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Popkultur und Freiheit (III): The Matrix

Da wohl jeder die Matrix-Trilogie gesehen hat, geht es gleich in medias res. The Matrix beschreibt den Freiheitskampf des Menschen gegen eine Macht, die alles vereinnahmt hat. Die Maschinen stehen dabei nur sinnbildlich für alles, was den Menschen in seiner künstlichen Scheinwelt des Konsums unterdrückt.

Das ist natürlich Quatsch. Eine solche kurzsichtige Interpretation der Matrix ist genau einer der Punkte, welche den Inhalt aus freiheitlicher Sicht so infam machen. Vordergründig scheint der Film eine Befreiung zu beschreiben, wenn man aber nur einen Schritt weiter geht, merkt man schnell, dass eher das Gegenteil der Fall ist. Die religiösen und prophetischen Untertöne sollten bereits alle Alarmglocken schrillen lassen: hier wird keine Befreiungsgeschichte erzählt, sondern eine Offenbarungsgeschichte, welche den Mythos im Gegensatzpaar Mensch-Technik zu verschleiern versucht. Häufig wird Platons Höhlengleichnis herangezogen um zu zeigen, dass es um die Befreiung von Fesseln geht. Doch es gibt einen elementaren Unterschied: Im Höhlengleichnis gibt es keinen Supermann, der die anderen befreit. Platons Philosophenideal befreit sich selbst und wird bei Verkündung seiner Wahrheit von den Höhlenbewohnern getötet. Neo hingegen wird gefeiert. Das Höhlengleichnis war vielleicht ein Ideengeber, aber wir haben im Film im nur eine vage Simulation davon, sozusagen eine Matrix des Gleichnisses, welche die entscheidenden Stellen für die eigenen Zwecke abändert.

Beginnen wir mit dem ersten Teil. „The Matrix“ ist eigentlich ein sehr simpler Film (auch die Grundidee ist alles andere als innovativ, nur die Radikalität der Umsetzung war neu), welcher auf einer sehr bipolaren Sichtweise beruht, es gibt die Guten, nämlich die Menschen außerhalb der Matrix, und die Bösen, die Maschinen, welche die Menschen als Energiequelle brauchen. Aber drehen wir einmal diese Vorstellung um: Sind die Maschinen vielleicht die Guten? Einer der großen Plotholes des Filmes könnte damit umgangen werden, denn es gibt effektivere Energiequellen als die Elektrizität von Lebewesen. Ein weiterer Hinweis ist „The Second Renaissance Part I & II“, eine kurze Episode der „Animatrix“. Darin wird erläutert, wie es zur Maschinendominanz kam, nämlich eine Maschine bekam Bewusstsein, die Menschen hatten Angst, Krieg gegen die Maschinen, Verdunklung der Sonne, damit die Maschinen keine Energie mehr kriegen. Klingt altbacken, aber storykohärent. Wirklich? Drehen wir die Sache wieder mal um, die Stadt Zion ist von den Maschinen mehrmals erschaffen und zerstört und wieder erschaffen worden. Würden sie die eigene Story so darstellen, wenn sie nicht wollen würden, dass damit ein Mythos aufrechterhalten werden sollte?

„The Matrix“ beschreibt vordergründig zwei Welten, körperliche Notwendigkeitswelt und körperlose Geisteswelt. Dieser Unterschied wird auch filmisch umgesetzt. Die Welt außerhalb der Matrix ist schmutzig, eng und dunkel. Die Kleidung zerrissen, die Raumschiffe sind ohne Luxus und Polster, das Essen ist formloser Schleim ohne Geschmack. Die Welt innerhalb der Matrix ist hell und stylish, die Kleidung fällt auf und Sonnebrillen sind ein Muss. Es wird bereits bildlich ein Unterschied zwischen einem vermeintlich „Realem“ und dem „Virtuellen“ gemacht, wo alle Träume wahr werden könnten, wenn nur die Programmierung stimmen würde. Diese Möglichkeiten gibt es in der Welt außerhalb der Matrix nicht. Dies erweckt den Anschein, dass die Nicht-Matrix realer wäre als die Matrix. Wie in „Matrix: Reloaded“ allerdings dargestellt, ist dies ein Trugschluss.

Gegen Ende des ersten Teils richtet Neo noch eine Drohung an die Maschinen und fliegt dann davon. Den Abspann begleitet „Rage against the Machine“. So sieht die Simulation einer Revolution aus, der Superheld und die passende Musik dazu. Man sieht sich den Revolutionär an und mit dem richtigen Ton im Ohr glaubt man selbst an der Revolution teilzunehmen. So wie der Träger eines Che-Shirts glaubt eine Message zu haben. Diese (simulierte) Aufbruchstimmung ist es vielleicht auch, welche die Nachfolger für manche Leute untragbar machte: Sie fühlten sich wohl im quasi-religiösen Gedanken an die messianische Revolution gegen das Einwirken einer unergründbaren Realität inklusive dem passenden Soundtrack dazu, und die Nachfolger dekonstruierten gerade diese Szene wirkungsvoll und zerstörten die ganze Aufbruchsstimmung indem die Revolution selbst nichts weiter ist als der Reboot der Matrix, sprich: notwendige Regression.

„Matrix: Reloaded“ und „Matrix: Revolutions“ bestätigen also diese Leseart des ersten Teiles. Abgesehen von der grausamen Dramaturgie der ersten halben Stunde von „Reloaded“ (wobei: können wir diesen Klischee-Overkill nicht gerade als Beweis einer Matrix, insbesonders einer „Hollywood-Matrix“ zurechnen und sind damit wieder im Konzept drin?) bieten die Nachfolger interessante Momente. Besonders erwähnenswert ist dabei die Figur des Smith. Er ist die Entindividualisierung, das absolute Kollektivwesen, das trotz vieler Glieder mit nur einem Geist zu denken scheint. Ihm gegenübergesetzt ist Neo. Doch wäre es zu kurzsichtig ihm die Rolle des Individuums zu geben (auch wenn viele darauf hinweisen, dass sich die Buchstaben von „Neo“ zu „One“ umschreiben lassen). Neo ist keine Person mehr, er ist eine Funktion. So wie jedem Messias oder Auserwählten eine Funktion zukommt, verschwindet seine Individualität hinter dieser Funktion.

Dies gilt nur innerhalb des virtuellen Konstrukts. Außerhalb ist Neo eine Person wie jede andere auch. Das Glamouröse ist verschwunden, er ist ein langweiliger Kerl, sogar ein bisschen dämlich. Dasselbe gilt für Morpheus, der zwar noch priesterhaft eine Rede hält (und damit ebenso das Kollektiv beschwört), dann aber sehr farblos wird. Außerhalb der virtuellen Welt sind die Figuren austauschbar geworden. Wenn man nicht den Mythos des ersten Filmes vor Augen hätte, wären sie allesamt austauschbar. So, wie innerhalb der Matrix durch Smith eine Entindividualisierung stattfindet, sehen wir parallel dazu eine ebensolche Entfremdung des Einzelnen außerhalb. Die Struktur des Filmes ist so sichtbar wie sie nur sein kann, ohne dabei auf Verfremdungs-Effekte, wie z.B. bei Lars von Trier, zurückzugreifen. Dies kann nur zweierlei bedeuten: Matrix und vermeintliche Realität sind äquivalent, oder die Wachowski-Brüder haben keine Ahnung vom Filmemachen. Das, was wir als Meta-Ebene im Film als Realität annehmen ist so voraussehbar und voller Klischees (siehe z.B. Kid-Sidestory), dass es wohl so gewollt sein muss. Denn es wäre ein Leichtes gewesen das alles zu umgehen.
Mit diesen Voraussetzungen gibt es nur Kollektivwesen, da die Matrix nichts anderes zulässt.

Dann gibt es noch diese religiöse Notion. „The Matrix“ lebt vom Glauben an den Auserwählten. Diese religiöse Teleologie, das Warten auf den Messias und die damit verbundene Befreiung ist Ideologie in Reinkultur. Das Individuum tritt in seinen Entscheidungen zurück und legt sein Leben anhand einer Prophezeiung, sozusagen „der Schrift“, aus. Damit haben wir eine weitere Matrix entdeckt, welche außerhalb der offensichtlichen Virtualität existiert. Und an dieser Stelle enttäuscht die Trilogie: sie bietet keine Alternative an, es gibt kein Entkommen. Mehr noch: der Glaube zählt mehr als Vernunft, die kollektive Richtungsangabe anhand diffuser Prophezeiungen ist wichtiger als die Entscheidungsgewalt des Einzelnen. Dieser Widerstreit zwischen Idealismus und Pragmatismus wird zwar auch im Film angeschnitten zwischen dem priesterhaften Morpheus und dem Militaristen Locke, der aber schlussendlich der Prophezeiung unterliegt.

Weitere interessante Figuren sind das Orakel und der Architekt. Offensichtlich bleibt bei diesen beiden Figuren auch kein Platz für Freiheit. Der Architekt steht für die Perfektion. Man beachte den Dialog am Ende von „Matrix: Reloaded“:

Architect: The first Matrix I designed was quite naturally perfect, it was a work of art – flawless, sublime. A triumph equalled only by its monumental failure.

Ebenso in Teil 1, als Morpheus verhört wurde:

Smith: Did you know that the first Matrix was designed to be a perfect human world? Where none _suffered_, where everyone would be.._happy_. It was a disaster.

Der Architekt ist das absolut logische Element. Eins und Null. Dort, wo Perfektion herrscht, gibt es keine Zufälle, alles ist determiniert. Das Orakel ist ein störendes Element in dieser Perfektion. Es ist der personifizierte Zufall, welches das ideale Konstrukt aus dem Gleichgewicht bringen soll und es somit einer eigenen Perfektion annähert.

Ist also der gesamte „The Matrix“-Mythos aus freiheitlicher Sicht verloren? Nicht ganz. Am Ende von „Revolution“ kommt es zu einem kleinen Dialog, der vieles bedeuten könnte:

Oracle: What about the others?
Architect: What others?
Oracle: The ones that want out.
Architect: Obviously, they will be freed.

Es gibt also doch noch irgendwo einen freien Willen. Doch er muss sich der Matrix unterordnen. Der Wille entscheidet, ob der Einzelne in der virtuellen Scheinwelt leben möchte, oder sich den Rebellen anschließen wird um schlussendlich das System wieder zu unterstützen. Die Wahl fällt so oder so zugunsten des Systems aus.

Das Konstrukt der Matrix scheint einer eigenen Teleologie zu folgen. Was die verschiedenen Neos vor dem Architekt taten war vorauszusehen, ebenso, was diese letzte Inkarnation des Neo tun wird. Er wird damit nur zum Träger einer Idee, eines Programmes (des Orakels?), welches durch Codeverschiebungen andere Entscheidungen trifft und damit die Reinkarnation der Matrix verändert. Das revolutionäre Moment ist damit natürlich hin. Die Revolution findet nicht statt, weil die Revolution stattfindet.

Auf ein vermeintlich Reales verweisend und damit die Matrix unterstützend, ist eigentlich ein sehr aktuelles Thema, wie man z.B. an der strukturellen Ähnlichkeit der Anti-Terrorgesetze mit Klimagesetzen sehen kann. Das Bekämpfen der Matrix hilft nur der Matrix selbst. Die Matrix-Filme sind ein Symptom seiner Zeit. Wir finden niemals so viele Kritiker des Systems in dem wir leben, nie zuvor waren so viele Hobbyrevolutionäre unterwegs, welche z.B. Filme gegen den Kapitalismus machen und damit Millionen scheffeln, Musikhits werden produziert, welche in hübschen Harmonien die Schlechtigkeit der Welt besingen, Literatur, welche die Unmöglichkeit der Poesie proklamiert. Der Widerspruch wird zum leitenden Befehl – und stärkt damit das bestehende System. Wenn also ein Film wie „The Matrix“ vermeintlich eine Matrix kritisiert, hilft er dass diese Simulation noch stärker wird und das Reale nur noch ein Schatten ist.

Der Film sagt uns, dass eine Realität hinter der Matrix gibt. Er trennt im ersten Teil noch sauber zwischen Realem und Virtuellem, die beiden Nachfolger setzen diesem Gedanken ein Ende und man vermutet eine Matrix außerhalb der eigentlichen Matrix. Und an dieser Stelle versagt der Film, anstatt diese Matrix eindeutig zu benennen, lässt er die Frage offen und deutet an, dass es doch die Realität ist, welche von der Matrix missbraucht wird um sich selbst zu erhalten. Stellt „The Matrix“ also unser Verständnis von Realität in Frage? Nein, ganz im Gegenteil, es stellt unsere Vorstellung eines Simulakrums in Frage und verfestigt die Simulation als Realität. Es ist nicht die Matrix, welche die Realität missbraucht um sich zu erhalten, sondern es ist die Matrix, die vorgibt Realität zu sein, welche die offensichtliche Matrix missbraucht um sich selbst als realere Realität darzustellen.

Und eh die Fanboys und -girls anklopfen: Ich mag die Matrix-Trilogie. Sie ist in meiner persönlichen Top-10 der besten Filme aller Zeiten. Aber aus freiheitsphilosophischer Sicht ist sie ein einziges Desaster.

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Oktober 10, 2009 - Posted by | Popkultur und Freiheit | , , ,

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