L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Psychisches Wohlbefinden und Philosophie

Die Tage bewegte der Fall Robert Enke Deutschland und die internationale Fussballwelt wie kein anderes Thema. Mich erinnerte er zudem an den Fall Guido Erhard vor einigen Jahren. Das vielleicht einzig Positive an diesem Akt des-sich-vor-den-Zug-werfens (wenn man angesichts der Selbsttötung eines kranken Menschens überhaupt dieses Wort „positiv“ in den Mund nehmen darf) ist die Tatsache, dass über das Tabuthema Depressionen gesprochen wird, vor allem in der Fussballwelt, wo es ohnehin noch zig Tabus gibt (Tabus sind natürlich nicht per se schlecht, manche Tabus sind sogar sehr wichtig für das Funktionieren einer Gesellschaft, aber es gibt eben auch Tabus, die einer Gesellschaft eher schaden denn nutzen, das Totschweigen einer Krankheit und das Betrachten kranker Menschen als „Versager“ gehört zu diesen). Erst wenn Depressionen als (mentale) Krankheit begriffen werden, für die man ebenso Verständnis haben sollte als für körperliche Gebrechen und offen dazu stehen KÖNNTE ohne schief angesehen zu werden (was nicht bedeutet, dass man dies unbedingt tun muss, im Gegenteil, jeder Mensch hat ein Recht auf seine Privatsphäre!), kann man von einem gottseidank überwundenen Tabu sprechen.

Doch während alle Welt über Enke, seine liebe und bewundernswerte Frau, Depressionen usw. sprach, stellte ich mir ganz andere Fragen.

Ich fragte mich nämlich, ob es Faktoren gibt, die die Wahrscheinlichkeit an einer psychischen Krankheit zu erkranken, welcher auch immer, begünstigen. Etwa so wie man durch Rauchen die Wahrscheinlichkeit erhöht, Lungenkrebs zu bekommen. Sicherlich gehören da zuvorderst schwere Schicksalsschläge wie der Verlust eines geliebten Menschen dazu. Aber ich glaube allen Ernstes (und ich werde versuchen in der Folge zu erklären wieso ich darauf komme), dass auch die Philosophie eine Rolle spielt. Die Philosophie, nach der der einzelne Mensch lebt, der wiederum, möglicherweise unbewusst, von der Gesellschaft beeinflusst wird, allen voran die, die sich für Philosophie selber nicht interessieren.

Zuerst einmal glaube ich, dass man Philosophie und Psychologie eh kaum voneinander trennen kann. Wie wir denken, welche Werte wir haben oder nicht haben, wie wir die Welt betrachten und analysieren, das ist unsere Lebensphilosophie. Logischerweise hat diese massgeblichen Einfluss auf unser Wohlbefinden. Sie bestimmt unser ganzes Handeln und Denken, unsere Bewertungen anderer Menschen und von uns selbst. Unser Handeln hat wiederum Einfluss auf die Menschen in unserer Umgebung, deren Benehmen auf unseres usw. Es herrscht ein entsprechendes gesellschaftliches Klima. So mögen manche Philosophien glücklicher machen als Andere und dort wo die Menschen unglücklicher sind, muss es logischerweise auch mehr psychische Krankheiten geben.

Ein Mensch braucht Orientierung im Leben, er braucht Ziele, für die er leben möchte, berufliche Herausforderungen, soziale Kontakte, einen vernünftigen Wertekompass. Es ist zuvorderst die Aufgabe der Eltern, ihren Kindern Werte zu vermitteln und ihnen einen ethisch-moralischen Kodex mitzugeben, die sie für ihr späteres Leben als mündige, verantwortungsbewusste Bürger in einer freien Gesellschaft selbstbestimmender Individuen wappnen sollen. Doch auch die Schule und später eventuell noch die Universität spielen eine sehr bedeutende Rolle hierbei.

Erst lange im Nachhinein wurde mir bewusst, wie sehr das Luxemburger Schulsystem und vor allem Studenten an der Uni (mehr als meine Eltern, denen ich unter dem Strich eine recht positive Note doch ausstellen würde) vor allem links- und grün-kompatibles „Gutmenschentum“ predigten, welches ich mittlerweile für vollkommen verfehlt halte.

Zunächst bedenke man mal was so typische Themen in Besinnungsaufsätzen waren/sind: der „Markendruck/-zwang“, die „böse Konsum-, Ellbogen- und Leistungsgesellschaft“. Schon früh wird belohnt wer sich hier kritisch zeigt und die westliche Gesellschaft, insbesondere ihr (einigermassen freies) Wirtschaftssystem, als „unmenschlich“ darstellt. Eine menschlichere (gemeint ist eine kollektivistischere, altruistischere Gesellschaft) muss her. Egoismus gilt als böse. Nun ist es sicherlich falsch, Kindern und Jugendlichen nur Materialismus und finanziellen Wohlstand zu predigen, aber Leistungsbereitschaft und Produktivität sind eben wichtige Tugenden, ohne die später kein Mensch im Berufsleben bestehen kann. Arbeitslosigkeit und ein Leben am Transferleistungstropf kann aber niemand wollen, auch gerade der dadurch fehlenden sozialen Kontakte und der mangelnden Selbstachtung und der damit verbundenen Probleme nicht.
Aber Kapitalismus ist ja böse und schuld an der Ausbeutung der Dritten Welt, insbesondere an der grenzenlosen Armut in Afrika, wie auch die meisten Studenten voller Überzeugung behaupten…

Man erfährt von schlimmen Verbrechen des Westens, echte oder auch nur vermeintliche, in der Vergangenheit und auch noch heute in der Gegenwart, die es einem angeblich verbieten stolz auf den Westen zu sein und sich anderen Kulturen überlegen zu fühlen. Dabei ist Stolz eine Tugend und kein Laster, wenn man auf die moralisch guten und richtigen Dinge stolz ist. Auf individuelle Errungenschaften und Leistungen wie auf die freiheitlich-demokratischen Grundwerte unserer Gesellschaft, zu der auch die Toleranz gehört, solange unter deren Deckmantel nicht Menschenrechtsverletzungen relativiert werden. Relativismus und Subjektivismus sind hingegen keine erstrebenswerten Eigenschaften, sie führen eher dazu, dass der Mensch sich in der Welt nicht zurückfindet und orientierungslos herumstolpert, was ein todsicherer Garant für Unglück ist.

Dann gibt es in der heutigen Gesellschaft einen regelrechten Fortschrittspessismus, gar das Ende der Welt droht nach Meinung mancher Ökologisten. Nach dem Waldsterben und dem Ozonloch in den 80ern reden viele nun von der sogenannten Klimakatastrofe. Was auch immer an dieser Story dran ist, statt darüber nachzudenken wie man dererlei Zukunftsprobleme optimistisch angehen und menschengerechte Lösungen finden kann, wie sie gerade der entfesselte Markt mit der entfesselten Innovationsgewalt seiner Akteure hervorzubringen vermag, wird- von der Subventionierung der Wind- und Sonnenenergie mal abgesehen- nur Verzicht gepredigt. Der Mensch solle sich der Umwelt und der Tierwelt zuliebe (die armen Eisbären bspw. ertrinken sonst am Nordpol) selber beschränken, sich in Demut üben, bescheidener leben, wieder zum Einklang mit der Natur finden, von der er sich entfremdet hätte und Opfer zur Rettung der Welt erbringen. Die Klimareligion hat längst alles, was jede andere Religion auch hat und sie predigt genau dasselbe: Selbstaufopferung, Verzicht, Demut, Scham, Schuldgefühle, aber auch Errettung und Erlösung. Ähnlich wie beim Sozialismus droht auch hier ein Anwachsen der Bürokratie, der Vorschriften und Verbote und der Kontrolle des Staates über das Leben seiner Bürger. Manche extremen Fanatiker rechnen gar bereits aus, wie stark man die Weltbevölkerung reduzieren oder zumindest ihr Wachstum bremsen müsste um den CO2-Ausstoß zu verringern. Geburtenkontrolle zur Rettung der Welt!

Nun sollte man sicher nicht gedankenlos in Saus und Braus leben, wenn man es sich nicht leisten kann, Defizit- und Schuldenwachstum sind tödlich (wobei hier vor allem der Staat ohne Vernunft agiert), die Menschen müssen akzeptieren, dass Wohlstand Produktivität, also Anstrengungen erfordert und es gibt sehr gute ökonomische Gründe um hier und da zu sparen, aber die obige Philosophie ist inhärent menschenfeindlich. Wieso sollten Kinder, denen sowas in der Schule erzählt wird, sich denn noch auf ihre Zukunft freuen, wenn diese so düster ausschaut und der Mensch nur noch als Problem für Flora und Fauna betrachtet wird? Witzigerweise argumentieren manche Moralisten gar noch gerne, dass es eine Schande sei, wie egal den meisten Menschen diese Katastrophe sei und nur sie wirklich kritisch und daher im Gegensatz zur dumpfen Konsummasse progressiv(sic!) wären, dabei ist es längst eher rebellisch, optimistisch zu denken, denn die große Majorität denkt längst kritiklos „superkritisch“ und will die Welt vor unserem Ausatmen retten. Ein solches Denken kann nicht gesund sein und nur frustriert und unglücklich machen.

Als Reaktion auf die düstere Zukunft leben Andere in den Tag hinein und kümmern sich nicht ums Morgen. Hauptsache Spass haben, Parties feiern oder gar Drogen konsumieren. Wenn die Welt morgen untergeht, will man sich heute zumindest noch einen hinter die Binde gießen und niederländisches Kraut rauchen! Nun ist sicher nichts dagegen einzuwenden, sich zu amüsieren (wer mich kennt, weiß dass ich dies auch an manchem Wochenende tue), aber Hedonismus als oberstes Lebensprinzip kann nicht glücklich machen. So einige 68er haben versucht so zu leben, genug von ihnen machten später eine Suchttherapie oder setzten sich einen goldenen Schuß.

Manche Zyniker leben längst ihren Nihilismus aus, tun was immer ihnen gerade einfällt und gehen zum Ausleben ihrer Begierden über Leichen (was man landläufig „Egoismus“ nennen würde, mit rationalem Eigennutz aber nichts zu tun hat und eine parasitäre Form des Kollektivismus, weil Aufopferung Anderer für einen selbst verlangt wird, darstellt). Diese Menschen sind zweifellos todunglücklich und gehören vermutlich in eine Therapie.

Ein konkretes Beispiel für Selbstaufopferung jedoch will ich in diesem Beitrag noch nennen. Ich kenne eine Person (nennen wir sie S.), die in ihrer Kindheit stets darunter litt, dass ihre Eltern ihr nicht genug Liebe schenkten. Sie litt deswegen von klein auf unter Minderwertigkeitskomplexen. S. verliebte sich eines Tages und heiratete. Als S. schwanger wurde und ein Kind bekam, welches ab und zu bei ihren Schwiegereltern zu Besuch war und gar dort schlief, hatte sie den Eindruck, dass die Großeltern ihr das Kind entfremden wollten und zudem sie selbst fortwährend verletzen und wenig achten würden. Sie erfuhr regelrechte Ablehnung und Feindschaft. Völlig ungeachtet der Frage, ob S. damit recht hatte oder sich dies nur einbildete, hätte sie auf jeden Fall hier sich wehren und ggf. einen Schlußstrich ziehen müssen, denn Beziehungen, die einem nicht guttun, muss man beenden. Doch bis zu einem Bruch Jahre später tat S. aus diversen Gründen dies nicht und litt jahrelang auch unter Depressionen. Heute erklärt S. dies selber damit, dass sie zu „gut(-mütig)“ war/sei zu „nett“, zu „naiv“, zu „sehr an das Gute im Menschen glaubend“. Da S. auch recht streng christlich erzogen wurde, dachte sie wohl auch, es sei falsch, sich zu wehren und das Hinhalten der anderen Backe eine aus ethischer Pflicht gebotene Tat. Zudem sah sie von jeher „Egoismus“ als „böse“ an und stellte stets das Wohl ihrer Mitmenschen über das Eigene, was sie krank machte. Das ist m.E. ein Musterbeispiel für christlichen Altruismus, der nur noch schädlich ist.

Wie tief dieser Zusammenhang Philosophie-Psychologie bisher erforscht ist, weiß ich als Laie leider nicht. Aber ich denke, es ist auf jeden Fall wert sich näher damit zu beschäftigen. Natürlich behaupte ich nicht, dass nur oder auch nur vorrangig falsche philosophische Ideen schuld an psychischen Volkskrankheiten sind, aber ich denke, dass ihr begünstigender Einfluss nicht zu unterschätzen ist.

Beim Googeln fand ich zu dem Thema übrigens gleich mal zwei sehr lesenswerte Texte des heutigen Objektivisten Henrik Unne, der behauptet, neben den Medikamenten der Ärzte hätte ihm auch die Beschäftigung mit dem Objektivismus sehr geholfen, seine Schizophrenie zu besiegen:

The Causes of my Schizophrenia
Objectivism and my Recovery From Schizophrenia

Desweiteren hat mir Sascha Settegast zu diesem Thema das Werk „Psychology of Self-Esteem“ von Nathaniel Branden empfohlen, womit ich diesen Tipp hiermit auch gerne an unsere Leser weitergebe. (Werde ich mir bei Gelegenheit dann mal zulegen und lesen, zur Zeit bin ich aber erstmal noch mit Dr. Peikoffs „Ominous Parallels“ beschäftigt.)

Ich denke, das Thema an sich sollte auf jeden Fall weiterverfolgt werden.

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November 19, 2009 - Posted by | Philosophie |

4 Kommentare »

  1. Vergessen wir nicht die Pillen-Mode, wo jedem auffälligen Kind (früher nannte man die nur aktiv/lebendig/quirlig, heute haben sie ahds) zuerst mal Ritalin verschieben wird, egal ob nötig oder nicht. Der reibungslose Übergang zu Xanax ist gang und gäbe.

    Kommentar von JayJay | November 20, 2009

  2. Schöner Artikel. Es steht liberalen Blogs gut, sich für das Recht auf Selbstbehauptung einzusetzen.

    Es gibt tatsächlich Studien die zeigen, dass Menschen mit einer linken politischen Einstellung unglücklicher sind als andere.

    Kommentar von Robert Michel | November 20, 2009

  3. @Michel: Vielen Dank! Hast Du zufällig Referenzen diese Studien betreffend?

    Kommentar von CK | November 21, 2009

  4. @CK:Über Googel Scholar findet man solche Studien recht schnell. Einer der ersten Treffer:
    http://www.psych.nyu.edu/jost/Napier%20&%20Jost%20%282008%29%20Why%20are%20conservatives%20happier%20than%20libe.pdf

    Kommentar von Robert Michel | November 27, 2009


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