L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Helmut Schmidt ein Radikalliberaler?

Zufällig stolperte ich die Tage über folgenden, schon von 2001 stammenden(!), aber verdammt lesenswerten Artikel von Helmut Schmidt: Lichtet den Dschungel der Paragraphen!

Ich glaub, ich spinne. Lese ich da echt Helmut Schmidt oder nicht etwa doch eher Roland Baader? Das klingt ja wirklich sehr liberal über weite Strecken. Eine Offensive zur Entbürokratisierung und Deregulierung erwartet man- den lieben Vorurteilen sei Dank- nunmal eher nicht von Sozialdemokraten. Dennoch hat er damals die Probleme des Ostens genau richtig analysiert.

Helmut Schmidt, neben Willy Brandt wohl der bedeutendste Sozialdemokrat der Nachkriegszeit, der sich zu seiner Amtszeit als Bundeskanzler tapfer dem RAF-Terrorismus entgegenstellte (wie auch Teilen der Jusos), ein brillianter Rhetoriker und bedeutender Staatsmann (wie ihn die heutige SPD wohl sträflich vermisst), der zudem durchaus eigene, unbequeme Meinungen jenseits der Parteilinie vertritt (u.a. Klimahäresie), hat hier über weite Strecken ein freiheitliches Glanzstück abgeliefert. Da muss selbst LfL Applaus spenden. (Wohlwissend allerdings, dass Politiker ALLER Parteien natürlich gerne schöne und kluge Reden schwingen und am Ende doch nur Handlungen statt Worte zählen.)

Interessant ist auch folgendes Zitat:

Warum soll ein tatkräftiger Kraftfahrzeugschlosser keinen Reparaturbetrieb eröffnen dürfen? Warum soll ein Existenzgründer zu Zwangsmitgliedschaft und Zwangsbeiträgen gezwungen sein?

Helmut Schmidt spricht sich, ähnlich wie Lothar Späth, also löblicherweise für ein Ende des Kammerzwangs in Deutschlands aus. Da ist er zwar nicht der einzige SPDler (der Seeheimer Kreis sieht das genauso!), dennoch ist besonders dieser Punkt aus liberaler Sicht interessant.

Während nämlich die Grünen den Kammerzwang vollständig abschaffen wollen, ebenso wie weite Teile der Linken das System zumindest drastisch mit trefflichen Argumenten kritisieren (sic!), der besagte Seeheimer Kreis der SPD und so manche Mitglieder der CDU und FDP sich ebenfalls längst daran reiben, ist die Linie der deutschen Partei-Liberalen unter dem sich sonst so gerne staats- und bürokratiekritisch gebenden Guido Westerwelle leider erschreckend strukturkonservativ und schützt die Vorrechte finanziell gutsituierter Privilegierter, verwies der Parteichef doch vor drei Jahren bereits die JuLis und Burkhard Hirsch bezüglich Kammerzwang in ihre Schranken. (Der verlinkte Artikel stellt überhaupt, nicht nur bezüglich Kammerzwang, eine ganz gute Kritik am opportunistischen Partei-Liberalismus der werten FDP dar, gegen die plötzlich sogar ein Helmut Schmidt peinlicherweise wie ein Libertärer wirkt).

Dies alles erinnert einen auch mal wieder daran, dass noch lange nicht „liberal“ drin ist, wo „liberal“ draufsteht und so können wir getrost auch gleich mal wieder die FDP ein wenig bashen. Die „gelben Etatisten“ mögen es uns verzeihen. (Und ja, gottseidank gibt es bei der FDP schon auch noch genug „echte Liberale“!)

(Via PT-Magazin und IHK-Zwang-NEIN!)

Ach ja, bevor entsetzte Leser hier jetzt jede Menge Artikel Schmidts über den bösen „Raubtierkapitalismus“, reinposten:

1. Die Überschrift sollte bewusst provokativ sein.
2. Was Helmut Schmidt kritisiert, ist auch dort gar nicht mal so falsch, denn er erläutert in der Tat horrende Auswüchse auf Finanzmärkten, wie sie auch Habermann in seinem Vortrag an der Uni Trier zurecht anprangerte.

Übrigens: die obligatorische Kammernmitgliedschaft gibt es auch in Luxemburg! Und dies sogar auch für Arbeiter, private wie öffentliche Angestellte sowie Beamte. Und auch hier gilt selbstverständlich: Weg damit!

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Juli 13, 2009 - Posted by | Deutschland, Innenpolitik, Wirtschaft | , , , ,

7 Kommentare »

  1. Holà CK,

    …wiirklech en exzellenten Bäitraag…villmools Merci…

    quote:
    „Ich glaub, ich spinne. Lese ich da echt Helmut Schmidt oder nicht etwa doch eher Roland Baader?“

    Firwaat „spannen“…? Déi Leit, déi e puer Bicher vum HS „intus“ hun, déi konnten (ménger Meenung no, ganz kloer…) bei him eng „empreinte du consensus/de la „realpolitik“ entre le capital et le travail…“ op 300km géint d’Loft richen…(Tjo…d’Resultat vun enger joërelaanger „Kissinger/Schmit-Frëndschaft“…?)

    Waat den „Seeheimer Kreis“ ubelaangt…Eureka! Elo verstinn ech endlech! wiesou d’SPD (par tous les moyens!) d’Gesine Schwan als „Opponent/Herausforderer“ bei der Bundespräsiwahl opstellen wëllen… (den Zweck wor ok, mä d’Mëttelen nach e bessi hmmmm…“onkloer“…)

    Hasta
    Pancho

    P.S.: Hei nach (fir HS-aficionados) eng kléng aktuell zousätzlech Lektüre vum Helmut Smit…(loossen den „ch“ gewollt ewech…)

    http://www.zeit.de/2009/29/Landesbanken

    Kommentar von Pancho | Juli 16, 2009

  2. @Pancho: Hola. Villmols merci fir d’Blumen an och fir den aneren gudden Artikel vum Helmut Schmidt! Ech gesinn, Du kenns dech aus 😉 Economiestudent? *G*

    Kommentar von CK | Juli 16, 2009

  3. Holà CK,

    …de nada…

    „Ech gesinn, Du kenns dech aus“…merci…

    Soe mer daat esou…ech kann behaapten ech hätt (bei réng spézifesch Saachen…)(m)eng Meenung…

    Economiestudent? Hmmm…nom „schoulësch-orthodoxëschen“ Sënn/Aspekt vum Wuert…neen…nom „individuellen-heterodoxëschen&ikonoklastëschen“ Sënn/Aspekt…géif ech d’Fro par konter mat „si“ beäntwerten…

    http://en.wikipedia.org/wiki/Heterodox_economics

    Hasta
    Pancho

    Kommentar von Pancho | Juli 16, 2009

  4. Holà CK,

    …wor nach e bessi am gaangen heiriwwer ze „cogitéieren“, an do ass ët mier opgefall daat wannste u sech den Helmut S. an den Paul K. (= „Paul-hauptsächlich-aus-den-aussen-links-stehenden-Rängen-der-SPD-nicht-tolerierter-Kirchhof“…) géifs zesummendinn, dann hässte jo wiirklech déi „(im-)perfekt grouss Koalitioun“…

    Allgeméng selwecht Meenung ewéi den HS, nëmmen dëst Kéier am Grén…hmmm…Schwaarzen…LOL

    http://de.wikipedia.org/wiki/Kirchhof-Modell

    Hasta
    Pancho

    Kommentar von Pancho | Juli 19, 2009

  5. @Pancho: De Professor aus Heidelberg kennen ech natirlech. Effektiv een ganz gudden an intelligenten Mann, deen virun de leschten Wahlen leider zimmlech stark vum Schröder ugegraff gouw.

    Een Duo Helmut Schmidt-Paul Kirchhof haett schons eppes, keng Fro. Aleng mir feelt de Glaawen datt irgendeen, ween och emmer, iwwerhapt nach eppes un dem Steierdschungel kann aenneren. Daitschland schéngt mer zimmlech blockéiert ze sinn, wéi iwwerhapt vill Demokratien haut.

    Kommentar von CK | Juli 19, 2009

  6. Holà CK,

    „Effektiv een ganz gudden an intelligenten Mann…“, jo…kloër, pragmatësch, praktësch, gudd…

    „leider zimmlech stark vum Schröder ugegraff gouw.“ oder…“leider zimmlech staark vum Schnöder ugegraff huet misse ginn (soss hätt hien jo d’Vertauen vun verschidde Leit (PL-Lénk? aka „Nahles-Party?“…de Pancho ass guer kee Fan!) verluer…)

    „Daitschland schéngt mer zimmlech blockéiert ze sinn, wéi iwwerhapt vill Demokratien haut.“
    Yep, mä déi „haaptsechlech-europa-politësch gridlock“ ass u sech nëmmen eng logesch Konsequenz wann 2 „Gesetzesgebungen“ (national/supranational) sech iwwerschneiden/d’Iwwerhand wëllen huelen…woubäi déi éischt dem „Trend/Fashion“ nogeeht all déi kléngste „Schlupflöcher“ wëllen zouzemaachen (Bsp.: Ech faalen beim Äppelplécken vun der Leeder…ergo…duerobshin gin all d’Leederen (national gesin) verbueden…= Pancho’s ironic touch…), an déi zweet (aus „gerechtfäertegt/protektionistësch“ Grënn…) sech ameséiert fir d’Krëmmung (EU-Norm) vun de Banannen oder Cornichoen auszerechnen…

    Méngen daat…hmmmm…déi national an supranational Wirtschafts- an Gesellschaftsdynamik domadder leider kee Choix huet, ausser op der Stréck leien ze bläiwen oder, aanescht ausgedréckt…:d'“Zounaahm vun der Statik am System“ ass méi ewéi kloer leider virprogramméiert soulaang et nët zu engem „cut“ („kurz, bündig und schmerzlos?“) kënnt…

    Indeed…these are (very!) interesting times…

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,604490,00.html
    http://de.euronews.net/2009/07/08/zweites-irland-referendum-am-2-oktober/

    Hasta
    Pancho

    Kommentar von Pancho | Juli 19, 2009


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