L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

„Isch kandidiere!“

Um was es in Isch kandidiere! geht, müsste wohl nicht nochmals gesagt werden, Horst Schlämmer, Lokalreporter beim Grevenbroicher Tagblatt, entschließt sich in die Politik zu gehen und gründet die HSP, die Horst-Schlämmer-Partei. Dazu benötigt er die Hilfe von Stars und Sternchen aus Medien und Politik. Weiße Bescheid.

Manchmal sind Filme genau so, wie man sie einschätzt: unlustig und harmlos. „Isch kandidiere!“ überrascht da nicht. Von der Schärfe eines „Borat“, mit dem der Film im deutschen Feuilleton manchmal verglichen wurde, ist nichts zu finden. „Borat“ war insofern interessant, dass er nicht nur seinen Gesprächspartnern Wunderliches entlockte, sondern ebenso sein Publikum veräppelte. Dieser Aspekt wird häufig übersehen, denn im Grunde ist die eigentlich verrückte Reaktion die der Zuschauer, welche über Dinge und Situationen lachen, in welchen sie nicht anders, vielleicht sogar noch blöder gehandelt hätten. Diesen doppelte Boden, das Spiel mit den Erwartungen des Zuschauers, das über das vordergründig Gezeigte hinausgeht, gibt es bei „Isch kandidiere!“ schlichtweg nicht. Das macht den Film furchtbar harmlos. „Isch kandidiere!“ ist eine Deutschland-Show, ein Beispiel für die Zwanghaftigkeit, mit welcher der deutsche Humor-Mainstream, im Gegensatz zum angelsächsischen Raum, zu kämpfen hat. Lustig geht anders.

Doch auch abseits davon enttäuscht der Film, denn es fehlt ganz einfach ein roter Faden. Es wird zwar versucht eine kleine Hintergrundstory zu flechten, doch wirkt diese eher wie ein Lückenfüller zwischen Grunzen und schlämmerscher Idiomatik wie „Ich hab’ Rücken“. Damit funktionieren zwar Sketche, aber für einen abendfüllenden Film ist das Konzept „Schlämmer“ zu wenig. Kein Pardon von 1993 zeigte, dass Kerkeling durchaus in der Lage ist, eine anständige Satire zu machen. Der Hauptplot des Filmes war vielleicht auch nicht der Oberbrüller, aber der Film lebte von kleinen Zwischenspielen und den Ticks der Figuren, welche ganz ordentlich umgesetzt wurden, auch wenn sie das Genie eines Loriot oder Schneider nicht erreichten. Solche Momente finden sich im neuen Kerkeling-Film überhaupt nicht. Alles lastet auf Horst Schlämmer. Nur ist das für einen ganzen Spielfilm viel zu wenig. Das Problem ist nicht die Figur des Horst Schlämmer – wie großartig diese Rolle sein kann, wurde ja bei Schlämmers fast schon legendärem Auftritt bei „Wer wird Millionär?“ bewiesen. Das Problem ist, dass er zu bekannt ist um die Leute in irgendwelche Fallen zu locken um diese, nun ja, zum Horst zu machen.

Einen Großteil des Filmes nehmen die Interviews mit Stars und Politiker in Anspruch. Die interviewten Politiker spielen ihrerseits nur Rollen, indem sie Horst Schlämmer als echten Ansprechpartner nehmen und nicht als einen Komiker mit angeklebtem Schnauzer und Gebiss. Die Vermischung zwischen Fiktion und Realität mag auf den ersten Blick interessant erscheinen und Rüttgers, Roth und Özdemir glauben wohl ihr Auftreten im Film sei ein netter PR-Gag. Doch es bleibt der fade Nachgeschmack, dass diese ewig grinsenden Gesellen jede Ernsthaftigkeit endgültig über Bord werfen. Inhaltleerer Wahlkampf wird von Kerkeling einerseits richtig dargestellt, indem Schlämmer von Tuten und Blasen keine Ahnung hat und doch die HSP gründet, andererseits greift das auch auf die Fake-Interviews über, denn die Interviewten sagen ihrerseits ebenso wenig. Wird so Politik enttarnt, oder, im Gegenteil, wird Politik verschleiert? Das Auftreten von Nachrichten-Sprecher, Boulevardmagazin-Moderatorinnen und B-Stars verstärkt diesen Eindruck einer Matrix. Der Film stellt Inhaltsleere in Form von Schlämmer dar und grenzt sich damit nur oberflächlich von der realen Politik ab. Er verschleiert somit, dass der echte Wahlkampf ebenso nur von Schlagwörtern und Populismus beherrscht wird.

Und noch etwas zeigt der Film: der Politik fehlen kantige Köpfe, es gibt nur noch aalglatte Kerlchen und Frauchen, die sich jeder Meinung anpassen und deren eigene Meinung hinter PC und Parteilinie zurücktritt. Wahrhaftigkeit wird zum politischen Fremdwort. Es fehlen Köpfe wie Ludwig Erhard, Helmut Schmidt oder Willy Brandt. Doch diese Köpfe findet man anscheinend nur noch als Simulation, z.B. in Form eines fiktiven grevenbroicher Schnauzers.

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September 6, 2009 - Posted by | Allgemeines, Kurioses | , ,

2 Kommentare »

  1. Danke, genau den Beitrag habe ich noch gebraucht.

    Kommentar von Michel | September 6, 2009

  2. […] Sie hat versucht uns mit Nullaussagen zu demotivieren. Und sich in einer Weise präsentiert die von Satire nicht mehr zu unterscheiden ist. Zum Duett äußere ich mich erst gar nicht. Eigentlich sollte man schon aus Trotz gegen diese […]

    Pingback von Schocker: Ich geh zur Wahl « Freiheit und Optimismus | September 14, 2009


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