entscheiden. Und dann stellt sich die Frage, ob alleine die Möglichkeit eine Entscheidung zu fällen nicht bereits eine Wiederholung des Sündenfalls darstellt.

Mais l’idée essentielle de cette histoire (et qui est à la base de toute la civilisation grecque) c’est qu’un enfant pour « être » doit se débarrasser de ces parents. C’est à dire, pour arriver à s’imposer dans le monde, il faut tout d’abord rompre avec ses parents. L’enfant, pour être lui-même, n’arrivera pas à s’épanouir complètement aussi longtemps qu’il aura le père sur le dos. Il doit donc tuer son père.

Also um mich selber zu entfalten, brauche ich nicht erst meinen Vater umzubringen. Man kann die Ödipus-Geschichte ohnehin auch so werten, dass der Vater den Sohn lieber gleich akzeptiert hätte statt auf das dumme Orakel zu hören und somit das Unheil durch die Trennung hinaufzubeschwören.

Doch. Der Vatermord ist ein äußerst zentrales Motiv. Damit ist natürlich nicht der Vater als Person gemeint, sondern eine psychologische Komponente, sei es ein allgemeines Über-Ich, soziale Umgebung, ein Lehrer, der Präsident oder der Papst, die Mutter, die große oder kleine Schwester, der Chef, die Chefin. Es ist das paternalistische Moment, dort, wo der Mensch sich einer Instanz unterwirft. Der Psychoanalytiker Lacan spricht in dem Zusammenhang vom „Nom-du-Père“ (Name-des-Vaters, auch Wortspiel mit „Non-du-Père“, das Nein-des-Vaters).Es ist der Zustand ohne Bevormundung, d.h. eines nicht mehr Schutzbedürftigen, wo also der Vater nicht mehr notwendig ist. Dies ist der symbolische Vatermord, der Wechsel der Generation, die eigentliche Emanzipation. Ödipus ist da kein so gutes Beispiel, weil es in eine etwas andere Richtung lenkt.

Die Opfergeschichte in der Bibel fand ich von jeher übrigens revoltierend, schrecklich und furchtbar. Von Abraham wird blinder Glauben verlangt, Vertrauen auf Gottes unergründliche Wege, denen er sogar seinen Sohn Isaac zu opfern bereit ist. Welche Art Gott soll das sein, der sowas verlangt, wenn auch nur als Prüfung? (…)

Aber Claude liefert mir löblicherweise eine viel versöhnlichere Interpretation der Story:

La Torah veut nous dire qu’il ne s’agit pas de tuer Isaac. Toute l’histoire de « l’Aquedat Yitzkhak » n’est pas là pour nous dire qu’Abraham doit tuer son fils mais il a été écrit pour nous dire exactement le contraire. « Ne fais rien à cet enfant » et les deux, Abraham et Yitzkhak, descendirent ensemble. C’est pour cela que la torah est absolument l’inverse de la civilisation grecque.

Kuriosität am Rande: Ich habe eine weitere Interpretation, welche Claude nicht gefallen wird. Die Prüfung war nicht, ob Abraham Isaak opfern wird, sondern das Gegenteil. Die Prüfung war ob Abraham sich weigern, ob er sich gegen sein Vatersymbol stellen wird oder ob er seinen eigenen Sohn töten würde. Damit wurde Gott bewiesen, dass der Mensch noch nicht reif ist selbst zum Menschgott aufzusteigen. Abraham bekam daraufhin Gottes Gnade erwiesen, indem er weitere Kinder zeugte, damit die Generationen weiter bestehen können um irgendwann den alternden Gottvater zu stürzen und selbst aufzusteigen, denn Abraham war offensichtlich noch nicht dazu bereit. Es war ein Test um die Thronfolge und ob der Mensch reif ist, sich selbst überlassen zu werden.
(Natürlich verlangt diese Interpretation eine andere Gottesdefinition, u.a. ein mit der Zeit bestehender Gott, daher ist sie für gläubige Menschen unbrauchbar, für die psychoanalytische Sicht aber interessant.)

Das sei anders als bei den Griechen:

C’est à dire qu’est née cette idée que chaque homme recompose pour lui-même, en quelque sorte, l’univers et qu’il n’y a pas de lien entre tout cela. Il n’y a pas de תולדות – toledot ( l’histoire d’engendrement ), il n’y a pas eu une orientation, il n’y a pas de responsabilité.

Wie kommst Du nur auf sowas, mein israelischer Freund???

Ok, das ist jetzt wirklich eine harte Nuss. Ich will mich jetzt nicht als Dialektiker outen, aber gleich eine Abstammungsgeschichte zu negieren, weil jeder die Welt für sich entdeckt und gegebenenfalls revolutioniert, ist etwas zu strikt dualistisch gedacht. Selbst wenn der Vater vom Sohn symbolisch getötet werden muss, so ist der Einfluss dieses Vatersymbols nicht von der Hand zu weisen. Der Vater prägt und der Sohn führt fort. Dass er dafür manchmal alles umwerfen muss heißt nicht, dass es notwendigerweise ein kompletter Neubeginn wird. Wie oben gesagt, es geht in der Philosophie um ein Neu-Definieren von Problemen, nicht um eine Tabula Rasa. Selbst wenn der Sohn vom Vater nichts mehr übrig lässt, so ist er selbst immer noch als Vermächtnis da. Das komplette Auslöschen des Vaters bedeutet demnach auch Selbstauslöschung. Beim symbolischen Vatermord geht es um die Befreiung von diktierten Zwängen, ähnlich Nietzsches Mord an Gott. Man sollte daher eher an Überwindung und nicht an Auslöschung denken.
Wenn wir mit dem Moment des Vatermordes tatsächlich die komplette Auslöschung des Vorherigen meinen, dann stimmt die Schlussfolgerung: es gibt keine Richtung, da alles neu erschafft werden muss, und Verantwortung gibt es auch nicht, da ebenso Regeln für Moral fehlen, welche gegebenenfalls völlig andere Formen annehmen können.

Et nous voyons que la Torah va à l’inverse de la conception grecque, elle est une contestation de la philosophie. Elle place en face de la tentation philosophique (qui est naturelle à l’homme) une autre évidence qui est celle de l’expérience de la Torah.

Die Torah fordert die philosophische Verführung also heraus und steht somit im Gegensatz zur griechischen Konzeption. Ihre Erfahrung offenbart höhere Erkenntnisse, Beweise, die sich dem menschlichen Philosophengeist verschließen. Jeder Leser entscheide selbst, ob er das ebenso wie Claude sieht oder nicht und welche Seite er im ewigen Disput Glauben-Vernunft wählen würde.

Von meinem Standpunkt aus widersprechen sich das Revolutionäre der Griechen und die Menschwerdung des Menschen in der monotheistischen Religion überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Es ist eine deutliche anthropologische Konstante zu vernehmen. Das revolutionäre Moment der monotheistischen Religionen ist, dass Gott sich gewissermaßen selbst abschafft und damit dem Menschen am Ende der Geschichte Raum gibt.

Ich finde Claudes Ausführungen sehr interessant. Allerdings teile ich die Schlussfolgerung nicht. Die Frage, was den Menschen zum Menschen macht, ist die Eigenschaft des Werdens. Tiere und Dinge sind Geschehendes. Ich weiß nicht, ob der mystische Zustand des Menschen als Geschehendes ihn wirklich transzendiert oder ob doch eine Art Teleologie hin zum Gottgleichen die eigentlich religiöse Erfahrung ist.

Dezember 13, 2009 - Posted by | Philosophie | , , , , ,

1 Kommentar »

  1. Der Freie Wille ist eine Illusion.

    Kommentar von Grommel | Dezember 13, 2009


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