L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Tacheles in Kairo?

Gestern hat Obama eine Menge Fans hinzubekommen. Einige gingen sogar soweit und verglichen seine Rede in Kairo mit „I have a dream“ von Martin Luther King oder „Mr. Gorbachev, tear down this wall“ von Ronald Reagan. Ein solch‘ prägnanter Satz findet sich bei Obama zwar nicht, aber alleine der „neue Stil“ zeige alles. Alles? Nein.

Obamas Rede war kein Höhepunkt. Wenn man sie sich genauer anschaut, war sie sogar stellenweise ärgerlich. Gesagt wurde eigentlich nichts (auch das Wort „Terror“ fiel kein einziges Mal), es wurde viel angeschnitten, gleichzeitig auch viel dementiert und relativiert. Es war eine überaus diplomatische Rede, die perfekt auf die Zielgruppe zugeschnitten war, aber niemals Sachen klar benannte, immer wurde nachträglich relativiert. Wie die Zielgruppe bedient wurde sieht man recht klar an dem Applaus, welcher im Skript der Rede freundlicherweise angegeben wurde. Beispiele? Bitte sehr:

„Assalaamu alaykum. (Applause.)“
„As the Holy Koran tells us, „Be conscious of God and speak always the truth.“ (Applause.)“
„It was innovation in Muslim communities — (applause)“
„And when the first Muslim American was recently elected to Congress, he took the oath to defend our Constitution using the same Holy Koran that one of our Founding Fathers — Thomas Jefferson — kept in his personal library. (Applause.)“
„And I consider it part of my responsibility as President of the United States to fight against negative stereotypes of Islam wherever they appear. (Applause.)“
„Now, much has been made of the fact that an African American with the name Barack Hussein Obama could be elected President. (Applause.)“
„That’s why the United States government has gone to court to protect the right of women and girls to wear the hijab and to punish those who would deny it. (Applause.)“

Nein, nicht ausschließlich, aber es wurde übermäßig häufig dort geklatscht, wo der Islam gelobt wurde. Dabei fällt deutlich auf, wie oft der Zielgruppe Honig um den Bart geschmiert wurde. Dass es dabei mit der Geschichte nicht so genau genommen wurde und machmal etwas übertrieben wird, ist undenkbar? Ha!

„It was innovation in Muslim communities that developed the order of algebra; our magnetic compass and tools of navigation; our mastery of pens and printing; our understanding of how disease spreads and how it can be healed. Islamic culture has given us majestic arches and soaring spires; timeless poetry and cherished music; elegant calligraphy and places of peaceful contemplation.“

Algebra hatte bereits großartige Vorläufer, wie die Griechen und die Babylonier. Der Kompass wurde unabhängig von vielen Kulturen genutzt. Und die Druckkunst kommt von Mohammed Gutenberg? Nein, auch die alten Chinesen hatten schon mit Drucktechniken gearbeitet. Architektonische Meisterwerke kennen wir von den Römern. Kalligraphie gibt es in ostasiatischen Ländern zu genüge. In diesen Dingen also von „Innovationen“ zu sprechen ist fast schon eine Lüge. An dieser Stelle sollen natürlich nicht die Leistungen arabischer Gelehrter (besonders in der frühmittelalterlichen Zeit) geschmälert werden, die Menschen hatten wirklich was drauf, aber die Darstellung Obamas ist eine Art passe-partout, das kann er von eigentlich jedem größeren Volk/Religion sagen, egal ob er jetzt vor Chinesen oder Azteken oder Römern gestanden hätte.

„And throughout history, Islam has demonstrated through words and deeds the possibilities of religious tolerance and racial equality.“

Nein. Bereits früh breitete sich der Islam durch Kriege aus (und der Erfolg gab ihm recht). Ebenso gab es so was wie Gegenkreuzzüge, um die christlichen Eroberer aus der heiligen Stadt zurückzudrängen. Nicht zu vergessen die islamisch-arabische Sklaverei. Toleranz und Gleichheit der Rassen? Von wegen, da steht der Islam dem Christentum in nichts nach.

„they’ve won Nobel Prizes, built our tallest building,“

Die Ironie an diesem Satz überlasse ich dem Leser.

„For we have learned from recent experience that when a financial system weakens in one country, prosperity is hurt everywhere. (…) When one nation pursues a nuclear weapon, the risk of nuclear attack rises for all nations. When violent extremists operate in one stretch of mountains, people are endangered across an ocean. When innocents in Bosnia and Darfur are slaughtered, that is a stain on our collective conscience. (Applause.) That is what it means to share this world in the 21st century. That is the responsibility we have to one another as human beings. (…)
In Ankara, I made clear that America is not — and never will be — at war with Islam. (Applause.) We will, however, relentlessly confront violent extremists who pose a grave threat to our security — because we reject the same thing that people of all faiths reject: the killing of innocent men, women, and children. And it is my first duty as President to protect the American people.“

An dieser Stelle musste ich an ähnliche Worte von einem anderen Mann denken:

„When just a single clue that goes unlearned or one lead that goes unpursued can bring on catastrophe, it’s no time for splitting differences. There is never a good time to compromise when the lives and safety of the American people hang in the balance. (…) Critics of our policies are given to lecturing on the theme of being consistent with American values, but no moral value held dear by the American people obliges public servants to sacrifice innocent lives to spare a captured terrorist from unpleasant things. And when an entire population is targeted by a terror network, nothing is more consistent with American values than to stop them.
(…) As a practical matter, terrorists may lack much, but they’ve never lacked for grievances against the United States. Our belief in freedom of speech and religion, our belief in equal rights for women, our support for Israel, our cultural and political influence in the world, these are the true sources of resentment, all mixed in with the lies and conspiracy theories of radical clerics.“

Das wurde vor einigen Tagen von Dick Cheney gesagt. Obama „macht zwar klar“, dass er alles tut, tut aber nicht alles, wenn er damit den Zorn der Böswilligen herauf beschwört. Hier treffen wir auf einen Widerspruch, denn wenn der wirklich Kriminelle nicht mehr bestraft werden darf, weil sonst andere Kriminelle geweckt werden können, ist das nachlässig. Ich spreche nicht davon diese Leute zu foltern, aber nur wegen dem Anschein des „neuen Stils“ jetzt diese Verbrecher zu Opfer zu machen ist grob fahrlässig.

„That is why we will honor our agreement with Iraq’s democratically elected government to remove combat troops from Iraqi cities by July, and to remove all of our troops from Iraq by 2012. (Applause.) We will help Iraq train its security forces and develop its economy. But we will support a secure and united Iraq as a partner, and never as a patron.“

Ähnliches wurde schon von George W. Bush gesagt. Aber es hat niemand hingehört oder einfach niemand geglaubt. So sieht es auch mit den Vorurteilen gegenüber Amerika aus, sie sind selektiv. Ich sehe keinen Grund Obama mehr zu trauen als Bush. Nicht mehr.

„And finally, just as America can never tolerate violence by extremists, we must never alter or forget our principles. Nine-eleven was an enormous trauma to our country. The fear and anger that it provoked was understandable, but in some cases, it led us to act contrary to our traditions and our ideals. We are taking concrete actions to change course. I have unequivocally prohibited the use of torture by the United States, and I have ordered the prison at Guantanamo Bay closed by early next year.“

Auch wenn ich mir jetzt Feinde mache: Ich denke, dass Obama mit der prinzipiellen Ablehnung der „enhanced interrogations“ und der finalen Schließung von Gitmo einen Fehler macht. Natürlich soll nicht jeder, der nur nach Terrorismus aussieht nach Guantanamo Bay gebracht werden, die Hürden sollen extrem hoch sein. Doch sein prinzipielles „No“ könnte sich als Bumerang erweisen. Diejenigen, die jetzt schon auf den Westen, auf Obama und uns alle spucken, werden sich ins Fäustchen lachen. Aber es kommt bei der Zielgruppe gut an. Und diese oberflächliche Herangehensweise, dieses mehr-Schein-als-Sein ist nur Kosmetik für die Massen.

Apropos Bush.

„And consistent with the recommendations of the Mitchell Committee, Israeli settlement activity in the occupied territories must stop.“

Das sagte GWB 2002. Das ist auch nicht neu, das ist alles nicht „Change“. Doch sehen wir mal, was Obama zu Israel und Palästina sagt.

„ Around the world, the Jewish people were persecuted for centuries, and anti-Semitism in Europe culminated in an unprecedented Holocaust. (…) Denying that fact is baseless, it is ignorant, and it is hateful. Threatening Israel with destruction — or repeating vile stereotypes about Jews — is deeply wrong, and only serves to evoke in the minds of Israelis this most painful of memories while preventing the peace that the people of this region deserve.

On the other hand…“

Moooment. „On the other hand“? Ich denke nicht, dass Obama hier einschränken will, ich denke nicht, dass er hier relativieren will, doch warum setzt er die Gräuel der Shoah dann der Nakba entgegen? Lesen wir mal weiter:

„On the other hand, it is also undeniable that the Palestinian people — Muslims and Christians — have suffered in pursuit of a homeland.“

Wie im Unabhängikeitskrieg ebenso viele Juden aus dem arabischen Umfeld. Weiter.

„For more than 60 years they’ve endured the pain of dislocation.“

Ja, weil dieser Schmerz seit drei Generationen weiter den Nachkommen eingeimpft wird. Die vertriebenen Juden haben sich etwas aufgebaut. So ist es überall auf der Welt nach Kriegen gewesen. Nur bei den Palästinensern wird diese „pain of dislocation“ künstlich aufrecht erhalten. Dieser Umstand ist die eigentliche Nakba, die eigentliche Katastrophe. Mit diesem Hintergrund sind ein Weiterkommen und ein Aufbau der Zukunft fast unmöglich.

„Many wait in refugee camps in the West Bank, Gaza, and neighboring lands for a life of peace and security that they have never been able to lead. They endure the daily humiliations — large and small — that come with occupation.„

Und die Okkupation kommt woher? Weil die Israelis ganz doll böse sind? Nein, die Okkupation rührt daher, dass es häufig Attentäter gab, welche bevorzugt in vollen Bussen sich und ihre Mitfahrer mit Bomben töteten. Ja, eine Mauer weckt immer Erinnerungen an die DDR. Aber im Falle Israel muss man zugeben: sie hat ihren Dienst erfüllt. Im Zuge der zweiten Intifada waren die Opfer dieser feigen Anschläge fast wöchentlich in den Nachrichten zu sehen.

„So let there be no doubt: The situation for the Palestinian people is intolerable. And America will not turn our backs on the legitimate Palestinian aspiration for dignity, opportunity, and a state of their own.“

Ja. Zweistaatenlösung. Bin auch dafür. Nur, ist das mit der Hamas wirklich möglich? Jene, welche in ihrer Charta ganz klar sagen, dass Israel verschwinden muss? Vielleicht kann man die „moderaten Taliban“ fragen zu vermitteln?

„It’s easy to point fingers — for Palestinians to point to the displacement brought about by Israel’s founding, and for Israelis to point to the constant hostility and attacks throughout its history from within its borders as well as beyond.“

Und noch einfacher ist es in Vereinfachung der Geschichte zu sagen, dass man sowohl der einen Seite, als auch der anderen Seite zugesteht, dass sie gut und schlecht ist. So beleidigt man nur ein bisschen.

„Now is the time for Palestinians to focus on what they can build. The Palestinian Authority must develop its capacity to govern, with institutions that serve the needs of its people. Hamas does have support among some Palestinians, but they also have to recognize they have responsibilities.“

Dort liegt die Krux, die Hamas glaubt wahrscheinlich noch im eigenen Interesse zu handeln. Und im Interesse der Palästinenser, doch sie tun es nicht.

„To play a role in fulfilling Palestinian aspirations, to unify the Palestinian people, Hamas must put an end to violence, recognize past agreements, recognize Israel’s right to exist.

Gut gebrüllt, Kätzchen. Wo bleibt der Applaus?

„At the same time, Israelis must acknowledge that just as Israel’s right to exist cannot be denied, neither can Palestine’s. The United States does not accept the legitimacy of continued Israeli settlements. (Applause.) This construction violates previous agreements and undermines efforts to achieve peace. It is time for these settlements to stop. (Applause.)“

Ah, da ist ja der Applaus, sogar zweimal. Moment, da wird geklatscht bei der Forderung nach einem Stopp der Siedlungen. Ja, die Siedlungen sind ein Problem, aber das größere Problem sind doch wohl die ständigen Raketenangriffe? Kann es wirklich sein, dass Obama hier das Unrecht der andauernden Attacken mit dem Siedlungsbau gleichsetzt? Dass einige Siedler auch fanatische Radikale sind, weiß man, doch diese beiden Zustände zu vergleichen ist falsch.

Doch lassen wir den Nahen Osten hinter uns, Obamas Rede hat noch mehr zu bieten.

„America does not presume to know what is best for everyone, just as we would not presume to pick the outcome of a peaceful election. But I do have an unyielding belief that all people yearn for certain things: the ability to speak your mind and have a say in how you are governed; confidence in the rule of law and the equal administration of justice; government that is transparent and doesn’t steal from the people; the freedom to live as you choose. These are not just American ideas; they are human rights. And that is why we will support them everywhere. (Applause.)“

Ja. Und diese Forderungen sollen endlich umgesetzt werden. Und zwar richtig! Überall!

„Likewise, it is important for Western countries to avoid impeding Muslim citizens from practicing religion as they see fit — for instance, by dictating what clothes a Muslim woman should wear. We can’t disguise hostility towards any religion behind the pretence of liberalism.“

Wow, langsam. Ist es wirklich falsches freiheitliches Denken, wenn man z.B. sagt, dass eine Burka im Straßenverkehr gefährlich ist? Ist es falsch zu sagen, dass ein Passfoto ohne Kopftuch gemacht werden soll? Privat soll jeder tragen was er möchte. Im Berufsleben hat man sich an die Vorgaben des Chefs zu halten (ich erinnere da nur an den Fall einer Frisörin, welche wegen Diskriminierung verklagt wurde, weil sie keine Angestellte habe wollte, die ihre Haare nicht zeigt). Ist es wirklich Feindschaft? Oder soll hier nur die Zielgruppe befriedigt und besänftigt werden?
Wenn ein Staat Kleiderordnungen vorgibt (egal ob dafür oder dagegen) ist das falsch, damit übertritt er seine Befugnisse. Doch darum geht es hier nicht.

„I reject the view of some in the West that a woman who chooses to cover her hair is somehow less equal, but I do believe that a woman who is denied an education is denied equality. (Applause.) And it is no coincidence that countries where women are well educated are far more likely to be prosperous.“

Yeah! Entgegen den üblichen Vorurteilen stehen Männer auf kluge Frauen. Aber darum geht es Obama nicht. Warum er an dieser Stelle vereinfacht und sogar polemisch alles vermischt, ist mir, man verzeihe das Wortspiel, schleierhaft. Weder ist eine Frau, die selbst wählt einen Schleier zu tragen weniger wert, noch behauptet das irgendjemand. Doch dort, wo die Tradition so stark ist, dass eine Frau gezwungen wird den Schleier zu tragen, wird das Tuch zum Symbol einer Unterdrückung. In der Islamischen Revolution im Iran wurde es zur Pflicht den Tschador zu tragen. Das ist genauso falsch. Und das muss angeprangert werden. Warum Obama diese beiden Tatbestände vermischt, muss man wohl seinen Teleprompter fragen.

„In ancient times and in our times, Muslim communities have been at the forefront of innovation and education.“

Ancient times, ja. Our times? Einige der großen Öl-Scheichs sind gerade dabei sich vor allem in Bauwerken zu übertreffen und es sind tatsächlich einige sehr großartige Architekturen dabei. Am bekanntesten sind wohl die aufgeschütteten Palmeninseln, welche auch technisch eine Meisterleistung darstellen. Doch sind die Techniker allesamt aus dem Westen. In der gesamten muslimischen Welt kommt nur ein Bruchteil der Zahl an Buchneuerscheinungen raus als vergleichsweise sonst wo. Und dann sind es noch hauptsächlich religiöse Schriften.
Was stimmt ist, dass in der arabischen Welt ein enormes Potential liegt, das Durchschnittsalter ist niedrig, die Energie groß und die Offenheit für das, was das Land weiterbringt, ist vorhanden. Wenn da nicht die alten Strukturen wären.

Mister Obama, warum sagten Sie es nicht so? Nennen Sie es doch beim Namen wie es ist!

So gesehen hat es Obama leicht, den ungeliebten Bush als Vorgänger gehabt zu haben. Dass dieser auch Moscheen besucht hat, dass er auch für den Siedlungsstopp und eine Zweistaatenlösung plädierte, dass er auch häufig betonte, dass es sich nicht um einen Krieg gegen den Islam handelt, blieb in der ganzen Anti-Bush-Stimmung im Nebel. 9/11 war kurz nach der Amtseinführung von GWB, der erste Anschlag auf das WTC war 1993. US-Stationen und Botschaften wurden 1995, 1996, 1998 und 2000 angegriffen. Nicht zu vergessen die Geiselnahme von Teheran von 1979-1981. Das war alles schon vorher.

Obama kann gar nicht triumphieren. Seine Rede gewinnt nur an ein bisschen Substanz, wenn man sie auf die Klischees der Bush-Administration münzt. Doch dahinter bleibt alles wie es ist. Obama führt die Politik von Bush mit charmanterem Lächeln fort. Bush ist nicht der Teufel, für den die Welt ihn hält. Doch Obama ist ebenso nicht der Messias, für den die Welt ihn hält.

Die Rede heute war weder historisch, noch irgendwie gehaltvoll. Es werden keine Prozesse in Gang gesetzt, keine Lösungen vorgeschlagen. Es war ein Aufguss von Bekanntem und Altbewährtem. Es ging in der Rede nur darum, die muslimische Welt zum Zuhören zu bewegen. Ob die Zugeständnisse wirklich nötig waren oder ob er doch fester Tacheles hätte reden sollen, wird sich zeigen.

Juni 5, 2009 - Posted by | Aussenpolitik, Israel, Offene Gesellschaft, Pluralismus, Toleranz, USA | , , ,

Sorry, the comment form is closed at this time.

%d Bloggern gefällt das: