L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Blutorangen aus Jaffa

Nachdem mein Mitblogger Jay-Jay mich auf diese Veranstaltung bzw. Protestaktion des Comité pour une Paix Juste au Proche Orient, den Organisatoren der sogenannten Friedensdemonstrationen während des Gaza-Einsatzes Anfang des Jahres, aufmerksam gemacht hatte, entschloßen wir uns beide dazu, heute abend kurz auf Kirchberg bei den linken Friedenstauben vorbeizuschauen.

Als wir in der Avenue J.F. Kennedy ankamen, regnete es in Strömen und wir wurden entsprechend naß. Eine Frau kam uns gleich mal entgegen und gab uns einen Flyer, auf dem nochmal alle Verfehlungen des „Rassisten“ Lieberman nachzulesen waren. Nun sind wir sicherlich keine Fans des werten Lieberman (mit Politikern haben wir eh nicht soviel am Hut!), manche populistischen Sprüche von ihm, besonders in bezug auf Araber, würden auch wir wohl bei Bedarf kritisieren, aber aus ihm einen Rassisten zu machen und aus seiner Partei Israel Beitenu eine rechtsextremistische Partei, ist nun wirklich arg übertrieben. Auch Lieberman muss und wird sich an die Gesetze seines Landes halten (welche jedem Bürger, Araber inklusive, elementare Grundrechte zusichern), daran zweifeln wir nicht. Und die wirtschaftliche Kooperation zwischen der EU und Israel gehört selbstverständlich weiter ausgebaut.

Ein älterer „Hippie“ kam nun auf uns zu und nuschelte irgendetwas Unverständliches von einem „auserwählten Volk“, dem sich das regnerische Wetter anpassen würde (der Typ wirkte wie auf Drogen!) und gab uns ebenfalls einen Flyer. Folgender von mir hier im Blog nun kommentierter Text eines gewissen Michael Ashbrooke befand sich in vier Sprachen (englisch, deutsch, französisch und spanisch) auf diesem Wisch.

KEINE VERBRENNUNGEN (DRITTEN GRADES) MEHR !
KEINE BLUTORANGEN AUS JAFFA!

Sehr bewegende Überschrift! Man ist gespannt was noch folgen wird.

Die Welle von Kriegsverbrechen welche Gaza Anfang 2009 überrollte erfordert mehr als rein verbalen Protest. Nahrungsvorräte, Krankenhäuser und -wagen wurden angegriffen. Privateigentum wurde demoliert und selbst die Haine in denen Olivenzweigen wachsen, wurden von Panzern überrollt.

Wer von Kriegsverbrechen spricht (wo bleiben die Beweise für Angriffe auf besagte Ziele?), sollte zumindest sich im Kriegsrecht etwas auskennen. Jenes verurteilt aufs Übelste die Vermischung von Kombattanten und Nicht-Kombattanten und das Benutzen ziviler Einrichtungen als Basis für Raketenangriffe, Waffendepots und Personenverstecke. Die Hamas benutzt die eigene Zivilbevölkerung absichtlich und feigerweise als Schutzschilde, womit jeder möglicherweise unschuldig Getötete und jede möglicherweise deswegen angegriffene zivile Einrichtung ohnehin auf ihr Konto geht. Wo und wann wird gegen diese Kriegsverbrechen der Hamas statt gegen Israel demonstriert? In einem Krieg wird selbstverständlich auch Privateigentum demoliert (eine solche Beanstandung ist vollkommen lachhaft!) und wegen der armen Haine kamen mir fast die Tränen… Echt schlimm wie die Panzer die Olivenzweige zermalmten. Echt, bei dem Satz kriege ich mich gar nimmer ein vor Lachen. Emotionen vom Feinsten. Stoff für den Anfang eines David Lynch-Films. Olivenzweige statt Rosen und böse Panzer statt abgeschnittene Ohren.

Zahlreiche Menschen wurden mit weißem Phosphor langsam zu Tode gefoltert.

Zwar wurde weißer Phosphor im Gazastreifen zwecks Beleuchtung und Tarnung eingesetzt, aber wo daran zahlreiche Menschen auf grausame Weise gestorben sein sollen, weiß niemand. Diese Brandtoten spuken halt nur zusammen mit den Geistern der Massakrierten von Jenin in Ashbrookes Kopf herum.

Die unglücklichen Überlebenden spiegeln die bizarre Mischung aus Autismus und Sadismus wieder welche die Politik der israelischen Militärregierung ausmacht. Wenn wir diese Narben „grauenvoll“ nennen, welches Wort passt denn auf Israel?

Die typische Tatsachenverdrehung von Ursache und Wirkung😦

Israel wird auch nicht vom Militär regiert. Israel ist keine Militärdiktatur, sondern ein demokratischer Rechtsstaat. Israels Politik ist auch nicht autistisch und schon gar nicht sadistisch. Man gibt sich große Mühe die zivilen Opfer, von denen die Märtyrer glorifizierende Hamas gar nicht genug haben kann, möglichst zu minimieren. Daher geben die Israelis seit Jahren richtig viel Kohle für Präzisionswaffen aus, warnen die Nachbarn und selbst Verwandte von Terroristen mit Telefonanrufen vor bevorstehenden Angriffen (damit sie sich in Sicherheit bringen können), brechen auch schonmal Angriffe ab, wenn es unschuldige Kollateralschäden geben könnte usw. Gerade aufgrund der jüdischen Religion und ihrem enormen Respekt vor dem Leben und aufgrund der jüdischen HC-Vergangenheit zeigen die Israelis sehr viel Empathie für palästinensische Kinder und Jugendliche. Der Tod dreier Töchter von Abu Al-Aisch galt in Israel als nationale Katastrophe.

Dem Schreiberling zufolge jedoch ist Israel gar viel schlimmer als die Hamas, die jedes tote Kind als Märtyrer feiert. Unglaublich!

Der totale Wahnsinn hat Methode und geht weiter:

Beim Licht brennender Kinder verblassen die Verbrechen verantwortungsloser Splittergruppen, welche sich einer jämmerlichen Karikatur des Guerillakrieges hingeben, beinahe zu Bedeutungslosigkeit.

Nur noch abscheulich! Erst die Mär vom kindermordenden Juden wieder, dann erneut die Verdrehung von Ursache und Wirkung (ohne die „verantwortungslosen Splittergruppen“ der Palis wäre kein einziger militärischer Einsatz der IDF notwendig gewesen!), schliesslich die unverschämte Verharmlosung der Bedrohung Israels durch Kassam- und Gradraketen, die nur dank effizienter, moderner Frühwarnsysteme und Schutzbunker verhältnismässig wenig Verletzte und Tote fordern. Von einer „Karikatur des Guerillakrieges“ zu sprechen, impliziert, dass „wahrer Guerillakrieg“ viel schlimmer wäre und die Hamas nur ein Haufen harmloser Clowns sei, die nur „spielen wollen“. Was schon allein angesichts der Verbrechen an der eigenen Bevölkerung nur noch widerlich ist.

Trotzdem soll man die Palästinenser an ihre Verantwortung zur vollen Anwendung des Völkerrechts erinnern, auch und gerade angesichts offener und verdeckter israelischer Behinderung. Es ist besonders wichtig, dass der israelische Kriegsgefangene in Gaza gemäß der Genfer Konventionen behandelt wird. Alle Falschheit und Grausamkeit der Kolonialisten zusammen reichen nicht aus, um auch nur eine einzige geringfügige Verletzung seiner Menschenrechte zu entschuldigen.

Wie lange hat die Familie Gilad Shalits schon nichts mehr von ihrem Jungen gehört? Die verurteilten palästinensischen Mörder dürfen hingegen von ihrer Familie und vom Roten Kreuz regelmässig im Gefängnis besucht werden.

Die Bezeichnung „Kolonialisten“ schlägt dem Faß schliesslich endgültig den Boden aus. Israel ist selber ein Produkt der Befreiung von Kolonialherren und in den besetzten Gebieten sitzen die Israelis nicht wegen hegemonialen Kolonialbestrebungen oder bösem Imperialismus, sondern allein deswegen, weil Nasser und seine Verbündete 1967 die Juden ins Meer treiben wollten. Dieser Versuch ging glücklicherweise schief und Israel konnte einen grandiosen Sieg im Sechstragekrieg einfahren, in dessen Folge besagte Gebiete erobert wurden. Selber schuld also, liebe Araber. Doch statt daraufhin mit dem jüdischen Staat Frieden zu schließen, entschloßen sich alle arabischen Staaten in Khartoum dazu, niemals nie mit Israel Frieden zu schliessen, den Staat anzuerkennen oder gar nur mit ihm zu verhandeln. Dass mit der Zeit das eroberte Gebiet (wobei ja große Teile an Jordanien und Ägypten zwecks Frieden wieder abgetreten wurden) auch von Juden besiedelt wurde, ist vollkommen normal. Hier zeigt sich auch die Doppelmoral des CPJPO. Während Lieberman zugleich vorgeworfen wird, in einer „illegalen Siedlung“ zu hausen und ein „ethnisch gesäubertes Israel“ anzustreben, ist für unsere linken Helden jeder Jude im Westjordanland ein Problem und ein Hindernis für den Frieden. Und da soll man nicht von Antisemitismus reden?

Die „International Solidarity Comission“, „Industrial Workers of the World“ (ISC/IWW) empfiehlt allen Kollegen, welche den Zionismus herausfordern wollen, die folgende gewaltfreie Kampagne „Boycott, Divestments and Sanctions“ von Stop the Wall. Weitere nützliche Informationen hier.

Ohne weiteren Kommentar. Die beiden antizionistischen Websites sprechen wohl für sich und machen mich nur noch wütend. Wer jedoch dennoch israelische Produkte boykottieren will, darf dies laut LfL natürlich tun. Wir haben nunmal gottseidank einigermassen freie Märkte und auf denen darf jeder Konsument selber darüber entscheiden, welche Produkte er- wieso auch immer- gerne kaufen möchte und welche nicht. Was ein Boykott allerdings den Arabern bringen soll, die nicht selten für israelische Firmen arbeiten, verstehe wer will.

Lustig an diesem Tage wurde es aber zum Abschluß auch noch. Jay-Jay und ich begaben uns zum Gebäude der EU-Kommission und harrten dort ein wenig aus, in der Hoffnung vielleicht ein paar Limousinen mit Politikern zu sehen. Wo waren sie denn, unsere EU-Aussenminister? Wo war der „böse Rassist“ Lieberman? Nachdem wir ein paar Minuten im Regen so rumstanden, kamen zwei schwer bewaffnete Sicherheitsleute auf uns zugelaufen und wollten wissen, was wir denn hier machen würden. „Wir waren nur neugierig und wollten schauen ob wir ein paar Prominente zu sehen bekommen. Ausserdem waren wir grad unten in der Avenue JFK und haben die Demonstranten gesehen.“ In der Folge mussten wir unsere Personalausweise abgeben, die kurz kontrolliert wurden, bevor wir wieder abzuckeln durften. „Ich kann mir aber Schöneres vorstellen, als im Regen zu stehen und auf Politiker zu warten“, meinte der eine Sicherheitsmann noch zu uns. Recht hatte er. Und unsere Namen sind nun notiert.

Auf die nett gemeinte Einladung einer Dame zu einem gemütlichen Beisammensein unter Friedensbewegten in einem Bistro gingen wir lieber nicht ein, der und auch ihren Freunden (die eine recht perverse Vorstellung eines „gerechten Friedens“ und dem Weg dahin haben) hätte eh nicht gefallen was wir ihnen bei einem Bier erzählt hätten. So saßen wir bald wieder im Bus zurück in die Stadt, uns über die Dummheit dieser Schlümpfe aufregend.

Leider Gottes haben wir es verpasst den Wachleuten diesen Blog hier ans Herz zu legen, der uns endgültig vom Verdacht, Feinde Israels zu sein, wohl befreit hätte und Grüsse an Lieberman haben wir auch vergessen auszurichten. Schande aber auch über unsere Häupter! Zur Buße bestellen wir bellizistischen Imperialistenschweine nun gleich mal via Internet saftige Orangen aus Jaffa oder koscheren Wein von den Golanhöhen und trinken auf unsere lieben, linken Hippie-Freunde.😀


Avigdor Lieberman s’invite au Luxembourg

EU: Iran, Israel, Irland an EU-Sommet um Ausseminister-Menu

Nachtrag: Derweil überboten sich auch wieder deutsche Blätter gegenseitig mit unverhältnismässiger Israelkritik. Hierzu haben lalibertine und Mr.Moe Lesenswertes geschrieben.

Juni 15, 2009 - Posted by | Antisemitismus, Aussenpolitik, Israel | , ,

1 Kommentar »

  1. Laut IWW-Website ist Michael Ashbrook Kontaktperson der anarchosyndikalistischen IWW hier in Luxemburg. Wusste gar nicht, dass es sowas hier gibt, vielleicht beschränkt die „IWW Luxemburg“ sich ja auf besagten Ashbrook, der offenbar keine wichtigeren Aufgaben als libertärer Gewerkschaftler sieht, als den Kampf gegen den zionistischen Moloch…
    Allerdings scheint die kleine Gewerkschaft SID in der er ebenfalls als EU-Funktionär aktiv zu sein scheint, gar nicht so unsympathisch, macht z.B. viel in Sachen Solidaritätsarbeit mit der Demokratiebewegung im Iran: http://sidtu.org/tiki-index.php

    Kommentar von nestor76 | Juni 16, 2009


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: