L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Demobericht

Zur Abwechslung wurde gestern mal nicht gegen Israel oder die USA, für mehr Geld oder gegen weniger Geld demonstriert, sondern für die Freiheit. Mit – aus organisatorischen Gründen – einem Monat Verspätung gegenüber den Nachbarländern wurde gestern in Luxemburg Freedom not Fear begangen. Ein überraschend weit gestrecktes Bündnis konnte zum zweiten Mal nach 2008 gebildet werden, um gegen Kameraüberwachung, Vorratsdatenspeicherung usw. zu demonstrieren, das von den luxemburger JuLis (die Jeunesse Démocratique et Libérale) bis zu den Jungkommunisten (die gegen den Überwachungsstaat sind, solange sie nicht selber an der Macht sind) reichte. Rein visuell war von der Vielfalt bei den etwa 100 Demonstrierenden nicht soviel zu bemerken: ein Passant musste zwangsläufig davon ausgehen, dass es sich um eine Demo der luxemburger „autonomen Antifa“ bzw. des „Black Bloc“ handelte. Die einzelnen Organisationen hatten sich nämlich im Vorfeld, auf Drängen der Genannten, abgesprochen auf eigene Fahnen zu verzichten, was die Schwarzuniformierten nicht davon abhielt, vorneweg mit roten, schwarzen und Antifa-Flaggen zu laufen.

[Zwischenbemerkung: eigentlich kann ein solches Verhalten von Leuten, die während der Demo „Fight Law and Order“, und nicht etwa: „Fight the State“ schrien, nicht überraschen: obwohl sie zumeist als „Anarchisten“ bezeichnet werden, oder sie sich sogar selber als solche verstehen, streben sie nicht „Freiheit und Gesetz ohne Gewalt“ an (Definition der Anarchie nach Immanuel Kant), eine Rechtsordnung ohne Herrschaft des Menschen über den Menschen, sondern Anomie, die Abwesenheit von Recht und Ordnung, d.h. letztendlich die Herrschaft der Willkür].

„Highlight“ der Demo war dann auf Place d’Armes das Zusammentreffen mit einer Handvoll Neo-Nazis, die offenbar zur Unterstützung der Schweizer Nationalmannschaft (die gestern Abend gegen Luxemburg spielte und gewann) angereist waren, und die Demo prompt mit Bierdosen bewarfen. Nachdem die gemäßigtere Nachhut der Demo den Black Bloc davon abhalten konnte, auf die Nazis los zu gehen (die acht Polizisten, die statt zum Fußballspiel zum Schutz der Demo eingesetzt waren, schienen eher ein bisschen überfordert), zog der Zug dann weiter Richtung Aldringen, wo ein „Open Mike“ stattfinden sollte. Hier wurde die Demo alsbald wieder von drei Neonazis gestört, wovon einer (mit Reichsadlertätowierung) sich auf einem Blumenkübel platzierte, theatralisch den Führergruß zeigte (was in Luxemburg, zur Verwunderung der Organisatoren, durchaus erlaubt ist) und dabei „Sieg Heil“ rief. Hätte vielleicht für eine Statistenrolle in „Springtime for Hitler“ gereicht. Auch hier konnten zum Glück Prügelszenen verhindert werden, und die Demonstration, deren ursprünglicher Inhalt jetzt doch etwas sehr zurück trat, lief noch bis zum Bahnhof zurück, wo sie sich dann auflöste.

Eine Frage konnte mir leider niemand beantworten: was wollen Schweizer Neonazis eigentlich? Einen nationalsozialistischen, aber unabhängigen Vielvölkerstaat Schweiz oder doch eher doch den Anschluss an ein neues großdeutsches Reich? Falls b): wieso unterstützen sie dann die Schweizer Nati?

Oktober 11, 2009 - Posted by | Allgemeines, Anarchismus, Neues aus Luxemburg, Offene Gesellschaft, Pluralismus |

9 Kommentare »

  1. @nestor: Danke für den Bericht! Aber woher weißt Du, dass die Neonazis Fussballfans waren? Beim Spiel sah ich keine solche Gestalten jedenfalls. Hab sogar meinen Luxemburger gegen einen Schweizer Schal getauscht🙂

    Kommentar von CK | Oktober 12, 2009

  2. Die Neonazis kamen jedenfalls aus der grösseren Menge Schweizer Fussballfans auf der Place d’Armes heraus, es waren allerdings wirklich nur eine Handvoll, die sich auch äusserlich vom Rest der Fans abhoben (schwarz statt rot-weiss).

    Kommentar von nestor | Oktober 12, 2009

  3. Danke für die Erklärung.

    Die Diskussion wie Gesetze in der Anarchie umgesetzt werden (und ab wann ein Staat ein Staat ist laut Definition) sparen wir uns aber lieber für ein andermal, Du Anarchist😉

    Kommentar von CK | Oktober 12, 2009

  4. Schwäizer Neonazien wëllen wuel haaptsächlech eng Schwäiz mat sou mann wéi méiglech Auslänner oder Zougereestenen?

    Kommentar von Grommel | Oktober 13, 2009

  5. > Die Diskussion wie Gesetze in der Anarchie umgesetzt werden (und ab wann ein Staat ein Staat ist laut Definition) sparen wir uns aber lieber für ein andermal, Du Anarchist

    haha, jo, sou eng Diskussioun giff bestëmmt lëschteg ginn🙂

    Kommentar von Grommel | Oktober 13, 2009

  6. Interessanten Communiqué! D’CSJ ass also en effet net invitéiert gewiescht?

    Kommentar von Grommel | Oktober 14, 2009

  7. Immer wieder findet der Grossdeutsche Gedanken Anhänger, vorallem in Wien. Aber wer würde sich nicht mit Kati Witt in einer schönen neuen Welt wieder- oder auch zum erstenmal vereinigen wollen

    Sogar das Fegefeuer wird mit ihr noch richtig lauschig.

    Kommentar von Helmut Qualtinger | Oktober 22, 2009


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