L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

160 Jahre ziviler Ungehorsam

Als Elizabeth Peabody im Mai 1849 den zunächst anonymen Essay „Resistance to Civil Government“ in der Erstausgabe ihrer Zeitschrift „Aesthetic Papers“ veröffentlichte, dachte wohl niemand daran, was für einen Einfluss dieser Text haben wird. Die „Aesthetic Papers“ wurden bereits nach einer Ausgabe eingestellt, der Essay aber wurde weltberühmt. Basierend auf einer Vorlesung von 1848, bekam der Text erst 1866 bei der Buchausgabe seinen endgültigen Titel „Civil Disobediance“. Der Autor war zu dem Zeitpunkt bereits vier Jahre tot, es ist also zweifelhaft, ob der Titel von Henry David Thoreau selbst stammt.

Im Jahre 1846 wurde Thoreau angehalten seine Steuern zu bezahlen. Er hatte sechs Jahre keine Kopfsteuer bezahlt. Er weigerte sich und wurde eine Nacht ins Gefängnis gesteckt. In dieser Nacht konzipierte er erste Gedanken zum Text, der späterhin Größen wie Mahatma Gandhi und Martin Luther King beeinflussen sollte. Zu seinem Unbehagen hatte jemand die Steuerschuld beglichen, so dass er am nächsten Tag wieder auf freiem Fuß war. Doch diese Nacht reichte nicht, um den freiheitsliebenden Thoreau von der Notwendigkeit oder Richtigkeit dieser Strafe zu überzeugen, ganz im Gegenteil.

„Da sie mich nicht fassen konnten, beschlossen sie meinen Körper zu bestrafen; wie kleine Jungen, die, weil sie eine Wut auf jemanden haben, aber nicht an ihn herankönnen, dessen Hund misshandeln. (…)
Ich bin nicht für den Zwang geboren. Ich werde nach meiner Art atmen.“ (S.48f)

Was beim Lesen des Textes auffällt, ist die individualistische Einstellung. Thoreaus Menschenbild ist geprägt von der Vernunft, die jedem einzelnen Menschen inne wohnt. Jeder kann entscheiden, was gut und was schlecht ist. Wenn jemand einen andern ungerecht behandelt, so ist es an dem ungerecht Behandelten aufzustehen und sich seinem Peiniger zu verweigern.

Thoreau wird mit dem Verweis verkauft, dass seine Bücher ein Alternativprogramm zu Marx und Engels bieten würden (das „Manifest der kommunistischen Partei“ erschien 1848). Dies ist vielleicht übertrieben, auch wenn er in seinem wohl bekanntesten Werk „Walden“ von 1854 im Detail erklärt, wie er zwei Jahre in einer selbstgebauten Hütte verbrachte, so liest sich das Buch eher wie ein Tatsachenbericht, wie ein Tagebuch (was es eigentlich auch ist), aber nicht wie eine Bedienungsanleitung. Thoreau predigt kein „zurück zur Natur“, er preist die Vernunft. Selbst wenn seine Äußerungen oberflächlich wie eine Forderung zur Askese wirken, so findet sich nirgendwo irgendeine Predigt darüber, wie der Mensch leben sollte. Nirgendwo schreibt er dem Einzelnen vor auf diese oder andere Weise zu leben, seine Forderung ist ganz auf das Individuum gerichtet.

„Ich möchte um keinen Preis, daß irgend jemand meine Lebensweise befolge; (…) ich wünsche auch, daß es soviel verschiedene Menschen als möglich in der Welt geben würde; ich möchte nur, daß jeder recht sorgfältig trachtete, seinen eigenen Weg zu finden und nicht statt dessen den seines Vaters, seiner Mutter oder seines Nachbarn.“ (Walden)

Jeder soll auf seine Art glücklich werden. Jeder hat die Möglichkeit sein Glück zu verfolgen. Da der Mensch laut Thoreau nicht viel braucht, ist eine Grundregel nicht zuviel anzuhäufen. Ein Reicher solle sich nur die Wünsche erfüllen, die er als armer Mensch gehabt habe. Thoreaus Askese ist damit nur eine missverstandene Warnung vor der Völlerei, er hat nichts gegen Reichtum, solange dieser rechtens erworben wurde. Doch dort, wo der Staat zu viele Gesetze macht, kann man eigentlich nur reich werden, wenn man sich dem Staat unterwirft. Dies ist der Punkt, wo Thoreau den Reichen misstraut, sind sie nicht willige Handlanger einer ungerechten Regierung? Wo stünden sie, wenn sie nicht das Spiel der Regierenden mitgespielt hätten und stattdessen bei jeder sich ihnen bietenden Ungerechtigkeit Rückgrad gezeigt hätten? Wären sie dann auch reich geworden?

Die eigentliche Aufgabe der Regierung ist, für den Regierten das Leben zu erleichtern, sich um Dinge zu kümmern, die der Einzelne zu schnell vergisst, oder sich nicht kümmern will. Zum Beispiel, um die Wege in Ordnung zu halten (die Straßensteuer bezahlte Thoreau gerne).

„Denn die Regierung ist ein Instrument, mit dessen Hilfe sich die Menschen endlich gegenseitig in Ruhe lassen könnten; und sie ist, wie gesagt, umso nützlicher, je mehr die Regierten von ihr in Ruhe gelassen werden. Wenn sie nicht aus Gummi wären, könnten Handel und Wirtschaft niemals die Hindernisse überspringen, welche die Gesetzgeber ihnen unaufhörlich in den Weg legen. Wenn man diese Leute nur nach den Auswirkungen ihres Handelns und nicht teilweise auch nach ihren Absichten beurteilte, dann verdienten sie, zusammen mit jenem Gesindel eingesperrt zu werden, das Hindernisse auf Eisenbahnschienen legt.“ (S.11)

Doch anstatt ihre Aufgaben wahr zu nehmen, legt sie Steine in den Weg der Wirtschaft und des einzelnen Menschen. Auch wenn sie es nur gut meint, am Ende sind die Resultate alles andere als gut. Der einzelne Mensch weiß am besten, was gut für ihn ist, in dieser liberalen Forderung liegt schon fast so was wie ein Vorgedanke des rationalen Egoismus.

„Nur, von sich aus hat diese Regierung noch nie irgendeine Unternehmung gefördert, höchstens durch die Behendigkeit, mit der sie ihr aus dem Weg gegangen ist. Sie bewahrt nicht die Freiheit des Landes. Sie besiedelt den Westen nicht. Sie erzieht nicht.“ (S.11)

Es sind die Menschen, welche den Laden am laufen halten, es sind die einzelnen Individuen, die ihr Gewissen und ihre Ideale hoch halten, die Regierung steht nur da und tut so als ob es ihr Verdienst wäre.
Und wer das rationale Individuum als Basis aller Tugend ansieht, steht natürlich mit jeder Form des Kollektivismus auf Kriegsfuß. So ist es nicht verwunderlich, dass Thoreau auch in der Demokratie nicht die endgültige Gesellschaftsform sieht.

„Der einzige Grund, warum die Mehrheit regieren und für längere Zeit an der Regierung bleiben darf, wenn das Volk die Macht hat, ist schließlich nicht, daß die Mehrheit das Recht auf ihrer Seite hat, auch nicht, daß es der Minderheit gegenüber fair ist. sondern einfach, daß sie physisch am stärksten ist. Aber eine Regierung, in der die Mehrheit in jedem Fall den Ausschlag gibt, kann nicht auf Gerechtigkeit gegründet sein, nicht einmal soweit Menschen die Gerechtigkeit verstehen.“ (S.12f)
„Die rechtmäßige Regierungsgewalt (…) ist immer unvollkommen: Um nämlich unbedingt gerecht zu sein, muss sie Vollmacht und Zustimmung der Regierenden haben. Sie kann kein umfassendes Recht über mich und mein Eigentum haben, sondern nur soweit wie ich zustimme. (…)
Der Fortschritt von einer absoluten zu einer eingeschränkten Monarchie, von deiner eingeschränkten Monarchie zur Demokratie ist ein Fortschritt in Richtung auf wahre Achtung vor dem Individuum. Sogar der chinesische Philosoph war weise genug, das Individuum als die Grundlage des Reiches anzusehen.“ (S.69f)
„Es gibt Tausende, die im Prinzip gegen Krieg und Sklaverei sind und die doch praktisch nichts unternehmen, um sie zu beseitigen. (…)
Höchstens geben sie ihre Stimme zur Wahl, das kostet nicht viel, und der Gerechtigkeit geben sie ein schwaches Kopfnicken und die besten Wünsche mit auf den Weg, während sie an ihnen vorübergeht. (…)“ (S.22)

Ziviler Ungehorsam ist nicht das Umwerfen von Müllcontainern, es ist nicht das Werfen von Steinen oder Bemalen von Wänden. Ziviler Ungehorsam ist Weigerung. Der Staat unterstützt mit Steuergeldern einen ungerechten Krieg? Verweigere die Steuern. Der Staat will Geld von dir, um einen Pfarrer zu unterhalten? Da du nicht den Pfarrer hörst, warum also zahlen? Thoreau weiter:

„Auch für das Rechte stimmen heißt nichts dafür tun. (…)
Nur, wer seine Stimme als Ausdruck seiner eigenen Freiheit begreift, kann mit dieser Stimme die Befreiung der Sklaven beschleunigen.“ (S.23)

Es nützt nichts, darauf zu warten, bis endlich eine Mehrheit für das Richtige wählt, in Thoreaus Beispiel die Abschaffung der Sklaverei. Ein Mensch mit Rückgrad verweigert sich, indem er dieser Regierung die Gefolgschaft verweigert und sich nicht an den Vorteilen, die aus einem Unrecht entstehen, labt.
Was kann man tun, um die Welt besser zu machen? Indem man selbst nicht zu den schlechten Menschen gehört!

„Der Mensch ist nicht unbedingt verpflichtet, sich der Austilgung des Unrechts zu widmen, und sei es noch so monströs. Er kann sich auch anderen Angelegenheiten mit Anstand widmen, aber zum mindesten ist es seine Pflicht, sich nicht mit dem Unrecht einzulassen, und wenn er schon keinen Gedanken daran wenden will, es doch wenigstens nicht praktisch zu unterstützen. Wenn ich mich mit andern Gegenständen und Betrachtungen befassen will, dann muß ich mindestens darauf achten, daß ich dabei keinem anderen auf dem Rücken sitze.“ (S.27)
„Ein Mensch soll nicht alles tun, sondern etwas; und weil er nicht alles tun kann, soll er nicht ausgerechnet etwas Unrechtes tun.“ (S.34)

Kurz: Tu, was du für rechtens und gut hältst, doch trage es nicht auf dem Rücken dritter aus. Der Mensch hat Vernunft, er kann in seinem Radius entscheiden, was gut und schlecht ist. Und selbst wenn er sich in einem Punkt irren sollte, so hat er immer noch die Möglichkeit seine Entscheidungen zu revidieren. Die Frage nach der Tugend und dem Recht fängt bei Thoreau beim einzelnen Menschen an. Viele tugendhafte Menschen bilden eine tugendhafte Gruppe, von oben herab kann man niemanden zur Tugend zwingen, das muss aus dem Einzelnen selbst kommen.

Als er sich einmal weigerte die Bezahlung für einen Pfarrer zu leisten, den er niemals gehört hatte, schickte die folgende Erklärung an den Stadtrat:

„Hiermit gebe ich, Henry Thoreau, bekannt, daß ich nicht als Mitglied irgendeiner Vereinigung angesehen werden will, in die ich nicht eingetreten bin.“ (S.46)

Danach ließ man ihn in Ruhe. Vielleicht sollte jeder eine solche Erklärung unterzeichnen. Niemals trat ich in eine Kirche ein und dennoch leben sie auch von mir. Niemals wählte ich die CSV, dennoch nennen sie sich meine Regierungspartei.

„Ich mache mir das Vergnügen, mir einen Staat vorzustellen, der es sich leisten kann, zu allen Menschen gerecht zu sein, und der das Individuum achtungsvoll als Nachbarn behandelt; einen Staat, der es nicht für unvereinbar mit seiner Stellung hielte, wenn einige ihm fernblieben, sich nicht mit ihm einließen und nicht von ihm einbezogen würden, solange sie nur alle nachbarlichen, mitmenschlichen Pflichten erfüllten.“ (S.69)

Das Staatsideal von Thoreau besagt nicht, dass dort eine Regierung sitzt, welche für den Menschen dies und das und etwas tun muss, keine Privilegien, keine Beachteiligungen. Ganz im Gegenteil, die Aufgabe einer Regierung ist nur zu regieren, wenn es unbedingt sein muss. Nur ist das so gut wie nie der Fall.
Wie bereits erwähnt wird Thoreau ein alternativer Gesellschaftsentwurf zum Kommunismus nachgesagt, der sich aber den Problemen der Zeit von der anderen Seite her nähert. Thoreau kann man tatsächlich als Alternativstimme verstehen. Im Gegensatz zu Marx/Engels ist aber bei Thoreau die kleineste und gleichzeitig größte Einheit der Mensch selbst. Nur das Individuum und seine Vernunft kann für sich entscheiden, wie er leben möchte, je vernünftiger, desto besser. Ein ungerechter Zwang von seitens einer Gruppe wäre wieder ein Beispiel dafür, dass derjenige, welcher auch nur ein bisschen Anstoß an etwas nimmt, austeigen soll und die Gefolgschaft verweigert.

Thoreau ist wohl einer der freiheitliebensten Denker überhaupt. Sein Plädoyer für die Kraft der Vernunft des Einzelnen ist einer der ganz großen philosophischen Texte. Er richtet sich an freie Menschen, die ihre Freiheit nicht verlieren wollen. Er richtet sich gegen einen ungerechten Staat. Und jeder Staat wird ungerecht, wenn er sich gegen die Überzeugungen eines einzelnen tugendhaften Menschen richtet. Es ist ebenso eine Schrift, die das Individuum warnt sich nicht in ein Kollektiv einsperren zu lassen. Denn dort wird es notwendigerweise untergehen, ein freies Atmen wird unmöglich.
Auch wenn aus heutiger Sicht Vieles nur noch historischen Wert hat: So ist das Steuerverfahren derartig anonymisiert, man weiß nicht, wofür der konkrete Steuer-Euro ausgegeben wird. Durch das staatliche Schulmonopol kann man seine Kinder nicht gemäß der eigenen Vorstellungen der Welt unterrichten, es ist fast nicht mehr möglich durch Ungehorsam gegen die Bürokratie anzukommen, Aussteigen wurde beinahe unmöglich. Beinahe.
Dennoch kann man aus den Texten Thoreaus viel Gehaltvolles ziehen. Und sei es nur, dass der Einzelne doch die Macht hat die Welt zu ändern – nicht reden, sondern handeln – denn

„Was einmal wohlgetan ist, ist für immer getan.“

Henry Davis Thoreau

Zum Bestellen:
Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat
Walden

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Mai 8, 2009 - Posted by | Bücher, Klassischer Liberalismus, Minarchismus, Offene Gesellschaft, Pluralismus | ,

2 Kommentare »

  1. Mit der Sicherheit verschwindet die Freiheit des Menschens,
    weil durch die Sicherheit die Freiheit weg ist!

    Gruß
    MarTina ScmIdt4

    Kommentar von MarTina SchmIdt | September 9, 2011


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