L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Nationalfeiertag?

Mit Nationalfeiertagen verhält es sich wie mit religiösen Feiertagen: Ich glaube nicht daran, finde es aber schön frei zu haben.

Werte wie Freiheit sind absolut. Sie sind nicht an Nationen gebunden, nicht an Völker oder sonstige Gruppen. Diejenigen, die dafür kämpfen und gekämpft haben, sollten nicht an irgendeine Gruppe glauben, an Völker oder Nationen. Nationen sind historisch gewachsene Gruppierungen und damit im Grunde willkürlich. Die Welt könnte ebenso ganz anders aussehen und trotzdem genauso funktionieren wie jetzt.

Wer gedenken will, sollte sich meinetwegen zurücklehnen und im stillen Kämmerlein sein Gebet aufsagen. Natürlich muss man den Individuen, welche für die Freiheit kämpften, dankbar sein und sie in den Ehren halten, die sie verdienen. Aber das ist nur die halbe Miete. Was im Kampf für Leben und Freiheit steht, ist vor allem das Jetzt und Hier. Verehrungen wie die der „Gëlle Fra“ sind Götzen, weil sie nur noch Symbole sind, die auf Vergangenes, und damit für uns Nachgeborene nur auf Überliefertes verweisen. Wo sind wir JETZT? Ist es wirklich rechtens das Bierglas zu erheben und sich selbst schön zu reden, wie toll doch die Resistenz damals war? Ich gebe zu, die Volkszählung von 1941 lässt in jedem Luxemburger etwas Stolz aufsteigen, auch wenn man nicht selbst dabei war und man nicht einmal erahnen kann, wie man selbst gehandelt hätte.

Ich habe nie etwas für die „Gëlle Fra“ empfunden. Mich hat dieses Monument einer Frau hoch oben auf einem phallus- obelisk-artigem Podest nie interessiert (Siegessäulen gibt es überall) Auch bei der Diskussion von 2001, wo eine kroatische Künstlerin knapp 50 Meter vom Original eine schwangere Nachbildung der Statue namens „Lady Rosa of Luxembourg“ hinstellte, verstand ich die patriotischen Auswüchse nicht. Ich verstand einige der Alten. Sie hängen noch an ihrem Symbol, das sie durch die Künstlerin verunstaltet sahen. Doch warum auch Nachkriegsgenerationen sich einmischten war mir immer fremd. Der kunsttheoretische Aspekt war interessant, doch durch das patriotische Getue dahinter, kam gerade jede Diskussion über Kunst, Kommerz und Frauenbilder zu kurz. Dabei war die „Gëlle Fra“ knapp 25 Jahre eh verschwunden. Durch ihr erneutes Auftauchen wurde das ehemalige Symbol für die gefallenen Soldaten des ersten Weltkrieges erneut aufgeladen und zum Symbol des zweiten Weltkrieges.
Nur, mich berührt es nicht.

Warum verstecken wir uns hinter Symbolen, wenn es um die elementaren Rechte geht? Ist dieses Götzentum tatsächlich patriotisch? Und um einmal eine fremde, aber die wohl beste Verfassung zu zitieren:

„We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.“

Life, Liberty and the Pursuit of Happiness. Bei allem Gedenken an Vergangenes, bei aller Götzenverehrung, die eigentliche Auseinandersetzung mit diesen drei Grundpfeilern des freien Menschen findet nicht statt. Man kann am Nationalfeiertag gedenken, doch bleibt das Gedenken oberflächlich, wenn man die Nation, das Volk und dessen Vergangenheit in den Mittelpunkt stellt. Doch es gibt Werte, die über aller Nation stehen. Wenn beim Patriotismus das Gedenken an erster Stelle steht, dann langweilt es mich. Ein Freiheitsideal sollte nicht durch Gedenken und Mahnmäler getragen werden. Es sollte für sich selbst stehen und nicht erst durch echte und symbolische Helden Verbreitung finden. Und es sollte sich nicht mit einem fehlgeleitetem Nationalgefühl mischen. Es ist nicht die Aufgabe des Patriotismus das Freiheitsideal für sich zu vereinnahmen. Nicht wenn der Patriotismus sich auf dem Volk, und nicht der Nation, stützt. Die meisten patriotischen Bewegungen fußen aber eher auf dem Volk als auf der Nation. Vielleicht ist mir auch deshalb der US-Patriotismus so sympathisch, weil er eben gerade nicht dieses Element eines Volkes hat. Ganz im Gegenteil. Dadurch, dass sich dort viele Völker, Gruppen und Ethnien – e pluribus unum – zusammenfinden, entsteht erst ein gesunder Patriotismus. Der europäische Patriotismus wird weiterhin nationalstaatlich geprägt sein, auch wenn die Globalisierung das langsam aufbricht. Aber eben nur sehr langsam. Ich will weiterhin keine Identifizierung mit einer Nation wagen, die ihre Identität eher in der Glorifizierung einer Ethnie als in der philosophischen Überzeugung von Freiheit und Recht auf Leben sieht. Und mit einem immer stärker werdendem Staatsapparat verliert sich die Philosophie der Freiheit und es bleibt nur noch das Volk und seine Geschichte, die dann sowohl vom Staat als auch anderen Subjekten missbraucht werden können.

„Eternal vigilance is the price of liberty.“ (Thomas Jefferson)

Ja, mir liegt der 4th of July (Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung 1776) näher als der 23. Juni (eigentlich willkürliches Datum, Anbiederung bei der Monarchie als Großherzogsgeburtstag, -namenstag). Warum? Weil mich die Ideale, auf welche sich der 4. Juli bezieht, mehr in ihren Bann ziehen als alles, was Luxemburg jemals hervorgebracht hat? Weil mich das Feiertags-Gejohle um die Monarchie anödet? Weil einige patriotische Hinweise auf vergangene Heldentaten zwar richtig sind, aber angesichts der großen Idee der Freiheit verblassen? Klar, es sind Beispiele für die Idee des Life, Liberty and Pursuit of Happiness. Doch wenn der umgekehrte Weg begangen wird, wenn Prinzipien wie Leben, Freiheit und das Verfolgen von Glück sich zurückstellen zugunsten der Bewunderung, wie groß doch Zwerge sein können, stellt mich das nicht zufrieden und ich wende mich ab.

Zumal in Zeiten, wo nur noch Wenige ihre Freiheiten verteidigen und ein Erstarken des Staates unübersehbar ist, ist das Gedenken an Vergangenes eine gefährliche Sache. Es wertet den Rückgriff als Progress, aber ein eigentliches Weiterkommen ist nicht drin. Mit Bewunderung schauen manche Leute zurück auf eine Vergangenheit, die nicht die Ihrige ist. Was war, das war. Halten wir es in Ehren, doch bleiben wir im Jetzt, denn da gibt es genug zu tun.

Natürlich wünsche ich jedem, dass er heute Abend und morgen seinen Spaß hat. Nur das „national“ könnten wir streichen.
Meinetwegen „rout, wäiss, blo“-Folklore. Oder eben „red, white and blue“!

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Juni 22, 2009 - Posted by | Neues aus Luxemburg, Offene Gesellschaft | , , ,

2 Kommentare »

  1. Nationen gehören abgeschafft. Es gibt also nicht wirklich Grund zu feiern.

    Kommentar von Joël | Juni 22, 2009

  2. Lieber Joël,
    mal abgesehen, dass „weil es sich so gehört“ die flachst mögliche Argumentationslinie ist, wage ich dir zu prophezeien, dass der Versuch die Nationen abzuschaffen, nur scheitern kann. Das Konzept der Nation ist ja ein bloß ideelles Konstrukt, und so willkürlich diese Idee dem Einzelnen erscheinen mag, so real existierend ist sie für jenen, der an diese Idee glaubt, sich selber als Teil der Nation begreift usw. Genauso wenig wie man das Eigentum oder die Freiheit einfach per Dekret „abschaffen“ kann, genauso wenig kann man „die Nation“ einfach so abschaffen. In dieser Hinsicht sind Ideen, wenn auch nicht „ewig“, so durchaus langlebiger als materielle Dinge.
    Man kann die Nation höchstens in gewisser Weise zurückdrängen (durch propagandistische oder praktisch gelebte Förderung des Kosmopolitismus); vielleicht gilt die Idee der Nation ja eines Tages auch von selber als überlebt (Marx‘ Hoffnungen, dass der Weltmarkt das von alleine hinkriegt, waren wohl etwas arg verfrüht).
    Ansonsten sehe ich den Tag im Grunde nicht viel anders als JayJay – das verlängerte Wochenende war nett. Ich wäre aber ein seltsamer Libertärer, wenn ich aus meiner Gleichgültigkeit gegenüber dem Nationalfeiertag heraus ableiten würde, CK zu verbieten, diesen Feiertag zu begehen. Suum cuique…

    Kommentar von nestor | Juni 22, 2009


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