L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

ProChoice, ProLife & der Staat

Abtreibung ist eines jener Themen, die als heißes Eisen gelten und doch bei Anhängern und Gegnern im Grunde klar definiert sind. Diskussionen zwischen den beiden Positionen sind unmöglich, ohne dass es in polemisches Geschimpfe ausartet. Die eine Seite betrachtet das befruchtete Ei als Zellhaufen, die Gegenseite bereits als Leben.

Zunächst ein paar Zahlen:
Das Tageblatt spricht von mindestens 1500 Abtreibungen (150 im Inland, alleine im liberalen Holland 1334 für 2001). Es werden für 2007 rund 5686 Geburten verzeichnet (bei 11,222 Geburten à 1000 Bewohner, bei 480.000 Einwohnern). Das macht (selbst wenn de Zahlen von 2001 und 2007 nicht übereinander stimmen werden, so sollen sie an dieser Stelle als ungenaue Richtlinie dienen) eine Abtreibungsrate von über 33%. Für ein kleines Land wie Luxemburg klingen diese Zahlen nicht beeindruckend. Hochgerechnet für Deutschland wären dies über 200.000 Abtreibungen im Jahr 2007. Die offizielle Zahl liegt bei 116.871 (die Dunkelziffer wird auf etwa doppelt soviel geschätzt) von insgesamt 684.862 Lebendgeburten (interessant an dieser Stelle: Die Sterberate für 2007 liegt bei 827.155 Gestorbenen, was fast von der Zahl der Gesamtschwangerschaften erreicht wird).

Doch, was sagen diese Zahlen aus? Im Grunde gar nichts. Stimmt, eine Abtreibung ist etwas anderes als eine nachträgliche Verhütung. Stimmt, die Zahlen sind recht hoch und nicht durch notwendige Eingriffe zu erklären. Dennoch dürften sie einer kompletten Liberalisierung des Abtreibungsgesetzes nicht im Wege stehen. Und Liberalisierung heißt nicht, dass ein neues Gesetz das Alte ablösen soll, sondern im Gegenteil, das alte Gesetz soll kurzerhand abgeschafft werden. Vielleicht sollte man über eine Frist diskutieren, schließlich kann auch der Liberalste nicht wollen, dass im neunten Monat oder gar postnatale Abtreibung als menschlich vertretbar angesehen wird.

Philosophisch mag das Argument des selbstablaufenden Lebens, des Potentials des Möglichen gelten. Das ist vielleicht das einzige Argument, das überhaupt gilt, wer mit „Gott“ oder mit „Würde des Lebens“ kommt, bezieht sich bereits auf Glaubensmythen. Aber das soll jede und jeder (auch wenn man als Vater kein Entscheidungsrecht hat, gehört werden sollte man) für sich selbst entscheiden.

Qui bono? Zunächst einmal ist ein restriktives Abtreibungsgesetz nützlich für die Krankenkassen. Dort, wo es ein gesetzliches Recht auf Abtreibung gibt, wären auch die Krankenkassen genötigt die Prozedur zu bezahlen. Nur, so der liberale Einwand, warum sollte die Allgemeinheit für die Dummheit Einzelner bezahlen? Dort wo es medizinisch oder psychologisch notwendig ist, mag eine Krankenkasse einspringen. Aber wer im Eifer des Gefechts vergisst zu verhüten, insbesonders, wenn Verhütungsmittel so einfach zu bekommen sind wie hierzulande, sollte nicht darauf vertrauen, dass eine Krankenkasse die vollen Kosten übernimmt. Ein Lösungsansatz wären private Krankenversicherungen, die solche Dienste anbieten. Dies gilt ebenso für den freien Zugang zu Drogen, wer glaubt sich kaputt machen zu wollen, sollte das tun dürfen, aber beim Misslingen des Experiments nicht auf Hilfe der Allgemeinheit hoffen.
Apropos Allgemeinheit: der Staat und sein Generationsvertrag. Der Generationsvertrag ist am kränkeln, wenige Einzahler und viele Empfänger. Dass sich in diesem Bereich etwas ändern sollte, ist jedem klar. Dass aber dieses sterbende System durch solche unsinnigen Gesetze wie ein Abtreibungsverbot am Leben gehalten werden soll ist sträflichst dumm. Es zögert nur den Generationenkollaps hinaus anstatt hier und jetzt neue Wege zu bestreiten.

Wer gesellschaftliche Gründe anführt handelt kollektivistisch und setzt das Wohl der Allgemeinheit (oder das, was er dafür hält) über das Wohl des Einzelnen. Wer metaphysische Gründe anführt, setzt seinen Glauben über den anderer Menschen. Beide Grundlagen sind in einer offenen Gesellschaft nicht vertretbar. Sämtliche Argumente für ein Abtreibungsverbot (oder restriktive Gesetzgebung) sind in diesem Licht zu verstehen, nämlich dass jemand seine Prioritäten (egal ob „Allgemeinheit“ oder „Gott“) über die Prioritäten des Einzelnen setzt.

Wenn wir uns überhaupt die Entwicklung der Familie anschauen, die staatlichen Bestrebungen Kinder aus den Familien heraus zu nehmen und Kinderkrippenplätze schönzureden, den Frauen (und Männern übrigens auch) die Möglichkeit für eine Heimkarriere als Mutter oder Vater zu nehmen und stattdessen alles daran setzen, dass jeder arbeiten geht (was nicht nur bei den Betroffenen zu verminderter Lebensqualität, sondern im gesamtökonomischen Kontext zu sinkenden Löhnen, steigenden Steuern, und immer unmenschlicheren Bedingungen führt – das ist aber ein wiederum ein anderes Thema), dann sehen wir, dass ein Abtreibungsgesetz nur ein weiterer Teil eines ideologischen Gesamtpakets ist, das es dem Staat ermöglicht noch mehr in die Leben der einzelnen Individuen einzugreifen. In Zeiten, wo die Religion ihre Macht verloren hat, soll diese nicht unter anderem Namen neu aufgelegt werden.

Es bleibt die Gewissheit, dass es den Staat nicht angeht, wie der Einzelne sein Leben führt. Auch wie die Familienplanung aussieht, geht den Staat nichts an. Seit dieser aber angefangen hat, Familien durch zig Zuschüsse zu fördern (und dadurch insgesamt mehr Leid als Freud verursacht hat, weil die Wirkungen in anderen Bereichen zu spüren waren, z.B. indirekte Lohnkürzungen durch Steuererhöhungen), scheinen auch einige Staatsgläubige zu denken, dass sie Mitspracherecht haben. Vielleicht wäre es an der Zeit, dass der Staat Leihmütter einstellt um sich selbst zu erhalten? So kann er seine Armeen, seine Wähler und seine Einzahler selbst erzeugen und ausbilden? „Brave New Word“ sozialistisch untermauert? Nein, bleiben wir solcher Polemik fern. Zunächst.

Es nützt überhaupt nicht, wenn Gegner und Befürworter, ProLife und ProChoice, sich gegenseitig ihre schwachen Argumente an die Köpfe werfen. Schlussendlich liegt es nämlich am Einzelnen sich mit der Frage zu befassen. Und wenn eine Entscheidung gefallen ist, sollte diese auch umsetzbar sein. Angebote, welche das Für und Wider besprechen sollen nicht eingeschränkt werden. Ideologie, egal ob von religiöser oder sonstiger Seite, soll aus der Diskussion raus gehalten werden. Mit vorgefertigter Meinung dringt man nicht zum Kern vor, sondern dreht sich im Strudel der eigenen Ideologien. Und das gilt nicht nur für die ProLife-Seite.

Es bleibt jedem Einzelnen überlassen, wie er zur Abtreibung steht. Doch aus dem Recht des Selbstbesitzes des Einzelnen geht hervor, dass auch das Recht zur Abtreibung gegeben ist. Jedes Verbot verstößt gegen den Anspruch eines Menschen auf sich selbst. Eine nicht für sich lebensfähige Zellanhäufung ist noch kein Mensch. Streng genommen ist eine Fliege mehr Leben als ein kürzlich befruchtetes Ei. Und doch klagen jene, die das Leben allgemein als göttlich verteidigen nicht beim Anblick einer Fliegenklatsche.
Ja, aus dem Zellhaufen kann und wird wahrscheinlich auch ein Mensch werden. Diese Frage aber soll jeder Erzeuger solcher Zellhaufen sich selbst stellen. Kann ich wollen, jemandem (der zu diesem Zeitpunkt noch kein „jemand“ ist) die Menschwerdung zu verweigern? Ja, die Frage ist schwer. Und vielleicht bedarf es etwas mehr an Aufklärung und philosophischer Denkweise um eine angemessene Lösung für sich selbst zu finden. Aber kein Grund dafür, dass staatliche Regulierung uns die Antwort abnimmt.

März 19, 2009 - Posted by | Libertarismus, Offene Gesellschaft | , ,

2 Kommentare »

  1. Respekt, ganz gudden Beidrag, Standing Ovations !!!

    Kommentar von CK | März 20, 2009

  2. Postnatale Abtreibung??? Zellhaufen???

    WTF?!

    Kommentar von Flash | März 20, 2009


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