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Kunst und Provokation – Zum Tode von Dash Snow

Snow Dash ist tot. Der Künstler aus New York wurde durch seine Fotographien und Collagen bekannt. Nicht selten handelte seine Kunst von Sex, Drogen und Gewalt.

Ihr kennt Dash Snow nicht? In Europa reicht sein Ruhm in der Tat kaum über Insiderkreise und Kunstkenner hinaus (von Berlin, wo er Austellungen hatte, mal abgesehen). Vielleicht außergewöhnlich, doch einzigartig war sein Leben nicht. Seine Kunst schwankt zwischen Provokation, Ironie und blanker Banalität. Dennoch sind Aussagen wie, dass jeder, der antiamerikanisch ist, sein Freund sei, schon mal interessant. Seine Kunst ist extrem und übersteigert. So fotografiert er sich selbst gerne mit Totenschädel, Nacktheit, welche häufig an Pornographie grenzt, zieht sich durch sein ganzes Werk, sei es in Installationen oder in Schnappschüssen, welche er auf den zahlreichen Drogen- und Künstlerparties schoss. Das Inszenieren des Tierischen im Menschen als Zivilisationsprozess, vielleicht auch das Entzivilisierende als Animalisierungsprozess, hat was und ist einer Überlegung wert.

2005 machte Snow von sich reden, als er eine Collage-Serie namens ‚Fuck the Police‘ herausbrachte, indem er Seiten aus Boulevardzeitschriften mit eigenem Ejakulat „verschönerte“. Seine Polaroid-Austellung ‚God spoiled a perfect asshole when he put teeth in yer mouth‘ avancierte zum Szene-Renner. Bei der Performance ‚Nest‘ 2007 beschmierte er zusammen mit anderen Künstlern die Wände der NY Deitch Gallery mit Farbe, Wein und, wie es sein Leitmotiv des Körperlichen verlangt, mit Urin. Eine weitere Ausstellung behandelte ‚Saddam and Gomorrha‘, also u.a. Saddam Hussein, dessen Gesicht er auch auf seinen Arm tätowieren ließ, dann wieder Collagen von Bush mit Hakenkreuzen, ein total verfremdeter Papst.

Interessanter ist sein Werdegang. Als Verwandter der Schlumberger-Familie (weltweit größte Erdölexportationsfirma) hätte es dem jungen Dashiell, dessen Urgroßmutter Dominique de Ménil zu den bekanntesten Mäzen Amerikas gehörte, an nichts fehlen dürfen. Doch bereits in jungen Jahren lebte er sein rebellisches Temperament aus, indem er schon mit 13 von zuhause ausriss und zeitweilig auf der Straße lebte, Graffiti sprühte und Fotos machte. Viele Fotos. Seine Schnappschüsse und späteren Installationen und Collagen machten ihn zu einem der hoffnungsvollsten Jungkünstler New Yorks.

Man mag die Form der Kunst jetzt unsinnig oder dekadent oder genial oder pubertär nennen. Interessant ist der Umstand, dass er, vielleicht wissend, vielleicht unwissend, zur Antithese seiner Vorfahren wurde. Wenn es die französischen Schlumberger-Brüder waren, die ihr Glück in den USA suchten, seine Urgroßmutter, welche, wie auch seine Großmutter, in der Kunstwelt als große Philanthropin angesehen wird, so blieb Dash das Image des enfant terrible. Diese Gegenüberstellung des amerikanischen Traumes als kapitalistische Aufstiegsmöglichkeit und der Sprössling als Rebell gegen alles, was Amerika ausmacht, ist interessant. Dashs Popularität funktioniert nur in einer freien Gesellschaft. Er birgt somit genau das Widersprüchliche in sich, welche die Postmoderne auszeichnet, er rebellierte gegen das, was ihn selbst groß machte.

Selbstverständlich muss man diese ganze moderne Kunst nicht gut finden. Ich erinnere nur an die Diskussionen im Rahmen des luxemburgischen Kulturjahres 2007 um die ‚Cloaca‘ des belgischen Künstlers Wim Delvoye. Auch das öffentliche Sterben von Christoph Schlingensief polarisiert. Viele Menschen ekelt vor den blutgetränkten Rieseninstallationen eines Hermann Nitsch. Und auch der hier besser bekannte Jonathan Meese, dessen Performances zwischen Banalität und Philosophie schwanken, macht sich nicht nur Freunde. Doch Kunst soll leben und ohne Grenzen sein. Kunst heißt auch Kunst erleben und Erfahrungen machen. Und dazu eignen sich Künstler vom Schlage eines Snow Dash besser als Landschaftsmaler (und mögen sie noch so gut sein).

Postmoderner Schmarrn, dekadent, Selbstzerstörungstrip, Willkür als Kunst verkauft? Vielleicht. Doch alleine, dass darüber gesprochen wird, rechtfertigt bereits das Dasein solcher Kunst, die manchmal banal, dann provokativ, nachdenklich, häufig intelligent und ebenso häufig dämlich rüberkommt. Und wenn die Einschicht nur die ist, dass man keine Einsicht hat, so ist dies bereits ein Erfolg. Wer sich nur an den benutzten Mitteln, quasi an der Sprache und nicht dem Inhalt, stört, übersieht das Wesentliche, nämlich Entgrenzung im Erleben. Und sei es nur Second Hand.

Dash Snow starb am vergangenen Dienstag im Alter von 27 Jahren, vermutlich an einer Überdosis.

Weitere Links:
NY Magazine (von 2007)
Nachruf im Art-Magazin
Nachruf in Die Zeit

Juli 17, 2009 - Posted by | Offene Gesellschaft, Pluralismus | , ,

1 Kommentar »

  1. An der Postmoderne missfällt mir rein philosophisch so fast alles, aber ich gebe zu, dass auf dem Gebiet der Kunst man doch oft fasziniert hinschaut, zu tief ist der Voyeurismus und die Freude an Horrorschocks in uns allen verankert. Ich mag auch die bizarren Videos von Marylin Manson sehr.

    An der „Sprache“ störe ich mich nicht (von mir aus kann man mit Sperma, Urin, Kacke und Menstruationsblut veranstalten was man will!), eher halt am Inhalt. Man kann hier aber durchaus auch schonmal durchaus vernünftige Sozialkritik ausmachen oder eben reine Freude am Hedonismus, die ich auch oft habe (muss ja nicht immer verkehrt sein, solange man mit Sex, Drogen udgl. vernünftig umgeht und nicht der Sucht anheimfällt, Lust am Leben ist doch gut.) Auch kann man manches kranke Zeug auch als abschreckendes Beispiel (wie man nicht leben soll) begrüssen.

    Hab mal in Berlin folgende Ausstellung (ab 18) gesehen:
    http://www.stern.de/unterhaltung/ausstellungen/:Into-Me–Out-Me-Unvergesslich-Kunst-/577339.html

    Fand ich schon sehr interessant. Sehr weniges sogar erotisch. Bizarrer Höhepunkt war allerdings ein Mann, der sich einen Nagel in die Eichel reinhaute. Das war mir dann doch viel zu extrem, Body Modification ist für mich Körperverstümmelung.

    Wie ich schon beim letzten Bloggertreffen sagte: Die Philosophie eines Marquis de Sade ist für mich widerwärtig und amoralisch, der Mensch ist viel mehr als ein rein triebgesteuertes, monströses Tier, es ist tragisch dass ausgerechnet so ne Gestalt als Mit-Namensgeber von BDSM gilt, unter dem sich soviel mehr vergibt als reiner Animalismus, ganz im Gegenteil. Und diese Erben de Sades sind mir nicht minder suspekt.

    Kommentar von CK | Juli 18, 2009


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