L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Der Mythos von der „unsichtbaren Hand“

„For it may be observed, that in all Polytheistic religions, among savages, as well as in the early ages of Heathen antiquity, it is the irregular events of nature only that are ascribed to the agency and power of their gods. Fire burns, and water refreshes; heavy bodies descend, and lighter substances fly upwards, by the necessity of their own nature; nor was the invisible hand of Jupiter ever apprehended to be employed in those matters.“ (Adam Smith, History of Astronomy).

Ein lesenswerter Beitrag von Gavin Kennedy zur Kulturgeschichte der „Unsichtbaren Hand“ findet sich in der letzten Ausgabe der Econ Journal Watch, integral downloadbar hier. Kennedy zeigt, wie die von Smith nur dreimal benutzte Metapher, die weder ursprünglich von Smith stammt, noch eine zentrale Rolle bei diesem einnimmt, sich im zwanzigsten Jahrhundert zur zentralen These Smiths mausert (und letztlich das Einzige ist, was der gemeine Bürger mit dem Namen „Adam Smith“ noch verbindet), und für viele Liberale in der Tat zu einer Art Glaubenssatz wird (was es den Gegnern des „Neo“-, „Manchester-„, „Ultra-„, usw.-Liberalismus es einfacher macht, diesen als „Marktreligion“ zu verhöhnen) : spontane Ordnungen schaffen von einer unsichtbaren, höheren Macht gesteuert, zwangsläufig immer neue Gleichgewichte zum Wohle der Allgemeinheit.

Wie die von Kennedy zitierte Karen Vaughn richtig anmerkt: “ (…) one could [just as] easily imagine a spontaneous order in which people were led as if by an invisible hand to promote a perverse and unpleasant end.“ (vergleiche hierzu auch den rezenten Beitrag des libertären Bloggers „Brainpolice“ „The Market and Anti-Statism does not intrinsically solve social problems“).

In gewisser Weise sieht die marxistische Theorie eine solche „bösartige“ „unsichtbare Hand“ im Kapitalismus am Werk [„der Mensch denkt und Gott (das heißt die Fremdherrschaft der kapitalistischen Produktionsweise) lenkt“ schreibt Friedrich Engels im Anti-Dühring], auch wenn sie letzten Endes, durch Herbeiführung der grossen proletarischen Revolution am jüngsten Tag, wie Fausts Mephisto „stets das Böse will und stets das Gute schafft“. Beide metaphysischen Geschichtsbilder scheinen mir – ich folge hierin Heinz-Dieter Kittsteiner (Naturabsicht und unsichtbare Hand, 1979; Weltgeist, Weltmarkt, Weltgericht, 2007) – ein Ausdruck des Kampfes des Menschen mit der „Unverfügbarkeit der Geschichte“ zu sein, der Versuch einer Sinngebung, gegenüber einer zunehmend als zufällig und ziellos empfundenen Existenz.Statt den Markt als blossen Oberbegriff für die Totalität zwischenmenschlichen Warenaustauschs zu fassen, soll er selber zum rational handelnden Akteur werden, zu einer Art unsichtbaren Gott, der sich immer wieder neu rekonfiguriert. Das wirft für mich aber eine Frage auf: vorausgesetzt, die Theorie der „unsichtbaren Hand“ stimmt, bestimmt dann ein Individuum, das stets und zwangsläufig, „wie von einer unsichtbaren Hand gelenkt“, als Marktakteur zum Wohle der Allgemeinheit handelt, eigentlich noch autonom und selbstbestimmt über sein eigenes Handeln?

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August 6, 2009 - Posted by | Allgemeines, Klassischer Liberalismus, Lesestoff

5 Kommentare »

  1. Menschen handeln natürlich autonom und selbstbestimmt, aber nicht grenzenlos. Wenn ich eine Entscheidung zwischen zwei Handlungsweisen treffe, ziehe ich bestimmte Kriterien in Betracht und treffe die Entscheidung, wie sie mir angemessen erscheint.

    Es gibt aber nicht unendlich viele relevante Kriterien, und viele Entscheidungen sind auch nicht nur von subjektiven Faktoren abhängig, so dass natürlich bestimmbare Muster entstehen, wenn viele Menschen ähnliche Entscheidungen treffen (z.B. welchen Preis ich für ein Gut bezahle).

    Ich glaube, diese ganze Thema kann man auf die Frage nach der prinzipiellen Willensfreiheit eines Individuums herunterbrechen. Autonomie ist natürlich eingeschränkt durch Naturgesetze, geistige Fähigkeiten, Erfahrungen, die eigenen Motive usw. usw.

    Kommentar von Herbert Krawczek | August 6, 2009

  2. Die unsichtbare Hand ist insofern ein unglückliches Beispiel als dass eine Hand von einem Gehirn gesteuert wird. Auch wenn das Gehirn selbst dezentral organisiert ist, so wird trotzdem eine Art „Plan“ bei dieser Metapher suggeriert und das ist natürlich Unsinn. Es ist eher so, dass sich eben wie „von selbst“ Wohlstand und Fortschritt für alle ergibt, dadurch dass die Akteure sich bestmöglichst einbringen, inklusive sozialer Netzwerke (ob man die nun dem Markt oder einer „Zivilgesellschaft“ als drittem Sektor zuordnet).

    Übrigens lehnen m.W. gerade die Austrians doch den Glauben an (ewige) Gleichgewichte und Stabilität ab und sehen gerade in der Instabilität, der Dynamik der Veränderung und Anpassung und dem Lernen aus Fehlern („Ungleichgewichten“) wichtige Funktionen der Marktwirtschaft. (Ziele muss man sich übrigens schon selber setzen und seinem Leben Sinn verleihen muss auch der Einzelne selber tun.)

    Fakt ist eben: jeder Einzelne hat nur Einfluss auf sein direktes Handeln und auf seine Interaktionen mit der Umwelt, von der er abhängig ist, ansonsten ist er aber eben Teil eines Schwarmes und reagiert oft, ob bewusst oder unbewusst, auch immer auf das Verhalten der anderen Schwarmmitglieder, mit denen er koevolviert (Hossa, man merkt dass ich zur Zeit abends gerade Kevin Kelly lese :D).
    Insofern sind wir autonome, selbstbestimmte Wesen und doch wieder nicht… 😉

    Kommentar von CK | August 6, 2009

  3. Holà CK,

    …hun den Artikkel „Der Oberkeynesianer sprach zu seiner Nation (Teil 1+2)“ schwaarz op wäiss an dëst Kéier op Pabeier(!) gelies…LOL…

    —-

    „…doch den Glauben an (ewige) Gleichgewichte und Stabilität ab und sehen gerade in der Instabilität, der Dynamik der Veränderung und Anpassung…“

    …ok…dann probéiere mer ee „Konsens“ tëschent “Dynamik” an “Statik” ze fannen…

    Ech sin der Meenung, daat wann d’Résultéiernd vun deenen Dynamiken déi aus héich „stochastësch&komplex“ Systeemer besteeht an Richtung “Gläichgewiicht” tendéiert, dann ass d'“Gesamtausbeute“ (Ausbeute = Produktivitéit) max. well d’Fräiheeten (déi vun „Gesamtbataklang“ toléréiert ginn jo och max. sinn…(firwaat „Reegelen“ opstellen wann ëppes „gudd“ funktionéiert…?)

    Mä, gläichzäitëg…well déi „Systeemer“ eng hierarchëg Struktur hunn…kënnt meeschtens leider den Zitat vum „Clausi“ zum Virschäin…

    „Die Politik ist eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln.“ => „Dynamik“ aka „Machtstreben“…

    Dozou kënnt…daat obwuel verschidde „Systeemer“ ganz vuneneeen oofgekapselt könne sinn…den „Zitat“ erspuert se trotzdem nët…

    http://de.wikipedia.org/wiki/Schmetterlingseffekt

    —–

    „Lernen aus Fehlern (”Ungleichgewichten”)“…

    „Geht nicht…gibts doch“…ergo, sinn keen grousse Frënn dovunner…well daat jo heesche géif daat de „Mënsch“ der „Perfektioun“ no striewt an enges Daags och „sollt?“ erreechen…(waat hien zwar och effektiv mécht => „striewen“…éng Zäit laang…bis duerno alles ërem ewéi en „Kartenhaus“ zesummenfällt => siehe z.B. „Wirtschaftsgeschicht“ an „hierarchësch Strukturen“ déi ët am Ee onméigelech maachen…)

    Ët ginn x-Ursaachen déi deen „Zesummenfall“ beschleunëgen/erméigelechen…eng dovunner ass z.B. den „générationnellen Switch“ och „générationnellen Gedächtnisschwund“ (vu mier aus) genannt…

    „Otto“ speaking:
    „Die erste Generation verdient das Geld, die zweite verwaltet das Vermögen, die dritte studiert Kunstgeschichte, und die vierte verkommt vollends“

    …hmmm…ob den „Thomas“ dem „Otto“ säin Zitat och geliest huet…??? kratz, kratz…

    „It portrays the downfall (already announced in the subtitle, Decline of a family) of a wealthy mercantile family of Lübeck over four generations.“

    …LOL…

    P.S.:RTL, +/- aktuell…

    http://www.handelsblatt.com/unternehmen/nachrichten-trends/familienunternehmer-zweifeln-am-nachwuchs;2084183

    an…ee ganz rézent Bsp.: den „Merckle-Imperium“

    —–

    …à propos „unsichtbare Hand“…(gaaaanz kuurz ugeschnidden…sinn mer nach ëmmer am gaangen den Text vum Kennedy „eranzezéihen“…vill Text, an leider wéineg Biller…)

    „Ober-Liberal&Sozio-Guru Ralph Dahrendorf“ (deem séng „duerchduerchten Iwwerleeungen“ de „Pancho“ immens respektéiert an akzeptéiert…) by Daniel Binswanger…

    „Ungleichheit ist eine Folge der politischen Ordnung. *Sie hat ihren Ursprung nicht im ökonomischen Ungleichgewicht, sondern in der mehr oder weniger hierarchischen Struktur, die eine Gesellschaft auszeichnet*. Ungleichheit ist für Dahrendorf zwar unausweichlich, aber ihr *tolerierbares Mass muss immer wieder neu politisch verhandelt werden. Sie ist das Produkt eines konfliktreichen Prozesses der kollektiven Willensbildung*. Für Dahrendorf ist Liberalismus nicht eine Mystik der unsichtbaren Hand, sondern *ein Ethos der offenen Auseinandersetzung. Konsequent verteidigt er das Primat (Aristoteles) des Politischen*.“

    „*“= „emphasized“

    „Dahrendorf wusste, dass Chancengleichheit nicht zum Nulltarif zu haben ist. Nur eine Gesellschaft, die ein hohes Mass an kollektiver Solidarität aufbringt, kann allen ihren Mitgliedern echte Chancen garantieren.“

    http://dasmagazin.ch/index.php/daniel-binswanger-dahrendorfs-freiheit/

    La proxima vez, la mia opinion sobre el texto del senor Kennedy…

    Hasta
    Pancho

    Kommentar von Pancho | August 11, 2009

  4. @Pancho: Dann hues de gutt opgepasst, RESPEKT! Du waers an Zukunft vlait méi oft vun eis am Journal eppes liesen. Och den Artikel haut géint Wahlpflicht kennt Daer vlait bekannt fir 😉

    Ech sinn dervunner iwwerzeecht, datt- eben well um fraien Marché Muecht jhust durch Leeschtung errongen kann gin an net durch blank Gewalt, virausgesat de Staat iwwerhellt séng Aufgaben als Schiri an ennerléisst et selwer um Terrain matzespillen- datt Hierarchien zwar existéieren, ower éischter flach waerten sinn an muncher d’Leeder och séier kennen eropklammen (den aalen US-Dram vum Tellerwäscher zum Millionär, deen haut oft vun onnéideger Bürokratie an och eisem staatsmonopolisteschen Schoulsystem verhennert gett).

    Wéis de richteg erkannt hues, vergesst de Mensch och villes erëm bzw. muncht Wessen gett net méi gebraucht (Wéisou soll een haut nach mat engem Plou emgoën kennen? *G*) a vu que datt mat neien Technologien och nei méiglech Feeler entstinn an nei Léierprozesser, denken ech och net datt mir Richtung Perfektioun striewen (wann et esou eppes iwwerhapt ka ginn, wat ass schons perfekt???). Wat mer méi an den Wessenschaften erausfannen, wat mer grad feststellen wéivill mer nach NET wessen. Progrès ass ower ze erkennen.

    De Ralf Dahrendorf wuar wuel een interessanten Denker, mee hien haett vlait nach méi kinnten op d’Zivilgesellschaft selwer vertrauen an och méi kritesch bzgl. Politik a Staat denken, virun allem beim Betruechten vun strengen Hierarchien an hiren Ursachen.

    Kommentar von CK | August 11, 2009

  5. Hola,

    „Ët ginn x-Ursaachen déi deen „Zesummenfall” beschleunëgen/erméigelechen…eng dovunner ass z.B. den „générationnellen Switch” och „générationnellen Gedächtnisschwund” (vu mier aus) genannt…“

    Recently discovered…

    MIT-Grad speaking…

    http://www.generationaldynamics.com/cgi-bin/D.PL?d=ww2010.about

    Hasta
    Pancho

    Kommentar von Pancho | August 25, 2009


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