L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Politainment zum Endspurt

Nach Sonneborn und Schlämmer läutete Stefan Raab heute Abend die letzte Runde in Sachen Politainment ein.

Ob mit dieser Form des Politainments die echten Wahlen bagatellisiert werden, wie es von konservativer Seite gerne gesagt wird, sei mal dahingestellt. Ich denke, dass es ein guter Ausgleich ist, gegenüber den anderen Shows, die sich ernster nehmen als die politische Rhetorik hergibt.

Es wurde eine reine Männerrunde. Jeder Teilnehmer wurde mit einem Song begrüßt: „Go West“ für Gysi, „Schnappi“ für Trittin, ein bekannter Reggae-Song für Müntefering, Wulff wurde mit einem Bossa Nova begrüßt, Westerwelle mit „Sexy MF“ von Prince und Guttenberg mit „Highway to Hell“. So gesehen war die Musikwahl durchaus witzig.

Die interessante Frage kreist eh nicht so sehr um die Inhalte, sondern eher wie sich wer wem gegenüber sich verhält im Angesicht eines Publikums, das eher auf den schnellen Gag aus ist. Das zeigt sich gleich schon im Vorfeld, Zwischenrufe, frenetischer Applaus, Buh-Rufe sind keine Seltenheit, so dass stellenweise ganze Sätze in Getöse untergehen. Es war vielleicht ein Fehler die Leute nach politischen Blöcken im Saal zu platzieren, denn in und aus der Masse wird es leichter noch lauter zu klatschen und noch lauter zu rufen.

Pluspunkt für Stefan Raab, denn der wirkt neben Politprofi und N24-Sprecher Peter Limbourg etwas verloren, was sein Vorteil war. So füllte er perfekt die Leerstelle zwischen den Politiker, resp. Mediendarsteller und dem Publikum aus. Raab hat leider nicht die politische Schlagfertigkeit um außerhalb vom Klamauk die Profis der Politik zu irritieren. Dies merkt man z.B. als er sich mit Wulff kurz zoffte und er dessen Rhetorik nicht kontern konnte. Raab ist mit Sicherheit kein Dummkopf, aber das aalglatte Geschmiere der Politkaste kann er nicht greifen. „Sie sind ganz schöne Quasseltaschen, muss ich sagen.“ Ja.

Der Schnelligkeit der Zielgruppe passt sich die Riege auch inhaltlich an, wie ein Feuerwerk werden Zahlen und Beispiele in den Raum geworfen. Es ging deutlich mehr zur Sache als bei den „großen“ Debatten, und das könnte an der Zielgruppe liegen. Ältere Herrschaften schauen sich nicht „diesen Raab“ an und so bleibt eine eher wankelmütige und junge Gruppe übrig, informiert, aber undogmatisch und die sehr viel auf Sympathien und Gesichter achtet. Nach jedem Satz wird wieder geklatscht und das war es dann auch schon. Ein vollprofessioneller Schlagabtausch mit störender Hintergrundkulisse.

Aber es werden auf der Ziellinie deutlichere Worte angesprochen, vor allem Müntefering, der auch sonst nicht als Diplomat bekannt ist, ist sehr stark im Austeilen. Vor allem Guttenberg und Gysi sind kurz seine Zielscheibe. Der Entertainment-Faktor ist dabei recht hoch, nur für ein Erklären der eigenen Position bleibt dabei allerdings nicht allzu viel Zeit.

Westerwelle gibt sich vielleicht zu ernst und distanziert, als dass er zu den Gewinnern aus dieser Show zählen wird. Dabei sind seine Reden und sonstigen Auftritte deutlich dynamischer. Der Guido hatte wohl einen eher müden Tag. Müntefering und Gysi sind routiniert wie immer, Trittin zeigt wieder mal, dass er von Wirtschaft keine Ahnung hat, indem er z.B. Guttenberg vorwirft nichts für den Mittelstand zu tun, weil die Kreditklemme etwas zu sehr klemmt. Dass er damit zwei Dinge in einen Topf wirft, merkt der Durchschnitts-Pro7-Zuschauer wahrscheinlich nicht.

Analyst Schöppner (mit wechselnden Sitzpartnerinnen in blond) brachte es auf den Punkt: „Heute spielt nicht mehr die Kompetenz eine Rolle, es kommt eher auf das Vertrauen an.“

Stichwort Piratenpartei. Die Grünen beanspruchen Datenschutz für sich, ebenso die Linke und die FDP. Das Problem dabei ist, dass sowohl bei Grünen als auch Linken der Überwachungsstaat an anderer Stelle, z.B. ob man die richtigen Glühbirnen benutzt, oder wie und wo Bankbewegungen stattfinden (liebe linke Mitlesende: Wirtschaftskontrolle ist ebenso ein Machtinstrument wie es Schäuble vorgeworfen wird aufzubauen; macht euch nichts vor, da wird ebenfalls der Diktatur Tür und Tor geöffnet) befürwortet wird.
Eine Beobachtung wurde auch heute Abend festgestellt: im aktuellen Wahlkampf sind die beiden Fronttiere Merkel und Steinmeier niemals mit irgendeinem Kandidat der Opposition konfrontiert worden.

Dann ist es plötzlich vorbei und irgendwie ist gar nichts hängen geblieben. Politainment geht dann doch anders. Vielleicht mit mehr Entertainment. Und dann doch mit mehr Politik. Unterhaltsamer und politischer als das dröge Kanzlerduell war es allemal.

An die Sendung von 2005 kann ich mich nicht mehr erinnern, anscheinend war aber ein Trend erkennbar, der dann bei der Bundestagswahl bestätigt wurde. Mit einer knappen halben Million „Wähler“ per SMS und Telefon dürfte auch eine gewisse Bandbreite erreicht worden sein.

Was heißt das jetzt für den Urnengang morgen? Zunächst ist Raabs Zielgruppe eher jung und damit nicht unbedingt CDU-Klientel. Dann ist da noch die große Unbekannte, die Piratenpartei. Diese kann durchaus 2% irgendjemandem wegnehmen. Und ob und wie sie die TV-Total-Abstimmung gecrashed haben, kann man auch nicht sagen. Im Vorfeld wurde in Blogs davon gesprochen, dass die Piraten eben alle für die Grünen anrufen sollen, wenn sie schon nicht als jungwählerrelevante Gruppe eingeladen wurden.
Angst machen wird diese Sendung der SPD. Denn sie verloren stark und die Stimmen gingen an Die Linke über. Auch wenn tatsächlich in der Wahlkabine dann doch so mancher wieder von den Dunkelroten zu den Roten zurückrudert, so ist diese Fakewahl als Stimmungsbarometer der betreffenden Zielgruppe durchaus interessant.

Endergebnis:
CDU/CSU 26,6
SPD 17,7
FDP 19,9
Grüne 15,4
Linke 20,5

Dann haben die TV-Total-Mathematiker noch einen Koeffizienten, um das Resultat anzugleichen:
CDU/CSU 31,5
SPD 16,8
FDP 14,5
Grüne 14,4
Linke 16,8

Zwar ist das Resultat alles andere als repräsentativ, aber ein Trend ist erkennbar. Dennoch bleibt die Frage, wie viele Leute „Horst Schlämmer“ auf ihren Zettel schreiben. Oder dies.

Schau’n mer mal.

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September 26, 2009 - Posted by | Allgemeines, Kurioses | , , ,

7 Kommentare »

  1. Mich würde mal interessieren, wie Umweltschutz aus liberaler Sicht funktionieren soll, wenn der Staat nicht eingreift. Für mich sieht es nämlich nicht so aus, als habe „der Markt“ bisher irgendetwas für die Umwelt getan. Was reichlich dämlich ist, denn wer seine Resourcen verschwendet, wird niemals über längere Zeit bestehen können – aber an das Wohl des Betriebes (vom Planeten gar nicht mal zu reden) wird wohl bei der „Pursuit of Happyness“ eher wenig gedacht.

    Oder gibt es Beispiele, wie ein absolut freier Markt diese Probleme lösen kann?

    Kommentar von Joël | September 27, 2009

  2. Etwas offtopic Deine Frage hier, Joel. Aber nur kurz ein paar Denkanstösse.

    1. Im Liberalismus hat der Staat die Aufgabe Grundrechte wie das Recht auf Eigentum zu schützen. Kein Konzern hat somit das Recht bspw. Giftstoffe in fremde Flüsse abzusondern, genauso wenig wie ich meinen Müll auf dem Grundstück meines Nachbarn abladen kann.

    2. Was Anderen bewiesenermassen schadet, ist im Liberalismus verboten.

    3. Ein guter Unternehmer muss langfristig denken. Nehmen wir die Fortwirtschaft. Wenn ich meinen Wald zerstöre, so dass keine Bäume mehr nachwachsen, säge ich mir auch wirtschaftlich den Ast ab auf dem ich sitze. Nachhaltigkeit liegt im ökonomischen Interesse des vernünftigen (!) Unternehmers also. Um meinen Gewinn zu maximieren, muss ich zudem versuchen Innovationen zu entwickeln, die Ressourcen sparen.

    4. Auf einem genuin freien Markt wäre es nicht mehr möglich Kosten über den Staat auf Andere zu externalisieren.

    5. Auch der heutige Markt hat aber sehr viel bereits für Umweltschutz getan. Oder woher kommen wohl technischer Fortschritt, neue ökologische Verfahren, neue Verfahren zur Energiegewinnung usw. die es ermöglich(t)en weniger Umweltschäden zu verursachen als während der Industrialisierung?

    Kommentar von CK | September 27, 2009

  3. Es war die grüne Glühbirnendiktatur, die mich drauf gebracht hat. Aber eigentlich wäre die ja eh unnötig, oder? Ein freier, effizienter Markt dürfte doch schon lange auf die effizienteren und über längere Zeit billigeren Glühbirnen umgestiegen sein, oder?

    Forstwirtschaft ist ein gutes Beispiel. Man kann (unökologisch) eine billige Fichtenplantage anbauen und nach 40 Jahren (gesetz. Mindesalter) einen Kahlschlag durchführen. Ökologisch ist das nicht sehr sinnvoll, bringt aber schnelles Geld und nutzbar ist der Wald später auch noch. Wieso nicht auf längerfristige, gewinnbringendere und ökologisch sinnvollere Alternativen gesetzt wird, kann ich dir beim besten Willen nicht verraten. Vielleicht ist Gier doch nicht immer der beste Ratgeber?

    Die eigentliche Frage ist wohl: wieso scheint es so wenig vernünftige (!) Unternehmer zu geben?

    Kommentar von Joël | September 27, 2009

  4. Der „War on Bulbs“ ist ein grober Unfug der Politik. Vermutlich haben da einige EU-Parlementarier bzw. deren Frauen Aktien bei Osram. Ob diese Energiesparlampen ökologisch sind, ist zudem auch umstritten, da sie ja Quecksilber beinhalten. Ich bin auf jeden Fall dafür, dass der Kunde selbst bestimmen darf, welche Glühbirne er sich zulegen will.

    Wenn der Wald in Deinem Beispiel nachher immer noch nutzbar ist, wo ist dann das Problem?

    „Wieso scheint es so wenig vernünftige (!) Unternehmer zu geben?“

    Diese rhetorische Frage ist Unsinn. Es gibt unzählige vernünftige Unternehmer.

    Kommentar von CK | September 27, 2009

  5. > über längere Zeit billigeren Glühbirnen umgestiegen sein, oder?

    Die Glühbirnenthematik liegt etwas anders, erstens sind Sparlampen in der Produktion und Entsorgung alles andere als umweltfreundlich. Zweitens kommen viele sich damit vor wie unter kühlem Krankenhausneonlicht. Drittens ist es mit der Langlebigkeit und Einsparung nicht weit her, ich habe schon zwei dieser Dinger hier, die häufiger flackern.

    Umwelt und Fortschritt gehen häufig Hand in Hand, würde irgendjemand ein Hybridauto bauen, wenn er es nicht verkaufen würde? Dazu muss man dem Kunden das wohlige Gefühl geben, dass er damit irgendwo was Gutes tut, Umwelt wird damit zum, ja, pro-kapitalistischen Siegel, als Zugangscode einer Kundengruppe.

    Desweiteren, nehmen wir z.B. Wasser. Ein wasserarmes Land wie Israel müsste Wasser einführen lassen. Stattdessen setzen sie auf Innovation und Recycling: Israel ist weltführend in Sachen Wasseraufbearbeitungsanlagen. China legt in Solartechnik vor, während z.B. die Solarfirmen Deutschlands im Moment um jeden Subventionscent bangen.

    Dann noch die Psychologie: Wer etwas besitzt passt darauf besser auf, als wenn es niemand (=alle) besitzen.

    > und nutzbar ist der Wald später auch noch

    du beantwortest die Frage damit quasi selbst.

    > Die eigentliche Frage ist wohl: wieso scheint es so wenig vernünftige (!)
    > Unternehmer zu geben?

    Unvernünftige Unternehmer wird es immer weder geben und sie werden aber auch immer wieder verschwinden, gerade weil die unvernünftig sind.
    Und dann ist da noch die Frage, ob es in einem so großen Spielplatz wie der Ökonomie nicht verschiedene „Vernünfte“ geben kann. Einen strom- und benzinfressenden Hybridwagen als „umweltfreundlich“ zu titulieren ist nämlich schlichtweg eine Lüge, da geht es um „Access“, um ein Zugehörigkeitsgefühl der Zielgruppe.

    Aber es ist echt OT, wenn das Thema mal in einem Artikel auftaucht, diskutieren wir gerne weiter.

    Kommentar von JayJay | September 27, 2009

  6. Deine Beispiele zur Glühbirne sind Quatsch. Es gibt Energiesparlampen in allen Formen und Farben. Wobei die Entsorgung wohl wahrlich die Schwachstelle ist. Aber ist es wirklich besser, 99% der verbrauchten Energie als Wärme verpuffen zu lassen? Und seit wann ist Ästhetik ein Kriterium für den effizienten freien Markt?

    Der Wald ist bei meinem Beispiel später noch nutzbar, das Allgemeingut Grundwasser wird aber z.T. durch den saueren pH-Wert der Nadeln belastet. Der Mischwald wäre aber nach einer Umtriebszeit von 150 Jahren sehr viel gewinnbringender. Sogar ein gut bewirtschafteter Fichtenwald brächte nach 80 Jahren mehr Gewinn als der einmal-40-Jahre-Kahlschlag.

    Wie gesagt, die Glühbirnen haben mich auf das Thema gebracht, und ich fand es interessant genug, um danach zu fragen. Aus mir linkem Spinner wird aber wohl nie ein Liberaler 😉

    Kommentar von Joël | September 27, 2009

  7. Wobei die Entsorgung wohl wahrlich die Schwachstelle ist.

    Und genau deswegen ist es schon sehr dreist, normale Glühbirnen zu verbieten. Scheiß EU-Korporatisten!

    Aber ist es wirklich besser, 99% der verbrauchten Energie als Wärme verpuffen zu lassen?

    Das musst Du schon dem Nutzer der Lampe überlassen, der ja auch für die verbrauchte Energie selber bezahlen muss.

    Und seit wann ist Ästhetik ein Kriterium für den effizienten freien Markt?

    Wenn Ästhetik ein wichtiges Kriterium für den Kunden ist, ist das vollkommen i.O. Jeder Kunde hat seine eigenen Präferenzen. Was man „Markt“ nennt ist schlichtweg die Summe der Entscheidungen einzelner freier Akteure nach ihren Wünschen und Bedürfnissen.

    „Sogar ein gut bewirtschafteter Fichtenwald brächte nach 80 Jahren mehr Gewinn als der einmal-40-Jahre-Kahlschlag.“

    Womit es also viele Forstwirte geben wird, die keinen Kahlschlag veranstalten werden. Es wäre mir ja auch neu, dass alle Welt nur noch Fichten anpflanzt und es keinen Mischwald mehr gäbe. Der Markt sorgt für Vielfalt.

    Aus mir linkem Spinner wird aber wohl nie ein Liberaler

    Das ist bedauerlich angesichts der Tatsache, dass man in Luxemburg die echten Liberalen leider an einer Hand abzählen kann.

    Kommentar von CK | September 27, 2009


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